16.07.2018 – 29 Grad Celsius

Steffen hat sich nach dem gestrigen emotionalen Tag etwas beruhigt. Er hat richtig gute Laune, er ist zuversichtlich. Aber wir zwei sind schon wie ein altes Paar Schuhe: immer dann, wenn Steffen gute Laune hat und Energie, bricht es bei mir ein, kann ich mich fallen oder vielleicht sogar etwas hängen lassen. Ich lasse Gedanken über die Zukunft zu, wie soll es jetzt weiter gehen und bekomme Panik. Steffen versucht mich zu beruhigen. Er sieht es aus der Sicht, dass wir jede Woche oder auch jeden Tag einzeln angehen bzw. abarbeiten. Bis die Sache durchgestanden ist.

Jetzt gerade haben wir zwei Wochen für uns geschenkt bekommen, bis es zum Onkologen geht. Wir gehen natürlich davon aus, dass die Chemotherapie vergleichbar mit einer Nahtoderfahrung ist, die man quasi schlecht überlebt. Hollywood sei dank stellt man sich ja Krebs immer so vor:

  1. plötzlich aus dem Nichts hat jemand was und es ist Krebs
  2. Krebs ist im Endstadium
  3. Person liegt mit Glatze an Schläuchen auf der Intensivstation
  4. Person ist tot

Also, wir haben noch zwei normale Wochen geschenkt bekommen. Es ist Sommer, die Sonne scheint, es sind gerade wenig Aufträge zu erledigen, da Ferien sind und ich die Zeit frei für Steffens Nasenoperation gehalten habe. Eigentlich ist, in diesem Rahmen aus Scheiße betrachtet, alles fantastisch. Also gehen wir in die Bibliothek. Steffen braucht Bücher für die Zeit der Chemotherapie, welche ja auf 5 Wochen stationär angesetzt ist und ich brauche Bücher zum Ablenken.

Bis jetzt konnte ich mich immer auf mein Unterbewußtsein verlassen: in beschissenen Zeiten träumte ich wunderschöne bunte Träume. Ich konnte mich fein aus der Realität flüchten. Als wenn meine Psyche das Schwarz des Tages auslöschen wollte. Aber dieses Mal, bei Steffens Krebs, träume ich nur noch Alpträume. Also können mich nur Bücher retten, um aus dem Wahnsinn kurz zu flüchten. Dann fahren wir kurz in die Metro und kaufen alles für den Auftrag am Folgetag ein.

In der Metro stellen wir fest, dass Steffen eine sehr geringe Belastungsspanne hat, also maximal 100 m in der Metro laufen kann, dann gehen Schwindel und Kopfschmerz los. Ich schicke ihn raus.

Dann geht’s mit den Einkäufen in die Küche und um die Ecke ins Krankenhaus um die Röhrchen aus Steffens Nase zu ziehen, die bei der OP zur Stabilisation eingeführt wurden. Alles ist prächtigst verheilt. Die Ärztin sagt, wenn dann der Krebs aus dem Nasenrachenraum auch noch weg ist, kann er unglaublich gut atmen und riechen. Im Park vor dem Krankenhaus genießt Steffen, dass er das erste Mal im Leben mit beiden Nasenlöchern atmen und riechen kann.

Das ist natürlich bei mir zuhause in Kreuzberg von großem Nachteil, der Hausmeister hat im Großaufgebot ein Rattennest ausgehoben und die Ratten vergiftet. Diese liegen aufgeblasen und leise vor sich hinverwesend überall auf dem Parkplatz verstreut herum.

Am Abend beruhige ich mich langsam. Ich koche für Steffen. Es gibt eine leckere Reisbowl mit Tofu.

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einen Tag zurück oder weiter?

 

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