24.08.2018 – 24 Grad– Tag 45

Da heute ein straffer Tag vor mir liegt, klingelt mein Wecker 04:30 Uhr. Da ich aber aufgeregt bin, wie immer, wenn das Arbeitsvolumen wieder anzieht, bin ich vorher munter. Die ersten Momente, bevor ich die Augen öffne und realisiere wo ich bin, wähne ich mich in Indien im Urlaub. Es riecht so, es klingt ein bisschen so. Mein Herz hüpft vor Freude. Aber dann knallt die Realität wieder rein, ich bin immer noch in Berlin, in Kreuzberg und es riecht einfach nur nach verbranntem Holz. Waldbrände bei Potsdam. 400 ha Wald brennen. Nach diesem Sommer ohne Regen geht alles in Rauch auf wie Zunder. Was für ein Wahnsinn!

Verschlafen schaue ich auf mein Handy, ob irgendwas passiert ist und siehe da, Steffen ist auch schon wach. Er ist genauso aufgewacht, weil er die ganze Nacht an mich und die bevorstehende Arbeit gedacht hat und wähnte sich ebenfalls in Indien. Er hat wunderbare Bilder aus dem 19. Stock der Charité gemacht. Hier sieht man richtig, wie die Rauchschwaden durch die ganze Stadt wabern:

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Er ist zusätzlich auch noch aufgeregt, da er heute nach Hause kommen soll und die Natriumwerte noch mal ausgewertet werden. Und er hofft, das alles gut ist, damit er endlich aus diesem Krankenhaus kommt, da es ihm ja sonst super geht. Und siehe da, später am Vormittag kommt der Chefarzt, die Natriumwerte haben sich komplett von selbst reguliert. Also lag es definitiv an den Einläufen!

Merke: wenn er das nächste Mal ins Krankenhaus kommt, keine Einläufe. Nicht dass die Ärzte wieder irritiert sind.

Für mich geht es gleich 5:30 Uhr in die Metro, um alles für den heutigen Tag einzukaufen. Ich habe heute ein kleines Meeting und später noch ein Buffet für ein Abendessen zur Schuleinführungsfeier auszurichten. Für das Meeting braucht es Unmengen von Bohnenkaffee und belegte Brötchen und Wraps. Also koche ich 12 Liter Bohnenkaffee und schmiere dabei belegte Brötchen und rolle Wraps. Dann geht es pünktlich zu 08:00 Uhr mit dem Auto, vollgeladen mit Mietgeschirr, Getränken und den Speisen in Thermoboxen in den Dorfkern von Berlin Heinersdorf. Genauer gesagt in den Gemeindesaal der evangelischen Gemeinde. Eine alte, muckelige Dorfkirche mit daneben gelegenem Saal erwartet mich. Der Saal ist wunderschön, müsste leider auch renoviert werden, aber wie immer fehlt auch hier das Geld. Aber genau durch diesen Zustand hat es einen wunderbaren Charme.

Hinter der Kirche sind traumhaft schöne alte Obstgärten mit alten Apfelsorten. Das liebe ich so an Berlin, dass man eigentlich überall noch die alte Struktur der zu einer Stadt zusammen gewachsenen Dörfer erkennt. Wir warten auf den Pfarrer, dass er diesen aufschließt, dann baue ich meine sogenannte „Meetingsituation“ auf:

Nun aber hurtig zurück zur Küche, im morgendlichen Berufsverkehr lassen mich die Handwerkerautos aus dem Umland schnell wieder in den Stau eingliedern. Auf einmal merke ich, wir Transporter- und Hundewagenfahrer sind eine verschworene Gemeinde. Man lässt sich rein und wartet und nimmt Rücksicht. Auch ein neuer positiver Aspekt des Auslieferns.

Nun ab ans Werk, abends habe ich, wie schon gesagt, noch ein Catering zur Schuleinführungsfeier. Das muss natürlich auch ausgeliefert werden.

In der Zwischenzeit trudelt Steffen wieder zuhause ein und trifft auf das von mir hinterlassene Chaos. Das kann ich nämlich gut. Ordentliche Wohnungen unordentlich machen. Da es aber Steffen gerade richtig gut geht, hilft er mir und hält meinen Rücken frei und beräumt die ganze Wohnung.

Das ist der einzige Punkt, an dem ich regelmäßig versage. Diese weiblichen Qualitäten gehen mir völlig ab. Lieber mache ich die Buchhaltung, die Organisation, schaue Panzer an, liebe Autos, mache Witze, also ich mache alles lieber, als dass ich zu Hause putze und aufräume. Normalerweise endet bei mir ein Anfall von Putzwut nach einer halben Stunde mit einem Bier in der Hand über der Kiste mit den alten Fotos hockend. Naja, vielleicht jetzt ohne Bier, aber im Prinzip genau so. Ich hasse es aus tiefstem Herzen und das viel proklamierte Glück beim Aufräumen finde ich einfach nicht. Diese Synapse ist bei mir nicht vorhanden, kläglich veruckert, quasi der emotionale Blinddarm meines Hirns. Glück durch Putzen ist in meinem Gencode nicht vorhanden. Ich bin Steffen unendlich dankbar.

Aber ich greife vor: Erst einmal geht es 17:00 Uhr nochmal mit einer Ladung leckerem warmen Essen, wobei hierzu dieser Rote Beete Salat mit Fetakäse und Rucola gehört, in den Norden von Berlin. Dorthin, wo es nur noch Einzelheime und Baumärkte gibt.

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Angekommen, erwartet mich eine reizende Familie. Das Haus ist voll, sämtliche Gäste drängen sich im Wohnzimmer und schauen, was ich so aufbaue. Das ist verständlich, sie haben das erste Mal ein Catering bestellt. Die Herren des Hauses helfen mir sogar, die ganzen Thermosboxen und Warmhaltebehälter aus dem Auto zu wuchten.

In dieser Situation baue ich das Buffet auf und mir geht ganz schön die Flatter. Auslieferdesensibilisierung vom Allerfeinsten. Ich hatte vergessen, die 6 Kleinkinder zu erwähnen, die um mich herum springen und lärmen. Also ganz genau mein Ding. Aber hey, alles lief super, die Eltern waren reizend und haben sich riesig auf das Essen gefreut, die Kinder wurden in den Garten geschickt. Perfekt!

Danach fahre ich erleichtert und stolz auf mich nach Hause. Steffen wartet auf mich in der blitzblanken Wohnung. Das Essen ist auch fertig.

Fühlt man sich so als Mann?

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