17.11.2018 – 5 Grad – Tag 130

Ich schlafe wunderbar, Steffen nicht so. In den letzten Tagen wird er immer öfter immer eher munter. Er schiebt es auf die Nachwirkungen der Chemotherapie, aber ich glaube, er hat fürchterliche Angst vor nächster Woche. Vor der nächsten und letzten Chemotherapie. Er möchte es mir nicht zeigen, das verstehe ich.

Ich bin faul und schläfrig, weil ich so gut geschlafen habe, ich will nicht aufstehen, aber da ist er wieder. DER BÄCKER!!!! Der beste Bäcker der Welt. Unserer Welt zumindest. Ok, das ist natürlich Grund genug. Wir ziehen uns warm an, in der Nacht gab es Minusgrade. Die Wiesen sind vom Reif überzogen. Wunderschön. Wir gehen zum Bäcker.

es ist kalt
Wintersonne

Eine ältere Dame kommt uns auf der Straße vor der Ladentür entgegen, wir sind zwar schneller als sie an der Tür, lassen ihr aber den Vortritt. Sie freut sich sehr. Als wir den Laden betreten, wandert Steffens panischer Blick über die übersichtliche Auslage. Na klar ist die Auslage klein, das ist ja nur ein kleiner Dorfbäcker. Er erspäht das letzte Milchbrötchen und 3 Menschlein stehen vor uns. Inklusiver der vorgelassenen älteren Dame. Was er jetzt denkt ist nichts Gutes. Wahrscheinlich verflucht Steffen gerade seine gute Tat, die Dame vorgelassen zu haben. Bei jeder Bestellung zuckt Steffen zusammen. Bestellt ja nicht das Milchbrötchen! Aber, als wir endlich dran kommen ist oh Wunder, ist das Milchbrötchen noch da und all die anderen Spezereien glücklicherweise auch. Und schwupps, ist der Beutel wieder voll, gefüllt mit duftendem Mohnzopf, Brot, Mohnhörnchen, dem Milchbrötchen, Butterkeksen und frischen Semmeln. Glücklich tragen wir unsere Beute davon.

Das Frühstück ist wunderbar. Danach helfe ich noch Papa mit dem Computer, auch diese Unterstützng liegt seit 4 Monaten brach. Mittags gibt es das Rotweinrisotto mit Rosenkohl und Walnusskernen.

Risotto mit Rosenkohl
Rotweinrisotto mit Rosenkohl und Walnusskernen

Danach verabschieden wir uns, denn jetzt geht es nach Dresden zu Steffens Familie.

Wir fahren zuerst zu Steffens Eltern ins Haus. So haben wir noch einmal die Chance, doch ein letztes Mal das Puppenhäuschen zu sehen. In zwei Tagen ist die Übergabe, das Haus wurde verkauft, der Wohnungsumzug läuft auf Hochtouren.

Als wir das nun leere Haus betreten, ist uns mulmig. Das Wohnzimmer ist leer, in der Küche steht ein Campingtisch mit zwei Stühlen. Im Schlafzimmer stehen zwei Campingliegen. Das ganze Haus ist leer. Das ganze Häuschen in seiner eigenen Essenz.

Abends geht’s zur Familienfeier in die Waldschlösschen-Brauerei nach Dresden. Steffens Bruder hat Geburtstag, Steffens Erzeuger und ein Freund der Familie ebenso. Und natürlich wird Steffens Geburtstag auch noch im Familienverbund gefeiert.

Bevor wir dort hinfahren, verabschiede ich mich vom Puppenhäuschen. Ich gehe auf den Dachboden, berühre noch einmal die Wände, stehe kurz in Steffen seinem alten Kinderzimmer. Dies war dann wohl das letzte Mal, dass ich es von innen gesehen habe. Ich werde wehmütig und verdrücke mir eine kleine Träne. Ja, seit 15 Jahren gehörte es auch ein bisschen mit zu mir oder ich zu ihm.

Im Waldschlösschen gibt es das übliche Brauhausessen. Haxe, Bratkartoffeln, Ragout Fin und Rostbrätl. Steffen ist der einzige, der keinen Sekt trinkt. Verrückt. Wir treffen alle wieder, die ganze Familie von Steffen, das ist sehr schön. 

Um 10 sind wir dann so müde, dass wir mit den Neffen losfahren. Wir schlafen heute ausnahmsweise bei Steffens Bruder, da es ja bei den Eltern kein Obdach für uns gibt. Steffens Bruder will noch mit mir Whisky trinken, ich verstehe das, möchte aber nicht.

In des Bruders Haus dürfen wir im Bett vom Neffen schlafen,der Arme hat den ganzen Tag gewienert, damit es Steffen gut geht. Er will nicht, dass sich Steffen mit irgendetwas ansteckt, jetzt wo sein Immunsystem geschwächt ist. Wie schön und wie aufmerksam von ihm.

Und der Familienkater schläft in unserem Bett. Oh wie schön. Seit Steffens Katzenallergie darf ich keine Katze haben und ich liebe Katzen.

Katze im Bett
Hugo im Bett

Aufgrund Steffens Katzenallergie habe ich immer Witze gemacht, á la, wenn Steffen stirbt, kann ich wenigstens wieder Katzen haben… Irgendwie muss man sich halt motivieren, das durchzustehen.

Wir schlafen. Nachts wache ich auf, weil Steffen unruhig träumt, der Kater auch. Ich muss beide beruhigen. Die linke Hand streichelt den Kater, die rechte Hand Steffens Schulter. So geht es.

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