Heute geht es über die Apenninen nach Genua. Begleitet mich in diese latent anarchistische Hafenstadt, die mich so sehr an Berlin erinnert. Ich bin froh, endlich Modena zu verlassen.

Modena macht es mir leicht

Ich gehe sehr spät ins Bett, ich wache zeitig auf. Selbst mein Körper wartet darauf, dass wir endlich dieses Hotel verlassen. Versteh mich nicht falsch, es ist sauber, voller willfähriger Dienstmägde, atmet Geschichte seit 1936 und fühlt sich ein bisschen an, wie diese uralten Sternerestaurants im Westen. Aber das ist alles nicht meins hier. Alles ist unterkühlt steif, keine Menschlichkeit, nur Norm. Das ist nicht Italien für mich.

Freudig und sehr gerne lasse ich also Rubiera, Modena und die Emilia-Romagna hinter mir. Das erste Mal muss ich auch seit Österreich wieder tanken, doch die Preise sind anders. Von 1,15 EUR zu 1,39 EUR pro Liter Diesel. In Genua wird der Diesel 1,55 EUR kosten. Aber wenn man bedenkt, dass ich das letzte Mal vor einer Woche in Österreich getankt habe, ist das ein guter Schnitt. Steffen hat so eine Tankfüllung in Berlin in einer Woche beim Ausliefern des Caterings verbrannt.

Apenninen

Ich fahre wieder auf der Strada Statale und nehme nicht die Autobahn. Ich liebe diese endlosen Kreisverkehre und Kurven, obwohl mich die Italiener immer wieder überraschen. Bei einer Kurve, die man in Deutschland mit 20 km/h beschildert hätte, steht hier mal eben 50 km/h und die Italiener halten sich dran und legen noch eine Schippe drauf.

Wer so fährt, kann ganz einfach in jeder Kurve testen, ob er weltraumtauglich ist, denn mit dem richtigen Schwung ist der Gravitationstest leicht gemacht. Warum haben die Italiener kein Weltraumprogramm? Jeder hier ist ein kleiner Enzo Ferrari, an jeder Ecke stehen Kreuze mit Bildern Jungverblichener. Eine Partnerbörse fürs Jenseits.

Nach drei Stunden Fahrt halte ich es kaum noch vor Hunger und Durst aus. Ich habe Tennisarme von den Kurven und Pinkelpausen sind nicht möglich, mangels Parkbuchten und der Möglichkeit, sich tief in die Wälder zu schlagen. Zwar habe ich schon das Pro-Level beim Pinkeln: einfach die Seitentür aufmachen und sich neben die Tür hocken … aber selbst das nutzt einem bei all den Kurven nicht. Irgendjemand sieht deinen weißen Hintern strahlen.

Trattoria Pepe dal Ugo

Und dann sehe ich plötzlich das verheißungsvolle Schild am Straßenrand. Es weist auf eine kleine Straße hin, die sich hoch in die Berge schlängelt. Egal, erst mal weg von der Hauptstraße und den überrannten Restaurants mit all den Motorradfahrern davor. Die besagte Straße schlängelt und schlängelt sich immer höher. Sie frisst sich in den Berg und wird dabei immer schmaler. Die Äste der Bäume streifen mein Auto. Ja, genau so fangen Horrorfilme an, flüstert mein krankes Hirn.

Nach mehreren Kurven endlich ein Ort und ein weiterer Vorwegweiser. Ich bin noch richtig. Puh. Es ist 12:30 Uhr, die Kirche ist aus und die Glocken bimmeln. Ich parke mein Auto ab, denn es sind nur noch 40 m bis zur Trattoria. Und dann das: ein absoluter Traum.

Hoch oben über dem Tal, welches ich gerade durchquert habe, thront diese Lokalität. Sie hat eine große überdachte Terrasse mit Blick über die Berge, hinter denen man das Meer erahnen kann. Wolken haben sich dort aufgetürmt. Schon hier riecht die Luft salzig. Es mutet etwas an, als wäre ich irgendwo auf den Kanaren.

Mir wird ein Platz zugewiesen, der Kellner fragt, ob noch jemand kommt. Ich sage „sono solo“. Er sagt irgendwas wie „das ist aber schade“ (hoffe ich zumindest), rennt aus Versehen gegen den Nachbartisch und bringt mir die Karte. Einige Minuten später kommt er noch einmal an meinen Tisch geeilt und gibt mir aufgeregt einen Zettel mit seiner Nummer drauf. Er sagt, er hätte morgen frei und könnte mir die Gegend zeigen.

Kreisch! Meine allererste zugesteckte Telefonnummer in meinem Leben. In meinem ganzen Leben! Ich fasse es kaum! Musste ich erst dieses biblische Alter erreichen, um so etwas zu erleben? Wiederum sagt mir mein biblisches Alter: hey! Sofort machen! Als er das nächste Mal zum Tisch kommt, sage ich ihm: „Morgen 10:00 Uhr am Plaza Corvetto.“. Ich möchte ihm ungern meine Nummer geben, die Typen werde ich dann nicht mehr los, kenn ich schon aus der Reha. Aber für Genua reichts.

Er ist so aufgeregt, dass er es gleich in der Küche erzählt, ich höre nur „Tedescha“ und „Genova domani“. Ich muss hart lachen. Was hätte ich mich dafür früher geschämt, denke ich mir. Aber wenn ich irgendwas in den letzten Jahren gelernt habe, ist es, dass das Leben verdammt kurz ist und man jede Möglichkeit nutzen sollte. Wer zögert, liegt immer noch dem falschen Glaubenssatz auf, dass das alles hier genauso ewig weiter geht. Also, wenn es Chancen ergibt, ergreife sie.

Aber nun zu dem eher greifbaren Genuss: Das Essen! Das Essen ist phänomenal, der Blick und ja, ich bestelle Weißwein. So matschig, wie ich nach der Fahrt in der Rübe bin, macht das das Kraut auch nicht mehr fett.

Jetzt bin ich wieder glücklich. Nach dem Modena-Tief, wo ich schon kurz ans Abbrechen gedacht habe, weil ich meine Berliner so sehr vermisse, folgt das Hoch. Es ist wie in Sardinien: nach Costa Rei, nach dem Tief, wendete sich das Blatt. Es geht immer nur so tief, wie es eben geht, man muss das Ganze halt aushalten. Aber alles ist endlich, auch das Tief. Das Glück übrigens auch.

Talfahrt nach Genua

Der aufgeregte Kellner bringt mir dann vor Freude und Aufregung auch noch einen Grappa mit Himbeeren aufs Haus. Jetzt bin ich echt angeschallert. Natürlich habe ich Skrupel und mahnende Worte in meinem Kopf. Aber die 30 Minuten bis zum Hotel schaffe ich auch noch (famous last words). Bitte nicht nachmachen!!!!

Und siehe da, die Kurven der Straße adaptieren exzellent mit meinem Hirn. Die Sonne knallt und sticht im gleißenden Licht. Ich finde mein Hotel und parke in einer Einbahnstraße, bergan auf der linken Seite mit zwei Zügen ein, ohne die Autos zu berühren. Respekt Dana! Kaugummi kauen und ab ins Hotel.

Hotel Actor

Ja, es ist in die Jahre gekommen und vielleicht zwanzig Jahre hinterher. Aber genauso finde ich es gut, geht es mir doch genauso: in die Jahre gekommen und zwanzig Jahre hinterher. Das Zimmer und ich gehen sofort eine Symbiose ein. Der Hotelmanager ist unfassbar freundlich und hilfsbereit. So geht das, Modena!

Hotel Actor

Via Goito, 20, 16122 Genova GE

Der Hotelmanager erklärt mir, dass ich am nächsten Morgen nicht mehr mein Auto an dem aktuellen Stellplatz stehen lassen darf. Also bietet er mir kurzerhand an, das Auto am folgenden Morgen umzuparken. Er nimmt mir den Autoschlüssel ab und kümmert sich um entsprechend die Umparkaktion. Wenn ich etwas in Italien gelernt habe: überlasse die Autoschlüssel ohne Gedanken an die Italiener, wenn die was können, ist das Autofahren. Jedes Auto. In die kleinsten Parklücken hinein. Uferlos! Aber jetzt muss ich erstmal den Rausch ausschlafen, ist eh zu hell draußen.

Genua Teil 1

Um fünf verlasse ich erfrischt das Haus und laufe die anderthalb Kilometer hinunter zum Meer. Ich bin schon jetzt begeistert. Kleine enge Gassen die an Barcelona und Venedig erinnern. Hohe Häuser, kleine Trattorias und Bars. Freundliche Menschen. Und alles ist ein bisschen verranzt und punkig. Es ist die Antithese zu Florenz, atmet aber mindestens genauso viel Geschichte.

Ich habe sofort einen Crush mit dieser Stadt. Hier muss ich noch mal hin. Und endlich das Meer. Meer macht etwas mit mir, viel mehr als Berge. Und wenn es doch pressiert, die Berge sind ja direkt hinter Genua.

Auf dem Rückweg nach der ersten Schnupperrunde finde ich eine versteckte Bar, die auch noch Empanadas und Ceviche anbietet. Generell riecht die ganze Stadt nach Knoblauch und Gebratenem, Zwiebeln und Brühe, der Essenz, ja die Seele einer jeden guten Küche. Fand ich das Essen in der Emilia-Romagna generell etwas lasch, fast so wie kochen mit angezogener Handbremse, brennt mir nun die Pepperoni im Ceviche die Lamellen auf der Zunge weg. Ah! Geschmacksknospen! Da, nehmt dies. Alle klatschen nun im Takt, ich, mein Herz und die Geschmacksknospen.

Oh, wie sehr freue ich mich auf morgen!

Das Date in Genua

Ich habe fantastisch geschlafen. Der Hotelier ist auch schon wach und ich gehe zum Frühstück. Mein Gott, ist er erleichtert, dass ich kein deutsches Frühstück will. Nach einem Schokocroissant und einem Knallerkaffee geht’s los, denn ich habe ja um 10 ein Date.

Am verabredeten Plaza setze ich mich gut sichtbar auf eine Bank. Doch wer nicht kommt, ist Herr C. Ich warte noch bis 10 nach 10 und breche dann auf. Auch gut, habe ich mehr Zeit für Museen und meinen Kram.

Nun gehen die Meinungen meiner Freunde auseinander: Meinung 1: für die Italiener ist Flirten Sport und war eh klar, dass er nicht kommt. Meinung 2: Italiener sind immer mindestens eine halbe Stunde zu spät, ich hätte besser warten sollen. Wie auch immer, nicht meine Schuld, ich war da.

Genova – Teil 2

Also erschließe ich mir die Stadt erneut allein, das ist gut, das kann ich am besten. So sieht man mehr Details und kann sich alle Zeit der Welt nehmen. Gestern sagte ein Schriftsteller in einer Arte-Doku „Genua ist wie eine kluge Frau, sie gibt nur wenigen ihre Schönheit preis“. Ich ahne, was er meint, denn heute ist Genua zickig. Es ist Montag, die meisten Museen haben zu, die Restaurants auch. Es sind noch weniger Menschen als sonst unterwegs.

Aber auf diese Weise bekommt man ein einzigartiges Gefühl für die Historie der Stadt. Besonders wenn man durch das enge und dunkle Centro Istorico schlendert. Überall gibt es hier kleine Obstläden und viele Einwanderer. Es riecht nach alten Mauern und manchmal nach Pisse und verrottendem Obst. So muss es wohl früher gerochen haben. Und genau dort setze ich mich vor eine Punkerkneipe und trinke ein schönes Bier. Geschichte wird hier greif- und fühlbar. Genua ist voller Geheimnisse, es gibt an fast jedem Haus etwas zu entdecken. Es ist nicht sauber und glänzend, es ist rauh und widerspenstig, es hat einfach seinen eigenen Charme. Nicht umsonst stand an eine Wand gesprayt: „Genua ist nicht Mailand“ Wer sich in Barcelona und den Geheimpfaden von Venedig wohlfühlt, wer es imperfekt und anarchistisch mag, ist hier genau richtig.

Genua bekommt von mir definitiv eine zweite Chance, denn es gibt noch so viel zu sehen! Es soll einen unfassbar schönen Friedhof haben, die diversen Palazzi wollen besichtigt werden und vielleicht gebe ich mir noch eine Hafenrundfahrt beim nächsten Mal.

Was trägt man so in Genua?

Wie ich schon beschrieben habe, in Genua fühlt es sich einfach mehr nach Berlin an. Die Frauen sind selbstbewusster, schwarz dominiert und der hohe Ausländeranteil sorgt für Weltoffenheit.

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Praktisch als Berliner ist, dass man in Genua nicht umdenken muss. Mit diesem Netzoberteil liegst du nicht falsch. Die passende Hose gibt es nebenan:

Zu gewagt? Vielleicht. Im Zweifel sorgt Aperol Spritz bei Bedenken und wenn Leute ein Problem damit haben, können sie es auch behalten.

Meine Wahl war ein simples Blumenkleid. Luftig und bequem passt es zum Aperol, dem Museum und dem Centro Istorico. Ideal!

Chucks gehen immer! Außerdem passen Chucks zu beiden Styles.

Merke: Wenn es zu warm für Docs ist, nimm einfach Chucks. Passt besondes zur allgegenwärtigen Punkattitüde Genuas und man kann ewig laufen.