Du musst mehr in deiner Mitte sein, lebe doch einfach im Jetzt! Schon wieder so ein Esogeschwurbel, denkt man sich. Aber ist da vielleicht etwas dran? Wie lerne ich, mehr im Jetzt zu sein?

Wir schreiben nun August 2020. Das Jahr ist über die Hälfte rum. Was war da noch mal im Januar? Und stimmt ja, in fünf Monaten ist Weihnachten und der Jahreswechsel.

Die Zeit rast und umso älter man wird, scheinbar immer schneller. Kaum weiß man noch was im Januar passiert ist, hätte man nicht all seine digitalen Fotos irgendwo chronologisch gespeichert. Und oje, was machen wir eigentlich zu Weihnachten? Wo feiere ich Silvester? Wie soll das hier gerade alles bloß weitergehen?

Den ganzen Tag ist das Hirn damit beschäftigt, in der rosafarbenen Vergangenheit zu leben oder sich gar grausige Gedanken über die Zukunft zu machen. Unser Bewusstsein trudelt zwischen „früher war alles besser“ und „oh Gott, wie soll das nur alles werden, wenn … (setze Paranoia deiner Wahl ein)“ hin und her.

Damals

Meine persönliche Erfahrung ist diese, dass mit Steffens Tod meine gesamte Vergangenheit komplett ausradiert wurde. So wie noch nie in meinem Leben erfuhr ich, dass es keinen Weg zurück gibt. Dass das schiere darüber Nachdenken über das Verlorene mein Herz zerreißen lässt. Das möchte mein Körper nicht, denn das gäbe eine ziemliche Sauerei. Daher hat mein Körper beschlossen, die Vergangenheit einfach in meinem Hirn zu blocken.

Denn egal ob es eine schlimme Erinnerung (Stress im Catering) oder eine schöne Erinnerung (gemeinsame Urlaube) war, jedes Mal wurde mein Herz und Magen auf schmerzhafteste Weise zusammengezogen und zerquetscht.

Irgendwann realisierte ich bitter, dass ich auch mental nicht mehr zurück konnte. Und das galt nunmehr für alles: für die Gedanken an meine Mama, an die Zeit ihrer Pflege, irgendwelche Jugenderinnerungen oder auch Musik die man dann und dann gehört hat. Wie sich die Schule angefühlt hat und wie die Banknachbarin hieß. Alles wurde zusammenkocht zu einem unemotionalen Einheitsbrei.

Ich habe zwar nicht alles vergessen, ich kann und will mich nur nicht mehr daran erinnern. Weil es irrelevant ist. Denn es ist vorbei. Unveränderbar vorbei.

Ich habe in meinem Leben noch nie etwas Derartiges gespürt und staune mittlerweile, wenn Leute die Kohlepreise von 1983 auswendig aufsagen können. Was will man denn jetzt bitte noch mit dieser Information anstellen? Vollkommen unnötig werden auf diese Weise wichtige Cluster im Hirn belegt.

Früher habe ich mich selbst ständig über die furchtbare Lebensgeschichte meiner Omi, meiner Mama, ach, der ganzen Generation zerfleischt. Über das versagte Freigeistleben meines Vaters in der DDR. Ich habe mit allen und allem mit-gelitten und mitgefühlt. Durch das ewige Erzählen über das Damals war ich mehr dort als hier. Selbst wenn ich zum Zeitpunkt der eigentlichen Handlung noch Quark im Schaufenster war. Aber irgendwann fühlte es sich alles so real an, als wäre ich dabei gewesen.

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Kochbuch bei Krebstherapie

Und verpasste dadurch das im Jetzt sein. Das damalige Jetzt mit Steffen. Albern, oder?

Zukunft

Parallel machte ich mir dann ständig Gedanken um die Zukunft als Selbstständige. Wir wussten, dass wir von niemandem und von keiner Institution jemals Geld erwarten konnten. Wir mussten für alles selbst sorgen.

  • Was würde mit der Rente sein?
  • Haben wir uns als Selbstständige genügend selbst abgesichert?
  • Wie lange können wir das körperlich noch machen?
  • Was passiert, wenn einer krank wird?
  • Wie viel Umsatz brauchen wir, um überhaupt leben (definiere dabei Leben neu) zu können?
  • Haben wir das Ziel diesen Monat erreicht?
  • und wenn nicht, wie meistens – wie geht es nur weiter? Was kann ich optimieren?

Steffen erzählt mir dann an irgend einem dieser Tage irgendwas von einer neuen Musik, die er entdeckt hat und ich wische die Information unwirsch hinweg. Was für ein Träumer, der hat Nerven, sich in all dem Stress noch mit Musik zu beschäftigen…

Und schon war man wieder im Streit. Obwohl Steffen so recht hatte. Denn Steffen hat viel mehr im Jetzt gelebt, als ich. Aber das begreife ich erst jetzt. Musste es wirklich erst so weit kommen? Leider ja.

Und so zieht es dahin, das Leben. Plötzlich ist man alt und faltig, die Gelenke schmerzen und man fragt sich, wo denn die Zeit geblieben ist. Man realisiert, dass man auch selbst dem Verfall preisgegeben ist. Und umso älter man wird, umso mehr redet man von früher, weil man da noch ein Held war, das Leben scheinbar einfach war und man noch alles vor sich hatte. Im Alter bedeutet Zukunft meist nur noch der Sprung in die Kiste und das ist beängstigend, da eine Auseinandersetzung mit dem Tod selten stattfindet. Schade. Ich will das so nicht.

Das zweite Leben

Ich will das zweite Leben, das ich nun im Gegensatz zu Steffen geschenkt bekommen habe, bewusst leben. Ich will endlich einmal glücklich sein. All das, was ich mir selbst wegen der Erinnerungen an das Früher meiner Vorfahren und der mir ungewissen Zukunft versagt habe, jetzt erleben. Seien wir doch mal ehrlich: jede Zukunft ist ungewiss.

Ich will mein Hirn vor schönen Erinnerungen und Glück überquellen lassen. Und Erinnerungen bilden sich nur, wenn man im Jetzt ist. Weil dann geht die mentale Record-Taste an.

Also lerne ich jetzt, viel zu spät, aber nie zu spät, im Jetzt zu leben. Und ich kann euch sagen, ich war noch nie glücklicher. Ich habe scheinbar eine ausgeprägte Resilienz.

Wie, die ist glücklich? Die hat doch ihren Mann verloren? Keine Sorge, das Trauma schwebt über dem Ganzen, es ist nie weg. Das „im jetzt sein“ ist mein Coping-Mechanismus.

Steffen ist nie weg. Er ist immer bei mir. Aber ich weiß, dass er mich glücklich sehen will. Das wollte er schon immer, warum sollte sich das geändert haben?

Wie kann ich mehr im Jetzt leben?

Die einfachste Weg dorthin ist Achtsamkeit. Achtsamkeit, ja das Wort, welches in Schreibschrift über irgendwelche Ikealeinwände gepappt ist. Klingt abgedroschen, ist aber geil. Dabei hilft Meditation.

Autsch, noch mehr Hippie-Kram. Also übersetze ich in einfach in nutzbaren Content:

  • Du sitzt gerade vor dem Laptop oder mit deinem Handy in der Hand irgendwo
  • Atme tief ein
  • Schau dich um
  • Rieche
  • Fühle, wie du dich gerade fühlst
  • Irgendein Gedanke kommt rein. Sag ihm sanft: „später“
  • Negativer, ängstlicher Gedanke kommt rein. Sag ihm „unwahr“
  • Atme tief ein
  • Schau dich um
  • Rieche
  • Fühle, wie du dich gerade fühlst

Mehr ist es nicht. Aber dafür ist es alles. Es wirkt so unscheinbar, so unaufgeregt. Aber umso öfter es tust, umso mehr Magie spürst du. Fühle Dinge, fasse Dinge an. Atme tief ein. Spüre alles, was geht. Aber nur das, was wirklich da ist, pass auf, dass du dich nicht in sinnlosen Gedanken verlierst, denn

Gedanken sind nur Hypothesen

Dana

Probiere das so oft wie möglich in deinen Tag zu integrieren. Es ist egal, ob es auf dem Klo, am Schreibtisch oder im Park passiert. Du musst dir dafür nicht DEN malerischen Ort suchen.

So ein Achtsamkeitstagebuch in diesen Zeiten hilft auch, versucht es mal damit, die hier habe ich für euch gebastelt. Klickt einfach auf das Motiv, welches euch am meisten anspricht:

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Negative Gedanken

Wer sich in einer alltäglichen Stresskurve befindet, ist umzingelt von negativen Gedanken, wie zum Beispiel:

  • Wie geht es jetzt nur weiter? – worst case szenario entsteht im Kopf
  • Was denkt der über mich – nichts gutes natürlich, weil ich ja schlecht bin
  • Warum guckt der so, der denkt bestimmt …
  • Hoffentlich passiert meinem Kind nicht …
  • Es wäre so furchtbar, würde dem dass passieren …
  • Hoffentlich stirbt … nicht
  • Ich habe so eine Angst vor …

Ja, das ist der Stoff, aus dem Alpträume entstehen. Und jeder wälzt täglich solche Gedanken. Und all diese Gedanken sind ja nur im Kopf. Es gibt dafür keine Begründung, dass sie wahr sind. Es sind Illusionen oder Hypothesen. Wir beschäftigen uns den ganzen Tag mit Illusionen und Fantasien. Und ihr belächelt diejenigen, die zum Fantasy Film Fest gehen? In Wahrheit habt täglich euer persönliches Fantasy Film Fest in eurem Kopf.

Also fangt an, euer Leben zu genießen. Ihr habt nur das eine! (kirchlicher Ansatz) oder mehrere (buddhistischer Ansatz).

Im Jetzt sein

Hier ein paar simple Tätigkeiten für das „im Jetzt sein“:

  • Frühstück mit dem Lieblingsmensch
  • Der morgendliche Weg auf dem Fahrrad
  • Blumen am Wegesrand
  • Der Duft, wenn man zur Bäckertür hereinkommt
  • Dieser unglaublich blaue Himmel
  • Die Sommerdüfte und die Geräusche der Grillen am Abend – werden wir im Winter vermissen
  • Duft frisch gewaschener Bettwäsche
  • Der Duft der Luftmatratze im See und das Glucksen des Wassers
  • Wehende Vorhänge im Sommerwind

Wer jetzt grummelt: mach das Ganze mal mit einem Bandscheibenvorfall! Wie soll ich das Leben bei Krebs denn bitteschön genießen? Ja ich weiß, das ist harte Arbeit. Gedankenkontrolle ist sauschwer. Und manchmal klappt es auch nicht, auch ok. Aber man kann es immer wieder versuchen.

Es ist natürlich verdammt harte Arbeit, das Gedankenkarussell aufzuhalten, aber es funktioniert. Ich weiß es, ich habe das alles durch und deswegen weiß ich auch, wie schnell das schöne Leben vorbei sein kann. Und dann hat man nur noch die Erinnerungen in die man sich so gerne zurück wünscht. Also lasst uns lieber im Jetzt, in der schönen Erinnerung unserer Zukunft, leben:

Also,

  • Atme tief ein
  • Schau dich um
  • Rieche
  • Fühle, wie du dich gerade fühlst
  • Lächle
  • Sei
  • glücklich
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Photo by Artem Beliaikin on Pexels.com

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