13.07.2018 – 28 Grad Celsius

Und um 6 bin ich schon wieder wach. Das Adrenalin peitscht. Ich vermisse Steffen. Da wir getrennte Wohnungen haben – zusammenziehen in eine größere Wohnung ist in der Berliner Mietsituation keine Option, schon gar nicht, wenn man selbstständig ist – bin ich es eigentlich gewohnt, ohne Steffen zu sein. Aber diese Sache hier ist eine ganz andere Dimension. Was hilft jetzt? Irgendwie weitermachen. Ich muss die Buchhaltung des letzten Monats machen. Bei jeder Rechnung muss ich an den jeweiligen Tag denken, wo alles noch so normal und der Krebs undenkbar war. Ich würde so gerne zurücktauschen. Zu der Zeit. Damals. Obwohl man nicht zufrieden war, weil man komplett überarbeitet war, aber alles ist besser, als das hier jetzt. Ich heule Rotz und Wasser. Mittendrin ruft mich Steffens Mama an. Kein guter Zeitpunkt. Ich sage Ihr, wenn Steffen nicht mehr ist, habe ich keinen Lebenssinn mehr. Bis dahin halte ich aber alles aus. Bestürzt beenden wir irgendwann das Gespräch. Alles ist so schwarz. Ich räume den Kühlschrank aus, werfe Steffens ersten selbstgebackenen Marmorkuchen weg. Wird er jemals wieder einen Kuchen backen? Heulen again. Mittags meldet sich ein guter Freund. Er will ins Krankenhaus, Steffen besuchen. Ich hole ihn zuhause ab, wir fahren hoch. Er versucht mich aufzubauen, sein Mann hatte über Jahre alle möglichen Sorten Krebs, aber er lebt immer noch und ist endlich gesund. Er sagt, heute ist Freitag der 13., also wird alles gut. In der Klinik muss Steffen voll heulen, als er uns beide sieht. Er hatte schon einen Termin mit der Klinikpsychologin aber die war danach psychisch noch fertiger als Steffen. Super.

Dann kommt die Ärztin und sagt, dass Steffen am Folgetag nach Hause kann. Und übrigens wurde beim großen Blutbild eine alte – ja fast 20 Jahre alte – Borreliose festgestellt. Frei nach dem damaligen Zeitgeist, hatten wir die schon 2008 mit Hilfe einer Heilpraktikerin mit Globuli ausleiten lassen. Überraschenderweise war aber die Borreliose immer noch da. Die Heilpraktikerin sagte, nur das Ausleiten hilft wirklich, da sich die Borrelien vor dem Antibiotikum verstecken. Wir hatten uns darauf verlassen, Steffen hat einen Monat lang Pusteln am ganzen Oberkörper gehabt, die unmenschlich gejuckt haben und dann sollte es gut sein. Soso. Alles Quatsch. Schimpft uns blauäugig.

Merke: wenn es wirklich übel ist, Schulmedizin. Wenn die nicht mehr hilft oder es ist nicht wirklich schlimm, Heilpraktiker.

Umgehend bekommt Steffen seinen Antibiotika-Tropf. Morgen früh noch einen und danach startet die 14tägige Antibiotika-Kur – bis zum Onkologentermin in 2 Wochen. Alles verrückt, Borreliose ist auch eine Ursache für Lymphknotenschwellungen bzw. Lymphdrüsenkrebs. Ständige Entzündungen machen Krebs. Große Freude, da nun endlich Licht ins Dunkel kommt. Wir fahren nach Hause, Unser Freund bietet mir an, ein Bierchen abends zu trinken, er sagt, das tut gut in so einer Situation. Also fahre ich nach Hause, schnappe mir mein Rad und fahre zurück nach Schöneberg. Dort treffe ich auf all unsere anderen Freunde und alle geben mir Kraft und bieten Unterstützung an. Ich glaube, in unserer jetzigen Gesellschaftsform sind gute Freunde vor Ort ein mehr als adäquater Familienersatz. Apropos, nachdem Steffens Bruder von seiner Mama darauf hingewiesen wurde, sich vielleicht doch mal bei seinem Bruder zu melden, hat er dann auch gleich angerufen und sich erkundigt, wie es um Steffen steht.

Familie vs. Freunde 1:1

Positiv:

Freunde
Steffen kommt morgen nach Hause
Borreliose wurde entdeckt

einen Tag zurück oder weiter?

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