20. März 2019

Heute war ein sehr wichtiger Tag für uns. Heute fand die Kremation, also die Einäscherung von Steffen statt.

Nun fragt Ihr Euch vielleicht, hey, warum hat das so lange gedauert? Er ist doch schon am 22. Februar gestorben? Ja, Ihr habt Recht, aber die Dinge waren so:

Am 06. März erhielt ich die Nachricht, dass Steffens Körper endlich am Krematorium angekommen ist. So lange wurde er in der Pathologie untersucht. So viele Studenten haben noch von ihm gelernt. Hey, wer hätte das gedacht.

Also, ich bekam also diese Nachricht, dass Steffen jetzt im Krematorium ist.

Am Vorabend fragte mich ein guter Freund, wie ich das eigentlich mit Steffens Asche, bzw. seiner Urne praktiziere, da er seinen Freund noch einmal mit nach Hause nehmen konnte, in der Urne, so dass Thomas von allem Abschied nehmen konnte. So, dass die beiden noch einmal gemeinsam mit dem Auto in die Heimat fahren konnten. Und Musik im Auto gemeinsam hören konnten. Und gemeinsam weinen konnten. Und begreifen. Begreifen, was gerade monströses passiert ist.

Seit dieser Frage wusste ich, ja genau. Das stimmt. Hier dazwischen fehlt ein Moment für uns. Ein Moment, in dem ich mich von meiner Hälfte verabschieden kann.

Dass ich die Urne nicht mit nach Hause nehmen kann, ist leider deutscher Standard. Aber irgendetwas musste noch passieren.

Der Bestatter bot mir nun also an, der Kremation beizuwohnen. Und genau das war das missing piece. Genau das wollte ich.

Wir zwei sind riesige Indien-Fans und in Indien ist die Feuerbestattung ein wichtiger Vorgang.

Während der Feuerbestattung wird die Seele von dem Körper befreit – nun gut, das ist natürlich schon im Krankenhaus geschehen, aber dennoch war Steffens Körper immer noch sein Anker in dieser Welt.

Desweiteren wird der geliebte Mensch während der indischen Feuerbestattung auf seinem Weg auf die andere Seite von Priestern und der Familie begleitet.

Man beruhigt ihn, man spricht ihm gut zu, man nimmt ihm die Angst vor diesem wichtigen Schritt, in welchem der arme geschundene Körper endlich komplett losgelassen wird für diesen einen Moment der absoluten Freiheit und Klarheit.

Feuer ist Feuer, dachte ich mir.

Dieser Feuerbestattung möchte ich beiwohnen, denn genau das ist das Letzte, wobei ich Steffen noch helfen kann: Steffen beizustehen beim auf die andere Seite kommen.

Nach etlichem Hin- und Her war der heutige Termin aus diversen Zufällen das Datum der Wahl. Eher gab es einfach keine Möglichkeit.

Liebe, enge Freunde, die an einem Mittwoch zu 14:30 Uhr sich frei nehmen konnten, begleiten mich.

Heute war der erste wirklich warme frühlingshafte Tag dieses Jahres. Die Sonne schien. Wie leicht die Luft heute war.

Die Kremation fand im Krematorium in Ruhleben statt.

Es war die einzige Kremation am heutigen Tag.

Kein Mensch war da. Alles war wunderbar ruhig.

Da wir nur als Zeitangabe 14:30 Uhr bekommen haben, wussten wir nicht, wie alles abläuft. Ob nun 14:30 Uhr die Zeit ist, in der Steffen ins Feuer fährt oder ob es noch eine kleine Ansprache von irgendjemand gibt. Was würde passieren?

Sicherheitshalber waren wir alle schon 14:00 Uhr da. Alle Türen waren verschlossen. Wir draußen, Steffen drinnen.

Irgendwann kurz vor halb öffnete ein Angestellter des Krematoriums uns die Türen.

Wir konnten uns in den für uns bestimmten loungigen Wartesaal setzen und halbwegs versuchen, uns zu sammeln.

Hier ein Auszug der Sätze des heutigen Tages, die sehr gut den speziellen Humor unserer tollen Freunde und natürlich von uns wiederspiegelt:

„Wo war eigentlich Steffen die ganze Zeit
bis heute?“ „Im Berghain.“

„Heute ist nur Gästeliste.“

„So ein richtiges Feuer, BBQ nach Steffens Geschmack, mit Sandelholzaromen, warum haben wir eigentlich kein Rippchen gekauft?“

„4 Wochen? In der Zeit hängt ein Rinderbraten gut ab, ist ja alles noch nach HACCP“

Das war genau Steffens Humor. Genau wie die Szene bei „The Big Lebowski“, wo die Asche in das Meer geschüttet werden sollte und eine Windböe die Asche den Angehörigen ordentlich ins Gesicht blies. Ich war damals ob der Szene etwas konsterniert und Steffen hat sich halb tot gelacht. Genau so.

Ja, genau so, Steffen.

Nun, exakt 14:30 Uhr kam der Angestellte des Krematoriums und führte uns sechs Freunde in die Tiefen des Krematoriums.

Kurz erhielten wir Einblick in die Eingeweide eines solchen Betriebes, da im Minutentakt Bestatter vorfuhren und neue Verstorbene zum kremieren anlieferten.

Wir gingen noch tiefer, bis wir am Verbrennungsofen angelangten. Dieser war in einem ruhigen Raum. Neben der Feuerluke waren riesige Kandelaber aufgestellt. In der Mitte ruhte Steffens Sarg. Mit Deckel. Geschlossen.

Wir alle waren perplex, wie klein doch der Sarg war und wie groß Steffen doch im realen Leben war. Das soll es gewesen sein? Das soll er gewesen sein?

Keine Aufbahrung, kein letzter Blick (Wahrscheinlich auch gut so, aber da wir eigentlich immer alles bis zum Schluss wissen wollten …).

Keine Stereoanlage, mit welcher wir Steffens letztes Lied hätten abspielen können.

Das Abspielen vom Handy hätten wir als taktlos empfunden. Gerade für Steffen, dem gelernten Soundtechniker, dem Tonfanatiker. Dem Mann auf der Suche nach dem perfekten Sound. Gerade bei diesem sensiblen Menschen, welch Schmach, es wäre unvorstellbar, alles aus Handylautsprecheern quäken zu lassen.

Daher bekommt der passende Song an dieser Stelle für immer seinen Platz (Godspeed You! Black Emperor – „Gathering Storm“):

einfach jetzt anklicken und weiterlesen!

Schnell mussten wir uns jetzt sortieren, denn in der Ecke standen schon die Kremationstechniker, um die Sarg-Einführungsmaschine zu starten.

Der Angestellte hatte uns nur ein kurzes Zeitfenster von ca. 10 Minuten gegeben.

Jeder von uns nahm nun also ein Sandelholzräucherstäbchen in die Hand und entzündete es.

Parallel brachten wir eine kleine Kohle zum glühen, genau diese Art Kohle, die man von der Wasserpfeife kennt.

Auf die Kohle legte ich das gerade noch beim Äthiopier in Kreuzberg um die Ecke gekaufte Weihrauchharz und Oud, ein ebenfalls angenehm riechendes Räucherholz. Sobald die Kohle glühte, fing das Weihrauchharz und das Oud-Holz an in wohligen Düften an zu verbrennen. Dicke schwere Schwaden füllten sofort den ganzen Raum.

Die nun schnell glühende Kohle legten wir auf den Holzsarg aus dünnem Holz. In diesem Moment schaute der Kremationsbeauftragte etwas panisch. Wie schnell würde sich die Kohle durch das Holz fressen? Und Steffen auf die dünne Brust fallen?

Jeder legte Blumen auf den Sarg, und es gab symbolische Blumen von denen, die heute nicht dabei sein konnten.

Dann las ich folgenden Abschiedsbrief vor:

Mein lieber Steffen, liebe Freunde, die Ihr Steffen und mich auf diesem wichtigen Weg unterstützt.

Wir danken Euch jetzt schon!

Heute vor einem Monat genau zu diesem Zeitpunkt habe ich Dich, Steffen, in die Charité gebracht. Du hast für immer meine Wohnung körperlich verlassen.

Beim letzten Vollmond bist Du gestorben. Ein halbes Jahr vorher standen wir auf meinem Hochhaus und haben dem Blutvollmond beim Aufgehen zugesehen. Du bekamst an diesem Tag die schwerste Diagnose von allen, denn wir erfuhren über die schiere Monströsität dieses Krebses.

An diesem Abend wussten wir, dass sich mit diesem Blutmond etwas Großes verändern würde.

Dass Du jedoch exakt 6 Monde später die Erde verlässt und alles für uns veränderst, hätte niemand denken können und wollen.

Wir haben bei Vollmond geheiratet, ein Mondstein zierte meinen Verlobungsring.

Der Mond wird uns für immer verbinden, Du bist nicht irgendein Stern am Himmel. Du bist der Vollmond.

Heute, am Tag der Tag-und-Nacht-Gleiche bringen wir Dich auf die andere Seite, Dein geschundener Körper verlässt heute für immer diese Welt.

Du bist gleich frei. Habe bitte keine Angst, wir geleiten Dich auf die andere Seite! 

Und es wird dann gut sein.

Lieber Steffen, lass Deinen kaputten Körper vom Feuer erlösen. Deine Asche bringe ich nach Hause.

Deine Seele, Dein Ich bleibt für immer mit uns verbunden.

Du bist für immer in unseren Herzen.

Ich liebe Dich!

Jeder von uns verabschiedete sich von Steffen auf seine Weise, murmelte seine ganz persönlichen Sätze für Steffen.

Dann legte jeder sein Räucherstäbchen auf Steffens Sarg ab. Meinen Brief legte ich auch dazu.

Auf ein Kopfnicken hin, traten wir zurück.

Die große Feuerluke öffnete sich. Steffen verschwand in seinem Sarg für immer in diesem großen heißen Feuer. Ordentlich nach Weihrauch riechend.

Göttlich auf den Duftschwingen des Weihrauchs zur Erlöstheit reisend.

Perfekt.

Leichtigkeit. Erlöst.

Nie mehr Schmerzen.