07.12.2018 – 12 Grad – Tag 150

Steffen war über Nacht bei sich, da ich heute doch einen intensiveren Tag habe. Ich habe zwei normale Mittagsaufträge und das Bundesministerium für Gesundheit.

Da ich beschlossen habe, mich meinen Ängsten zu stellen, liefere ich heute auch alles ganz allein aus. Inklusive dem Bundesministerium.

Also fange ich früh zeitig an, belade dann das Auto mit Mittagslieferung Nr. 1, die geht nach Mitte, von dort fahre ich zum Bundesministerium für Gesundheit, baue alles auf, blockiere den Fahrstuhl und dann fahre ich zur letzten Auslieferadresse. Obendrein tanke ich auch noch das Auto voll und habe mega gute Laune.

Das habe ich alles ganz allein geschafft! Super, ist dann doch machbar, der ganze Wahnsinn ist alleine zu schaffen!

Beschwingt rufe ich Steffen ab, es regnet nämlich, ich kann ihn zuhause abholen, da muss er nicht Bus fahren. Er freut sich, ich fahre hin.

Er steigt zu, ich verkünde ihm wie stolz ich auf mich bin. Er hört kaum zu und ist irgendwie abwesend. Ich frage ihn was los ist.

„Ach, ich will es Dir gar nicht sagen, aber kann es sein, dass der Knoten am Hals wieder dicker geworden ist?“

Vorsichtig taste ich seinen Hals während der Fahrt mit eiskalten Händen ab. Und er hat Recht, da ist wieder dieser beschissene Knubbel, mit dem alles angefangen hat.

Wir bekommen Panik. Was ist das? Turbokrebs der noch schneller wächst, als aggressiver Krebs wächst? Und das jetzt, jetzt wo noch die ganzen Chemotherapiemedikamente wirken. Zum Arzt fahren bringt jetzt auch nichts, wir haben ja nächste Woche den PET-Scan, wo jede Krebszelle leuchtet, wie ein Weihnachtsbaum. Eine klareres Ergebnis kann man so zeitnah nicht bekommen.

Und da ist er wieder, der Touchdown in die Realität. Zuhause versuche ich Steffen zu beruhigen, aber ich kann mich kaum selbst beruhigen. Gedrückt hole ich nun alles im Ministerium wieder ab. Alles ist jetzt anders mit dem Scheißegefühlsfilter. Abends heulen wir. Desillusioniert. Wie geht’s denn aber jetzt weiter?

Wenn das so schnell wächst, muss doch auch genauso schnell was gemacht werden? Da können wir nicht nach China fliegen. Ich gebe meinem Bruder Bescheid.

Das einzige Highlight ist, dass Frau V. und Herr R. heute Abend wieder aus Wien zu Besuch kommen. In den allerübelsten Stunden sind sie immer da.

Die Hasen.