02. Mai 2019

Mein neues Leben hat jetzt offiziell am 01. Mai begonnen.

Das sagen mir ständig so viele: Dein neues Leben fängt jetzt an, dein zweites Leben fängt jetzt an.

Aber ich hätte echt darauf verzichten können, dieses neue zweites Leben. Ganz so ohne Steffen, das könnt Ihr mir echt glauben.

Aber wie sieht es denn nun aus, das neue Leben?

Einige Tage nach Steffens Tod hat sich die Chefin von unserem Hochzeitschloss bei mir gemeldet. Sie hatte ja auch gleich von Steffens Tod erfahren, da wir ja befreundet sind.

Sie hatte folgendes Angebot für mich:

Sie stellt mich ab Mai auf dem Schloss an, damit ich erst einmal wieder gesetzlich versichert bin und so kann ich mir in Ruhe Gedanken über irgendeine Zukunft machen. Und vielleicht gefällt es mir ja dort und ich bleibe länger.

Das ist natürlich ein unglaubliches Angebot, da ich gerade überhaupt nicht in der Lage bin, irgendetwas zu planen, da mir meine Zukunft sowas von scheißegal ist. Jemand nimmt mir diese Sorge ab und fängt mich auf.

Nach dem Anruf war mein erster Gedanke: Nein! Ich will nie wieder kochen, ich will nie wieder arbeiten, ich will gar nichts. Ich sage ab.

Meine Freunde haben mir jedoch sofort zugesprochen: mach das unbedingt! Das Angebot ist mehr wert, als es jede Spende sein kann, es ist aktive Überlebenshilfe!!!!

Nun, also war mein erster Arbeitstag fast da. Aber noch nicht am 1. Mai, da dies ja ein Feiertag ist.

Ich hatte den ganzen Tag noch frei und habe mir im Bett Serien angeschaut, genauer gesagt: „Game of Thrones“. Ich konnte mich nicht mehr zurückhalten, ich musste es tun. Die einen sagen jetzt sicher „yeah!“ die anderen rollen mit den Augen. Aber „Game of Thrones“ war unsere Serie: An irgendeinem Wochenende haben wir dann nach Feierabend am Samstag das ganze Wochenende die komplette Staffel durchgeschaut. Der Kühlschrank war voller Essen und der Fleischmagnet (Sofa) hat uns nur für den Gang aufs Klo oder zum Essen holen los gelassen.

Ich habe mal gelesen, dass so ein Serienmarathon eine beziehungsbildende Tätigkeit ist, so wie ein gemeinsames Erlebnis, eine Tätigkeit oder eine Reise. So war es auch bei uns.

Am Ende jeder Staffel, also so nach 13 Stunden fesselnder Spannung, waren wir komplett mitgenommen, der Cliffhanger pockerte wie wild im Hinterkopf und wir zwei guckten uns seltsam leer an und dachten so: „Alter! Wie geht die Story jetzt weiter? Wir müssen wissen wie es weiter geht!“

Entsprechend haben wir uns so auf die letzte Staffel gefreut. Als Steffen im Dezember die erlösende Nachricht bekam, dass der Krebs weg ist, war einer der ersten Sätze: „Da können wir ja gemeinsam GOT sehen!!“. Ja ich weiß, ganz schön irre.

Als dann jedoch Steffen plötzlich starb und die Beerdigung auf den 12. April festgelegt wurde, war ja klar, dass das VÖ-Datum der letzten Staffel auf den 14. April fiel. Das passte. Aber da ja Steffen zu dem Zeitpunkt schon längst auf der anderen Seite war, konnte er sich die ganze Staffel schon vorab, wo auch immer er ist, ansehen. Weil er es kann. Ich musste bis jetzt warten.

Aber nun liege ich an diesem sonnigen freien Tag im Bett und schau mir die bisher ausgestrahlten drei Folgen an und heule Rotz und Wasser. Dass ich das alleine anschauen muss, ohne Steffen, jetzt wo alle Fäden des Plots zusammen geführt werden, ist hart.

Na super! Die Türen zur Trauerhölle wurden in diesem Moment eröffnet:

Im ganzen weiteren Tagesverlauf leide ich und heule wie ein Schlosshund, denn am ersten Mai sind Steffen und ich immer vor die Tür gegangen, haben uns und Kreuzberg gefeiert. Sind mit dem Fahrrad herum gefahren, haben uns ein Bier im Späti geholt und uns irgendwo auf eine Decke gesetzt, gequatscht und gelacht. Herrlich war das.

Immer wieder kommen andere Erinnerungen. Jedes Jahr um den 8. Mai herum sind wir in das Riesengebirge gefahren. Wir haben eine Hütte gemietet und meinen Geburtstag da gefeiert. So wie es da ist, so schön, so haben wir uns immer unseren Alterssitz vorgestellt. Seit 2004 sind wir jedes Jahr dorthin gefahren. Dieses Jahr bin ich nicht dort, aber dafür meine Facebookerinnerungen.

Das wird der schlimmste Geburtstag meines Lebens.

Ich heule also einfach den ganzen Tag, es muss ja auch mal irgendwann aufhören. Als ich dann versuche einzuschlafen, da ich ja am nächsten Morgen um 5:00 Uhr aufstehen muss, ist mein letzter Wunsch:

„lass mein scheiß Herz endlich brechen, damit ich wieder bei Steffen sein kann. Ich halte das nicht mehr aus!“

und an Steffen gerichtet:

„wenn Du mich bei Dir haben willst, hole mich bitte heute Nacht ab“

Aber er will mich auch in dieser Nacht nicht haben.

Also klingelt mein Wecker, ich stehe auf und fahre zum Schloss. Alle sind total lieb zu mir, ich habe scheinbar Welpenschutz, weil ich eh kurz vor irre bin. Das macht natürlich Sinn. Nach dem Mittag fahre ich auch schon wieder zurück nach Berlin, da wir alles für die beiden Folgetage besprochen haben.

Der Heimweg ist schlimm. Ich habe Steffens Playlist laufen und heule Rotz und Wasser. Mal wieder. Kein Steffen sitzt an meiner Seite. Zuhause angekommen liegt da kein Steffen auf dem Sofa. Niemand hat Essen gemacht. Die Wohnung ist leer. Mein Herz krampft. Ich telefoniere mit meiner Freundin, das hilft etwas.

Wieder die selbe Einschlafprozedur. Ich wache auch wieder am nächsten Tag auf. Natürlich.

Ich fahre am Morgen als erstes in die Metro, da wir Rinderknochen für die Rinderbrühe benötigen. Sowas Exotisches gibt es nämlich in der Prenzlauer Metro nicht. Ich war kurz fassungslos. Der Fleischer dort auch. Verrückter Wunsch. Aber gut, ich wohne in Berlin, da gibt es fast alles.

Ich halte noch mal kurz an der Küche und packe Dinge ein und fahre los Richtung Schloss. Wie früher. Playlist. Heulen. Die Sonne scheint mir ins Gesicht, es ist so schön, alles grünt, das Licht ist so speziell. Ich heule.

Ich fahre von der Autobahn herunter und genieße die wunderschöne Uckermärkische Landschaft. Seen glitzern durch Bäume. Die frischen Blätter an den Bäumen sind so wunderbar lindgrün wie nur in diesen zwei Wochen im Mai. Ich verspüre ganz kurz ein Durchblitzen der Schönheit des Moments.

In dem kleinen Wassergraben, der aussieht wie das Bächlein in diesem wunderbaren Gemälde „Ophelia“ von John Everett Millais blühen kleine zarte weiße Blümchen, die ich noch nie vorher bemerkt habe. Es ist so schön.

Ich verlasse langsam die Ortschaft und sehe, wie mir von dem Hang gegenüber ein Transporter entgegen kommt. Ich bremse leicht ab. Aus dem linken Augenwinkel sehe ich, wie eine rote Katze Richtung Straße geprescht kommt. Der Transporter sieht die Katze nicht.

Ich weiß ganz genau, was jetzt passieren wird.

Etwas, was ich noch nie gesehen habe, nur die Reste, die danach übrig bleiben, wenn es keinen Menschen zur Miez gibt, die sich um die tote Miez kümmert oder wenn der Mensch es einfach noch nicht weiß.

Schreiend halte ich mir während der Fahrt die Augen zu.

Der Transporter erwischt die Katze.

Aus einem Reflex heraus schaue ich in den Rückspiegel und sehe, wie die angefahrene Katze sich von der Straße schleppt. Kurz denke ich darüber nach, anzuhalten um der Katze zu helfen. Ich schaffe es nicht. Ich muss fast brechen. Ich fahre weiter, bis zur nächsten Einbuchtung und stoppe das Auto. Und schreie und weine.

Ich liebe Katzen so abgöttisch wie andere Menschen Kinder lieben.

Ich wusste nicht, dass man meinen Schmerz noch steigern kann. Aber ja, man kann. Das scheiß Herz bleibt einfach nicht stehen. Das Hirn wird dazu noch seltsam schwammig und sirrt komisch. Ein vollkommen neues Gefühl. Ich werde glaube ich bald verrückt.

Und kein Steffen da, zum darüber reden.

Das Schlimmste am Tod einer geliebten Person ist, dass derjenige, mit dem du über deine Gefühle und Gedanken sprechen willst, nicht mehr da ist.

Nun also, muss ich mich alleine hochraffen. Und zum Schloss fahren, denn ich muss ja in dreißig Minuten da sein.

Die Arbeit läuft gut, die Mädels in der Küche sind lieb. Es ist wie immer und doch anders. Am Ende stehen zwei Buffets an zwei Abenden und ich fahre wieder nach Berlin.

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