12. April 2019

Heute ist der große Tag. Der letzte Tag, an dem ich etwas für meinen geliebten Steffen tun kann.

Ich habe nicht wirklich gut geschlafen, das ist natürlich verständlich. Also stehen mein Bruder und ich schnell auf und laufen zu Steffens Lieblingsbäcker gleich um die Ecke. Steffen hatte hier die Brötchen und Milchsemmeln so geliebt. Wir erhöhen auch gleich die Bestellung für später, da ich wie schon gesagt, doch eher mit 70 Personen rechne.

Dann frühstücken wir schnell und pünktlich um 09:30 Uhr sind die beiden Wiener da. Gemeinsam mit Frau A. fahren wir noch zum örtlichen Fleischer und holen 70 verschiedene und bereits bestellte Bratwürste ab, dann geht es weiter zum Bäcker, dort gibt es die bestellten 40 Stück Kuchen, diverse Brötchen und zwei Brote. Dann fahren wir alle zusammen zum Schützenhaus.

Die Bremer sind auch schon da und decken gemeinsam mit Frau A. die Tische. V. und R. übernehmen die Küche. Rudimentär werfe ich meine Wünsche und Vorstellungen für das heutige Buffet hin, bin aber nicht wirklich zu einem klaren Gedanken fähig. Ich hatte in Berlin ja schon zwei Suppen mit je 25 Portionen gekocht, einen Bulgur-Salat vorbereitet und einen Nudelsalat in Planung. Aber irgendwie springe ich nur aufgelöst hin und her und stoße hektische Ansagen hervor. Entnervt schickt mich daher Frau V. zum umziehen nach unten.

Für den heutigen Tag möchte ich besonders schön sein. Ich ziehe das Kleid an, welches ich extra zu unserem vorletzten Hochzeitstag in 2017 gekauft hatte. Außerdem habe ich mir endlich ein Paar DocMartens bestellt, die ich heute anziehen werde. Seit Jahren hatte ich nicht wirklich etwas für mich gekauft und Steffen hat immer gesagt: „jetzt kauf Dir doch endlich diese Docs. Kauf Dir doch mal etwas für Dich!“ Nun, jetzt habe ich endlich auf ihn gehört.

Nach und nach trudeln die ersten Gäste ein. Ich begrüße alle und muss bei jeder Umarmung weinen. Weil jeder Gast meine tiefsten Gefühle spiegelt, die mein Körper mir glücklicherweise noch versagt. Wenn jetzt meine wahren Gefühle herausbrechen würden, wäre ich nicht mehr zu gebrauchen.

Es ist gleich 12:00 Uhr, mein Papa und mein Bruder sind jetzt auch angekommen. Mein Papa sagt, dass der Bestatter auch schon da ist und die Friedhofskapelle vorbereitet. Also gehen wir zusammen mit Steffens Bruder und dem Krachwürfel, das ist eine riesige Musikbox, in die Kapelle, um diese dort anzuschließen. Denn wir wollen für Steffen noch einmal ordentlich Musik machen, so wie er sich das gewünscht hätte.

Vor Ort rede ich kurz mit dem Bestatter, der mir natürlich sein tiefstes Beileid bekundet.

Er hat eine nicht so gute Nachricht für mich: Ich hatte mir von ihm gewünscht, dass er mir etwas Asche von Steffen in ein Kästchen abzweigt, damit ich eine Prise von Steffen dort verstreuen kann, wo er es am schönsten fand. Dies ist jedoch in Deutschland nicht möglich, da man so die Totenruhe stören würde. Sicherheitshalber sind deswegen die Urnen verplombt und der Friedhofsmeister achtet auch noch einmal genau darauf. Würde hier eine Ungereimtheit auftauchen, würde das Bestattungsinstitut verklagt.

Aber wenigstens konnte Steffens Ehering noch gerettet werden, so dass dieser jetzt in dem kleinen für die Asche vorgesehenen Schmuckkästchen ruht. So kann wenigstens Steffen symbolisch überall hin mitreisen. Da der Ring aus Edelstahl besteht, das fanden wir als Köche damals sinnvoll, hat er auch „nur“ einen symbolischen Wert.

Also übergibt mir der Bestatter das Herzkästchen mit dem Ring, welches mich nun fortan begleiten wird.

Alle Männer kümmern sich nun um die Technik. Herr. R. aus Wien hat sich für die Playlist zuständig erklärt, darüber bin ich sehr dankbar.

Da fällt mir auf einmal auf, dass ich etwas vergessen habe und sprinte zum Auto. Noch 20 Minuten bis zum Beginn der Zeremonie.

Als ich zum Auto renne, sehe ich, wie sich der Parkplatz mit Beerdigungsgästen füllt. Ich bin gerührt und springe dennoch ins Auto und brause davon, denn ich habe Steffens Eierbecher, Räucherware und meinen Flachmann vergessen. Ja, mein Viertel Russisch in in mir braucht seelische Unterstützung. Den Eierbecher wollten Steffens Mama und ich mit ins Grab werfen, damit er jeden Morgen bis in die Unendlichkeit ein wachsweiches Ei zum Frühstück hat. Die Mama bringt das Ei mit. Das haben wir so besprochen.

Als ich zurück komme und das Auto wieder einparke, sehe ich da diese vier Burschen. Allesamt beste Freunde aus der Zeit vor uns beiden. Helden aus vielen Erzählungen von Steffen, einen kenne ich überhaupt nicht, aber ich kenne alle Geschichten von den vieren. T. kenne ich wiederum gut, glücklicherweise hat Steffen noch kurz vor seinem Tod mit ihm telefoniert. Wir fallen uns in die Arme und drücken uns. Jetzt ist es ein bisschen so, als wäre Steffen da.

Es ist unglaublich, wer alles nur für Steffen gekommen ist. Steffen würde es nicht wahr haben wollen, dass er solch einen Eindruck auf die Menschen gemacht hat. Ach Mann, der Steffen.

Also gehen wir gesammelt zur Kapelle, die sich schon ordentlich gefüllt hat. Einige irren noch nach dem Weg und finden sich leise ein. Hinter Steffens Urne verbrenne ich im mitgebrachten und vorhin fast vergessenen Räucherkessel etwas Weihrauch mit Oud, einem Räucherholz, welches bei der indischen Verbrennungszeremonie verwendet wird. Die Kapelle ist nun mit lieben Menschen und Wärme gefüllt.

Danke Malcolm für das Foto!

Den Herzkranz für das Grab habe ich ausgesucht, ich wollte nicht so ein langweiliges Buxbaumkränzchen mit Schärpe. Es musste individuell sein:

Danke Malcolm für das Foto!

Kurz nach 13:00 Uhr beginnt es langsam mit diesem Song:

Für Steffen und E.

Danach trete ich ans Rednerpult. Ja ich. Ich bin das Steffen schuldig, da in meinem Text Personen angesprochen werden, die ich kenne, das macht für mich so Sinn:

Liebe Familie, liebe Freunde Steffens,

ich freue mich, dass Ihr alle so zahlreich erschienen seid und Euch von Steffen persönlich verabschieden möchtet.

Nur ihr selbst wisst am besten, was Steffen Euch bedeutet hat und ihr leidet jetzt alle.

Das tut uns leid.

Das soeben gespielte Lied war Steffen sehr wichtig. In endlosen Plattenabenden mit seinem Freund E. lief dieses und unzählige andere Alben. Ich habe mich für dieses Lied entschieden, da es nur 10 Minuten dauert. Steffen sagte immer: „auf meiner Beerdigung sollen 30 Minuten-Lieder spielen und alle müssen sich das anhören.“ Ich habe da jetzt einfach mal eingegriffen und mich nach Rücksprache mit E. für dieses Lied entschieden.

All unsere Freunde kennen diese Musikabende. Es verlief für gewöhnlich feuchtfröhlich, irgendjemand fängt an zu weinen und spielte allen die Musik vor, die er bei seiner Beerdigung hören will und Steffen fällt dabei kippelnd mit seinem Stuhl hinten über.

Wir beerdigen hier nicht nur einen Sohn, einen Bruder, einen Schwager, einen Freund, sondern auch eine große Liebe und nicht zuletzt eine Ära. Und einen ganz besonderen Menschen, der jetzt woanders dringender gebraucht wird.

Dann ist der Bestatter an der Reihe und liest zwei Briefe von Steffens Mama vor, die an Steffen und an die Familie gerichtet sind.

Ich habe mich derweil zwischen meinen Freundinnen eingenistet, ich brauche jetzt gerade Girlpower. Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, wie wichtig Freunde sind.

dieses Lied folgte den Briefen von der Mama

Dann gehe ich wieder ans Rednerpult und lese meinen persönlichen Brief vor, jedoch nicht ohne vorher einen ordentlichen Schluck Wodka zu nehmen. Sowas funktioniert einfach nicht ohne Doping …

Mein lieber Steffen,

vor 16 Jahren sind wir genau um diese Zeit zusammengekommen.

An den Wochenenden hast Du mich nach durchtanzten Nächten brav mit dem Taxi nach Hause gefahren.

Die Amseln zwitscherten. Die Luft am Morgen, wenn ich angetrunken wieder in mein Haus gestolpert bin, war so wie an diesem heutigen Morgen.

Jedes Jahr um diese Zeit sind die Geräusche dieselben. Jedes Jahr um die Zeit wurde die Luft weicher, es wurde langsam wärmer. Und die Hoffnung auf den Sommer und das Jahr wuchs. Auf ein weiteres wunderbares Jahr mit Dir.

Und heute bringe ich Dich für immer nach Hause.

In dieser Nacht vom 10. April 2003, in der wir dann endlich zusammengekommen sind, hast Du mich an Dich gezogen, das erste Mal geküsst und danach gesagt

„jetzt wirst Du mich nie wieder los“.

Und Du hast Recht behalten, ich werde dich nie wieder los werden. Du wirst für immer ein Teil von mir sein. Du bist meine andere Hälfte.

Du warst der wunderbarste Partner, den man sich vorstellen kann. Aber zu allererst warst Du mein allerbester Freund.

Du hattest eine nur Dir eigene Ruhe und lebtest gern in Deiner stillen eigenen und so sensiblen Welt. Du warst so liebenswert, so komplex.

Du hattest ein Auge für die kleinen unscheinbaren Dinge, welches man besonders in deinen Fotos gesehen hat. Dein Sinn für Musik, dein zwischen den Zeilen hören. Alles an Dir war so einzigartig und wunderbar.

Nur Deine engsten Menschen wussten, wie zart und verletzlich du warst. Wie besonders. Wie nicht für diese harte oberflächliche Welt geschaffen.

Du warst eine Harfe und keine Trompete.

Diese laute unsensible Welt hat Dich manchmal schier hilflos gemacht. Jedoch konntest Du aber auch die besten Lebensratschläge geben, da Du so ein guter Beobachter warst.

Und nicht zu vergessen:

dieser spezielle Dir so eigene Humor, der mit meinem Humor gespiegelt wurde, was dann zu schierem Irrsinn führte. Ein Feuerwerk der guten Laune. Das war so einzigartig.

Lachen mit Dir war das Größte.

Das alles habe ich so unendlich an Dir geliebt.

Du mein Echo, bist jetzt weg.

Unsere gemeinsame Zeit begann mit unzähligen Fahrten mit dem Auto durch Brandenburg, an die Ostsee. Immer dabei war die Musik. Immer war der CD-Wechsler – ja, so lange ist das her – gefüllt mit unseren Lieblingsscheiben.

Dann kam langsam die Realität hinzu, ich wechselte den Job, du musstest irgendwo untergebracht werden. Man muss ja Geld verdienen…

Da du immer so leise und zurückhaltend warst, warst Du leider auch immer nur der ewige Praktikant und nie der starke Gewinnertyp.

Ich konnte mir das nicht länger mit ansehen, daher sprangen wir ins kalte Wasser und machten uns 2006 selbstständig.

Auch wenn die Welt Dich nicht wollte, so sah ich jedoch in Dir Deine Talente und Deinen Antrieb.

Zuerst starten wir mit einem Onlineshop, der zwar finanziell nichts einbrachte, jedoch die Wurzel eines Großteils unserer gemeinsamen Freunde, die hier versammelt sind, war.

Und in jedem dieser Freunde spiegelst Du Dich, lieber Steffen. In dem Humor, in der Musik, in Deiner aufmerksamen und sensiblen Art. Daher bist Du auch in Zukunft immer bei mir. Ich muss mich nur mit meinen Freunden treffen.

Dafür liebe ich Euch, aber dass wisst Ihr ja.

Ein Jahr später gründeten wir das Catering. Langsam und unter vielen Entbehrungen und Schmerzen wuchs es. Und fraß uns auf. Unsere Leichtigkeit. Und erfüllte uns mit starrer Ernsthaftigkeit und Bitterkeit.

Jeder Monat barg einen neuen anderen schlimmen Kampf in sich.

Nur wenn wir im Urlaub waren, konnten wir wieder frei sein. Wie in unserer Anfangsphase unserer Liebe. Wir können wieder durch die Landschaft fahren, Musik hören, quatschen, lachen und debil grinsen.

Und vor einem Jahr begann dann unser härtester Kampf:

In diesen Tagen vor einem Jahr haben wir das erste Mal Deine geschwollenen Lymphknoten bemerkt.

Und ab der ersten Sekunde schwebte die Angst vor dem K-Wort in der Luft. Und in diesen Tagen begann dein 11monatiger Kampf.

Dann jagte ab Juli 2018 eine Hiobsbotschaft die andere. Jede Woche gab es eine neue und noch fürchterlichere Horrormeldung von den Ärzten. Es war kaum auszuhalten. Aber Du warst ja noch da, Du lebtest ja noch. Also war alles gut. Wir schaffen alles, wenn Du lebst.

Und Du hast gekämpft wie ein Tier. Du warst so tapfer. Du warst so stark. Stärker als Du je dachtest, sein zu können.

Nichtdestotrotz hielt ich verbissen an dem Catering fest. Seit zwei Jahren lief es endlich einmal finanziell zufriedenstellend. Und ich wollte Dir einen Ort bieten, an welchen Du nach der Krankheit zurückkehren kannst, da Sterben absolut keine Option war.

Du hast mir selbst in den dunkelsten Momenten noch Hoffnung gespendet, wenn ich abgekämpft nach den 14-Stunden-Arbeitstagen heulend auf dem Sofa zusammengebrochen bin. Dann warst Du für mich da und hast mich getröstet, mir ein leckeres Essen gekocht und mich mit deiner starken Zuversicht wieder aufgerichtet.

Dann war da dieser Abend im November. Am Vorabend unseres Hochzeitstages. Etwas war anders. Du warst anders. Ich brachte Dich ins Krankenhaus. Akutes Nierenversagen. Jetzt war es wirklich ernst. Dein Leben stand auf der Kippe.

Unseren 4. Hochzeitstag und Deinen 40. Geburtstag verbrachtest Du im Krankenhaus. Ab dem Tag hatte deine Niere einen Schaden und das Unglück nahm seinen Lauf. Ab jetzt warst Du auch nicht mehr ganz so zuversichtlich. Der Schrecken saß tief. Der Tod saß real im Nacken.

Der einzige Hoffnungsschimmer war unsere Reise nach China Ende Dezember, welche wir mit meinem Bruder Steffen und seiner Frau Andrea schon vor über einem Jahr geplant hatten. Dies war dein Kraftdatum. Dein Ziel. Dafür hast Du gekämpft. China wolltest Du unbedingt sehen.

Und welch Wunder, am 13.12. bekommen wir die Info, dass der Krebs komplett inaktiv ist und dass Du nach China darfst.

Wir fliegen eine Woche später nach Shanghai. Was für wunderbare drei Wochen. Wir sind wieder so glücklich wie am Anfang unserer gemeinsamen Zeit. Und geläutert, und dankbar und demütig.

Da ist Hoffnung und Zuversicht. Und chinesischer Schweinebauch. All das leckere Essen und die unzähligen Eindrücke.

Nach unserer Rückkehr starten wir langsam wieder gemeinsam mit dem Catering. Wie unglaublich schön ist es, mit Dir wieder zusammen im Auto zu sitzen, zur Messe auf unser Hochzeitssschloss zu fahren, die Zukunft zu planen und zusammen zu arbeiten.

Und endlich wieder zu leben.

Doch deine Kraft kehrt nicht zurück. Die Zeit nach der Chemotherapie wird gar noch schwerer, da Du ungeduldig wirst und Dein Körper nicht so will und kann wie Du.

Und dann passiert das Monströse und Unvorstellbare:

Am 22.02.2019 stirbst du plötzlich und überraschend an akutem Organversagen.

Der Krebs kommt mit unglaublicher und unaufhaltsamer Kraft zurück.

Innerhalb von zwei Wochen hat er es geschafft, 95 % deiner Leber zu metastasieren. Du hattest gar keine Chance. Unser Feind ist stärker. Gegen diesen Endboss konntest selbst Du nichts ausrichten.

Du bist im Traum gegangen. Um 5:30 Uhr hast Du Dich auf die andere Seite aufgemacht und ich bin in die Metro zum Einkaufen gefahren.

Ich hoffe, Du hast in diesem Moment etwas Wunderbares geträumt und hängst für immer an diesem Ort fest.

Vielleicht irgendwo schwebend über den Teeplantagen von Kerala. In der würzigen Morgenluft unter dem weiten blauen klaren Himmel.

Ich vermisse Dich so sehr und liebe Dich für immer!

Du, meine Hälfte bist nun auf der anderen Seite.

Ich spüre aber, dass Du immer noch bei mir bist. Genauso, wie Du es mir an unserem Hochzeitstag versprochen hast, beschützt Du mich. Das hast du auch schon bewiesen, denn ich lebe noch.

Du wirst für immer einen Platz in meinem Herzen haben.

Ich danke Dir für alles, was Du für mich getan hast und entschuldige mich dafür, dass ich manchmal so ein Drachen war.

Deine Dana

Unser Lied

Ich setze mich wieder inmitten meiner Powergirls und kann endlich weinen.

Nun geht noch mal der Bestatter ans Rednerpult. Er ist selbst ganz bewegt von meiner Rede und sagt „Chapeau! Chapeau, liebe Dana“. Das ist alles sehr verrückt. Vielleicht sollte ich Trauerreden schreiben?

Nach der Rede des Bestatters folgt das letzte Lied, um Steffen zu seinem letzten Ruheort zu bringen. Ich habe mich hierfür entschieden:

Ein Gruß aus Berlin

Eigentlich wollte ich Prodigy mit „Outerspace“ abspielen lassen, dachte aber, dass die ausgeübte Auswahl wohl den besseren Schreitrhytmus hat. Im Nachhinein ist dies wohl die einzige Fehlentscheidung des heutigen Tages.

Mit Prodigy hatte ich bei der Planung Bilder im Kopf, dass bei „Outerspace“ die Urne im Takt hochfliegt, der Deckel sich löst und sich die Asche auf unseren Köpfen verteilt. Das wäre zwar ganz in Steffens Sinne und passend zu seinem Humor gewesen, aber wir sind ja nicht allein auf der Welt.

Am Grabplatz direkt neben meiner Mama angelangt, ist ein Loch für die Urne eingelassen worden. Bedächtig lässt der Friedhofsangestellte Steffens Urne hinab. Verrückt, wie man schreibt „Steffens Urne“ und nicht „Steffen“. Denn Steffen ist ja immer mit uns, nicht da unten drin. Ganz klar. Ist ja nur Asche.

Ich werfe Steffens Eierbecher und die Mama ein wachsweich gekochtes Ei neben die Urne. Dann gebe ich noch eine große Lilienblüte und Blütenblätter hinter her. Jeder wirft nach mir Blütenblätter auf die Urne und verabschiedet sich von Steffen. Frau V. steht schon bereit und verteilt kleine Plastikbecher mit Wodka. Ich bekomme zwei, denn ein Becher ist natürlich für Steffen. Diesen Wodka schütte ich über seine Urne. Den Rest trinken wir alle auf Steffen. Es fühlt sich genau so unorthodox wie bei unserer Hochzeit an. Da gab es nach der Trauung noch in der Kirche für jeden Slivovitz.

Ich liebe das!

Danach gehen wir ins Schützenhaus. Es gibt Kaffee und Kuchen. Steffens Mama hat noch Dresdner Eierschecke mitgebracht.

Die Suppen sind auch aufgewärmt und stehen auf dem Buffet. Steffens Geist hat sich einen Scherz erlaubt und das Chilli im Topf überkochen lassen. Wahrscheinlich hatte er etwas am Stellplatz der Partytöpfe zu meckern. Denn Steffen war immer für den Buffetaufbau zuständig, nie war es für ihn perfekt. Wie jetzt wahrscheinlich auch nicht. Also gibt es kurzerhand einen Streich von ihm. Das passt zu ihm.

Ich komme kaum hinterher, mit allen tollen Gästen ausführlich zu sprechen. Es sind so viele. Viele habe ich seit Jahren nicht gesehen. Alle sind wegen Steffen da.

Später am Abend starten die Brüder, meine und Steffens, den Grill. In Windeseile werden die ganzen Würste gegrillt, das Essen steht bereit.

Alle helfen, alle Hände greifen ineinander wie ein gigantisches Uhrwerk. Der eine wäscht ab, der nächste räumt die Tische ab. Irgendjemand holt Brot, die anderen Wodka und Zigaretten, die Grenze ist ja nicht weit. Alle verstehen sich, dazu gibt es sehr gute Musik.

Am späteren Abend wird der Krachwürfel in den Tanzbereich geschoben und dann startet die Magie:

Steffens Freunde aus der Jugend tanzen mit Steffens 20jährigem Neffen zu wilder Technomusik aus den 90ern. Sie übergeben an F. den Staffelstab der guten Laune und rhythmischen Bewegung. So wie es Steffen gerne noch getan hätte. Ich tanze auch wie seit Jahren nicht mehr.

Irgendwann ist alles Essen aufgegessen, die Wodkas sind alle, die Mate und das Wasser auch.

Nachts um 4:00 Uhr schließen Frau A. und ich das Schützenhaus ab und laufen in bitterer Kälte nach Hause. Minusgrade empfangen uns in der dunklen Nacht.

Es schneit.

Steffen wirft Schneekonfetti auf uns. Ich denke, diese Beerdigungsparty war ganz nach seinem Sinne.

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