20. August 2019

Entwarnung

Ihr Lieben,

es tut mir sehr leid, dass es gestern so dunkelschwarz aus mir herausgebrochen ist, aber ich glaube, das gehört leider auch zum Trauerprozess dazu. Normalerweise geschieht das immer hinter verborgenen Wänden in der kuscheligen Zweisamkeit, um dann wieder strahlend auf der Bildfläche zu erscheinen und so zu tun, als wäre alles supereasy.

Aber kuschelige Zweisamkeit ist ja nun mal aus und da ich diesen Weg der Berichterstattung gewählt habe, kann es passieren, dass diese eklige schwarze Realität ungebremst in Eure Gesichter watscht.

Das tut mir sehr leid und dafür möchte ich mich entschuldigen.

Was ist nun beim Arzt herausgekommen?

Ja, schimpft mich einen Hypochonder, aber nach den nicht abreißen wollenden Hiobsbotschaften des letzten Jahres, ach was sage ich, der letzten sechs Jahre, wäre es ja nur konsequent gewesen, wenn der Scheiße-Drop ungebremst weiterginge.

Aber nein, Entwarnung. Der Urologe sagt, meine Blase sei wunderschön, meine Nieren funktionieren 1a und die Proben und Werte sehen fantastisch aus.

Der nächste Termin beim Gynäkologen war ähnlich geschmeidig. OK, lesende Männer, jetzt wird es vielleicht etwas ungemach. Schließt die Augen und überspringt den Absatz sonst ergeht es Euch wie weiland Steffen in Wien:

Wien

Vor unserer ersten Reise nach Wien hatte ich mir die verschiedensten obskuren Museen ausgesucht, die ich unbedingt besuchen wollte. Ja, meine Interessen sind manchmal sehr strange und bisweilen bizarr und so fiel unter anderem die Wahl auf das

Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch

www.muvs.org

Steffen, der Gute, war natürlich der Thematik aufgeschlossen und rein zufällig war auch unser Berliner Freund E. in Wien und kam mit seinem Kumpel ebenfalls mit. Ich muss hier nicht hervorheben, dass alle diese drei Kerle nicht zur Alpha-Primaten-Gattung der Männerschöpfung gehörten und der Sache nicht uninteressiert gegenüberstanden.

Das Museum selbst ist eher eine ausgebaute Wohnung in einem typischen altehrwürdigen Wiener Bürgerhaus mit einem bezaubernden Treppenhaus.

Alles ist hell und weiß getüncht, die Ausstellungsräume sind übersichtlich und klar. Die Informationen kann man sich selbst aus Schubladen ziehen, vereinzelte Schauobjekte sind im Raum verteilt. Voll großer Freude sog ich all das Wissen und die Informationen auf.

Die Männer kapitulierten. Nicht ihr Thema. Alle drei saßen schweigend in der Mitte des Raumes vor der Klimaanlage – ach ja, es waren 38 Grad draußen – und warteten, dass ich endlich fertig werden würde. Sie hatten heute einfach zu viel über das weibliche Reproduktionsorgan und die diversen Möglichkeiten, etwaige Reproduktionsprodukte zu entfernen, gelernt. Mehr als sie je wissen wollten. Auf Ihren Stirnen geschrieben stand der tiefe Wunsch nach Wiener Schnitzel und Bier.

Mit leicht traumatisierten Männern verließ ich nun dieses unglaublich interessante Museum – Mädels, geht da mal hin. Man kann nur lernen.

Nun, stoppt also, wenn Ihr die Resultate des Gynäkologen nicht lesen wollt, hier.

Was nun bei mir los ist? Nach 20 Jahren monatlicher Verhütung habe ich das Ganze nun gestoppt. Wozu auch, Steffen ist ja tot.

Und mein Körper denkt sich nun so, er müsse die Zeit aufholen und benimmt sich wie mit pubertierenden 15 Jahren. Er haut die Eizellen nur so raus, als gäbe es kein Morgen (stimmt ja auch ein bisschen – ich werde nicht jünger). Die Eileiter teilen die Eier aus wie ein Kartengeber bei Black Jack in Las Vegas.

Kein Wunder, dass ich ständig Schmerzen hab, in mir geht’s zu wie in einer mit Dampfmaschinen betriebenen viktorianischen Fabrik, die am laufenden Band mit ordentlich Krawall Dinge produziert.

Hätten wir das auch geklärt.

Ab hier könnt könnt Ihr weiterlesen:

Meine neue Seitenscheibe ist auch noch gestern in das Auto gebaut worden, alles ist also wieder gut.

In tiefer Erlösung fiel ich dann endlich gestern in mein Bett und war unendlich dankbar, dass doch nichts Schlimmes mit mir ist.

Und Steffen hat sich nach ein paar Tagen Abwesenheit endlich auch wieder gezeigt. Ich hatte mich am Donnerstagmorgen – bevor das alles geschah – noch beschwert, dass er nicht da sei. Mein Papa hat Ähnliches zu berichten, irgendein Teil von der Heizungsanlage flog ihm um die Ohren.  Sein trockener Kommentar zu der Thematik war:

„Scheinbar waren die beiden auf Betriebsausflug, und dann geht halt alles gleich wieder in die Rampusche“

Anzeichen, dass Steffen wieder da ist:

Herr Steffen ist also wieder am Start. Woran ich das merke? Nun,

  • ich spüre seine Anwesenheit in der Wohnung, es ist leichter, es riecht anders
  • der Mond zeigt sich mir endlich wieder
  • heute am Morgen roch es in Berlin nach Sardinien, ich konnte Steffen förmlich vor mir sehen, dort im Wald, glücklich
  • im Prenzlauer Berg roch es nach Leberwurst
  • bei meiner Fahrt durch Brandenburg stürzte Samstagabend eine Großtrappe vor mein Auto und eierte geschwind auf die andere Straßenseite
  • und das Radio spuckte rein zufällig ein Lied aus, als hätte es Steffen nur für mich ausgesucht (mit meiner Schwäche für alles slawische):

Und heute höre ich Steffen in meinem Kopf, wie er zu mir sagt:

„Ach Hase, es ist doch alles gut! Du musst gerade nicht arbeiten, Du hast keinen Stress und das erste Mal in Deinem Leben hast Du die Auszeit, die Du Dir immer gewünscht hast.“

Alles ist auf einmal wieder von Steffen erfüllt.

Warum aber Leberwurst?

Es gab vor Jahren diese epische Hochzeit von K. und T. auf unserem Hochzeitsschloss. Irgendwann in der Nacht hatten der DJ und das Personal kapituliert und überließen dem berühmt, berüchtigten M. die Bar. Das bedeutet Gin-Tonic wird zu Tonic-Gin und Wodka-O ist eher durchsichtig. Irgendwann tanzten wir zur Rausschmeißermusik des DJs – es wahr wohl schon das 10 Lied und uns war alles egal, wozu wir tanzten, Hauptsache war, wir tanzten – und wir tanzten im Kreis. In der Mitte rotierte M. mit einer beliebigen Flasche Hochprozentigem, welche er karusselartig über uns schüttete.  Wir tranken, als gäbe es kein Morgen.

Doch dann kam doch der Morgen und es gab drei Opfer:

Schnaps-M. sollte sich eigentlich am morgen um die Kinder kümmern, war jedoch zu keiner Reaktion fähig.

Ein anderer M. lief wohl auf allen vieren die Treppen herunter ins fünfzig Meter entfernte Gästehaus. Und Steffen, nun Steffen gab im Nachbarbett nur gutturale Laute von sich. So verkatert kannte ich ihn äußerst selten. Es war ernst.

Und das Frühstück gab es nur von 8:00-10:00 Uhr. Stress!!! Ich hatte Hunger. Also ging ich allein zum Frühstück und schmierte Steffen ein dickes Leberwurstbrötchen im Verhältnis 1:1 Leberwurst zu Brötchen. Dieses nahm ich mit in unser Zimmer und weckte Steffen damit. Vorsichtig fütterte ich Steffen mit diesem Hotdog aus der Schmonz-Hölle. Und ich konnte zusehen, wie Leben in ihn zurückkehrte. Mit jedem Bissen Leberwurstpampe bekam er mehr Farbe ins Gesicht. Am Schluss grinste er über beide Backen, mit Leberwurst im Bart. Ja, er lebte wieder dank der magischen Leberwurst.

Und die Großtrappe?

Auch so eine Geschichte vom Hochzeitsschloss. Nach einem Besuch in der Abgeschiedenheit der Uckermark fuhren wir nach Hause und auf einmal querte eine Großtrappe die Straße. Ich so: „guck mal, eine Großtrappe“. Steffen fängt an zu lachen und kriegt sich kaum ein. Entweder hatte er das Wort noch nie zuvor gehört oder der alberne Gang des Vogels war schuld. Ab diesem Moment wurde die Großtrappe zum Running Gag, zumal sie nie wiedergesehen ward. Auf jeder Fahrt kam von Steffen ein Spruch: „pass auf, dass die Grosstrappe nicht kommt, nicht dass sie Barrikaden gebaut hat“ und er fing an zu lachen.

Und, letzten Samstag, siehe da, sehe ich das erste Mal seit 10 Jahren wieder eine Großtrappe. Ich höre schon wieder Steffen lachen.

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