01. März 2019

Heute ist es exakt eine Woche her, dass Steffen gestorben ist.

An dem Tag nach seinem Tod bin ich wie immer am morgen in die Metro zum Einkaufen gefahren. Mein Blick klebt ständig auf der Uhrzeit. Gestern um die Zeit hat Steffen noch unter uns geweilt. Ich vermeide das Gespräch mit der lieben Kassiererin. Jede Nachfrage würde meine Fassade zum Einstürzen bringen.

Ich fahre mit den Einkäufen in die Küche, räume alles in die Kühlschränke ein und beginne mein Tagwerk.

Und dann plötzlich bricht es über mir zusammen. Die Sinnlosigkeit des Ganzen.

Das Catering war unsere Idee, unser Baby. Wir haben all unsere Lebensenergie der letzten 11,5 Jahr in das Catering gesteckt. Geschwitzt, gebangt und gelitten. Und in der letzten Phase, dem letzten halben Jahr, in der Zeit der Chemotherapie, habe ich es allein aufrecht erhalten.

Wir waren uns sicher, Steffen würde zurückkehren. Dafür brauchte er einen Ort, wo er arbeiten kann, wo er gebraucht wird.

Doch das hat nicht sollen sein, Steffen ist tot. Der Sinn ist weg. Das Catering war unser Ein und Alles. Doch nun gibt es kein UNS mehr.

Ich breche zusammen und heule wie ein Schlosshund und realisiere, dass ich in meinem Zustand die Bestellungen von heute nicht ausliefern kann.

In meiner Not bitte ich in einer meiner WhatsApp-Gruppen mit Freunden um Hilfe. Sofort meldet sich T., er wäre in einer Stunde da und könne mir helfen.

Innerlich schließe ich schon an diesem Tag mit dem Catering ab. Die Betriebskosten, der Stress, die Buckelei, all das ist allein nicht mehr zu schaffen.

T. lädt mich für den Abend zu seiner Familie ein, damit ich nicht allein zuhause bin. Eine liebe Freundin kommt auch noch dazu. So verbringen wir einen schönen Samstagabend. Ganz im Sinne von Steffen. Und wir reden auch nur von Steffen.

Am Folgetag wieder zuhause angekommen, rekapituliere ich die letzten zwei Wochen mit Steffen. So dass ich immer den genauen Ablauf weiß und was ich wann gedacht und was wir beschlossen haben. Während ich das alles so im Bett aufschreibe, bekomme ich dafür die Bestätigung von ganz oben:

Sundown in Kreuzberg
Wolken in der Form von Steffens Kopf

Nennt mich verrückt, aber für mich sieht diese Wolkenformation wie Steffens Kopf aus. In der Draufsicht. Von links oben. Ich denke mir so bei mir, er findet es gut, was ich gerade mache.

Abends koche ich mir ein Essen und bekomme nichts herunter. Ich habe keinen Appetit. Ich kann gerade überhaupt nicht für mich kochen.

Das Kochen zuhause habe ich stets mit dem Kochen für Steffen verbunden. Es sollte ihm helfen, ihm Energie bringen. Und doch konnte ich ihm am Ende nicht helfen. Ich bin zutiefst enttäuscht von mir. Dieser Kampf um Steffen erscheint jetzt so sinnlos. Wir haben ihn verloren.

Ich gehe ins Bett und beschließe, am Folgetag nach Hause zu meinem Papa zu fahren. Er hat Erfahrung mit meinem Zustand. Meine Mama ist vor 8 Jahren gestorben. Er kennt die Leere, die jetzt folgt.

Bei meinem Papa zuhause angekommen, fahren wir sofort zum Bestattungsinstitut, das ist mein Wunsch. Ich möchte Steffen gut aufgehoben wissen.Währenddessen läuft unsere gemeinsame Hochzeits-Playlist, welche ich immer weiter komplettiert habe, im Auto hoch und runter. Ein weiterer fulminanter Sonnenuntergang begleitet meinen Papa und mich auf unserer Heimfahrt vom Bestatter.

In den folgenden Tagen geben sich Teile der Familie die Tür in die Hand. Die Mama kommt mit dem Papa. Der Bruder kommt mit der Schwägerin. Und mein Bruder kommt auch noch.

Alle Freunde erkunden sich nach mir, manche täglich.

Freunde starten eine unglaubliche Spendenaktion die mich komplett sprachlos zurück lässt und mir den nötigen Anstoß gibt, nach vorne zu sehen.

Die Ungewissheit in der Selbstständigkeit, wie es weiter geht, ist unvorstellbar. Wie zahle ich die Betriebskosten der Küche, wie meine Miete und wie die Krankenversicherung. Gerade sind dies für mich unvorstellbare Fragen, die mich nur mein derzeitiger Schockzustand ausblenden lässt.

Und heute, am 1. März rufe ich dann die Onkologie der Charité an. Die Ergebnisse der Pathologie müssten ja nun da sein. Ich habe vor diesem Anruf ziemlichen Bammel gehabt. War gar meine Nahrungsumstellung ein Grund für Steffens Nierenversagen? Hätte ich an irgendeiner Stelle etwas anders machen können?

Ein Arzt gibt mir kurz telefonisch Auskunft, mehr Details erfahre ich dann wohl nächste Woche in einem persönlichen Termin.

Aber dies ist schon bekannt:

Steffens Todesursache ist akutes Leberversagen. Nach der Obduktion hat man festgestellt, dass 90 % der Leber aus Metastasten bestanden hat. Der Krebs ist mit Schmackes zurückgekommen. Steffen hat einfach keine Chance gehabt.

Selbst, wenn man sofort eine Chemotherapie gestartet hätte, hätten die entgiftenden Organe versagt. Nur Steffens Leiden wäre länger gewesen.

Somit ist dieser elende Krebs wie ein Boomerang mit Raketenantrieb zurückgekehrt. Vor vier Wochen war Steffen noch seine Blutwerte in der Charité checken, da war noch nichts zu erkennen. Innerhalb von zwei Wochen, mit der zusehenden Verschlechterung von Steffens Zustand, muss das also passiert sein.

Und wir haben alle gedacht, es wäre eine Verstopfung.

Ich frage den Arzt noch, ob ich irgendetwas hätte tun können. Er verneint. Er meint, alle Pfleger und Ärzte waren ebenfalls perplex, da Steffen ja am Vorabend noch komplett ansprechbar war.

Was für ein tapferer und mutiger Hase.

Werbeanzeigen