21./22. Februar 2019

Donnerstag

Steffen ist wohl behütet im Krankenhaus, ich habe diesen Tag nur für mich. Ich muss mir nicht jede Minute Sorgen um ihn machen, weil er im Nachbarzimmer ächzt und hustet. Er ist in der Charité in guten Händen.

Gleich zum Aufwachen schicke ich ihm eine WhatsApp-Nachricht, auf die er jedoch nicht antwortet. Das wundert mich nicht weiter, da er wirklich schwach ist und viel schläft.

Nachdem ich gestern Steffen ins Krankenhaus gefahren habe, habe ich sofort die ganze Wohnung nach einem indischen Reinigungsritual gewischt, die Betten neu bezogen und sein Kopfkissen desinfiziert, damit es nicht mehr nach Angst riecht, wenn er wieder nach Hause kommt.

Es war plötzlich eine spürbar andere Energie im Raum.

Heute morgen räume ich weiter die Wohnung auf, denke darüber nach, wie wir unsere Zukunft ohne Steffens Mithilfe im Catering gestalten können. Belese mich, finde Inspirationen. Um eine Ecke zu optimieren, benötige ich eine bestimmte Pflanze. Also fahre ich in den Baumarkt, um diese zu kaufen.

Genau in diesem Moment ruft mich Steffen an. Er klingt ganz schwach.

Er berichtet mir, dass er heute im CT war. Seine Niere funktioniert nicht richtig, die Leber auch nicht. Er hat ganz gelbe Augen, sagt er. Sie wollen ihm wohl einen Stent in die Niere legen. Was ist denn so ein Stent, fragt er mich.

Nach dem CT haben sie ihm 3 Liter Flüssigkeit mit einer riesigen Kanüle aus dem Bauch gezogen. Ich frage ihn, ob das weh getan hätte. Er verneint und weint: „die Schwestern sind so lieb hier“. Er klingt total schwach, sagt aber, er fühlt sich besser. Ich sage ihm, dass ich morgen vorbei komme. Oder soll ich jetzt noch vorbei kommen? „Nein, das brauchst Du nicht, Du hast so viel zu tun“. Im Reden wird er immer schwächer und sagt,

„Du, ich muss jetzt aufhören, ich bin so müde“.

Wir legen auf.

Danach fahre ich nach Hause und schreibe um 20:00 Uhr Steffen noch eine Nachricht, dass alles wieder gut wird, dass die Verstopfung auf die Niere drückt, dass er keinen Krebs hat. Ich trinke einen kleinen Sekt, das erste Mal seit langem und arbeite bis abends um 23:00 Uhr noch am Rechner. Ich habe erstaunlich viel Energie.

Freitag

Wegen dem Sekt schlafe ich unruhig. Kalter Schweiß. Halb 5 werde ich munter, ich muss ja heute arbeiten. Ich habe zwei Aufträge, einen um 11:30 Uhr und einen um 15:30 Uhr. Also habe ich genügend Zeit.

Ich schaue als erstes auf das Handy, ob sich Steffen gemeldet hat. Meine Nachricht von gestern Abend hat er immer noch nicht gelesen. Daher mache ich das Handy laut, falls er gleich aufwacht und mir schreibt.

So verlasse ich schon 05:30 Uhr das Haus. Als ich zum Hinterausgang hinaus gehe, ist da ein ganz komisches Flüstern, wie Blätter auf Asphalt. Ein bisschen anders, ein spezieller Wind.

Ich fahre zur Metro, alles ist wie immer. Ich bezahle, lade das Auto ein. Als das Auto beladen ist, fahre ich den Einkaufswagen weg. Mein Handy klingelt, eine Berliner Nummer. Da es erst 06:30 Uhr ist, bin ich etwas schroff.

„Spreche ich mit Frau Heidrich, der Frau von Herrn Glaeser? Hier ist die Onkologie der Charité.

Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass vor einer Stunde Ihr Mann verstorben ist.

Wir wollten ihn wecken, da war er schon eine halbe Stunde tot. Wir haben ihn versucht wieder zu beleben, das wollte er so, aber dafür war es zu spät.“

In dem Moment, wo sie zu mir spricht, weiß ich irgendwie schon, dass diese Mitteilung kommt. Ich bewege mich wie in Trance: „ja was soll ich denn jetzt machen, ich muss doch arbeiten, ich habe einen Auftrag“. „Sie kommen jetzt in die Charité und da besprechen wir alles. Fahren Sie jetzt bitte vorsichtig!“.

Ich fahre die alte Strecke, ich weiß nicht welche. Ich finde sofort einen Parkplatz. Es hält genau der Fahrstuhl, mit dem ich Steffen vorgestern her gebracht habe. Ich schaue auf den Klappsitz in der Ecke auf den er sich sofort gesetzt hat. Heute sitzt hier kein Steffen. Ich steige in der 19. Etage aus und gehe zu den Schwestern. Sie erkennen mich sofort.

Ein Pfleger kommt mir sofort entgegen, sein Blick bricht. Er bringt mich zum Zimmer 11.

Ich betrete den Raum. Es ist angenehm kühl und noch dunkel. Ich lege meine Jacke, Brille und den Schal ab.

Steffen liegt im Bett am Fenster, der Kopf schaut in die Wolken.

Er schläft doch nur!

Er dreht sich nicht zu mir um und sagt „Hase! Guten Morgen“. Er atmet nicht. Er regt sich nicht.

Er ist tot!

Ich setzte mich zu ihm, fasse seine Hand an, sie ist noch warm. Er ist so dünn! So zart. Ich streichle ihm über den Bauch, der ist doch gar nicht mehr so gebläht. Warum ist er tot? Ich kann noch nicht weinen. Ich bin seltsam gefasst.

Steffen ist im Schlaf gestorben, noch vor dem Aufwecken. Ohne Schmerzen. Im Traum. Ich hoffe, er hat etwas Schönes geträumt, worauf er für ewig hängen bleibt.

Der Pfleger weint, ich drücke ihn. Er sagt, dass sie nicht damit gerechnet haben, dass er stirbt, sonst hätten sie ihn ja auf die Intensivstation gebracht oder anders überwacht.

Die Ärztin kommt und bekundet ihr Beileid. Auch sie ist geschockt.

Sie vermuten, dass er an multiplem Organversagen gestorben ist. Gestern im CT waren die Niere und die Leber bedenklich. Sie vermuten, dass der Krebs wieder gekommen ist. „Aber die Lymphknoten sind doch nicht geschwollen!“, „Nein, in der Leber, aber das würden wir bei einer Obduktion herausfinden.“

Natürlich gebe ich ihn dafür frei, das hat uns immer interessiert, Pathologie und Anatomie. Da er ja seine Organe nicht spenden kann, wer weiß wo und ob da Metastasen sind, kann er so wenigstens den Studenten noch etwas beibringen.

Eine weitere Schwester kommt und sagt, dass ich so lange hier bleiben kann, wie ich will.

„Aber ich habe doch die Aufträge. Ich habe schon alles eingekauft. Ich muss doch wenigstens die Ware verarbeiten, damit wir Geld haben.“

Die liebe Schwester weißt mich darauf hin, Steffens Eltern zu informieren, damit sie Abschied nehmen können. Ich denke gar nicht so weit.

Sie gibt mir alle relevanten Nummern, vom Charité-Bestattungsunternehmen und so weiter.

Ich kann Steffens Sachen nicht mitnehmen, da ich es allein nicht schaffe. Sein Mantel, seine Tasche, seine Schuhe.

Die muss er doch selber nehmen!

Ich stecke nur das Handy ein. Er hat nur noch wenig Strom. Ich kenne seinen PIN nicht, ich muss es irgendwie aufladen, sonnst komme ich nicht mehr in sein Handy. Das ist mein erster Gedanke. Das Handy ist wichtig. Es spiegelt die Seele des Menschen wieder, alles was ihn interessiert, was er gegoogelt hat.

Ich verlasse das Gebäude, laufe zum Auto. Fahre in die Küche. Während der Fahrt bricht es das erste Mal aus mir heraus. Ich heule wie ein Schlosshund.

In der Küche telefoniere ich sofort mit Steffens Bruder, da die Mama noch das Handy aus hat und ich die neue Telefonnummer der neuen Wohnung nicht kenne.

Dieser Moment, wo Du einer Person, welche wie immer lustig an das Telefon geht, sagst, dass der Bruder gestorben ist. Fürchterlich.

Wenig später ruft mich weinend die Mama an. Alle springen jetzt ins Auto und kommen nach Berlin.

Währenddessen ruft die Charité an, Steffen wurde schon in die Pathologie verlegt. Es gäbe dort einen Abschiedsraum der würdevoller ist. Ich solle mich später melden.

Ich arbeite stumpf in der Küche. Ich kann noch niemandem Bescheid sagen, dann müsste ich alle Anrufe moderieren. Nach und nach gebe ich meinem Bruder in Australien und meinem Papa Bescheid. Mein Papa sagt:

„Dana, sei froh, jetzt kann Steffen fliegen, er hat keine Schmerzen mehr. Das was jetzt gekommen wäre, das wäre noch furchtbarer als alles davor. Er hat dich frei gelassen. Sei froh, dass er im Krankenhaus gestorben ist und nicht bei Dir. So musst Du Dir keine Vorwürfe machen. Du hast alles richtig gemacht!“

Um 11:00 Uhr liefere ich das Essen aus. In ein Fotostudio mit dem Themenschwerpunkt Shanghai. Eigentlich sollte das Essen heute Steffen ausliefern, damit er erzählen kann, dass er auch Fotos macht, dass wir auch gerade in Shanghai waren. So dass sich Steffen ein zweites Standbein schaffen kann.

Jetzt liefere ich alleine aus. Die üblichen Gespräche: wie lange machen Sie das schon? Er würde gern weiter mit uns zusammen arbeiten. Da bricht es aus mir heraus „Mein Mann ist heute gestorben“. Schock.

Als ich zurück in die Küche komme, kommt genau in dem Moment Steffens Familie. Wir drücken uns, wir heulen. Wir versuchen, das Unfassbare zu verstehen. Leere.

Sie kommen mit in die Küche, helfen mir kurz für den zweiten Auftrag. Meine Schwägerin wäscht ab. Die ganze Familie packt an.

Ach wie hätte sich Steffen das gewünscht, dass alle friedlich zusammen arbeiten. Dafür musste er erst sterben.

Wir fahren in die Charité in den Abschiedsraum.

Steffen ist dort aufgebahrt. Aber schon ist er nicht mehr Steffen. Er sieht jetzt komplett anders aus. Wie eine billige Wachspuppenkopie. Seine Familie bricht zusammen.

Und Steffen dachte immer, sie mögen ihn nicht, er ist nichts wert. Was für ein riesiger Bullshit. Wie umsonst. Wie unnötig. Die Jahre voll Gram. Steffen, verdammt, sie haben Dich abgöttisch geliebt!!!!

Leute, sagt und zeigt immer und so oft Ihr könnt, euren Lieben, wie wichtig sie Euch sind!!

Steffens Mama und ich gehen jetzt rüber in die Charité um Steffens Sachen abzuholen. Mama ist genau so gefasst, wie ich.

Ich bringe sie noch zum Auto. Die Familie fährt jetzt in meine Wohnung. Mit Steffens Schlüssel. Ich fahre noch den letzten Auftrag abarbeiten. Da registriere ich:

Ich werde Steffen nie wieder nach Hause fahren.

full moon
Vollmond, der letzte für Steffen
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