11.07.2018 – 25 Grad – Tag 2

Morgens um 7:00 Uhr fahre ich Steffen in die Klinik und bekomme prompt einen Parkplatz an der Tür. Die Sonne scheint. Die Luft ist klar. Alles ist friedlich. Im lichtdurchfluteten Foyer des Krankenhauses läuft leise Musik. Diesen Fakt finde ich höchst bemerkenswert. Musik im Krankenhaus.

Da wir beide sehr musikaffin sind, prägt sich dieses Detail bei mir ein. Es läuft:

Dieser Titel erinnert mich an meine Kindheit, an RIAS2 hören mit meinem Papa. An eine Zeit, wo es keine großen Sorgen gab. Wo alles noch perfekt war. Wo man keine großen Entscheidungen treffen musste. Wo es für alles eine leichte Lösung gab.

Ich muss sofort weinen. Steffen legt seinen Arm auf meine Schulter und drück mich an sich: „Alles wird gut, Schnubbi“. Aber auch er hat riesige Angst.

Wir gehen auf die uns zugewiesene Station. Das Zimmer ist hell und freundlich. Es hat sogar Stoffgardinen. Es sieht fast aus wie im Hotel.

Auf dem Bett liegen Handtücher und eine kleine Tasche mit den nötigsten Hygieneartikeln und Kosmetika hübsch verpackt. Ok, ich gebe es zu, Steffen hat sich ein Zimmer mit Aufschlag geben lassen. Richtig so, er soll es gut haben.

Das Geld wird eh verschwinden, und wie immer zwischen unseren Händen zerrinnen. So wie immer. Nur ist es jetzt total egal, ob es das Finanzamt, die IHK oder eine beschissene Krankheit frisst. Weg ist weg.

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Steffen, ganz alleine und verloren in seinem Zimmer. Mein letztes Bild von ihm vor der OP.

Steffen setzt sich instinktiv in die Ecke. Er will sich nicht auf das Krankenbett setzen. Mein Hase sieht in dem Zimmer so verloren aus. Ich spüre seine Angst. Ich habe auch Angst.

Wir dehnen die Zeit, reden über alles Mögliche. Ich versuche hilflos irgendwelche Scherze zu machen. Aber irgendwann kommt die Schwester mit einer Beruhigungstablette und bittet Steffen, das Krankenhausnachthemd anzuziehen und sich ins Bett zu legen. Ich warte solange, bis er sich umgezogen und ins Bett gelegt hat, dann verabschiede ich mich.

Es ist immer wieder furchtbar, wie das angezogene Krankenhaushemd einen Menschen verändert. Einen Menschen, der mitten im Leben steht, emotional zu einem Kranken macht.

Uns zerreißt es förmlich. Wir küssen uns. Wir stoßen uns voneinander ab.

Es muss sein. Ich muss ihn zurück lassen.

Warum mache ich so ein Theater? Der Grund ist, leider ist es bei mir immer so gewesen: jemand Geliebtes kommt ins Krankenhaus und stirbt dann auch zeitnah.

Ich stolpere durch das Foyer aus dem Krankenhaus hinaus. Menschen kommen mir entgegen. Alles ist wie immer. Nichts ist wie immer. Als ich durch die Parkanlage stolpere, fallen mir drei große grüne Vögel auf. Grünspechte? Komisch. Egal.

Ich setzt mich ins Auto. Es ist noch so früh. Ich weiß nicht wohin mit mir, aber heute muss ich das erste Mal die Blue Man Group allein beliefern. Also fahre ich irgendwie heulend zur Metro. Im Radio kommt Arcade Fire:

als ich auf dem Parkplatz vor der Metro einparke. Wir lieben Arcade Fire…

Schon wieder muss ich heulen. So kann ich nicht da rein.

Irgendwie raffe ich mich nach ein paar Minuten auf und gehe in die Metro. Meine Fassade steht, alles geht soweit gut. Höflich nicke ich allen zu und grüße die Angestellten und vermeide irgendwelche Gespräche. Hauptsache jetzt ist niemand nett zu mir, dann stehe ich das durch.

Hinten in den Regalen ist aber wieder unser Lieblingsverkäufer. Der, mit dem wir immer kurz quatschen. Er fragt mich, wo mein Mann ist. Fehler. Ganz großer Fehler. Die Tränen schießen mir in die Augen. Bestürzt kommt er auf mich zu und drückt mich. Ich erzähle ihm alles.

Am schlimmsten ist es, wenn es Dir scheiße geht, wenn jemand fragt, wie es Dir geht. Dann bricht die Fassade zusammen.

Er versucht mich zu beruhigen, seine Frau arbeitet in der Onkologie als Krankenschwester, das wird. Die Technik ist soweit fortgeschritten, dass es passt. Ich beruhige mich etwas. Irgendwann gehe ich zur Kasse, bezahle und fahre wieder zurück in die Küche.

Es ist immer noch weit vor der Zeit, ich bin viel zu früh hier. In der Küche knallt mich die Welle noch mal weg. Bei jedem Blick, wenn ich auf die gereinigte Dunstabzugshaube schaue, die weggeräumten Dinge, alles was Steffen angefasst hat. Bei jedem Gerät, bei Steffens Arbeitsfläche, wo er sonst immer stand. Es ist so leise hier. Ohne Steffen.

Wird er es je wieder anfassen? Wird er je wieder die Küche betreten? Ich habe so eine Angst, dass er während der OP stirbt. Ich breche heulend zusammen.

Irgendwann rappele ich mich wieder auf. Ich habe ja einen Auftrag zu erledigen. Also fertige ich im Automodus mediterranen Nudelsalat, Kartoffeltaschen und mediterranes Hühnchen und bin natürlich weit vor der Zeit fertig.

Dann setze ich mich auf den Boden im Vorraum und benachrichtige all unsere Freunde. Alle sind furchtbar schockiert und sichern mir alle Hilfe zu.

Aber die Panik schiebt sich hoch, wie geht es weiter, wie bezahlen wir die Behandlungen? Wie kann ich allein all das Geld erwirtschaften, welches wir zu zweit benötigen?

Gegen 14:00 Uhr bekomme ich endlich eine Nachricht von Steffen!!!!! Mit Bild, mit dicken Stöpseln in der Nase. Er lebt. Ich quieke hysterisch auf. Wie schön. Es geht ihm gut. Es geht weiter!!!

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Also liefere ich schnell das Essen aus und fahre nach Hause, schnappe mir mein Rad und fahre flink zurück nach Weißensee in die Klinik.

Steffen sieht gut aus, die Lymphe am Hals sind abgeschwollen, ein Löchlein wurde ins Trommelfell gemacht und die Nasenscheidewand begradigt. Steffen geht es gut und er präsentiert mir sein wunderbares Nachthemd.

Etwas später kommt die Fachärztin und erzählt uns, wie die Operation verlaufen ist. Von dem Krebs, der nun ein Nasenrachenraumkrebs ist, oder auch Nasopharynxkarzinom, wurde ein Probe genommen. Er ist bösartig. Natürlich.

Das war jedoch zu erwarten und schockt jetzt nicht so sehr, da ich gegoogelt habe, dass diese besser zu heilen sind. Wir gehen stark davon aus, dass Steffen eine ambulante Therapie bekommt, also immer zuhause ist, wo ich mich um ihn kümmern kann. Irgendwann fahre ich nach Hause, esse.

Zuhause muss ich erst einmal ein Bier auf den Schreck trinken:

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Als wir dann beide in separaten Betten liegen, schreiben  wir uns über Whatsapp hin und her.

Steffen teilt nun auch noch den ganzen Wahnsinn seiner Familie in der Familien-Whatsapp-Gruppe mit. Seine Neffen sind schockiert. Von seinem Bruder kommt lediglich „Steffen, verbreite hier nicht Angst und Schrecken, warte erst einmal die Ergebnisse ab“. Danach gibt es noch ein paar schöne Urlaubsfotos aus Italien.

Wir sind ob der mangelnden Empathie schockiert, vor Aufregung können wir beide nicht einschlafen. Wir wissen nicht, wie wir damit umgehen sollen. Mal wieder wissen wir es nicht.

Schon wieder dieser Bruder, wegen ihm zerfleischt sich Steffen schon seit der Hochzeit vor vier Jahren. Da es in mir rumort und Steffen einfach zu lieb ist, antworte ich irgendwann „Ernsthaft: liest Du eigentlich, was Du schreibst?“ Danach schlafen wir an separaten Orten aufgeregt irgendwann ein.

Positiv:

Steffen lebt!

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