17.09.2018 – 26 Grad – Tag 69

Halb Acht springen wir aus dem Bett und laufen zum Bäcker. In meinem Heimatort gibt es den besten Bäcker, den ich kenne. Da dieser Bäcker aber heute am Montag Ruhetag hat, müssen wir zum Alternativbäcker, der ist nicht ganz so toll, aber immer noch besser, als jeder Bäcker in Berlin.

Dann hurtig mit den Backwaren nach Hause, frühstücken, da wir heute mit der Bimmelbahn fahren!!!! Diese Idee wurde gestern Abend spontan geboren, die Zugabfahrtszeiten dank neuer Medien gecheckt und der Plan festgezurrt.

Als wir nun zum Zug laufen, ruft mich die Arzthelferin meiner Allgemeinärztin an, die Blutwerte sind da. Sie meint, bis jetzt habe ich nur Vitamin D Mangel, alles andere erfahre ich dann im Termin nächste Woche. Ich mache mich kurz verrückt aber anders herum betrachtet, solange ich den Termin nicht habe, habe ich auch nichts, weil ich ja nichts weiß. Und Steffen sagt den beruhigenden Satz, „wenn es etwas schlimmes wäre, würden die es Dir direkt sagen“. Das hat er jetzt gelernt. zwangsweise.

Zurück zu diesem wunderbaren sonnigen Herbsttag. Also: 10:15 Uhr geht der Zug nach Zittau. Der ehemals mondäne Bahnhof steht mittlerweile leer, man kann nicht mehr in das Gebäude.

Bahnhof Ebersbach-Neugersdorf

Auf der Warteplattform wurde ein kleiner Wartepunkt für die nun kommende Mini-Bahn eingerichtet. Nach 20 Minuten sind wir auch schon in Zittau. Faszinierend. Früher brauchte man irgendwie für die Strecke ewig. Aber da war ich auch 15 Jahre alt und da war das Zeitgefühl wohl noch ein anderes.

Und in Zittau angekommen geht es zur Bimmelbahn. Wir fahren nach Oybin. Die Bimmelbahn ist eine alte Dampflok mit wunderbaren alten Personenwagen mit Austritt vorn und hinten. Wo man theoretisch sogar draußen stehen kann. Auf den Tischen stehen Blumenvasen. Alles ist aus Holz. Und ganz neu gibt es auch einen Cabrio-Anhänger, ohne Verdeck.

Nun, wir stehen in der Schlange und warten, um uns die Fahrkarten zu kaufen. In dem Moment raunt mir Steffen zu, als er sieht, dass der Herr vor uns 44 Tickets kauft, „Dana, reserviere uns Plätze auf dem Cabriowagen!!!“ im selben Moment drückt mir mein Vater drei Karten in die Hand, irgendwie aus Reflex. Ich renne mit den Karten in der Hand, ich denke nur, dass es Flyer sind, aus dem Kartenhäuschen und sprinte zum Zug und reserviere die letzte freie Vierergruppe für uns. Ah, die Vorteile als Stadtmensch… da schaltet man manchmal etwas schneller.

Irgendwann kommen dann auch Papa und Steffen dazu, wir sind happy über die Plätze und wir stellen fest, dass ich soeben drei Postkarten geklaut habe. Das fängt ja super an. Danke Papa!

Und dann geht die gemächliche Fahrt dampfend ins Zittauer Gebirge los. Es ist so wunderbar unglaublich schön.

Dann gehen wir auf den Oybin, Papa erzählt Geschichten aus meiner und seiner Kindheit.

Der Oybin ist ein altes Kloster, welches nach einem Blitzschlag ausgebrannt ist. Das Kloster steht auf einem Sandsteinfelsen und ist wahnsinnig malerisch. Caspar David Friedrich hat hier viele seiner Motive her.

Auf dem Oybin essen wir Mittag und sitzen und gucken. Ein Traum. Und es gibt Himbeerlimo. Wie früher!

Am Ende verbringen wir 4 Stunden hier oben und gucken und staunen. Das ist alles so wunderschön.

Dann gehen wir wieder runter ins Tal.

Die Bimmelbahn kommt in ca. 10 Minuten, ich kaufe uns allen noch ein Eis.

Wir fahren wieder mit der Bimmelbahn zurück nach Hause und sind um 18:00 Uhr da.

Steffen und ich machen meinem Papa mexikanische Tortillas.

Nach dem Abendessen trinken Papa und ich einen Wodka auf Mama. Heute ist ein ganz besonderer Tag. Heute vor 20 Jahren hatte meine Mama genau um diese Zeit einen Hirnschlag. Danach änderte sich das Leben unserer ganzen Familie für immer. Im Grunde genommen wurde das Familiengeflecht zerschlagen, da die Mama, die alles zusammengehalten hat, weggefallen ist und meine Brüder ob der Sache ohnmächtig wurden, darüber zu reden und in verschiedenen Formen flüchteten.

Ich rede das erste Mal mit meinem Papa richtig über diesen alles verändernden Abend im September. Wie das genau war. Wie er sich gefühlt hat. Bisher haben wir immer nur über das danach, die furchtbaren langen 12 Jahre der Pflege, den Kampf mit den Krankenkassen und Krankenschwestern geredet und waren auch selbst dabei. Aber über den eigentlichen Abend des Impacts reden, das gab es noch nie. Die Hilflosigkeit, den Krankenwagen, die Ängste. Das tut gut, wir weinen zusammen.

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