10. April 2019

In Berlin macht sich der Frühling breit. Die Kirschen blühen. Die Luft riecht nach Jasmin. Steffens Lieblingsduft.

Heute Morgen bin ich aufgeregt, denn zu allererst hätten Steffen und ich heute unseren 16. Jahrestag. Heute vor 16 Jahren haben wir uns das erste Mal geküsst. Nach einem CRADLE OF FILTH -Konzert. SEPULTURA war die Vorband – natürlich nicht mehr in der alten Besetzung, aber hey, Sepultura war die Vorband.

Ich habe an dem Abend in der Konzerthalle all meinen Mut zusammengenommen, mich Steffen zugewandt und ihn das erste Mal geküsst. Und das war es dann. An diesem Abend sagte er mir: „Jetzt wirst Du mich nie wieder los“.

In einem Paralleluniversum würden Steffen und ich heute Abend wie in jedem Jahr bei unserem Lieblingsitaliener „Zum goldenen Hahn“ in Kreuzberg in der Pücklerstrasse essen gehen. Wir würden mit unseren Rädern hinfahren und diese anschließen.

Als erstes würden wir draußen an den Tischen einen Aperol Spritz trinken und die ersten Frühlingsmomente in Kreuzberg einsaugen. Dann würden wir uns drinnen an einen für uns reservierten niedlichen Tisch mit der rot-weißen Karotischdecke setzen und uns von der handbeschriebenen Tafel die Vorspeisen und den Hauptgang auswählen.

Dazu gibt es dann noch eine feine Flasche Wein aus Sardinien und die aufmerksame Bedienung würde eine wunderbare Schallplatte an der Bar auflegen. Ja genau, die legen dort selbst Platten auf, die einfach nur gut sind und zum Ambiente passen. Wir würden uns versonnen anlächeln und einfach nur glücklich sein und auf diese wunderbaren letzten 16 Jahre anstoßen.

Aber das ist uns nun nie wieder vergönnt. Steffen ist tot.

Daher kommt heute mein Bruder extra für die am Freitag in meinem Heimatort stattfindende Beerdigung aus Australien an. Da wir schon morgen zu meinem Vater fahren werden, habe ich heute noch ein paar Dinge vorzubereiten.

Ich fahre also um 6:00 Uhr in die Metro, da ich noch ein paar Speisen für die Feier vorbereiten möchte.

Vor der Metro scheue ich mich sehr. Jeden Tag waren Steffen und ich hier. Später war nur noch ich hier. Dann war wieder Steffen mit mir mit hier. Und jetzt kommt Steffen nie wieder mit hier her.

Die Kassierer und das Fachpersonal kennen uns und immer fragen sie nach Steffen. Bis jetzt habe ich mich um die furchtbare Nachricht herumdrücken können, da nie die relevanten Personen da waren. Außerdem war ich seitdem nur zweimal in der Metro.

Heute ist jedoch die liebe Kassiererin, die sich immer nach Steffen erkundigt hat und die die schlimme Botschaft von einem Kollegen erfahren hat, an der Kasse.

Als sie mich sieht, muss sie weinen. Ich natürlich auch.

„Mensch, der war doch noch so jung! Ich verstehe das nicht. Das geht nicht in meinen Kopf! Er war doch gerade noch hier und er hatte doch den Kampf gewonnen. Wie kann so etwas gehen?“

Ich kann ihr keine Antwort geben, diese Fragen machen mich selbst schier verrückt und niemand kann befriedigende, beruhigende oder liebevolle Antworten geben. Oder anders gesagt, die liebevollen Antworten sind zu komplex und gehen gerne in eine Richtung, die nicht vielen gefällt.

Fakt ist nur, dass der Krebs super aggressiv war und Steffen einfach mörderisches Pech hatte.

Diese Antwort ist nicht die schönste Variante also antworte ich darauf nicht und schüttele einfach nur fassungslos den Kopf.

So verlasse ich die Metro, lade die Waren ins Auto und fahre in die Küche.

Als ich das letzte Mal in der Küche war, um die Kühlschränke auszuräumen und um diese einem Interessenten für die Küche zu zeigen, hat es mich hier schier umgehauen.

Noch vor ein paar Tagen – wenn man von Tagen in der Küche ausgeht – hat Steffen hier noch Dinge eingeräumt. Dinge, die ich jetzt anfasse, hat gerade noch Steffen angefasst.

Ich bin heulend zusammengebrochen und musste die Küche verlassen.

Aber heute ist es irgendwie etwas anderes. Ich bereite heute mein letztes Catering hier zu. Das Essen soll für die Beerdigung von Steffen sein. Das Essen ist für Steffen. Das ist ein schöner Gedanke. Ich koche ein letztes Mal in dieser Küche nur für Steffen.

Da ich mit ca. 70 Gästen rechne, werden die 70 Würste, die 70 Stück Kuchen und die je 25 Portionen Bulgur- und Nudelsalat nicht reichen. Ich koche zur Sicherheit noch zwei Suppen, die ich in den riesigen Gastro-Kühlschränken bis morgen auf 2 Grad transportfähig herunterkühlen kann.

Ich koche einen Chili con Carne und eine vegane rote Linsensuppe mit Kokosmilch.

Parallel räume ich die restlichen Waren in die Kühlschränke und schon ist es 10:00 Uhr. Ich muss los, denn 11:05 Uhr kommt mein Bruder Steffen – ja genau, Steffen, das macht alles etwas einfacher – im Flughafen Tegel an. Er hat extra für die Beerdigung die weite Strecke von Australien bis hier her aufgenommen. Das letzte Mal haben wir uns alle gemeinsam in China gesehen. Vor 3 Monaten…

Ich gebe die Adresse ins Google ein und fahre los. Ich brauche wohl nur 30 Minuten, sagt Google. Das ist gut. Nach weiteren 20 Minuten sind es immer noch 30 Minuten bis Tegel. Ich fahre einen Schleichweg. Immer noch 30 Minuten.

Was ist da schon wieder los? An der Ampel zoome ich in das Tegelszenario ein. Alles rot. Fetter Stau. Das ist natürlich suboptimal.

Die Autos stauen sich an der Abfahrt, ich dränge mich frech bis ganz vor und stelle fest, dass die Abfahrt zum Flughafen Tegel von der Polizei gesperrt wurde. Autos laden ihre Insassen mit Koffern aus, die sich nun auf den langen Marsch zum Flughafen begeben.

Also starte ich durch und fahre einen kleinen Umweg und parke kurzerhand das Auto an dem Kanal vor dem Flughafen und laufe die letzten 2 Kilometer. Hier ist gerade kein Weiterkommen, denn die Berliner Taxifahrer streiken und haben den ganzen Flughafen von der Stadt abgeschlossen, denn:

  • Es gibt keine S-Bahn-Anbindung an den Flughafen
  • Die öffentlichen Busse kommen nicht an den blockierenden Taxis vorbei
  • Keine Autos kommen in oder aus dem Flughafen heraus

Natürlich verstehe ich das Ansinnen der Taxifahrer.

Aber zum Leben gehört nun mal Veränderung und Akzeptanz. Habe ich gerade auf die harte Tour lernen müssen. Ist Scheiße, aber wahr.

Das einzige Konstante im Leben ist die Veränderung.

Also bewege ich mich mit flottem Schritt zum Flughafen. Menschenmassen strömen mir entgegen oder folgen mir. An den Bushaltestellen der öffentlichen Busse stauen sich Menschentrauben. Die haben es noch nicht akzeptiert, was hier passiert. Im Flughafen ist es wunderbar ruhig.

Ich finde gleich Steffen und wir gehen zurück zum Auto. Draußen eskaliert langsam die Situation. Wir fahren lachend davon, denn in Krisen bin ich mittlerweile der absolute Held. Wendet Euch in der Zombie-Apokalypse vertrauensvoll an mich! Mit Katastrophen kann ich mittlerweile sehr gut umgehen. Die einfachen Dinge bereiten mir Kopfschmerzen.

Nachdem wir also nun unendliche Staus auf der Autobahn passiert haben, sind wir schnell wieder in Kreuzberg, kaufen noch ein leckeres Brot im Biomarkt und uns eine Currywurst. Dinge, die mein Bruder in Australien fürchterlich vermisst.

Zuhause trinken wir zwei noch ein kleines Willkommensbierchen und ich stecke Steffen ins Bett. Nach der 26-Stunden-Reise tut liegen und eine Runde schlafen not.

Pünktlich zum Abendessen wecke ich Steffen, denn wir fahren in eine schwäbische Gaststätte in der Nähe des alten Gasspeichers. Das ist der nächste Wunsch auf Steffens Liste: Maultäschle, Zwiebelschmälzle und Kasspatzen.

Wir betreten das Lokal und bekommen den letzten freien Tisch inmitten der korpulenten Massen. Alles geht flott, die Bedienung ist nett.

Die Rinderbrühe der Flädlesuppe ist selbstgemacht, die Flädle sind zu dick. Die Maultaschen sind ein Fertigprodukt von Burger – die kenne ich, die sind lecker, aber halt nicht selbst gemacht. Der Kartoffelsalat unter den Maultaschen hat einen Tick zu viel Senf abbekommen, ist aber selbst gemacht.

 Die Spätzle sind ok, der Käse ist langweilig. Die Zwiebeln haben zu kurz gebraten und keine Butter gesehen. Kann ich alles besser, ist nicht befriedigend aber dafür kostenintensiv. Wir sind beide nach der Hälfte satt, unsere Körper sind mittlerweile an Gemüse gewohnt und schütteln ob der Massen an Kohlehydraten und Fetten vehement mit dem Kopf.

Schade, die Currywurst war auch schon nicht so prall. Das tut mir leid für Steffen.

Also verlassen wir das Etablissement und fahren wieder nach Hause. Dort reden wir zwei noch mehrere Stunden und ich spiele meinem Bruder Steffens Playlist vor, die ich gestern zufälligerweise auf Spotify gefunden habe.

Jedes Lied ist wie eine warme Umarmung von meinem geliebten und verstorbenen Steffen. Ich weine. Was für ein vielschichtiger toller Mensch doch Steffen war. Mein Bruder weint jetzt auch.

Was für ein Verlust.

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