03. April 2019

Viele schreiben mir, dass ich sehr stark bin. Dass ich große Schritte mache, für den Status, wo ich bin. Danke, das ist so lieb von Euch. Ich weiß, ich bin furchtbar reflektiert, weiß bei jedem Schritt was ich tue, wie ich es tue. Wie ein Roboter.

Um jedoch ehrlich zu sein, ich bin gar nicht stark.

Der eigentliche Grund ist, dass mein Körper mit mir ist gnädig ist. Er hat mich in eine Schutzhülle gepackt. In eine emotionale Schockstarre.

Denn ich habe die allerwichtigste, näheste, engste, geliebteste Person meines Lebens verloren. Das ist unvergleichlich schrecklich. Meine Hälfte ist weg. Ich bin allein.

Die Schutzhülle lässt gerade mal so viele Gefühle durch, dass ich vielleicht mal kurz weine aber was wirklich passiert ist, hat mein Inneres überhaupt noch nicht begriffen. Ich weine aus Mitleid mit den anderen, die mich liebevoll in den Arm nehmen und weinen. Denn es tut mir leid, wie sehr sie wegen Steffen leiden, wie sie um ihn trauern. Was Steffen ihnen bedeutet hat.

Es ist wie ein Katalysator für meine Gefühle, die ich noch nicht ausdrücken und ausleben kann.

Denn ich habe noch nicht wirklich realisiert, dass Steffen nie wieder kommt. Dass mein Seelenverwandter für immer weg ist.

Ich kenne diese Schutzhülle schon. Sie tauchte mit der Krebsdiagnose bei Steffen auf und blieb zwei Wochen. Dann knackte die Hülle wieder auf, da ja Steffen noch da war und wir reden und weinen konnten, da ja Steffen immer noch lebendig war.

Das zweite Mal reaktivierte sich die Schutzhülle, als ich Steffen mit Nierenversagen in die Charité gebracht hatte. Es dauerte diesmal ein paar Wochen länger. Aber als Steffen das Ganze glücklicherweise überlebt hatte und wieder Hoffnung da war, bekam die Hülle wieder Risse.

Das geschah so:

wir fuhren mit dem Auto in die Küche und ich sagte zu Steffen: „ich habe so ein Gefühl im Bauch, es drückt. Ich kann aber nicht sagen ob es Angst oder Freude ist. Ich weiß nicht, was ich gerade fühle“. Langsam kamen dann nach und nach die Gefühle zurück und ich konnte sie zuordnen.

Nun habe ich furchtbare Angst, dass meine eigentlichen Gefühle irgendwann wieder zurück kommen. Diesmal ist kein Steffen da, der mich auffängt. Steffen ist nie wieder da.

Ich weiß, dass mich meine Freunde auffangen werden. Und ich habe wirklich tolle großartige Freunde. So ein Glück, denn solche Freunde hat kaum jemand. Aber es ist leider nicht ganz dasselbe.

Ich war gestern in unserer Küche.

Es war schrecklich, denn eine Woche bevor ich sie hysterisch das letzte Mal am 23. Februar verlassen habe, war Steffen noch da drin. Hatte alles angefasst und Dinge hin und hergeräumt. Jede Schüssel, jeder Topf, jedes Gerät atmet Steffen. Mit jedem Gegenstand verbinde ich einen Satz von Steffen oder irgendeine Handlung. Ich weiß, was er wo gedacht, getan oder gesagt hat.

Die große Küchenuhr ist wieder oder besser, immer noch auf Sommerzeit eingestellt. Ich kam seit letztem Herbst nicht da hoch und Steffen konnte die Uhr nie umstellen, da er entweder in der Charité oder zu schwach war. Jetzt ist auch dieses halbe Jahr um.

Und ich spüre die ersten Brüche in meiner Schutzhülle. Und ich habe Angst davor, was dann passiert. Wenn sie aufplatzt.

Ich vermisse den Moment, wo mein Herz zu hüpfen beginnt, weil Steffen irgendetwas auf Facebook oder Instagram postet. Einfach die pure Tatsache, dass das gerade Steffen, mein Mann, postet. Dieser Stolz.

Ich vermisse Steffen schon jetzt, in diesem Frühling, der jetzt kommt. Keine Frage zu Feierabend, ob ich mit ihm ein Bier am Landwehrkanal trinken fahren möchte. Vor einem Jahr habe ich Rindvieh noch genervt darauf geantwortet, dass ich keinen Alkohol mehr trinken möchte und es eh zu kalt ist und ich zuviel zu tun habe.

Für den Arsch! Scheiß Arbeit. Alles relativ. Die Menschen zählen, die Momente!

Wenn ich irgendjemand sehe, der Steffen ähnelt, will mein Herz loshüpfen, realisiert aber sofort, dass es nicht Steffen ist, da Steffen ja tot ist.

Ich vermisse den großen tollen Körper, um den ich nun keinen Arm mehr im Bett legen kann.

Die Stadt hat sich irgendwie seit Steffens Tod komplett verändert. Da sind auf einmal Wohnhäuser, die noch nie da waren. Die Clubs die da waren, sind alle weg. Die Ufer, an denen wir saßen, sind bebaut. Die Menschen sind alle noch ernster und gestresster.

Der Kapitalismus tötet unsere Seelen langsam.

Am Wochenende war ich das erste Mal alleine in Tschechien. Unserem Rückzugsland. Im Wald. Ein Stück wandern. Ohne Steffen. Es tat so weh. Steffen fehlt so sehr.

Schutzhülle, bitte bleib noch ein Weilchen, bis ich wirklich stark bin!

in the woods
Wandern ohne Steffen
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