13. Mai 2019

Ein Besuch in der Charité und im Amtsgericht

Nach dem faulen gestrigen Nachmittag habe ich genügend Energie für heute getankt.

Das habe ich manchmal, da gibt es Tage, da starre ich nur auf den Monitor und bekomme einfach nichts hin. Dann sage ich zu mir, das wird heute nichts.

Mache heute nichts und dafür morgen alles

Dana

Mein Körper versteht das und fährt komplett runter, um dann am Folgetag richtig durchzustarten.

Anders hätten wir das Selbstständigendasein nicht überstanden. Man braucht diese Fähigkeit, dass normale Leben komplett auszuschließen und alle pickernden Sorgen komplett zu ignorieren. Das kann man lernen, glaubt mir. Meditieren hilft da super und Selbstachtsamkeit.

Nun gut, an diesem Montagmorgen war ich voll motiviert und dachte mir so:

Du musst mit der übelsten Aufgabe zuerst anfangen. Wenn Du das dann erstmal geschafft hast, ist alles andere danach nur noch Pipifax.

Zuerst in die Charité

Die übelste erste Aufgabe des Tages war, zur Charité zu fahren, da sämtliche Versicherungen von Steffen nach dem Arztbrief und der Todesursache verlangten. Und ich wollte unbedingt den Sektionsbericht aus der Pathologie.

Schon vor Wochen hatte ich die Charité angeschrieben, mir alles zu übersenden und seit anderthalb Wochen versuchte ich täglich, irgendjemanden diesbezüglich an das Telefon zu bekommen. Also musste ich mich jetzt aufraffen, dorthin zu fahren.

Das war jetzt das zweite Mal, dass ich zur Charité fahre, ohne dass Steffen dort ist. Ich werde ihn nicht besuchen können, da er nicht mehr da ist.

Ich fahre also heute zurück an diesen Ort, an dem Steffen starb. Der Ort der soviel Hoffnung innehielt. Unglaublich freundliches und hilfsbereites Personal. Und soviel Zuversicht. Gefüllt war mit dem strahlenden Lächeln von Steffen, wenn er mich sah, wenn ich das Zimmer betrat.

Und gefüllt war mit ganz vielen Sorgen und fürchterlichen Ängsten. Weinen im Fahrstuhl. Der furchtbaren Angst, Steffen zu verlieren. Gedanken darüber, wie es jetzt nur weiter gehen würde. Hypothesen aus der Hölle.

Und jeder Patient, jeder Besucher da drin hat andere Sorgen und Lebensängste.

Charité in Berlin

Ich finde, energetisch ist die Charité ein ganz spezieller Ort, es ist gut, dass sie so hell und weiß gestrichen ist, das hebt das Ganze ein bisschen.

Also setze ich mich auf mein Fahrrad und fahre im Berufsverkehr in die Charité, klinke mich kurz in das normale Leben ein und fühle mich wie ein Fremdkörper, der jenseits von Raum und Zeit unterwegs ist.

Als ich in der Charité auf Steffens Etage ankomme, bin ich über meine Gefühle überrascht. Ich habe keine Angst! Ich habe keine Angst vor dem was jetzt kommt. Wie eigentlich sonst immer dort.

Auf dem Gang kommt mir genau der Pfleger entgegen, der mich damals bei Steffens Tod in Empfang genommen hat. Was für ein Zufall! Oder auch: wie toll hat das Steffen auf der anderen Seite wieder eingefädelt. Wir begrüßen uns, fragen, wie es uns geht und ich bringe mein Anliegen vor.

Er führt mich in ein separates Zimmer. Dort befindet sich die zuständige Sachbearbeiterin. „Ach Frau Heidrich, schön dass sie kommen, ich hab da schon alles vorbereitet!“ und legt mir den Pathologiebericht vor die Nase. Ihr Telefon klingelt, sie stürmt aus dem Zimmer, da sie noch etwas erledigen muss.

Da sitze ich nun, am Katzentisch, mit dem Pathologiebericht vor der Nase. Am Schreibtisch sitzt der nette Pfleger, wir unterhalten uns kurz, ich fange an, im Bericht zu blättern.

Auf der dritten Seite springen mich die Bilder von Steffens sezierter Leber an. Steffens Leber, die noch vor kurzen in ihm drin war. Die zu meinem geliebten Steffen gehörte. Jetzt sehe ich dieses Organ in Scheiben geschnitten. Das ist surreal.

Die Leber ist komplett vom Krebs zerfressen. Das sehe sogar ich. Da war nur noch 1,5 cm normales Lebergewebe! Entsetzt schaue ich den Pfleger an, er kommt zu mir, schaut auch darüber. Sprachlos.

Hätte man das eher – soviel eher gibt es nicht, vielleicht eine Woche – erkannt, hätte man Steffen wohl auf die Intensivstation gebracht und verzweifelt eine Spenderleber gesucht und er hätte fürchterlich dabei gelitten, sage ich. Der Pfleger nickt. Er hätte das bei seiner Oma erlebt, das ist nicht schön.

Steffen hat es genau richtig gemacht: er hat einen polnischen Abgang gemacht!

Die Sachbearbeiterin kommt zurück und druckt mir noch den Arztbrief aus. Ich verabschiede mich von beiden, wahrscheinlich sieht man sich noch mal wieder, denn ich möchte noch mal mit dem behandelnden Arzt final sprechen.

Als ich das Gebäude verlasse, bin ich seltsam erlöst. Das habe ich jetzt geschafft. Nun folgt die Nummer 2 auf der To-Do-Liste:

Erbschein beantragen

Also fahre ich weiter in das wunderschöne Amtsgericht auf der Littenstrasse.

Amtsgericht Berlin-Mitte

Nachdem ich die Sicherheitsschleuse und die betroffenen Gesichter des Sicherheitspersonals ob meines Anliegens passiert habe, werde ich zur Information geschickt.

Nach einer kurzen Wartezeit muss ich nur einen einseitigen Antrag ausfüllen und eine beglaubigte Kopie der Sterbeurkunde hinterlegen und schon bin ich fertig.

Es ist gerade mal 11:00 Uhr und ich habe alles erreicht. Mir langt das auch für heute.

Pathologiebericht

Als ich endlich zuhause bin, führe ich mir den Arztbrief und den Sektionsbericht in Ruhe zu Gemüt:

Steffen hatte einen wunderbaren gesunden Körper. Das Nasopharinxkarzinom war komplett inaktiv, in den Lymphen gab es keinen Krebs mehr. Nirgends im Körper wurden noch Krebszellen gefunden.

Sein Gehirn war gesund und normal ausgeprägt, das Herz gesund und stark. Es gab keine Verfettungen und Verkalkungen. Ein top gesunder Mensch.

Die Niere hatte aufgrund des Nierenversagens (klick hier) im November einen Treffer und arbeitete nicht mehr optimal. Das war bekannt.

Und jetzt kommt das Tragische:

Krebszellen aus dem Nasopharynxkarzinom haben sich über den Lymphkreislauf zu den Lymphknoten der Leber gerettet. Diese waren im PET-Scan im Dezember nicht sichtbar, weil sie so klein waren.

In den letzten zwei bis drei Wochen ist der Krebs aus dieser Metastase in rasenden Geschwindigkeit gewachsen.

Wenn sich Leberkrebs aus Metastasen von einem anderen Organ entwickelt, sogenannter sekundärer Leberkrebs, kann man allerhöchstens noch am Beginn der Diagnose etwas machen (und dafür war es definitiv zu spät):

  • Operation – Krebsgewebe herausschneiden
  • Spenderleber – aber nur, wenn sich keine Metastasen gebildet haben
  • Bestrahlen

Wir hatten keine Chance. Null Chancen. Hätten wir es eher entdeckt, hätte sich nur Steffens Leidensweg verlängert.

Steffens Leber hat in dieser Nacht des 22.02.2019 kapituliert.

Die Leber war offensichtlich Steffens Sollbruchstelle:

Als Baby hatte er schon Neugeborenengelbsucht.

Als Steffen im Juli (klick hier) bei der Erstdiagnose in der Radiologie gehört hat, dass er Metastasen in der Leber hat, hat er zu mir gesagt: „Ich trinke keinen Alkohol mehr, bis diese Metastasen weg sind“.

Im Dezembertermin (klick hier), beim zweiten und finalen PET-Scan, als uns die Ärztin sagte, der Krebs ist weg, war Steffens erste Frage: „die Metastasen in der Leber auch?“.

Als hätte er es geahnt.

Im Rückblick ergibt immer alles einen Sinn. Auch das, was im ersten Moment keinen Sinn ergibt.

Der tapfere Steffen ist ganz schnell an multiplem Organversagen gestorben. Denn wenn die Leber aufhört zu arbeiten, bricht das ganze System zusammen.

Ich bin froh dass ich den Sektionsbericht in der Hand halte. Dass ich nicht schuld an seinem Tod bin, da ich ihn nicht eher ins Krankenhaus gebracht habe.

Zu wissen, dass die Ernährungsumstellung gut für Steffen war, denn der restliche Körper ist ja super gesund!

Das ist komisch beruhigend.

Das es dann doch so gekommen ist.

Dass Steffen den Polnischen gemacht hat.

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