01.11.2018 – 12 Grad – Tag 114

Der Traffic der letzten Tage haut mich um, ich klebe wieder den ganzen Morgen am Blog. Leider jedoch heute nicht zu lange, da ich um 10:00 Uhr los muss.

Ich kaufe also wieder ein und habe heute auch nur zwei Aufträge. Natürlich die BlueManGroup und dann muss ich noch mal hinaus in unendliche Weiten, nach Berlin-Hellersdorf. Dorthin, wo es wohl eine Adresse gibt, aber auf Google Streetview noch keine Häuser stehen. Berlin ist so verschieden, wenn ich in Sachsen erzähle, dass ich in Berlin wohne, fragen alle immer wo und reagieren mit Entsetzen, wenn ich Berlin-Kreuzberg sage. Ich habe immer das Gefühl, dass deren Bekannte, wenn diese denn überhaupt nach Berlin ziehen, nach Berlin-Hellersdorf ziehen. Und Hellersdorf ist gefühlt so weit weg vom Zentrum, es ist jedesmal eine Weltreise. 

Ich liefere das Essen für eine Physiotherapiepraxis, alle sind sehr nett und helfen mir sofort. Aber ich bin froh, als ich das Auto wieder Richtung Zentrum lenke, zurück zu Steffen. 

Zuhause angekommen, übergebe ich Steffen die Autoschlüssel. Seit Mai hat er die Tickets für das Aphex Twin Konzert. Eigentlich sollte heute seine 5. Chemotherapie starten, aber da er nicht wollte, dass er mit der Chemotherapie-Pumpe im Konzertgraben steht, hat er den Termin der Chemotherapie auf morgen verlegen lassen. In unserer überbordenden Fantasie hatten wir uns schon ausgemalt, dass er in der konzertbedingten Extase sich die Flasche vom Leib reißt und nach vorne auf die Konzertbühne schleudert. Währenddessen werden alle Konzertbesucher von der sich aus der Flasche zentrifugierenden Flüssigkeit verätzt. Was für ein Theater! Also ist es wohl vernünftiger so geregelt.

Gegen 18:00 Uhr verlässt Steffen die Wohnung, ich kann es kaum erwarten. Als sich die Tür hinter ihm schließt, mache ich mir sofort ein feines Essen, springe in die Wanne und schlüpfe ins Bett. Juchu, Netflix. Ein Traum. Wie langweilig, mögt Ihr denken. Aber diese Realitätsflucht macht mich zur Zeit sehr glücklich. Und es ist wohl besser, zu netflixen, als Alkohol zu trinken.

Gegen 20:00 Uhr schaue ich auf mein Handy. Steffen ist schon wieder zuhause! Was ist denn passiert? Zumal Aphex Twin zu 23:30 Uhr angesetzt war. Ja natürlich ist das wahnsinnig, so lange zu warten mit all den Menschen, Viren und Bakterien. Aber wenn man so ein Fan ist, tut man das. Aber dennoch, um 20:00 Uhr ist er wieder zuhause:

Als er vor Ort ist, sieht er die riesige Location. Alles sollte im Funkhaus in der Nalepastraße stattfinden. Die Location fasst 2000 Menschen, aber am Ende waren es wohl 3000. Die Vernunft pickert sich in Steffens Hirn, und er beschließt, sein Ticket doch noch an jemand anderes zu verkaufen. Glücklicherweise tut er das über den Konzertanbieter und prompt ist sein Ticket auch schon verkauft. Der Andrang ist groß. Braver Junge.

Zuhause bei sich geht er auch gleich brav ins Bett. Das ist auch das, was Patienten tun sollten. Morgen geht es wieder in die Charité zur 5. Chemotherapie.