12. Mai 2019

Nachdem ich bis gestern wieder auf dem Hochzeitsschloß in der schönen Uckermark gearbeitet hatte – ja es ist schön da:

idyllischer Morgen am See
Morgens am See in der Uckermark

hatte ich Angst vor der Heimfahrt, nachdem ich letzte Woche in ein Loch gefallen war. Denn der härteste Moment ist der, wenn man nach Hause kommt und die Wohnung leer ist, kein Abendessen ist da und das schlimmste ist: keiner erwartet Dich und Du realisierst hart, dass Du allein bist. Mutterseelenallein.

Also habe ich in dieser Woche dazu gelernt:

Begib Dich direkt über los in den Schoß deiner lieben Freunde!

Wider Erwarten bin ich nämlich lernfähig und habe mich bei Freunden zum Abendessen und Übernachten eingeladen.

Wie immer gilt, all unsere Freunde haben auch einen Teil von Steffen und mir in sich, was bedeutet, dass ich bei den beiden auch nach Hause komme.

Home is where your heart is …

Nach einem leckeren Abendbrot und vielen verquatschten Stunden gehe ich ins Bettchen und schlafe wunderbar. Wir frühstücken und irgendwann fahre ich an diesem sonnigen Maimorgen nach Hause.

Als ich das Tor zum Parkplatz abschließe, sehe ich schon meine liebe ältere Nachbarin angewackelt kommen, welcher ich damals mit den Einkäufen geholfen habe. Wie das damals war, lest hier.

Sie hat eine einzelne Rose in der Hand und strahlt über das ganze Gesicht. Ich lehne mich auf das Tor, wie man das auf dem Dorf so macht, nur halt in der Stadt.

„Das ist aber ein schönes Auto, so geräumig, was arbeiten Sie denn?“ fragt sie. Ich erzähle ihr vom Catering und dann auf einmal wird ihr wieder klar, „Ach ja, Sie hatten ja einen Sterbefall in der Familie?“.

Ich erzähle ihr kurz von Steffen und sie drückt mich spontan und sagt: „ich bin die Ältere, also, ich bin die Anneliese. Mein Mann hatte einen Hirnschlag und dann habe ich ihn 12 Jahre gepflegt, das war furchtbar.“ Mir kommt das natürlich bekannt vor, dieselbe Geschichte kenne ich von Papa und Mama. Irgendwie fühle ich mich jetzt schon mit ihr verbunden.

Sie erzählt mir, dass sie gerade aus der sonntäglichen Kirchengruppe kommt, wenn ich mag, kann ich gerne mal mitkommen:

„Ich habs ja nicht so mit Gott, aber es gibt viele jüngere Menschen zwischen 40 und 50 da, denn meine alten Bekannten kann man ja vergessen, da ist nichts mehr los, die sterben alle weg und die jammern nur noch über ihre Krankheiten. Da gehe ich lieber in diese Gruppe.“

Und dann kommts: „Als ich meinen Mann ins Pflegeheim gegeben hatte, da hatte ich ja auch noch so einen Sportsfreund.“

Das muss ich mir kurz auf der Zunge zergehen lassen. Meine Ohren schlackern. Ja genau!

Was für eine tolle ältere Dame.

Weiter erzählt sie mir noch, dass sie sich im Quartiersmanagement engagiert und sich dort mit noch mehr jungen Menschen trifft, hier und da hin geht. Dass sich ihre Kinder nicht mehr melden und nicht mal am Muttertag gemeldet haben und keinen großen Kontakt mehr mit ihr haben. Also lässt sie sich ganz schlau von ihrem Umfeld und dem neuen Freundeskreis auffangen. Ein schlaues Konzept in der Stadt.

Ich finde daher, sie macht alles richtig, hier die perfekten

Tipps gegen die Alterseinsamkeit:

  • habe viele soziale Kontakte
  • triff dich mit Jüngeren und Gleichgesinnten
  • integriere dich bei Sachen, die dich interessieren
  • mache dich unentbehrlich

Ich kann nicht sagen, wie alt sie ist, ich schätze sie ist um die 70. Aber sie ist komplett in unserem Wohnblock integriert. Anneliese leuchtet und strahlt so viel Freude aus. Sie hat am 16. Mai Geburtstag, ich werde mal bei ihr vorbei gehen.

Glücklich und beseelt gehe ich ins Haus und nehme mir fest vor, gleich darüber in diesem Blog zu schreiben, es ist ja schließlich Sonntag – Blogtag.

Ich gehe zum Briefkasten und plötzlich sagt mir mein Bauchgefühl:

„Obacht, Scheißealarm!“

Und richtig, auf mein Gefühl ist verlass: 14 Briefe purzeln mir entgegen.

Eine illustre Mischung aus Finanzamt (brenne!), Versicherungen von Steffen, Krankenkasse, Rechnungen von der Charité und anderes Dreck und Elend.

Ich öffne die Briefe und jeder Brief zwingt mich zu irgendwelchen zukünftigen Taten:

  • ich muss endlich den Erbschein beantragen, sonst geht da nichts weiter
  • Arztbrief besorgen, woran und warum denn nun Steffen gestorben ist – warum? das frage ich mich auch ständig.
  • Versicherungsscheine finden (Fuck off, und das in Steffens Ordnung – große Freude) – warum brauchen die den Scheiß? Ich bin ich und Steffen ist Steffen, die sollten doch ihren Scheiß soweit klar haben, dass das ohne Umstände funktionieren sollte
  • Rückbuchungsbelege von Steffens Konto, da es ja geschlossen ist, wegen Tod. Also muss ich die auch alle abtelefonieren, gekündigt hatte ich ja schon. Aber Hand-links weiß ja bekanntlichermaßen nicht was Hand-rechts tut.

Meine Motivation ist im Keller. Und schon habe ich keinen Bock mehr. Die scheiß Sonne scheint. Fick Dich!

Ach Steffen, das hättest Du nicht gewollt, dass ich mich um den Scheiß kümmern muss. Ich weiß. Aber ich werde es tun müssen. Aber erst morgen.

Heute schau ich nur noch Netflix und ziehe die Vorhänge zu.

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