08.10.2018 – 15 Grad – Tag 90

Nach gerade mal 4 Stunden Schlaf auf der zugegeben unbequemen Couch, die zum einen zu kurz für mich weiblichen Riesen und auch noch L-förmig gestellt ist, schleiche ich mich gegen 05:00 Uhr aus der Wohnung und beginne meinen Auftrag. Steffen schnarcht tief im Schlafzimmer.

Heute muss ich das Essen für die Fernsehproduktion von Puffpaffs Happy Hour machen und die BlueManGroup kam auch noch überraschend hinzu. Ja, es ist Montag, und eigentlich habe ich frei, aber für solche Großaufträge mit Dauerkunden mache ich Ausnahmen.

Um 13:00 Uhr kommt Herr U. um mich bei der Auslieferung zu unterstützen und liefert die erste Runde und das Mietgeschirr für die Puffpaff-Produktion aus sowie das komplette warme Essen für die BlueManGroup. Diese dreht nämlich heute einen Werbefilm für die neue Show. Er wird gleich im Fahrstuhl mitgefilmt. Also, wenn Ihr in die Show geht und den Kurzfilm seht: der arme Knabe, der in den Fahrstuhl eingequetscht wird, ist Herr U. mit dem Essen.

Bei mir ist es eher unspektakulär, ich koche einfach weiter. Um 17:00 Uhr gibt es noch das Abendessen für die Techniker der Fernsehproduktion, dieses liefert wieder Herr U. aus.

meat loaf with bacon and cheese
Bacon-Cheese-Hackbraten, sieht fies aus, ist aber leider geil

So kann ich in aller Ruhe noch die Küche wienern, damit sie morgen schön sauber ist. Gegen 19:00 Uhr kommt Herr U. zurück zur Küche und ich kann endlich endlich nach Hause.

Natürlich hängt mir den ganzen Tag der gestrige Streit in den Knochen. Und meine Unzufriedenheit. Meine tiefe Unzufriedenheit über dieses Leben. Dieses Leben, was nur aus einem echt harten Überlebenskampf besteht – die ersten Jahre der Selbstständigkeit haben wir jeden Monat gezittert, dass wir überhaupt unsere Miete zahlen können – und, wenn es dann endlich läuft und man so etwas wie Normalität erahnen kann, Dinge wie

– Mamas Tod 2011, Pfändung aller Konten durchs Finanzamt 2012, Schilddrüsenentfernung 2013, doppelter Bandscheibenvorfall 2014, Hexenschuss 2014, Bänderriss 2015 – kurze Pause mit normal – und als Sahnehäubchen Steffens Krebs 2018 –

passieren. Darauf muss man erstmal klar kommen. Was wir in einem Jahr erleben, erleben andere ihr ganzes Leben nicht.

Über den Tag habe ich mich also mit selbstmotivierenden Sätzen wie:

Hey, Dir geht es super, du bist gesund, du hast ein Dach über den Kopf und kannst deine Miete zahlen. Steffen geht es immer besser, es ist kein Krebs im Endstadium.

gepuscht. Also, ich habe mich versucht aus dem Tief zu ziehen. Da falle ich nämlich ab und zu mal rein und zweifel das ganze Leben an. Zu Recht natürlich.

Also komme ich ohne Erwartungen, das ist das Wichtigste, keine Erwartungen. Erwartungen sind die Eltern der Vorwürfe, nach Hause und habe Hackbraten mitgebracht.

Ja, passt nicht in die Diät, war aber übrig und erspart das Kochen am Abend. Und außerdem habe ich nach diesem 13 Stunden langen Kampftag ohne Essen einen mörderischen Knast.

Steffen hat Tee gekocht und ihm geht es besser. Ich bekomme noch einen frisch gepressten Saft und er macht den Möhren-Kartoffel-Stampf zum Hackbraten. Wir schließen Frieden.

 

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