29. April 2019

Ich habe es getan.

Ich habe letztes Jahr im Herbst begonnen, eine Reisetagebuch unserer wunderbaren Indienreise über Weihnachten und Neujahr 2017/2018 zu schreiben. Die Reise war ein langersehnter Höhepunkt, denn wir feierten in diesem Jahr das 10jährige Bestehen unseres kleinen Caterings.

Das erste Mal lief bei uns alles gut, seit November 2016 gab es das erste Mal seit 9 Jahren keine Vorkommnisse mehr und wir konnten uns wie ein ganz normales Unternehmen entwickeln, wachsen, Werbung machen, neue Kunden anlocken und ich konnte mit meinem Essen kreativ sein. Alles war perfekt.

Und Indien war immer ein Sehnsuchtsort von uns, denn wir waren schon mal da:

2011

haben wir meinen Bruder besucht, der dort gearbeitet hatte und hatten die Möglichkeit bei ihm und meiner Schwägerin für einen Monat zu wohnen.

Indiens erster Eindruck ist für uns Europäer meist gewöhnungsbedürftig: so viele Menschen, der Lärm, der Schmutz, die Hitze und das ständige Anglotzen. Irgendwann waren wir so überfordert, dass wir uns nur noch in der Luxuswohnung meines Bruders zurückgezogen haben und die teuer erworbene Liquor-Permission ab- und die Vorräte meines Bruders weg getrunken haben. Mein Bruder war im Gujarat, das ist ein trockener Bezirk, da gibt es keinen Alkohol zu kaufen. Nur für Touristen per Schnapsgenehmigung und dann auch nur 20 Flaschen Bier pro Monat. Wisst Ihr Bescheid. Das gab also noch mal richtig Ärger, dass wir meines Bruders Getränke ausgetrunken haben. Zu Recht.

Delhi – incredible India!

Die Strafe folgte auf dem Fuß. Was ist passiert? in Delhi haben wir unseren Anschlussflug nach London verpasst, lest selbst:

Wir wussten nicht, dass es zwei Flughäfen gibt, den Flughafen von Domestic Flights und den für die International Flights. Dafür gab es einen Transferbus, der uns zu dem Großflughafen bringen sollten. Wir hatten 1,5 Stunden für den Transfer, das sollte wohl reichen.

Also saßen wir in diesem Transferbus und warteten, dass er nun endlich startet. Nach 20 Minuten fuhr der Bus immer noch nicht los und einige Inder verließen fluchtartig denselben, um sich eine Rikshaw zum Flughafen zu rufen. Ich fragte den Busfahrer, wann es denn nun endlich losginge und er wackelte sein höfliches Indienkopfwackeln.

Gemächlich startete der Bus zehn Minuten später und wir kamen am Flughafen für die International Flights an. Beim Betreten des Eingangsbereiches checkten wir unseren Flug, und mussten Folgendes lesen:

Delhi-London – now boarding

Oh mein Gott!! Wir rannten zum Schalter, wiesen auf unseren Flug und baten uns direkt zum Boarding zu fahren, da der Flieger ja erst in 40 Minuten abheben sollte: „this is not possible“ sagte der Schalterinder, gefolgt von einem freundlichen indischen Kopfwackeln. Er teilte uns mit, es würde inklusive Security Check-In und der Immigrationsbehörde viel zu lange dauern, daher werden wir den Flug verpassen.

Nach stundenlangem Hin- und Her, und der Erwägung einen Lufthansaflug für 2000 EUR zu buchen, die wir nicht hatten, hatte uns der freundliche Flughafeninder den selben Flug am Folgetag inklusive Anschlussflug am weiteren Folgetag in London gebucht. Alles kostenlos.

Aber nun saßen wir fest. Geistesgegenwärtig lies sich Steffen noch einen Stempel auf die Umbuchung geben, so dass wir den Flughafen wieder betreten können. Warum? Wer in Delhi den Flughafen ohne Ticket verlässt, darf nicht wieder in den Flughafen hinein. Dafür sorgen die ganzen bewaffneten Inder mit ihren verrückten Waffen. Also niemals eine kurz rauchen gehen!!!!

So konnten wir den Flughafen verlassen und standen vor der nächsten Hürde. Wo übernachten? W-LAN gab es damals noch nicht, Roaminggebühren waren astronomisch, also konnten wir uns selbst kein Hotel für die Nacht aussuchen.

Also gingen wir zum Taxistand. Dort muss man angeben wer man ist, wo man hin möchte, wo man übernachtet usw. usf.. Dafür hat der Taxistandboss ein riesiges Buch aufgeschlagen und alle Reisenden notiert. Er schien uns vertrauenswürdig, also fragten wir nach einem Hotel. Wir würden 80 EUR für die Nacht ausgeben. Das schien uns für ein ordentliches Bett in Indien angemessen.

Daraufhin rief der Taxistandboss ein Taxi heran, sagte ihm irgendwas auf indisch und schon saßen wir im blitzblanken Taxi.

Wir fuhren und fuhren und fuhren, bis wir in einer heruntergekommenen Gegend ankamen. Der Taxifahrer führte uns zum Hotel, ein komischer fragwürdiger Kasten. Der Taxifahrer wartete in der Tür, bis wir endlich eingecheckt hatten. Der Hotelinhaber führte uns in unser Zimmer. Ein Loch. Im Gebäude gelegen, ohne Fenster. Die einzige Lüftungsmöglichkeit war ein Fenster zum Lüftungsschacht, der bei uns endete. Der Boden des Lüftungsschachtes bestand aus einem Teppich alter Zigarettenstummel. Es stank. Die Klobrille war zur Hälfte zerstört und eine Schraube bohrte sich in den jeweiligen Hintern des gerade darauf Sitzenden.

Also gehe ich wieder in die Rezeption und flippe aus. Auschecken geht nicht mehr, sagt er, aber er kann uns ein anderes Zimmer anbieten. Und immernoch sitzt der Taxifahrerarsch in der Ecke und ist sicher irgendein Cousin von dem Hotelinhaber. Ok, also anderes Zimmer.

Wir bekommen ein Zimmer mit Blick auf die lokale Fedex-Zentrale und schauen zu, wie die Pakete hin- und her geworfen werden. Es stinkt immer noch, aber wir haben ein Fenster.

Mit dem Zimmerservice bestellen wir Bier. Das ist der Vorteil von Delhi, hier gibt es auch Bier mit Alkohol. Das ist aber teuer. Also beschließen wir, das Hotel zu verlassen und irgendwo günstig Bier zu besorgen. Das muss doch möglich sein.

Wir laufen durch die enge Altstadt, links und rechts der Straße befinden sich Rinnen, in den Kacke schwimmt. Straßenhunde trinken daraus. Wir laufen und laufen und finden einen Shop. Kein Bier im Shop. Dann sehen wir ein Schild mit BEER. Erlösung. Wir kaufen uns sechs Flaschen und der Händler wickelt jede einzelne Flasche fein in Zeitungen ein, damit sie kalt bleiben. Stolz tragen wir unseren Schatz nach hause.

Im Zimmer angekommen stellen wir die Flaschen auf den Tisch. Voller Vorfreude packt Steffen die erste Flasche aus. Und jetzt sehen wir es:

alkoholfrei

Steffens Blick wird panisch. Die nächste Flasche wird ausgepackt, dasselbe! Nach und nach stellen wir fest, alle Flaschen sind alkoholfrei.

Ein kehliger, verzweifelter Schrei entfährt Steffens Mund. Das wars! Steffens stoische Ruhe ist beendet.

Er wickelt alle Flaschen wieder ein, packt sie in seinen Rucksack und trabt zum Bierhändler. Ich kann seinem Schritt kaum folgen.

Beim Bierhändler knallt er die Flaschen auf den Tisch, flippt aus und bekommt sein Geld wieder. So kenne ich Steffen nicht.

Wir laufen also weiter und finden eine Bierbar für Touristen – viel zu teuer. Und als wir es gar nicht mehr glauben, finden wir einen Laden, in dem der Verkäufer im Schneidersitz in der Auslage sitzt und er hat Bier im Kühlschrank. Mit Alkohol. Wir kaufen.

Zurück im Hotel bestellen wir nur noch das Essen per Roomservice und trinken unser Bier. Das Bett ist so keimig, dass wir in unserer Kleidung darauf einschlafen. Der Fernseher bietet nur grisselige Bilder mit indischen Soaps. Wir sind echt verzweifelt.

Am nächsten Morgen steht pünktlich der windige Taxifahrer bereit, der Hotelinhaber knüpft uns noch eine Fantasiesteuer ab, so dass wir jetzt gar kein Geld mehr haben und wir fahren zurück zum Flughafen.

Diesmal erwischen wir den Flug und kommen zwei Tage später auch wieder heil in Berlin an – Kingfisher Airlines sein dank. Die gibt es leider nicht mehr. Wahrscheinlich deswegen.

Aber mit den Jahren zeichnet die Erinnerung alles weich und was bleibt, ist die Erinnerung an dieses spezielle indische Licht, die wunderbaren Paläste und das unglaublich gute indische Essen, welches man einfach nicht in Deutschland bekommt.

2017

Immer mehr ploppte im Hinterkopf die Idee auf: Wir müssen noch mal dahin! Wir müssen Indien eine zweite Chance geben!

Also beschlossen wir, noch einmal nach Indien zu fliegen. Ende 2017. Eine geführte Reise durch den Süden Indiens, Tamil Nadu und Kerala. Eine richtig teure Busreise die den satten fetten Touristen – also uns – von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit kutscht und auf der man den dichten Menschenmassen etwas entgeht. Und wo man am Ende des Tages einen Rückzugsort hat und sich nie Gedanken ums Essen machen muss.

Und es wurde so viel mehr: wir waren eine 11-köpfige Gruppe in einem großen Reisebus, der Reiseführer ging auf all unsere Wünsche ein und man hatte die Möglichkeit, innerhalb kürzester Zeit so viel zu sehen, dass man komplett geflasht war. Es war die tollste Reise unseres Lebens und ich würde sie wieder tun!

Wer uns also noch besser kennen lernen möchte und sehen möchte, wie es war, bevor alles geschah, kann es hier nachlesen:

Wenn es Euch gefällt, würde ich mich freuen, wenn Ihr eine kleine Bewertung bei Amazon hinterlasst. Habt Nachsicht, es ist mein allererstes Buch, es holpert sicher noch etwas. Ich habe es aus der Sicht der alten Dana geschrieben, also aus der Sicht der noch nicht durch den Tod von Steffen veränderten Dana.

Eigentlich wollte Steffen dazu einen Bildband fertigen, da er wunderbare Bilder geschossen hat. Wir wollten eine Seite schaffen, in welcher man die Bilder zu den Tagesausflügen zuordnen kann. Leider ist jedoch das letzte, was Steffen in seinem Leben geschafft hat, diese eine Homepage, die er am 09. Februar 2019 online gestellt hat, zwei Wochen vor seinem Tod:

https://www.steffenglaeser.com/galerie

Es zerreißt mir das Herz, wenn ich die Bilder ansehe. Die Bilder sind allesamt von Steffen. Herrje, was für ein feiner sensibler Mensch. Er fehlt so sehr! Ich werde noch mehr Wege finden, wie Steffen nicht für diese Welt verloren gehen wird. Ich finde, die Welt soll wissen, wie toll er war!

Ich habe das Buch genau an dem Tag fertig geschrieben, als ich Steffen das letzte Mal ins Krankenhaus gebracht habe. Steffen hat immer gesagt:

Schreibe Du, Du schreibst so schön! Ich belaste Dich nur mit meiner Krankheit. Ich möchte, dass Du schreibst!

Steffen

Daher wusste ich so klar, als ich an dem fürchterlichen Morgen im Februar an Steffens Bett in der Charité stand und den erlösten Steffen sah:

Ich muss das weiter machen, das bin ich Steffen schuldig. Ich kann mich nicht hängen lassen.

Dana

Er konnte das Buch daher leider nicht mehr lesen. Ich wollte es ihm eigentlich noch vorlesen. Aber dazu sind wir leider nicht mehr gekommen…

düdümm….

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