Jeder kennt ihn, jeder hasst ihn, diesen Schmerz, wenn man an einer größeren Wunde das Heftpflaster mal wieder abziehen muss. Und man hat mittlerweile gelernt, dass dies nur mit einer schnellen Bewegung geht. Umso langsamer man das Heftpflaster abzieht, umso größer der Schmerz.

Genauso ist es mit der Trauer. Trauer und Verlust schmerzen dermaßen, dass man in eine Schockstarre gerät. Man kann nicht mehr dieses eine Lied hören, diesen ganz bestimmten Film sehen, an diesen einen Ort reisen oder das T-Shirt des Verstorbenen aus dem Schrank nehmen.

Über die Zeit nach dem Tod sammeln sich immer mehr solche Stellen und Gegenstände an. Die Zahnbürste, dieses eine Parfüm. Der Herbst. Jedes kleine Fitzelchen, dass an den Verstorbenen erinnert, will krampfhaft festgehalten werden, da man sich nicht mehr an dem Verstorbenen festhalten kann. Alles erinnert einen und man kann die Schmerzen kaum aushalten.

Man fängt an, all diese Situationen zu vermeiden und baut sich dadurch selbst ein Gefängnis aus Schmerz.

Aber warum soll ich mich von den ganzen Sachen trennen?

Natürlich möchte man sich zunächst von gar nichts trennen. Alles erinnert einen an den Verstorbenen und es fühlt sich nach Verrat an, wenn man irgendetwas wegwirft. Wie eine mangelnde Wertschätzung.

Aber frage dich mal selbst, wie würdest du darauf reagieren, wenn alles von dir aufgehoben werden würde? Du würdest doch auch sicher sagen „ach, mach doch nicht so ein Theater. Du brauchst das doch gar nicht“.

Man kann durch den Akt des Wegwerfens oder Verschenkens auch keine Erinnerungen löschen, weil man die ja alle sowieso für immer in seinem Herzen tief und fest gespeichert hat. Ein T-Shirt bringt einfach nicht die geliebte Person zurück. Das ist zwar eine schreckliche Erkenntnis, hilft aber doch recht gut.

Man sollte sich neben den Marie Kondo Weisheiten zusätzlich fragen:

Bringt es mir den Toten zurück?

Ganz sicher nicht. Leider.

Aber wie kann man diesen Kreis durchbrechen?

Hier kann ich euch nur das System Heftpflaster empfehlen. Ein schmerzhafter Ruck, ein kurzes Zerren und so ganz einfach hart und bewusst in den Schmerz hineingehen.

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Kochbuch bei Krebstherapie

Natürlich muss man sich darauf ein bisschen vorbereiten, da man sonst leicht vom Schmerz überwältigt wird und dadurch möglicherweise in das nächste Trauerloch fällt.

Stimmung

Zuallererst sollte man in der richtigen Verfassung sein, um tiefgreifende emotionale Schritte zu unternehmen, damit man das Trauer-Heftpflaster abfetzen kann.

Nicht so ideal ist dafür der Zeitpunkt, wo man sich im Trauertal befindet und sich bereits tagelang komplett in seine Bettwäsche integriert hat. Während man sich in seiner privaten Trauerbubble nur von Chips und alten Essensresten körperlich und durch Videos geistig ernährt hat, ist wohl der denkbar schlechteste Zeitpunkt für einen mutigen Schritt nach vorn.

Und missversteht mich bitte nicht, denn ich weiß nur zu gut, dass solche Tage absolut legitim sind, ausgekostet und ausgelebt werden wollen. An solchen Tagen ist das eigentliche am Leben bleiben Errungenschaft genug.

An so einem Tag solltest du nicht gerade versuchen, das Trauer-Heftpflaster abzuzuzeln, denn an so einem Tag ist es lediglich wichtig, diesen zu überleben, ab und an auf Toilette zu gehen und vielleicht sogar komplett autistisch eine Pizza ohne Menschenkontakt zu bestellen. Corona sei Dank.

Denn dies ist zugegebenermaßen eine der wunderbarsten Errungenschaft der Quarantäne:

Die kontaktlose Übergabe.

Man kann in Deutschland endlich ohne jeglichen Menschenkontakt online bestellen, online bezahlen und das leckere Schmackofatz wird bei der Anlieferung direkt vor der Wohnungstür abgestellt.

Nachdem man leise durch den Spion lunschend beobachtet, wie sich der Bote wieder in den Aufzug geschält hat, braucht man erst dann die hermetisch schließende Wohnungstür öffnen, ohne dass der Speisebote sieht, wie man über seine Tränensäcke stolpert.

Aber das Gute (oder auch Schlechte) mit allen Vorkommnissen im Leben ist: sie gehen vorbei. Restlos, alle Vorkommnisse, immer!

Und dann kommt endlich dieser eine Tag, an dem man komischerweise wieder gute Laune hat. Das Wetter ist schön und exakt dann ist der ideale Zeitpunkt gekommen, um eines der vielen Heftpflaster von der verletzten Seele zu reißen.

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Hier kommen meine persönlichen Tipps, die mir bis jetzt sehr gut helfen. Und ja, bis jetzt, der Prozess ist noch lange nicht beendet.

Hilfe

Schnapp dir für deinen ersten Coup einen guten Freund oder Freundin oder jemanden aus der Familie und bitte die Person um Hilfe, dich bei dem jeweiligen Schritt zu begleiten. Bitte ihn, dir beizustehen und gegebenenfalls einen neutralen Überblick über die nun folgende Situation zu behalten.

Mein Beispiel:

Ich musste meine Cateringküche ausräumen. Alle Gewürze und die Inhalte der Schubladen mussten durchgeschaut und gegebenenfalls gesichert werden. Ich schaffte dies einfach nicht allein, denn jedes Teil, jedes Gewürz und jedes Objekt hatte bis vor kurzem noch Steffen angefasst. Alles atmete Steffen. Sei es nur sein Messer, seine Kaffeetasse oder die gestapelten Thermoboxen.

Also bat ich meinen Freund E. mir beizustehen.

Seine Tätigkeit bestand zwar lediglich darin, den offenen Müllsack aufzuhalten und bei jedem Artikel, an dem ich mich festhielt, zu fragen: „brauchst Du den noch, kannst Du den noch verwenden oder kann das weg?“. Innerhalb einer Stunde war die Küche von den meisten Inhalten befreit.

Aber ohne seine Hilfe hätte ich das alleine niemals geschafft.

Notfall

Manchmal hilft auch einfach ein Notfall eines anderen, der nun dringend deine Hilfe braucht. Das Geheimnis besteht darin: Wenn dich jemand um Hilfe bittet, kann man schlecht nein sagen und ist dadurch gezwungen, über seinen Schatten zu springen.

Beispiel:

Mein Nachbar musste letzte Woche ins Krankenhaus. In genau das Krankenhaus, in welchem Steffen nur zwei Wochen nach der Krebsdiagnose schon so schlimm gelitten hatte. Das Krankenhaus, vor dessen Eingang ich mit mir haderte: „jedes Mal, wenn ich jemanden in Krankenhäuser bringe, stirbt er zeitnah“.

Und genau dort musste mein Nachbar hin.

An diesem Morgen konnte ich gar nicht so richtig darüber nachdenken, weil mir mein Nachbar so leid tat. Doch als ich ihn dann am Empfang abgesetzt hatte, fuhr ich um das Rondell Richtung Ausgang. Ich fuhr genau an der Stelle vorbei, wo Steffen damals auf mich gewartet hatte. In meiner Fantasie sah ich Steffen dort stehen und Tränen schossen mir in die Augen.

Und zeitgleich startete im Radio ein Gute-Laune-Lied von meiner neuen Playlist aus der Zeit nach Steffens Tod. So als würde er mich trösten wollen: „Ist doch alles nicht so schlimm Schnubbi, mir geht es jetzt viel besser“.

Ja, nicht umsonst gehen wir Trauernden als verrückt durch. Mir passieren ständig solche Geschichten, bei denen ich über die Musik mit Steffen kommuniziere.

Und wenn man ganz allein mit sich ist oder in eine unvorbereitete Situation gerät, hilft immer noch die

Meditation

Manchmal ist man auch so mutig und geht die Sache ganz allein an. Ohne andere. Prinzip Heftpflaster. Quick and dirty den Trauerschmerz wegfetzen.

Aber der Schmerz ist halt auch ein blöder Arsch und kommt manchmal ganz fies durch die Hintertür. Er sneakt sich völlig unerwartet wegen eigentlicher Kleinigkeiten in dein Bewusstsein. Genau dann, wenn man nicht darauf vorbereitet ist.

Beispiel:

Du stehst plötzlich an diesem einen Ort, wo es damals ach so schön war. Oder es kommt dieses eine Lied, was euch so viel bedeutet hat, völlig aus dem Nichts.

Dein Herz scheint schier zu zerreißen. Schmerzhaft krabbelt das Vermissen in deinen Gedärmen hoch Richtung Herz. Die Augen werden nass. Und trotzig plärrt eine eklige Stimme in deinem Hinterkopf: „es wird nie wieder so schön wie damals!“

Das ist der Moment, wo mir persönlich nur noch eine kleine Meditation hilft, bevor man sich dieser furchtbaren Fatalität hingibt.

Diese Meditation dauert nur wenige Minuten und kann überall und natürlich auch mit offenen Augen gemacht werden:

Meditation bei Trauer

  • wenn nötig, kurz zur Seite gehen bzw. einen ruhigen Platz suchen
  • Augen schließen
  • tief einatmen
  • mit geschlossenen Augen die real spürbare Umwelt erfassen:
    • Geräusche
    • Gerüche
    • Temperatur
  • sich des „Jetzt und Hier“ bewusst werden
  • die dabei ganz natürlich aufpoppenden Gedanken sanft stoppen
  • sage dir selbst „das ist zwar vergangen, vorbei und so nicht wiederholbar, aber wer weiß schon, was noch Tolles kommen mag“
  • danke dem Universum/Gott/dem Schicksal dafür, was du bisher doch für ein Glück hattest, so etwas Schönes erleben zu dürfen
  • komme langsam zurück ins jetzt
  • öffne langsam wieder die Augen

Tagebuch

Ob du es dir vorstellen kannst oder nicht. Du machst Fortschritte und wirst auch weiterhin Fortschritte machen, egal wie schwer es dir fällt.

Um das Ganze zu protokollieren, habe ich ein paar Achtsamkeitstagebücher – speziell jetzt für die fordernde Coronazeit – erstellt. Klickt einfach auf das Motiv, welches Euch am besten gefällt und bestellt Euer individuelles Tagebuch für die nächsten 40 Tage:

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