Am Männertag bekam ich meine Impfung gegen Covid19 mit dem Moderna-Impfstoff. Vielleicht bin ich heute am Sonntag, wenn du das liest, schon tot. Bahaha. Natürlich nicht. Für alle, die nun also wissen wollen, wie das in so einem Impfzentrum abläuft, gibt es hier meinen Bericht.

Eines Tages öffnete ich meine Post und ein Schreiben von der Senatorin für Gesundheit fiel mir in die Hand. Mein Herz rutschte sofort in die Hose – ein wohlbehüteter Reflex bei amtlichen Schreiben. Zaghaft öffnete ich den Brief, welcher zu meinem Erstaunen einen Buchungscode für meine Covid19-Impfung enthielt.

Warum erhalte gerade ich den Buchungscode?

Ich bin doch noch nicht über 80 und kein Rentner und überhaupt. Ein paar Absätze tiefer las ich dann die Antwort: da ich mit meiner Trauer über mehrere Monate psychologische Unterstützung annahm, lief ich unter „chronischer Krankheit“ und bekam die Einladung. Auch hier gab es mal wieder die Bestätigung, dass nicht alles schlecht ist.

Pro und Kontra

Die ersten Tage war ich hin und hergerissen, denn ich kenne die Meinungen beider Seiten und ich höre mir auch gerne alle Meinungen an.

Was alles verbindet, die Gegner und die Beführworter, ist die Angst. Ich möchte nicht auf die diversen Thesen eingehen und ich habe meine Meinung, aber was am Ende zählt ist für mich:

Ich möchte noch weiter viele Reisen unternehmen und all die leckeren Dinge im Restaurant essen, denn das ist es, was mich lebendig macht.

Und am Ende blieb die Angst vor dem was und wie, dem wenn und aber und der stetige Zweifel, ob die eine oder andere Seite Recht hat.

Aber Angst will ich nicht mehr in meinem Leben haben, daher heißt es für mich, ich gehe die jeweilige Angst proaktiv an und strippe das Problem auf den kleinsten gemeinsamen Nenner herunter. Und das ist am Ende der Tod. Also hatte ich zwei Möglichkeiten:

Pro Impfung

Wenn ich hops gehe, dann ist es einfach quick und dirty mit mir selbst ganz allein in der Wohnung ohne Zweitschlüssel für irgendjemand. Hirnschlag, zack, aus die Maus. Kenn ich schon. Tut nur kurz weh bis zu dem Moment, wo dann endlich die körpereigenen Drogen übernehmen und wenn es nicht zündet, kann ich mich noch zum Balkon schleifen, der ist sicher.

Kontra Impfung

Der eventuelle Tod an Covid 19 ist dann doch nicht so lecker und eher unschön: Elendig an Atemgeräten über Tage und Wochen hinzusiechen um dann doch zu verrecken oder wahlweise mit einschränkenden Spätfolgen zu überleben ist für mich als Krankenhausliebhaberin (nicht) keine Option.

 

Ein einsamer Tod ist nur für die anderen scheiße und Spoiler: wir werden alle sterben!

Warum triggert Corona so hart?

Generell knallt meiner Meinung nach diese Viruserkrankung bei allen deswegen dermaßen ins Unterbewusstsein, da man plötzlich daran erinnert wird, dass man sterblich sind.

Kein Soja-Latte, kein Weizenkeimgetränk und keine Selbstoptimierung kann dich vor dem Coronatod (oder vor irgendeinem Tod btw) retten. Wenn der Tod mit seinen spitzen Finger auf dich zeigt, biste halt dran.

Und das Unterbewusstsein so: „Aber ich habe doch noch gar nicht mein Haus im Grünen, ich habe doch noch gar nicht gelebt, ich habe doch nur geackert!?!“ Genau. Die eigentliche Frage, die man sich tagtäglich stellen sollte, ist:

Autsch. Genau. Und Corona quetscht den Finger genau in die blutig-krustige Eiterwunde des Verdrängens des eigenen Verfalls, denn wir sterben jeden Tag ein bisschen mehr.

Bitteschön.

Und deswegen knallen alle gerade so weg und drehen frei, da sie realisieren, dass das, was sie gerade tun, vielleicht Mumpitz ist und das Leben an sich so viel kostbarer ist.

Aber ich schweife ab. Zurück zum Impftermin:

Männertag – 10:15 Uhr – Erika-Hess-Stadion

Alter, hier war ich noch nie! Und wer ist eigentlich Erika Hess? Und was macht man in einem Eisstadion ohne Vanilleeis?

Noch nieselt es, es ist grau. Vor drei Tagen hat uns noch das Wetter mit Sonne und 28 Grad angefixt, um uns nun eine harte nasse Schelle zu geben. Also fahre ich mit dem Auto, denn der Wetterbericht sieht nicht nach Fahrrad aus. Als ich ankomme, gibt es natürlich keine Parkplätze, sondern nur eine Einfahrt für Taxis – nichts gegen die Taxis, die müssen sein, für die alten schwachen Menschlein.

Parksituation

Also biegen alle PKWs in die Straße zum Eisstadion ein um dann von einem Ordner gesagt zu bekommen, dass es keine Parkplätze gibt. U-Turn und ab auf die Straße. Und das bei jedem Auto. Ein einfaches Schild oder ein Hinweis auf GoogleMaps hätte es auch getan. Aber wer bin ich schon, was weiß denn ich.

Also kleiner Pro-Tipp – parke einfach bei Schering und fahre nicht den anderen auf der Suche nach einem Parkplatz nach.

Ankommen

Also gehe ich zum Ordner, der folgende Unterlagen braucht, um mich Richtung Eisstadion weitergehen zu lassen:

  • Buchungscode von der Gesundheitssenatorin
  • Doctolib-Code

Dann geht’s heiter weiter in der ca. 50 Meter langen Schlange, die sich parallel zur Panke (kleines Flüsschen im Wedding, im Bild links, Namensgeber der Panke) hin zum Eisstadion gebildet hat.

Super nette und freundliche Mitarbeiter, die gnadenlos verzahnt agieren – sowas begeistert mich immer wieder, wie man die Tätigkeit einzelner Menschen so effektiv herunterstrippt, dass alles funktioniert – verteilen Anamnesebögen zum Ausfüllen für die Impfung.

Diese Anamnesebögen kann man sich natürlich auf der Doctolib-Seite herunterladen. Aber für all die Peiler wie mich, die sich nicht die Unterlagen vorher ordentlich aus dem Netz gezogen haben, sind jetzt diese freundlichen und geduldigen Menschlein da.

In der Halle

Im Eingangsbereich der Halle gibt es einen weiteren Security-Check. Man fragt mich, ob ich Pfefferspray und Messer in meiner Handtasche habe. Kurz panisch krame ich, ob mein Taschenmesser dabei ist, aber hey, mein Unterbewusstsein hat aufgepasst und es zuhause liegen lassen.

Einzeln dürfen wir nun auf Geheiß die Halle betreten um wieder zu weiteren Sitzplätzen oberhalb der Eisrotunde mit gehörigem Abstand geführt zu werden. Ab hier sind Fotos verboten. Mein Sitznachbar muss sogar seine soeben geschossenen Fotos nach einer Ansage durch einen recht bulligen und großen Security-Mann vorzeigen und löschen. Wir schauen uns halb verschwörerisch und halb beängstigt an.

Dystopie

Und das ist das, das mir zu schaffen macht. Wenn man genügend Science-Fiction gesehen hat -so wie ich beispielsweise – ich hole mir schließlich all meine Bildung aus AmazonPrime und Netflix, dann sieht man überall Parallelen.

Alle Menschen werden separiert, kein Kontakt kann wirklich aufkommen, alle schauen verschreckt hinter ihren FFP2 Masken. Nur die Angestellten brechen das mit ihrer guten Laune auf „oder ist die gute Laune nur gespielt und sie wissen, was gleich kommt? So wie die Musikkapelle in Auschwitz?“ fragt mein paranoides Sci-Fi-Hirn.

Geht los

Nun geht es auf die eigentliche Eisfläche des Eisstadions. Von oben betrachtet konnten wir auf unzählige einzelne künstlich geschaffene weiße Kabinen schauen, die wie Waben zusammenkleben. Dazwischen befinden sich einzelne Sitz und Warteräume. Ich werde zu einer ersten Kabine geführt, wo meine Daten abgeglichen werden:

  • Ausweis
  • Buchungscode
  • Impfausweis
  • Anamnesebogen

Das Mädchen ist wie alle hier jung und super freundlich. Wir kommen ins Gespräch, sie freut sich über meinen Vornamen, ihre Familie kommt aus Russland. Ich frage nach dem Sputnik-Impfstoff. „Mein Vater ist extra deswegen nach Moskau geflogen und ist nach der Impfung noch eine Woche geblieben um in alle verfügbaren Konzerte und Restaurants zu gehen, in Russland ist ja alles offen.“ Wehmütig atmen wir beide aus. Ich mag es, mich mit Menschen aus anderen Ländern zu unterhalten, wie es da abläuft. Es verändert die Blickwinkel. Ständig.

Weiter geht es in den nächsten Wartebereich. Gleich bekomme ich meine Impfung.

Die Impfung

Von einem jungen Mädchen werde ich zu meiner Impfkabine geführt. Wie Zellen sind diese um ein Inneres, den Kern von alles, angeordnet, welchen ich nun von außen durch die Kabinentür betrete.

Zum Innenbereich zu ist die Kabine offen und gibt den Blick auf das Herzstück der Impfaktion frei.

Bundeswehrsoldaten ziehen den kostbaren Impfstoff auf einzelne Spritzen auf und verteilen diesen an die einzelnen Kabinen und im Uhrzeigersinn kommen Ärzte und verimpfen Moderna an uns.

Dystopie – die zweite

Bundeswehrsoldaten, Security-Männer, Verimpfungen im Uhrzeigersinn. Glücklicherweise ist das Mädchen, was mich zur Kabine geführt hat, noch mit mir hier drin und wir fangen an, herumzuflachsen. Sie ist scheinbar auch ein kleiner Nerd. Durch unsere albernen Endzeitwitze verkehrt sich die beunruhigende Situation in etwas ganz Normales.

Wie will man sowas hier auch anders effektiv organisieren?

Nach der Impfung verabschieden wir zwei uns und sie wünscht mir viel Spaß bei Netflix&Chill und dass ich bloß keinen Sport mache, wegen der Impfung.

Chillax

In einem weiteren Wartebereich hinter den Impfkabinen muss ich mich nun für weitere 15 Minuten auf einen Stuhl setzen, damit ich unter Beobachtung bin. Falls ich wegsacke oder zur Supermutante werde und direkt erschossen werden muss. Moderna-Mutante. Das gibt SEO-Spaß…

Parallel erhalte ich via WhatsApp von der Außenwelt diverse Mitteilungen und Flüche ob des Scheißwetters. Kann ja nicht so schlimm sein, denk ich mir, war doch vorhin nur Regen-Pipi.

Doch.

Denn als ich endlich das Gebäude verlasse, schüttet es aus Kannen. Das Wasser steht 2 cm auf den Bürgersteigen hoch. Es blitzt und donnert oben. Meine weiten Jeans werden nass und saugen das Wasser aus den Pfützen auf und verteilen es gleichmäßig in den Docs. Ich remembere hart das Jahr 2003 mit nassen bodenlangen Hosen und Steffen. Ein freundlicher Typ nimmt mich mit unter seinen Schirm, auch Osteuropäer. Wir flachsen auch herum und trennen uns wegen der ebenfalls getrennt parkenden Autos.

Schade.

Zuhause angekommen gibt es erstmal Frühstück. Es ist um 12:00 Uhr. Zwei Stunden hat das Ganze gedauert.

Fazit am Tag danach:

Die Impfstelle tut halt weh, klar, legitim. Und der gestrige Mittagsschlaf war etwas erkältungsmäßig. Aber bis jetzt noch keine Skandale. Noch lebe ich.

Nachtrag – eine Woche nach der Impfung

Exakt eine Woche nach der Impfung stellte ich einen kreisrunden Auschlag mit einem Durchmesser von 7 cm fest. Rötlich, etwas erhöht und juckend. Nach ca. 2 Tagen ließ er auch wieder nach. Natürlich war ich irritiert, habe aber gelesen, dass es zu den normalen Nebenwirkungen gehört.

Ich habe jegliches Kratzen usw. vermieden und mich gut mit nichtreizender Creme dort versorgt.

Kopfschmerzen

Seitdem habe ich gefühlt latente Kopfschmerzen. Ganz leicht, nicht wirklich schlimm, aber vorhanden. So stark, dass man jeden Tag eine halbe Kopfschmerztablette nehmen will. Dieser Zustand hielt ungefähr zwei Wochen an.

Nachtrag – Zweitimpfung

Am 22.06. hatte ich meine Zweitimpfung mit Moderna. Die Nebenwirkungen waren am Folgetag ein vierstündiger Grippeschub mit Schüttelfrost und 38 Grad erhöhter Körpertemperatur.