10.11.2018 – 12 Grad – Tag 123

Heute ist Steffens 40. Geburtstag. Im Februar hatte ich ein Zimmer in einem Romantikhotel in Thüringen für uns gebucht, wunderschön mit Kamin und Lagerfeuer und einer guten Küche. Das habe ich natürlich längst storniert. Aber dass wir Steffens Geburtstag so, nämlich gar nicht, feiern, hatte ich nun auch nicht gedacht.

Ich wache um 6 auf und weiß nicht was ich tun soll. Ich liege allein im Bett, draußen ist es dunkelgrau. Steffen ist immer noch im Krankenhaus und schaut in denselben dunkelgrauen Himmel.

Aus der Ferne gratuliere ich ihm via WhatsApp, ich weiß nicht, ob er schon munter ist. Aber natürlich ist er ist gleichzeitig wie ich wach geworden. Wie immer. Das ist verrückt. Es ist noch dunkel, ich tue das, was mich sicher fühlen lässt. Ich lese ein Buch im Bett. Eine Brett-Anderson-Biographie, Ikone meiner Jugend. Ich habe mir seit langem wieder Bücher online bestellt:

Aber während des Lesens pieken sich Gedanken in mein Hirn: in der Küche muss ich ja noch abwaschen, das Geschenk für Steffen will besorgt werden, die Wäsche will gewaschen werden und ich muss noch einkaufen. Fahre ich gleich zu Steffen, oder mache ich die Buchhaltung und die Angebote. Worauf ich aber keine Lust habe. Soviel Unachtsamkeit hat die Biographie nicht verdient. Aber ich komme auch nicht aus dem Bett los.

Steffen ist ja heute eh im Krankenhaus, so habe ich alle Zeit der Welt, um klar zu kommen. Nach einem Kaffee fahre ich direkt in die Küche und wasche den ganzen Scheiß von Gestern ab. Um 10:00 Uhr bin ich wieder zuhause und frühstücke. Ich mache den Fernseher an und schaue Sendungen über Wiener Friedhöfe. Wir beide lieben Wien und seine Friedhöfe und ich heule schon während der Sendung, weil ich die gemeinsame Zeit in Wien vermisse. 

Auf einmal klingelt das Telefon. Es ist Steffen. Er darf nach Hause, er wurde beurlaubt, da er ja Geburtstag hat!!! Wie geil ist das denn? Ich kann es gar nicht fassen und weiß vor Schreck nicht, was ich tun soll und esse erstmal mein Brötchen auf und springe ins Auto und fahre ihn abholen. Im Radio läuft:

Das Lied wird für mich für immer mit diesem Moment verbunden sein. 

Steffen steht vor der Charité und telefoniert mit seiner Familie. Sie gratulieren ihm alle zum Geburtstag. Ich lade ihn ein und heule. Wir fahren rechts ran, er telefoniert und ich heule. Irgendwann ist er fertig und wir umarmen und küssen uns und gucken uns an und können es gar nicht fassen.

Er erzählt mir alles, dass der gestrenge Arzt mit ihm Mitleid hatte und ihn wegen seines Geburtstages für heute beurlaubt hat. Die Auflagen sind lediglich 4 bis 5 Liter Flüssigkeit zu trinken und morgen früh zu 08:00 Uhr im Krankenhaus zur Blutabnahme zu sein, damit die Nierenwerte gecheckt werden. Wir kaufen daher noch etwas Säfte und Tees ein, damit ertrinken kann und fahren nach Hause.

Steffen geht erst einmal in die Wanne und zieht sich frische Klamotten an. Danach geht es auf die Couch, überhaupt ersteinmal begreifen, was passiert ist.

Plötzlich klingelt es an der Tür, Frau K. kommt spontan vorbei und bringt Steffen ein Geburtstagsmüsli und uns unsere Lieblingsauberginencréme vorbei, „weil sie gerade in der Ecke war“. Jetzt heulen wir alle drei.  Freunde rufen an. Und als Krönung kommt Frau J. zu Besuch, sie ist gerade in Amerika und wir haben uns seit einem Jahr nicht mehr gesehen. Es ist so schön und wie immer.

Danach bestellen wir Chinesisch, Steffen ist noch zu schwach um raus zu gehen, und danach geht’s gleich ins Bett. Glücklich.