Polen

Das erste Mal war ich hier in der Gegend von Krakau im Jahr 1995 mit Verstand und 1980 mit noch nicht so viel. Ha, einige Leser sind 1994 sicher noch nicht mal geboren, aber ich war damals knackige 18 und fuhr mit meinem damaligen Freund und seinem Stiefirgendwas, nennen wir ihn „Wujek“ – Polen lieben dieses Wort – in einem alten Scirocco nach Zabrze. Einer Stadt tief im niederschlesischen Kohlebecken in der Nähe von Kattowice. Fragt mich nicht nach dem deutschen alten Namen, denn der ist egal. Und damals 1995 war das Essen in Polen abscheulich. Was wiederum kein Wunder ist, mit der Wende im Ostblock wurde in Polen der Kriegszustand beendet. Man lernte hier 1995 kulinarisch erst wieder laufen.

Kriegszustand?

Ja ihr habt richtig gehört. Mit dem Machtgewinn der Solidarność rief die sozialistische Regierung 1981 den Kriegszustand aus. Danach gab es in Polen nichts zu essen und es galt Kriegsrecht. Man stand noch mehr nach Essen Schlange, wie es sich der Ostdeutsche überhaupt vorstellen kann und Familien überlebten nur von den Spendensendung der Katholischen Kirche aus dem Westen. Priester hatten die Zeit ihres Lebens, da kleine Jungs für Snickers Dinge tun mussten, worüber die katholische Kirche immer noch nicht reden will und wovon die Priester immer noch träumen und ihr Beinkleid wässern. Aber dies ist eine andere Geschichte.

Und damals im Sommer 1980 fuhren meine Eltern mit uns drei Kindern quer durch Polen an die Ostgrenze der Slowakei, mit Zwischenstopp in Wieliczka (Bericht folgt) bei Krakau. Bis heute ist die Jagdwurstsemmel die wir dort am Imbiss erstehen konnten, unvergessen.

Gastronomie in den 90ern

Zurück zu dem wilden Roadmovie mit Wujek und dem VW Scirocco. Wir fuhren über die alte Autobahn A4 die als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme damals vor dem Krieg schon unter Hitler gebaut wurde. Natürlich. Er wollte schließlich schnell an die Ressourcen im Niederschlesischen Kohlebecken. Wir hoppelten also damals in den tiefen 90ern über die Betonplatten-Autobahn mit dem 90 PS Scirocco (das war damals sauviel, weil die Buden nicht so schwer wie die Autos jetzt waren – da ging noch was) und ab und an durfte sogar ich fahren. Gekauft. Ich bin da bei. Ja ich bin so billig.

Irgendwann tauchte Hunger auf. Was nun? Raststätten? Fehlanzeige. Damals gab es an der Autobahn lediglich Ausbuchtungen mit Bäumen zum Parken. Ohne Dixi, ohne Klo, ohne Essen. Aber es gab auch dubiose Abfahrten direkt von der Autobahn auf Feldwege hin zu rätselhaften Broilerständen. Vergesst HACCP, Hygienevorschriften und Kühlketten. Das ganze Grillkonstrukt schrie in den Himmel. Damals starb noch jeder ungeschützt. Das kann ich nicht essen, maulte ich verzweifelt herum, wohlwissend dass der polnische Wujek kaum Toleranz für ein 18jähriges Mädchen hatte. Wozu auch, ist ja nur ein quengelndes Weib.

Ok. Weiter im Scirocco. In jedem Ort quakte ich „ich habe Hunger“. Aber unterwegs reihte sich ein Rätsel-Etablissement an das nächste. Die Wiener Würstchen im Hot Dog bestanden aus einer flüssigen Füllung im Kunstdarm, die eine ähnliche Konsistenz ein paar Stunden später im privaten Enddarm zur Folge hatte. Das höchste der Gefühle waren damals Spekacki (gesprochen: Schpeckatschki). Eine wohlriechende Wurst, die jedoch im inneren nur aus aneinandergereihten Speckwürfeln bestand, welche durch den Grillvorgang komplett verflüssigt wurden. Ein mutiger Biss sorgte für hartnäckige Flecken auf dem edlen glitzernden Trilobalanzug und machte jedem Bukake-Event Konkurrenz. Und sie schmeckten damals scheiße.

Spekacki, Rätselhuhn und Doc Snyders Mama

Ok, Verpflegungsstatus nach gefühlten 12 h Fahrt:

  • Rätselhuhn
  • Rätselimbiss mit Flanschwurst
  • Spekacki

Oh ich war hangry! Aus dem Off kam von mir nur noch ein schwach geseufztes „gibt’s hier ein McDonalds?“. Ich wusste, nur genormtes Plastefood könnte mich in diesem gastronomischen Wasteland retten.

Und Wujek, der Arsch, meinte hinter jeder Kurve „da ist McDonalds“, was sich dann nach genauerer Betrachtung als ein weiterer Imbiss der Gattung „Rätsel“ herausstellte.

Irgendwann kamen wir endlich in Zabrze an. Hungrig und todmüde. In einer potthässlichen Kohlestadt in der Platte. Wohlwissend, dass wir auf der guten Cordcouch schlafen würden müssen, da morgen die Kommunion – ha, genau mein Humor – sein würde. Aber dann tischte die polnische Mutti mageren Putenschinken und Weißbrot auf. ENDLICH ESSEN!!!

Am nächsten Tag war dann die Kommunion – Details habe ich vergessen. War ich überhaupt dabei? Egal.

Auf dem Heimweg von der Kommunion, kurz den Klauen der polnischen Familie entkommen, flehte ich meinen Freund an, ob wir auf dem Rückweg vielleicht zu McDonalds gehen könnten, ich hatte so einen Hunger. Und es gab hier wirklich einen!!! Als ich die heiligen Hallen mit dem gelben M betrat, fing ich fast an zu weinen. Endlich Essen. Ihr bekommt eine Ahnung, wie schlimm es damals in Polen war, wenn McDonalds mich so glücklich machen konnte.

Irgendwann ging es dann endlich wieder zurück in die ostsächsische Heimat.

Aber nicht ohne noch einen Stopp an einem Imbiss an der Autobahn zu machen: ein wilder Holzbretterverschlag mit einer selbstgebastelten Küche, in der wahrscheinlich Doc Snyders Mama schon seit Stunden einen Schuh auskochte. Nicht mehr und nicht weniger. Plumpsklos gab es am Eingang links. Ja! Plumpsklos. Trocken-WC sagen feine Menschen jetzt. Donnerbalken andere.

Der Verschlag mit der Essensausgabe selbst war dunkel. Es gab Pieroggen mit einer Fleischfüllung im Verhältnis 10% Fleisch (wahrscheinlich, wahrscheinlich jedoch Roadkill) und der Rest Sägespäne. Ein mutiger LKW-Fahrer hatte sich eine gekochte Schweinehaxe bestellt. Irgendwann kam von hinten der entsetzte Aufschrei in Polnisch „Wie lange ist die Sau schon tot???“

Gastronomie in Polen jetzt

Aber das ist jetzt glücklicherweise alles anders. Das durften wir schon vor 4 Jahren an der weißrussischen Grenze feststellen. Es gab in den letzten Jahren einen unglaublichen Quantensprung in der polnischen Gastronomie! Mehr dazu dann noch in den nächsten Tagen.

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