27.08.2018 – 19 Grad – Tag 48

Seit Steffens Krebserkrankung gönnen wir uns den Luxus, Montag und Dienstag frei zu haben. Natürlich ist das kein „frei haben“ wie am Sonntag, wo man legitim frei hat und wirklich gar nichts machen braucht und will und möchte, sondern eher freie Zeit, um sich selbst zu verwalten und für die Computerdinge zu haben, wie zum Beispiel Buchhaltung, Angebote, Pläne und diesen Blog. Aber auch das ist Luxus. Normalerweise, vor dem Krebsimpact, habe ich das jeden Morgen von 03:00 Uhr bis 05:00 Uhr – bevor es mit dem Aufträgen los ging, erledigt oder eben halbtot und völlig geschafft am Nachmittag und Abend nach den jeweiligen Aufträgen. Aber nun muss und will auch ich kürzer treten.

Nun, dies ist also ein Montagmorgen, wir haben aus vorgenannten Gründen keinen Wecker gestellt. Seit 07:30 Uhr ist Steffen auch schon wieder wach, und sitzt aufrecht im Bett und macht Instagram, also bearbeitet seine Fotos und stellt diese online. Er ist voller Energie, unglaublich. Er möchte auch Dinge machen, aber ich habe ihm verboten zu arbeiten. Er muss lediglich und vor allen Dingen gesund werden. Was ja schon eine Menge ist.

Aber gutes Feedback und likes sind auch gut für die Seele, Also möchte er nach dem Feedback zu seinem Foto über die Nebelschwaden des Waldbrandes vor Berlin:

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by Steffen Glaeser

seine Bilder populärer machen.  Also sucht er sich Nebenschauplätze. Wer also Interesse an seinen Fotos hat, schaue sich gerne sein Profil an, einfach auf das Bild klicken:

Screenshot_20181015-080048.png

Ich jedoch habe an diesem Morgen eher die Motorik und das Benehmen eines Zombies. Wir machen Frühstück, ich starte reflexmäßig den Rechner. Ich schaue in den Rechner. Ich muss arbeiten. Aber mehr als die Augen öffnen und schließen ist nicht drin. Es tut mir leid. Ich muss wieder ins Bett. ich bin immer noch völlig kaputt. Ich schlafe bis 13:30 Uhr. Es ist unglaublich. Als ob die ganze Anspannung der letzten Wochen abfällt und mein Körper sich erholen muss.

Ich träume wirr, Ich träume, dass meine Mama da ist und mich fragt, ob wir auch ausreichend Kuchen haben. Ich bestätige und verweise auf die Petit Fours aus der Metro. Meine Mama stellt Biergarnituren in meiner Wohnung auf. Steffen ist nicht da. Was ist los, das ist alles komisch. Langsam verstehe ich, wir bereiten den Leichenschmaus für Steffens Beerdigung. Und als Austausch, dass Steffen tot ist, ist meine Mama wieder lebendig.

Und in der Realität ist es anders herum? Komische Psyche.

Aber ich bin endlich munter, wir fahren schnell noch in die Metro um uns mit neuem Salat und Biodingen einzudecken. Das ist praktischer für uns, wir können Großpackungen kaufen und wir wissen blind, wo alles steht, da die Metro ja schon ein zweites Zuhause geworden ist.

In der Metro treffen wir unseren Lieblingsverkäufer, der der mich am ersten Tag der Hiobsbotschaft aufgefangen hat, wer es noch mal lesen und die Reise rückwärts machen will, hier. Er freut sich, nach 2 Monaten mal Steffen wieder zu sehen, der offensichtlich mindestens 5 Jahre jünger aussieht. Was wirklich stimmt. Frechheit. Danach bringen wir das ausgeliehene Video zurück und fahren direkt zum Termin bei der Traditionellen chinesischen Medizin. Bevor es in die neue und letzte Chemorunde geht, soll er noch mal fit gemacht werden. Da Steffen eigentlich eine Nadelphobie hat, ist er etwas aufgeregt, wie die Akupunktur bei ihm wirkt und ob er direkt umkippt. Aber dank des Ports und die vielen Injektionen und Blutabnahmen in den letzten Wochen wurde er desensibilisiert. Alles hat sein Gutes, die Akupunktur funktioniert wunderbar. Die Akupunktur ist unglaublich, er spürt das kribbeln unter einigen Punkten, an anderen Stellen gar nichts. Danach bekommt er noch ein neues Rezept für einen Heiltee, den er chemobegleitend trinken soll. Alles ist wieder sehr faszinierend.

Danach kaufen wir noch schnell Brot im Bioladen, lassen uns den chinesischen Tee in der Apotheke zurecht mischen und dann geht es endlich zu unserem Lieblingsinder. Da wollten wir schon gestern hin. Die Erwartungskurve ist hoch und wird belohnt:

Im Uhrzeigersinn: Dosa, Linsencurry, Paneer in Kichererbsenmehl frittiert, auf Wunsch extra scharfe selbstgemachte grüne Chillisoße, Hühnchencurry für mich und salziges Lassy mit Cumin.

Endlich. Südindisch essen. Heimwehladen. Heimweh nach Indien.

Wer in Berlin wohnt und auch mal will:

Restaurant ammAmma
Urbanstraße 28A
10967 Berlin
www.ammamma.de

Achtung! Werbung – unbezahlt 🙂

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