07.11.2018 – 16 Grad – Tag 120

Um 4:00 Uhr morgens stehe ich heute am 07.11. auf und gehe in die Küche, und siehe da, gar kein Wunder, die Spüle ist mal wieder verstopft. Ich schütte mal wieder die bewährte Natron-Essigwasser-Mischung hinein und verabschiede mich von Steffen. Ich bitte ihn noch, den Hausmeister anzurufen und wegen der Küchenspüle Bescheid zu geben. Steffen geht es soweit ok sagt er, er kriecht aber nach seinem Toilettengang sofort wieder komplett fertig ins Bett und möchte weiter schlafen.

Steffen will heute im Laufe des Tages endlich die Chemotherapiepumpe dieser dritten Chemotherapie im Krankenhaus abmachen lassen gehen und danach zu sich nach Hause fahren. Er sagt, ihm geht es entsprechend gut. Er will einfach nur die fürchterliche Pumpe abmachen gehen lassen. Er hasst es nur noch.

Die Arbeit

Also springe ich ins Auto und fahre zur Metro, denn ab jetzt sind 4 Aufträge abzuarbeiten, dafür habe ich lediglich 6 Stunden Zeit. Wie eine Maschine arbeite ich alle Posten ab, belade das Essen in seine entsprechenden Boxen nach Kunden sortiert und liefere alles pünktlichst aus. Alles ist sehr gut organisiert und flutscht nur so.

So lerne ich auch weitere Kunden von uns endlich persönlich kennen. Alle grüßen den armen Steffen und fragen nach, wie es ihm geht.

Nach der letzten Auslieferung fahre ich wieder alle Kunden von vorne ab, da sie jetzt mit dem Essen fertig sind und beräume, was nötig ist. Mit dem schmutzigen Geschirr fahre ich noch kurz in die Küche und danach zum Geschirrverleih und komme endlich gegen 15:00 Uhr zuhause an.

Ich bekomme alles super hin, habe ein super Timing und bin daher mega stolz auf mich. Ich schaffe es also doch ganz gut selbst! Hammer! Es keimt so etwas wie Freude und Stolz auf.

Der Schreck am Nachmittag

Diese wird aber gleich komplett zerstört:

Zuhause angekommen wundere ich mich, dass das Licht in der Wohnung brennt. Ich drehe den Schlüssel um und Steffen liegt immer noch im Bett. Ihm geht es gar nicht gut. Ihm ist schlecht. Aller drei Minuten rennt er auf Toilette und kotzt. Ich frage nach, ob er etwas getrunken hat. Er verneint. Er hatte keine Kraft in die Küche zu gehen. Daher hat er auch nicht die Antibiotika-Tabletten genommen, die immer nach der Chemotherapie notwendig sind. Natürlich hat er auch nichts gegessen.

Mir rutscht das Herz in die Hose, oh Shit, ich muss ihm sofort Tee kochen.

Also gehe ich in die Küche und koche ihm Tee. Chagatee und Brennnesseltee. Der Abfluss ist immer noch verstopft. Also bestelle ich uns Essen und arbeite am Rechner. Als der Tee trinkfähig ist, bringe ich ihn zu Steffen. Er trinkt einen Minischluck und erbricht sofort.

Ich bin nach dem Tag komplett durch und muss trotzdem noch am Computer arbeiten, denn ich muss den morgigen Tag vorbereiten. Steffen schläft endlich.

Das Essen kommt

Endlich kommt auch das Essen, so kann ich heute das erste Mal etwas essen. Steffen gebe ich ein Stück Fladenbrot und die Linsensuppe. Er erbricht sich sofort wieder. Er trinkt auch nicht. Die Tassen mit den diversen Tees auf dem Nachttischschrank sind immer noch unangerührt. Nur ein einziger Schluck fehlt.

Was ist los?

Als ich ihn daraufhin anspreche wird er bockig. Ich bitte ihn, zu trinken, er greint, „ich will schlafen, lass mich schlafen!“. Ich schimpfe ihn an, er soll etwas trinken, er schreit zurück er will nur schlafen. Es ist mittlerweile 18:00 Uhr, das Ganze hier ist nicht normal,  aber ich bin auch nach dem heutigen Tag komplett im Arsch und will auch nur ins Bett und ziehe mir schon den Schlafanzug an. Aber so kann ich das nicht lassen.

Er kotzt. Ich sage, das geht so nicht.Das wird ja immer schlimmer. Er will nur schlafen. Also rufe ich in der Charité in der Onkologie an und frage, ob das normal ist. Die Schwester beruhigt mich und sagt, dass das normal ist und einfach zur Chemotherapie gehört. Sie fragt, ob ich Tabletten gegen die Übelkeit habe. Ich verneine und frage, ob ich mit Haushaltsmitteln etwas erreiche. Sie lacht und verneint. „bringen Sie ihn vorbei, dann nehmen wir die Pumpe ab, geben ihm etwas gegen die Übelkeit und er kann wieder nach Hause, das geht ganz schnell“

Ab ins Krankenhaus

Ich gehe wieder zu Steffen ins Schlafzimmer und sage ihm „zieh dich an, wir fahren jetzt ins Krankenhaus“. Er schreit mich an, „ich will nicht ins Krankenhaus“. Ich messe seine Temperatur, er hat nur 35,5 Grad. Was ist hier los? ist das eine Blutvergiftung wegen der Pumpe? Ich google das, Blutvergiftung macht erhöhte Temperatur, das ist es also nicht. Aber normal ist das auch nicht!

Ich gehe ins Schlafzimmer und ziehe mich wieder normal an. Ich hatte mich ja schon bettfertig gemacht. Ich bitte Steffen ebenfalls, sich anzuziehen. Er weigert sich, er hustet, er regt sich auf, er kotzt. Vor lauter Aufregung bricht er ins Bett.

Mein Trick aus der Hölle

Ich schicke ihn aufs Klo und ziehe schnell das Bett ab. Also er zurückkommt, kann er sich also nicht mehr ins Bett legen. Ausgetrickst.

Ich brauche zwanzig Minuten um ihn anzuziehen. Er kämpft und zappelt, er will nicht. Ich drohe mit dem Krankenwagen und was das kostet. Langsam bekomme ich ihn dazu, sich anzuziehen. Als er den Gürtel einfädelt und ich ihm helfen will, schubbst er mich weg und greint, „Mama, der Gürtel geht nicht“. Irgendwas ist richtig faul. Steffen ist nicht mehr er selbst. Er ist komplett verändert. Mir wird schlecht und ich bekomme Panik.

Ich werfe ihm seinen Mantel über, setze ihm sein Basecap auf und navigiere ihn durch das Haus, durch den Fahrstuhl und durch die Hintertür zum Auto. Vor dem Fahrstuhl fängt er schon an zu schwanken und fällt fast auf mich. Ich schiebe ihn vorsichtig durchs Haus zum Auto. Er strauchelt. Er ist total wackelig auf den Beinen.

Es ist jetzt 19:00 Uhr, auf der Friedrichstraße ist dicker Berufverkehr. Ich navigiere uns durch den Stau. Ab und an werfe ich einen besorgten Blick auf Steffen.  Kalter Schweiß rinnt von seiner Stirn. Er hockt zusammengekrümmt neben mir. Er hustet und bricht fast, weigert sich jedoch in das Taschentuch zu husten, welches ich ihm gegeben habe, da es von mir ist. Er ist stinksauer auf mich, dass ich ihn ins Krankenhaus fahre.

Endlich, die Charité

Endlich kommen wir in der Charité an, ich parke im Halteverbot vor der Tür und schiebe den Steffen-Zombi zum Fahrstuhl. Im 19. Stock, in der Onkologie angekommen, stütze ich ihn weiter und führe ihn zum Schalter, eine Schwester kommt gerade um die Ecke. Genau in diesem Moment bricht er wie ein Kartenhaus zusammen. Geistesgegenwärtig schiebt die Schwester ihm sofort einen Bürostuhl unter den Hintern und drückt ihm eine Kotztüte in die Hand. So rollen wir ihn in das Notzimmer im Kern des Krankenhaus. Das Aufnahmezimmer. Das Zimmer ohne Fenster. In das Zimmer, in das ich ihn schon am allerersten Tag in der Charité gebracht habe.

Er ist endlich in guten Händen. In mir ist es leer. So habe ich Steffen noch nie gesehen. Das ist der zweitschlimmste Tag nach dem 11. Juli 2018.

Leise verlasse ich das Zimmer um das Auto umzuparken.

Als ich wieder hoch komme, hängt er schon am Tropf. Dreimal haben sie ihm schon Mittel gegen die Übelkeit gespritzt. Aber er kämpft, er will immer wieder aufstehen und das Krankenhaus verlassen. Die Ärztin kommt und nimmt Blut ab, es muss herausgefunden werden, was los ist. Die Laborergebnisse dauern weitere zwei Stunden. Langsam schläft Steffen ein und hat keinen Brechreiz mehr. Ich warte an seinem Fußende und decke ihn mit meiner Jacke zu und schlafe ebenfalls ein.

Gegen 21:00 Uhr kommt die Ärztin mit den Blutwerten, die Nierenwerte sind übel, das Kreatinin, der Indikator für die Nierenwerte, steht bei 4,8 mg/dl, normal ist 0,7-1,2 mg/dl. Die Ärztin sagt, wir müssen ihn leider da behalten. Steffen wird wach und redet nicht mit mir, weil ich ihn da lasse. Er ist sauer auf mich.

Schock!

Verdacht auf akutes Nierenversagen!

Um 21:30 Uhr fahre ich nach Hause und falle wie ein Sack ins Bett.