Nach meiner erquicklichen Nacht im Hotel Zanella am Gardasee geht es heute weiter nach Crema und Pavia. Die Reise führt mich entlang des Gardasees und über das flache Land der Poebene. Endlich wird es Sommer.

Ich wache nach einer erholsamen Nacht im Hotel Zanella auf. Das erste Zimmer während dieser Reise, welches hell und luftdurchflutet ist. Der Innenhof mit dem Pool sorgt sofort für mediterranes Feeling. Also geschwind zum Frühstück, ich muss ja noch den letzten Blogeintrag schreiben.

Deutsche beim Frühstück

Im Frühstücksraum ist die Hölle los: eine Wandergruppe aus der Slowakei bricht in wenigen Minuten auf und der ganze Raum ist voll. Erster Rückzug, ich werde später kommen. Eine halbe Stunde später geht es dann menschenvolumentechnisch.

Nun sitzen im Frühstücksraum nur noch die Deutschen, die ich gestern Abend schon kennenlernen durfte: die acht Frauen der Turngruppe aus Unter-Eschelschwingen (also irgendwo aus dem Schwabenland) die etwas ganz Verrücktes tun und ohne ihre Familie reisen. Gestern haben sie sich noch am Pool mit Flaschen des sehr guten Rotweins die Kante gegeben, als ich Lusche schon ins Bett ging. Dann ist da noch die Bikergruppe, also zwei Pärchen um die 55, die sich gestern genau zu mir setzen mussten, obwohl es zu diesem Zeitpunkt noch genau zehn freie Tische rund um den Pool herumm gab. Die Biker kommen aus Bayern. Sie waren mir jedoch erst ab dem Moment zutiefst unsympathisch, als sie sich über die italienische Servicekraft lustig machten, die nicht ihre Sprache bei der Bestellung verstanden hat. Entschuldigung, die haben bei ihrer Bestellung hardcore bayrisch gesprochen, wer versteht das schon? Und kleine Anmerkung am Rande: wir sind hier in Italien im Ausland, da kann man sich wenigstens ansatzweise mal beim Sprechen Mühe geben. Nur weil der Opa hier oder da mal im 2. Weltkrieg durchgemordet ist, ist das noch lange nicht deutsches Refugium!

Die zwei Damen in meinem Alter mit der flotten Kurzhaarfrisur am Tisch nebenan kann ich nicht weiter definieren, da sie zu unscheinbar sind. Außerdem übernimmt gerade mein ungewollt tiefer Ausschnitt die Kontrolle über den Raum. Hey, das ist ein ganz normales Sommerkleid. Et Voilá, oder wie der Berliner sagt „Wallah“, da sind sie wieder, die musternden Blicke von oben nach unten. Niemand, aber auch wirklich niemand reagiert auf meine anstandsgemäße Begrüßung, als ich den Raum betrete, nur das Personal. Kein Nicken, kein Grüßen der anderen, nur Verachtung. Ich lache unter meiner FFP2 Maske. Das ist so geil. Unter der Maske kann man nämlich auch noch Zunge rausstecken, gehässig grinsen, Fresse ziehen. Alle ist möglich. Das mache ich jetzt auch und gehe zu meinem Platz.

Wir sind noch innerhalb der Schnitzelgrenze, die armen Hoteliers haben sich der deutschen Übermacht unterworfen: Vollkornbrot, Wurst, Brot und Bohnenkaffee. Nein! Wo sind die leckeren Croissants und der Espresso? Doch da, die Espressomaschine, die keiner bedienen will und kann. Alle rennen demonstrativ zum Bohnenkaffee, so als müsste man zeigen, wer hier der Herr im Hause ist. Der Bikermann ist richtig crazy und nimmt gleich die ganze Bohnenkaffeekanne mit zum Tisch. Yeah, du bist so cool!

Die Servicekraft kann Gedanken lesen und bringt mir extra Croissants, die deutschen Damen wehren vehement ab. Nein, nein! Ungesund! Kohlehydrate und Fett! Also, Pro-Tipp für die Invasoren: bewerft Deutschland mit Croissants, sie werden sich sofort unter der Übermacht der Fette ergeben.

Sirmione

Nach dem Frühstück schreibe ich auf dem Balkon zum Innenhof noch fix den gestrigen Blogartikel fertig. Es ist ein absoluter Traum. Die Mitgäste sind alle schon weg, wandern oder biken oder radeln. Klar, ist ja schönes Wetter. Leer liegt der Pool unter mir. Schade, der schöne Pool.

Um 11:00 Uhr starte ich dann endlich und fahre den traumhaften Gardasee entlang. Es ist wahrlich unfassbar schön. Es riecht nach Blumen und Küchendüften. Um zwölf ist Mittag und die Brühen brodeln. Ich kann leider nur Gerüche aus der Küche benennen, bei Blumen haperts. Das gibt mir etwas zu denken, aber ich kann es doch auch nicht ändern.

Eigentlich will ich mir in Sirmione direkt am Gardasee noch die alte römische Villa ansehen, aber es sind so viele Menschen in dem Ort, dass ich einfach keinen Parkplatz finde. Klar, könnte ich etwas weiter weg parken und mit dem Rad hinfahren, aber ehrlich gesagt irritieren mich diese Menschenmassen. Nach zwei Jahren Corona kommt man nicht auf so eine Masse klar, schon vorher war ich nicht der gesellige Typ, Menschenmassen irritieren mich immer. Ich verwerfe also die Idee direkt und fahre direkt weiter zu meinem heutigen Ziel:

Unterkunft

Ach ja, die Unterkunft. Relativ teuer im Vergleich zu dem Gebotenen. Sie liegt auf einem alten Pferdegestüt, in welchem sich auch ein Fitnessclub befindet. Dahinter ist ein Pool, dessen Eingang ich nicht gefunden habe. Ist auch egal, denn ich bin nicht so eine Wasserrate. Auch beim Baden gilt: Hauptsache nichts mit Menschen

Das Frühstück steht schon für morgen in Cellophan eingeschweißt auf dem Zimmer. Chemiecroissants und Zwiebackzeug. Tee und Zucker. Zwei Kapseln Nescafé sind mir zugeteilt worden. Gottseidank reise ich allein, sonst wäre es wohl nur eine Kapsel für mich und später zwei Tote mehr in Pavia.

Drumherum um das Hotel ist nichts, keine Pizzeria, kein gar nichts. Crema ist eine einfache italienische Stadt, die von dem Reichtum ihrer Vergangenheit lebt. Genau das strahlen die Menschen hier aus, sie wirken etwas eingebildet und unfreundlich, so als lebten sie immer noch von dem Durchgebrachten und dünken sich als etwas Besseres. Legitim, bei der Geschichte, aber nicht mein Fall. Man könnte sich hier noch nicht mal mit einer Flasche Wein schön wohin setzen, denn schön gibt es hier nicht und fällt aus wegen isnich.

Der Raum ist hoch und dunkel, dafür aber recht hellhörig. Der Kühlschrank blubbert die ganze Nacht (ja, ich habe den Stecker gezogen). Naja, irgendwie ist die Stadt nicht meins, irgendetwas fehlt. Je ne sais quois.

Den Charme des Ortes fand sich nur im Film“Call me by your Name“. Den Film kannst du dir ganz einfach rechts per Klick auf das Bild via Amazon Prime ansehen. (werbung)

Und Wikipedia sagt, dass direkt nach der Ausstrahlung des Filmes eine kleine Touristenwelle stattfand, welche dann aber recht schnell wieder abebbte. Vielleicht doch Karma und schlechte Energien, die hier über der Stadt liegen.

Schauen wir mal, was Pavia sagt:

Pavia

Zeitig fahre ich von hier los, zu Crema gibt es nichts mehr zu sagen. Also fahre ich die Stunde bis nach Pavia. So habe ich dort wenigstens den ganzen Tag für mich und die Stadt. Universitätsstädte sind per se eh angenehmer und es kann jetzt nur besser werden. Ein doofes Schwitzcroissant aus der Tüte hilft mir durch das erste Hungertief.

In Pavia angekommen, springe ich sofort auf mein Rad und suche eine Pasticceria. Das ist doch kein Leben so. Nach einem Caffe Latte und drei kleinen geilen Scheißerchen für gesamt 4,50 EUR (krass, in Berlin hätte ich mindestens das doppelte gezahlt) meldet sich die Dame von der Unterkunft: wenn ich will, kann ich jetzt schon einchecken. Sehr geil, so ist der Koffer wenigstens aus dem Auto, welches heute Nacht hier irgendwo auf der Straße schlafen muss. Dann geht’s zum

Castello die Visconteo di Pavia

Das ist das Stadtmuseum von Pavia, welches sich in einem alten Schloss der Visconti aus dem 14. Jahrhundert befindet. Es ist unfassbar groß, nein riesig, gigantisch! Meterhohe Bogengänge umschließen den Innenhof. Ich bin hier allein mit ein paar wenigen Besuchern. Die Geräusche der Vögel und die Gerüche muten regelrecht indisch an. Kleine Geckos huschen vor meinen Füßen davon.

Ich liebe den italienischen Baustil mit den hohen Decken, denn auf diese Weise bleibt es selbst im heißen Sommer – vernünftige Regulierung durch Rolläden bzw. Veranden vorausgesetzt – angenehm. Und wenn nicht, macht man halt eine Siesta und schläft die Hitze weg.

Im Museum kann man jedoch die Hälfte der Ausstellungen jedoch nicht besichtigen, besonders die Gemälde hätten mich interessiert. Aber man kann nicht alles haben. Also geht es weiter zum

Duomo – der Dom von Pavia

Als ich durch die kleine Tür springe, kommt mir der Ortsheilige, also irgendein christlicher Mensch, der da angestellt ist, entgegen und scheucht mich raus. Ich verstehe „Diabolo“ natürlich zu Recht und 14:00 Uhr. Kein Ding, dann esse ich halt was. Das kann ich am besten.

Die Zeit fließt träge in dieser Hitze dahin. Fast dreißig Grad und alles entflieht der brütenden Wärme, in welcher sich der Aggregatszustand des Hirns ändert. Das mag ich im Mittelmeer-Raum. Die Italiener ergeben sich hier der Hitze und machen nichts. Man sitzt im Schatten, trinkt ein Glas Weißwein oder Prosecco und wartet bis es später wird. In Deutschland tritt man sich nach der halben Stunde Mittagspause wieder fleißig zurück zum Arbeitsplatz, um ja die heute noch benötigten Arbeitsstunden abzurattern. Ich mach also mit den Italienern mit bei dem „Dolce Farniente“ – ach, gäbe es das nicht schon, ich hätte es erfunden.

Die Zeit ist herum, ich betrete den Dom. Der Eintritt ist kostenlos. Wie schon in Bologna bekommt der Klerus keine Dukaten. Das gefällt mir gut. Im Dom ist es schön kühl, er ist riesig und beeindruckend, aber nicht so beeindruckend wie mein nächstes Ziel:

Museo per la storia dell´Universita di Pavia
Historisches Museum der Universität Pavia

Wer mir schon länger folgt oder mich kennt, weiß, dass ich eine ausgeprägte morbide Ader habe. Ja, ich liebe die dunkle Seite, die absurden Geschichten hinter den Dingen. Aus diesen Gründen finde ich auch immer die absurden Geschichten, denn sie lieben auch mich.

Und siehe da, auch hier im Universitätsmuseum gibt es ein medizinhistorisches Museum. Die Italiener sind wegweisend in ihren Bemühungen Leichen für medizinische Zwecke zu konservieren. Jeder Spezialist hatte sein eigenes Verfahren, wie er die Körper so konserviert, so dass möglichst viel Studenten daraus lernen können und schneller Krankheitsbilder erkennen, wissen, wo die Muskeln und Nervenstränge im Körper verlaufen und wo der Schnitt anzusetzen ist.

Man muss bedenken, dass es damals wenige Vervielfältigungsmöglichkeiten gab. Ja, es gab Kupferstiche und Drucke, aber in Farbe, quasi in 3D, undenkbar. Somit sind die ältesten Ausstellungsstücke nicht nur perfekt konservierte Leichen, sondern vielmehr echte Menschen. Menschen die geliebt haben und geliebt wurden. Hinter jedem Ausstellungsstück steckt ein ganzes Leben. Meist ein Leben voller Schmerz und Entbehrung, da es für die Hinterbliebenen günstiger war, den Leichnam für medizinische Zwecke zur Verfügung zu stellen als die teure Beerdigung zahlen zu müssen, aber ein ganzes Menschenleben.

Erst später wurde das Verfahren der Wachsabdrücke entdeckt, auf welche Art man Krankheitsbilder vervielfältigen und kolorieren konnte. Diese Wachsabdrücke sehen unfassbar real aus. Aber auch hier sollte man bedenken: die Abdrücke sind von echten, lebendigen Menschen gemacht worden.

Unter anderem durch die Möglichkeit der Duplikation solcher Wachsabdrücke, dem Austausch der Forschungsergebnisse zwischen den Universitäten, wie beispielsweise Pavia, Bologna, Wien und Padua, kam es im 19. Jahrhundert in der Medizin erst richtig voran. Bedenke, dass die ersten Impfstoffe im 19. Jahrhundert und Antibiotika erst in den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts entwickelt wurden. Narkose gibt es auch erst seit dem 19. Jahrhundert. Diese Range von 1850 bis 1920 interessiert mich daher einfach ungemein und alles sinistre, morbide halt sowieso. Interessant ist, dass das italienische Wort „sinistre“ in Deutsch links bedeutet. Als Linkshänder macht nun bei mir plötzlich alles Sinn… Also kann ich hier wieder nur staunen.

Antonio Scarvia wirkte hier an der Universität Pavia. Da er keine Kinder und Familie hatte, vermachte er sein Erbe der Universität und bestand darauf, dass nach seinem Tod sein Kopf abgetrennt werden würde und so der Nachwelt erhalten bleibt. So schaut er nun über all die Exponate hinweg, über der Tür hinter einem Holzkästchen über all das Wissen und die neugierigen Besucher.