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Nie wieder Weihnachten zuhause!

Man hat es überstanden und leise schwört man sich „Ich bin nie wieder Weihnachten zuhause!“. Wie schaffe ich es, diesen Vorsatz einzuhalten?

Warnung: Bitte diesen Beitrag nicht lesen, wenn dir die Familie heilig ist und/oder wenn ihr eine wunderbare Familie voller Liebe, Achtsamkeit und Empathie habt und ein traumhaftes Weihnachten hattet und gerade dankbar und voller Wehmut wieder an euren aktuellen Wohnort gefahren seid!

Dieses Coronajahr macht auch vor gar nichts halt!

Auch nicht vor der heiligen Weihnachtstradition, wie jedes Jahr die tausende Kilometer nach Hause zu gurken.

Seit Wochen haben einen die Medien verrückt gemacht mit den Fragen: soll ich fahren, darf ich fahren, wie viele sollen fahren und der gleichzeitigen Nachfrage der Familie in der alten Heimat, ob man kommt und wann man kommt und ob man pünktlich zu Mittag 12:00 Uhr da ist.

Erledigt!

Wie jedes Jahr sind auch in diesem Jahr die Straßen in Berlin zwischen den Jahren wunderbar leer. Man findet endlich wieder Parkplätze in der Stadtmitte und es gibt nicht mehr so viele Menschen in den Supermärkten. Die Zugezogenen – und ich meine nicht unbedingt die Kokser – sind wieder nach Hause gereist.

Wenn man sich jetzt nach Weihnachten an die Einfahrtsstraßen von Berlin stellt, sieht man all die glücklichen Gesichter, das tiefe Aufatmen und die Erlösung, wieder zurück in Berlin zu sein.

Denn wenn man als so ein Zugezogener, der ich übrigens auch bin, wieder nach Berlin hineinfährt, sieht man plötzlich überall schlanke und gut gekleidete Menschen. Ich meine nicht teuer, sondern individuell gekleidet.

Leichtes und leckeres vegetarisches Essen – solange es die guten kleinen Anbieter noch gibt, aber der Coronalockdown wird auch einen Großteil von denen killen… – dräut verheißungsvoll am Berliner Himmel.

Beim letzten Schlagloch löst sich ein Gänserülpser vermengt mit Rosenkohl aus den Tiefen des Bauchgewölbes. Schon seit Tagen ist das einzige Feuer, was in dir noch lodert, das Sodbrennen. In den letzten Tagen hast Du dir soviel Rennie reingeplackt, wie früher Pillen im Berghain.

Es reicht!

Nächstes Jahr feiern wir allein hier!

Nie wieder Weihnachten zuhause!

Jedes Jahr dasselbe – wieder bist du in diese alte Falle getappt. Wider besseren Wissens bist du auch dieses Jahr wieder in deine alte Heimat gerammelt, trotz Corona, trotz Lebensgefahr.

Während du alle Verwandten in der altbewährten Reihenfolge abgeklappert hast, wurdest du mit den immergleichen und stets wiederkehrenden Fragen und Vorwürfen bombardiert:

  • Warum hast du nicht was Anständiges gelernt, Gabelstablerfahrer bei Daimler zum Beispiel, dann hättest du innerhalb von 10 Jahren schon dein Eigenheim abbezahlt!
  • Wann kommt denn das Enkelchen? Ich wünsche mir so sehr ein Enkelchen!
  • Hast du immer noch keinen Partner? Dann muss es wohl an dir liegen!
  • Hängst du immer noch an dem? Irgendwann ist aber auch mal gut!
  • Wovon willst du eigentlich mal leben?
  • Und davon kann man leben?
  • Was wird nur aus deiner Rente?
  • Was bekommt ihr denn da überhaupt hin, in eurem Berlin? BER – Ha ha ha!
  • Wer soll denn die ganzen Kühe essen, wenn jetzt alle Vegetarier werden?

Powerpoint-Präsentationen wurden in Whats-App-Gruppen geteilt, als wäre es die neueste KI, du kennst jetzt alle dreckigen Witze aus dem letzten Jahrtausend und alle Neuigkeiten von Personen (random Nachbarn und Anverwandte der Verwandten), die im normalen Leben niemals zu deinem Umgang zählen würden.

Die letzten noch auf subtile Signale reagierenden Gehirnzellen wurden mit Kräuterschnaps ertränkt. Der Affe in deinem Hirn derweil so:

Und du schwörst Dir: „Ich verbringe nie wieder Weihnachten zuhause!“

Aber wie kann man das bewerkstelligen? Die derzeitigen Rauhnächte sind ja ideal dafür, um die Wünsche für nächstes Jahr zu formulieren.

Ich habe Dir hier ein paar Tipps aufgelistet, wie Du das nächste Weihnachten voller Liebe zu dir und mit dir selbst verbringen kannst:

Tipps für Weihnachten allein feiern

Memo an dich selbst

Schreibe Dir schon jetzt in den Kalender für nächstes Jahr, dass du unter keinen Umständen nach Hause fahren wirst.

Ich verbringe nie wieder Weihnachten zuhause!

Dies gilt auch für Geburtstage und andere wichtige Feste, an denen du nie wieder teilnehmen willst.

Das ist wichtig, denn wir werden alle kurz vor dem relevanten Datum wieder weich. „Ach, vielleicht ist es ja dieses Jahr schön. Es war damals vor 25 Jahren auch so toll!“ (ja, 25 Jahre … Aua) Leise schunkelt man bei „Last Christmas“ mit und fühlt hart Weihnachten. Aber! George Michael ist auch schon tot!

Vielleicht solltest Du neben ihm auch deine kitschige Weihnachtsvergangenheitsfantasie, auf der jeder herumtrampelt, begraben.

Außer du hast Kinder oder bist selbst ein Kindskopf, dann bau dir deine eigene scripted reality einer Weihnachtsfantasie. Kinder können sich noch nicht wehren! Und du bist eh der Bestimmer über deine eigene Realität.

Verschwinde

Buche eine Reise. Am besten schon im Februar, wo die Familienwunde noch offen klafft und die noch frische schmerzliche Erinnerung langsam Salz hineinstreut. Und nein, du wirst niemanden jemals die passenden Konter geben können, , die die ganze Nacht durch dein Hirn geistern, die der Verursacher deiner Wut eigentlich verdient. Spar dir die Zeit und schlechte Energie und schlafe lieber!

Wie jetzt, eine Reise buchen?

Bei Corona, na klar, da hat man Bedenken. Dann suche dir eben ein Ziel aus, welches du auch auf dem Landweg erreichen kannst:

  • Überwintern im Hotel an der Ostsee
  • Trudeln in der Skagerrak-Bucht
  • Polarlichter schauen
  • setz dich einfach nur vor die Fototapete in deiner 30-Quadratmeter-Mietwohnung und dreh die Regler der Heizung auf tropische Temperaturen

Soziale Medien

Ehrlich gesagt, ist die Familie ja eigentlich nicht ganz so schlimm, aber über die Jahre hast du gelernt, dass du sie nur in homöopathischen Dosen erträgst. Ihr seid alle so verschroben – auch du! – dass es besser ist, sich nur kurz zu sehen.

Und genau dies ist die Sollbruchstelle bei Familienbesuchen. Da man nur kurz da ist, ist die Besuchszeit durchgetaktet: Frühstück zuhause, Mittag bei Tante Erna, nachmittags Glühwein bei Erwin usw. usf.

Derweil hast du längst kein Zimmer mehr und Zeit für Rückzug sowieso nicht. Es ist nur eine Frage Zeit, bis deine Kappe brennt!

Wenn du also schon dein Zimmer in Weitweitweg gebucht hast, vereinbare mit allen nacheinander online ein Videoschalte.

So sieht man sich mal „hattest du da schon immer graue Haare“, kann miteinander sprechen und wenn dann alles vorbei ist, kannst du gepflegt in die Tüte atmen. Sieht ja jetzt keiner, denn der Laptop ist zugeklappt.

So kann auf diese Weise wieder ein zartes Pflänzchen des Vielleichtbesuchenwollens nach dem „nie wieder Weihnachten zuhause“ wachsen.

Hole das Treffen nach

Das Ursache der meisten Streitigkeiten ist oft die hohe Erwartungshaltung. Sei es der Braten zum Weihnachtsfest, die gute Laune bei der Geburtstagsfeier, das Wetter bei der Hochzeit oder die Aufmerksamkeit des Partners.

Die Liste lässt sich unendlich weiterführen. Es ist unsere eigene idealisierende Vorstellung, die alles kaputt macht.

Lass mal los!

Holt Weihnachten im Sommer nach und tut dann so, als wärt ihr in Australien. Genießt die spontanen Zusammentreffen, denn die sind viel schöner und bleiben so viel länger in Erinnerung.

Anstatt zu Weihnachten mit allen anderen Menschen gleichzeitig durch die Weltgeschichte zu gurken, lade Teile deiner Familie einzeln ein und zeige ihnen, warum du so lebst, wie du lebst.

Vielleicht verstehen sie es sogar.

Fazit

Hab Gnade mit deinen Verwandten-Bekannten, wenn du schon vermeintlich schlauer bist.

Versetze dich mal in sie, denn sie können ja nichts dafür. Sie sind nie aus Muckelhausen herausgekommen und kennen nur ihresgleichen. Daher können sie auch nicht verstehen, warum ihre Parameter nicht für dich gelten. Du verstehst ihre Parameter ja auch nicht.

Aber dafür braucht man Abstand. Viel Abstand!

Empathie und Wut passen nicht zusammen.

Kontrovers ist keine Schuhmarke!

Photo by Julia Volk on Pexels.com
danaheidrich

Autorin, Bloggerin, Köchin, Witwe

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