Viel zu zeitig, um 6:00 Uhr bin ich schon wieder von alleine wach. Das Adrenalin peitscht mich  aus dem Bett. Ich vermisse Steffen so sehr. Heute ist Freitag der 13., hat das eine Bedeutung? Vor drei Tagen begann der ganze Wahnsinn erst

Da wir getrennte Wohnungen haben – zusammenziehen in eine größere Wohnung ist in der aktuellen Berliner Mietsituation einfach keine Option, schon gar nicht, wenn man selbstständig ist – bin ich es eigentlich gewohnt, ohne Steffen zu sein. Aber diese Sache hier hat eine ganz andere Dimension.

Was hilft jetzt? Irgendwie weitermachen.

Buchhaltung

Ich muss die Buchhaltung des letzten Monats machen. Bei jeder Rechnung die ich in die Hand nehme, rekapituliere ich den jeweiligen Tag vor einem Monat, in meiner Erinnerung fliege ich dort hin, wo alles noch so normal und der Krebs unvorstellbar war.

Ich würde so gerne zurücktauschen. Zu der Zeit. Damals.

Obwohl man nicht zufrieden war, weil man komplett überarbeitet und am gesundheitlichen Limit war, war dennoch alles besser, als das hier jetzt. Denn Steffen war gesund und hatte keinen Krebs.

Ich heule Rotz und Wasser. Mittendrin ruft mich Steffens Mama an. Kein guter Zeitpunkt. Ich sage Ihr, dass ich keinen Lebenssinn mehr habe, wenn Steffen nicht mehr sein sollte. Bis dahin halte ich aber alles aus. Bestürzt beenden wir irgendwann das Gespräch. Die gemeinsame Zukunft mit Steffen sieht so schwarz und hoffnungslos aus.

Ich räume den Kühlschrank aus, werfe Steffens ersten selbstgebackenen Marmorkuchen weg. Wird er jemals wieder einen Kuchen backen? Heulen again.

Steffens Marmorkuchen

Freitag der 13.

Mittags meldet sich ein guter Freund. Er will ins Krankenhaus um Steffen zu besuchen. Ich schlage ihm vor, gemeinsam zu fahren und hole ihn zuhause ab.

Er versucht mich aufzubauen, sein Mann hatte über Jahre alle möglichen Sorten Krebs, aber er lebt immer noch und ist endlich gesund. Er sagt, heute ist Freitag der 13., also wird heute alles gut.

Freundschaften

Als wir gemeinsam Steffens Zimmer betreten, fängt Steffen sofort an zu weinen, als er uns beide sieht. Er wollte eigentlich nicht, dass seine Freunde seine Krankheit mitbekommen, aber genau dafür sind doch Freunde da!

Steffen hatte heute auch schon einen Termin mit der Klinikpsychologin. Aber nach dem Gespräch mit Steffen war die Arme psychisch noch fertiger als Steffen und hat das Zimmer heulend verlassen. Super.

Dann kommt auch wieder die Ärztin und sagt uns, dass Steffen am Folgetag nach Hause kann. Unser Freund E. schaut uns an und sagt: „siehste, heute ist Freitag der 13., das bringt Glück!“

Borreliose

Weiter informiert uns die Ärztin, dass beim großen Blutbild eine alte – ja fast 20 Jahre alte – Borreliose festgestellt wurde. Frei nach dem damaligen Zeitgeist, hatten wir diese Viren schon 2008 mit Hilfe einer Heilpraktikerin mit Globuli ausleiten lassen. Haben wir gedacht. Überraschenderweise war aber die Borreliose immer noch da. Natürlich.

Die Heilpraktikerin sagte uns vor der Behandlung, nur das Ausleiten hilft wirklich, da sich die Borrelien vor dem Antibiotikum verstecken. Wir hatten uns darauf verlassen, Steffen hat einen Monat lang Pusteln am ganzen Oberkörper gehabt, die unmenschlich gejuckt haben und dann sollte es gut sein. Soso. Alles Quatsch. Schimpft uns blauäugig.

Merke: wenn es wirklich übel ist, Schulmedizin. Wenn die nicht mehr hilft oder es ist nicht wirklich schlimm, Heilpraktiker.

Umgehend bekommt Steffen am Freitag den 13. seinen Antibiotika-Tropf. Morgen früh noch einen und danach startet die 14tägige Antibiotika-Kur – bis zum Onkologentermin in 2 Wochen.

Das ist alles so verrückt, denn Borreliose ist auch eine Ursache für Lymphknotenschwellungen bzw. Lymphdrüsenkrebs.

Ständige Entzündungen verursachen Krebs im Körper!

Nun herrscht bei uns dreien große Freude, da nun endlich Licht ins Dunkel kommt. Wir verabschieden uns vom tapferen Steffen und fahren nach Hause. Was für ein Freitag der 13.!

Abends schickt mir Steffen noch ein Bild von seinem leckeren Abendbrot.

Abendessen in der Parkklinik
Steffens Abendbrot in der Parkklinik

Schöneberg

E. bietet mir auf dem Heimweg an, heute Abend mit Freunden ein Bierchen zu trinken, er sagt, das tue gut in so einer Situation. Also fahre ich nach Hause, schnappe mir mein Rad und fahre zurück nach Schöneberg. Dort treffe ich auf all unsere anderen Freunde und alle geben mir Kraft und bieten Unterstützung an.

Ich glaube, in unserer jetzigen Gesellschaftsform sind gute Freunde vor Ort ein mehr als adäquater Familienersatz. Apropos, nachdem Steffens Bruder von seiner Mama darauf hingewiesen wurde, sich vielleicht doch mal bei seinem Bruder zu melden, hat er dann auch gleich angerufen und sich erkundigt, wie es um Steffen steht.

Familie vs. Freunde 1:1

Positiv:

Freunde
Steffen kommt morgen nach Hause
Borreliose wurde entdeckt

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