Am Morgen stolperte ich über einen englischsprachigen Instagram Post, welcher mich sowas von abholte. Auf einer ganz tiefen Ebene fühlte ich mich endlich verstanden. Das erste Mal wird mein aktueller Dauerzustand benannt: ich fühl mich so oft so lebensmüde, eine tiefe Lebensmüdigkeit.

Lebensmüde im Sinne des Wortes. Ich meine hier nicht suizidal!!!

Suizid setzt einen Willen zu einer finalen Handlung voraus. Diesen habe ich jedoch nicht, ich will mich nicht umbringen oder so.

Ich bin einfach nur dieses Lebens müde.

Bitte jetzt nicht alle aufschreien und sagen, dass darf man nicht denken, das darf man nicht sagen! Dana, brauchst Du Hilfe? Soll ich vorbeikommen?

Bleibt alle wo ihr seid und lest ganz ruhig weiter.

Was ich mit lebensmüde eigentlich meine:

Nein, es ist recht gut so wie es gerade ist. Mir geht es den Umständen entsprechend gut. Und in diesem Post lese ich nun, dass genau diese Lebensmüdigkeit in der Trauer vollkommen normal ist.

Es ist egal ob man tot oder lebendig ist (man möchte jedoch nicht sterben)

Megan Devine

Megan Devine hat mich mit ihren Posts schon oft abgeholt, mich fühlen lassen, dss es absolut ok ist, nicht ok zu sein. Sie hat auch ein sehr gutes Buch geschrieben:

Man wacht morgens auf und sagt sich, „Na super, schon wieder ein neuer Tag“. Schlafen war jedoch viel schöner. Man rappelt sich auf, tut etwas, was einem Halt gibt und glücklich macht, aber alles was mir gerade Halt gibt und mich glücklich macht, ist scheinbar brotlose Kunst.

Die Dinge, die einen früher angetrieben haben, sind komplett vaporisiert worden. Man sieht einfach den Sinn nicht mehr darin, sich für eine eventuelle Zukunft anzustrengen.

Und jeden Tag muss man wieder aufstehen, wieder sich mit den Gegebenheiten arrangieren und wieder kämpfen. Ich bin es so leid. Diesbezüglich fühle ich mich lebensmüde. Des Lebens müde.

Natürlich mache ich immer weiter und trabe stumpf weiter nach vorne und freue mich über jeden albernen Glitzerstein auf meinem derzeitigen Lebensweg geradezu hysterisch.

Ich bin stets positiv, gebe anderen so viel positives Feedback, wie ich nur kann und schere mich nicht mehr darum, was andere denken, wenn ich wieder einmal albern grinsend die Straße entlang laufe und dabei meine Lieblingskrähen füttere.

Jeder Tag ist ein Kampf, um lebensmüde zu überleben.

Aber am Abend bin ich dann so froh, endlich wieder in mein Bett zu fallen. In dieses große kuschelige, weiche warme Bett, mit all seinen tollen Träumen darin, die mich aus dem Hier und Jetzt beamen.

Will ich gerade nicht hören:

Manchmal treffe ich auf Menschen, die Sachen sagen wie:

„Du musst dich langsam wieder fangen, denn das Leben geht weiter.“

„Dana, du kannst doch nicht die ganze Zeit zuhause sitzen, du musst doch mal wieder arbeiten gehen.“

„Du brauchst einen festen Halt in Deinem Leben!“

Arbeit wäre genau die richtige Ablenkung für Dich, da kommst Du auf andere Gedanken.“

Ich nicke verständnisvoll und weiß, denn ich verstehe total, was sie mir sagen wollen. Und ich weiß, sie meinen es gut mit mir. Sie machen sich Gedanken. Aber das sind genau die Dinge, die man nicht hören will, wenn man lebensmüde ist.

Denn ich kenne diese Sprüche, die habe ich früher vielleicht auch gesagt oder gedacht. Aber jetzt sitze ich auf der anderen Seite und glaubt mir, so einfach ist das hier alles nicht.

Wie soll ich denn jemals aus meinem Kopf bekommen, dass Steffen tot ist? Der Mann, mit dem alles gut war, mit dem ich glücklich war? Switch off und weiter geht’s? Akzeptieren, vielleicht. Aber vergessen?

Ablenkung von meinen Gedanken? Warum? Meine Gedanken sind für mich das Größte. Und man verarbeitet dieses furchtbare Ereignis nur, wenn man sich ständig damit beschäftigt.

Energieleck

Ich habe auch gar nicht mehr die Energie, mich in dem normalen Leben der anderen anzustrengen. Tagtäglich sehe ich auf der Straße die Menschen, die morgens ins Büro hasten und spät abends kaputt nach Hause kommen. Ich würde diese Stunden auf Arbeit überhaupt nicht durchhalten. Meine Aufmerksamkeitsspanne ist so furchtbar begrenzt, ich kenne mich so nicht.

Die großartigste Sache in meinem Leben zurzeit ist es, einfach auf dem Bett zu liegen und die Decke anzustarren und auf den Schlaf zu warten, denn es ist so schön da.

In der aktuellen Weltuntergangsstimmung aus Sabine, Corona und beängstigenden Menschen, plärrt einem die Angst aus allen Medien entgegen. Alle haben Angst um ihr Leben.

Wieso haben die anderen solche Angst vor dem Tod? Dann wäre das Theater hier endlich zu Ende. Welch göttliche Ruhe.

Rotwein

Also betäubt man sich mit einem schönen Rotwein, fühlt sich endlich wieder so normal wie früher, man lacht so laut wie früher und trifft sich mit Freunden. Die Lebensmüdigkeit ist plötzlich wie weggeblasen.

Aber der nächste Tag wird furchtbar mit furchtbaren Kopfschmerzen und dem Entschluss, nie wieder Alkohol zu trinken. Augenringe des Todes pockern am nächsten Morgen unter glasigen Augen. „Du bist keine 20 mehr, Frollein“ sagt eine distinguierte Stimme in meinem Kopf.

Aber diese großartigen Abende mit Freunden schreien leider danach, in ihrer Glückseeligkeit durch Alkohol potenziert zu werden. Meine Seele giert nach Glück, Lachen und Liebe. Deswegen wird die Glücks-Dosis künstlich mit Alkohol erhöht. Und so switcht man wieder direkt in den Selbstzerstörungsmodus.

Glück, Lachen und Liebe führt zu unkontrolliertem Konsum von Dingen, führt zu Selbstzerstörung.

Das ist der Grund, warum ich mich zurückziehe. Selbstschutz. Das vernünftige „ich“ will mich aus diesem Trudelkurs ziehen.

Verloren

Alle anderen sind scheinbar erfolgreich, busy und haben was in ihrem Leben erreicht. Sie strengen sich den ganzen Tag an, von früh bis spät. Das zu beobachten, bereitet mir Phantomschmerzen. Ich werde da niemals hinkommen. Ich fühle mich, als stünde ich auf einer Plattform einer Bahnstation, welche der letzte Zug bereits vor 15 Jahren verlassen hat.

Und jegliche Erinnerungen an das alte Leben mit all seinem irrsinnigen Stress polken schwarze grindige Löcher in meine Magengegend und einen tiefen Widerwillen, genau dasselbe wie vor Steffens Tod wieder weiter zu machen. Das macht mich so lebensmüde. So satt. Ich habe das normale Leben so satt.

Das Neue?

Aber etwas Neues muss her. Aber was? Was nur?

Das Alte ist vorbei und ich will nicht mehr dahin zurück. Ich will das nicht weiter machen. Das alte Leben ist so sehr mit meinem Steffen verbunden, dass sich eine Weiterführung dessen einfach nur falsch anfühlt und weh tut. Ich habe es probiert, wirklich. Es geht nicht. Alles in mir widerstrebt dem.

Das Neue muss sich formen, entstehen und geboren werden und die derzeitige Ungewissheit, darüber, wie es weitergehen wird, macht mich fuchsig. Denn das Neue ist noch nicht wirklich da.

Dieser Zustand gerade ist toll und furchtbar zugleich.

Es ist schwer, einfach loszulassen und es herankommen zu lassen. Obwohl ich eigentlich weiß, dass es wie immer irgendwie funktionieren wird.

Ich liebe es, zu schreiben. Das bereitet mir so große Freude. Diesen Blog zu schreiben und meine Bücher zu schreiben. Zuhause in meiner kleinen Welt zu sitzen und alles still zu beobachten. Tiefe große Freude.

Falls ihr mir helfen wollt, ich habe an Steffens Todestag mein neues Buch über unsere letzte gemeinsame Reise nach China veröffentlicht. Gebt schöne Reviews, teilt den Link. Und wenn ihr jemand kennt, der jemanden kennt: schwärmt ihm die Ohren damit voll.

Ich bin leider keine Marketing-Granate aber ich weiß, unter Euch sind einige, die das können.

Spread the word!

Es wäre so schön, wenn das Schreiben meine Zukunft werden könnte.

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4 Comments on “Lebensmüde

  1. Ist es in dem Buch irgend eine Art Versuche von dir mit der Lebensmüdigkeit umzugehen, die erfolgreich waren? Bzw. die dich aus diesem Zustand wenigstens für eine Weile herausbrachten, aber dann auch dich in der Zukunft änderten?

    Ich glaube ich befinde mich in dem selben Zustand, weiß allerdings nicht warum. Niemand den ich kenne ist ums Leben gekommen, nur vielleicht mein altes Ich. Daher würde mich interessieren, falls du etwas über den Weg von diesem interesselosen Leben heraus weißt 🙂

    Als Empfehlung kann ich sagen, in Netflix der Film After Life bringt schon eine schöne nützliche Perspektive.

  2. Lieber Paul Lorber, nein, das Buch ist ein Reiseführer und Logbuch unserer letzten gemeinsamen Reise.
    Zum Thema Lebensmüde möchte ich mittlerweile fast sagen, ich bin des Systems müde, in welchem wir leben. Aus der Lebensmüdigkeit kann ich mich selbst durch Kreativität und der stetigen Arbeit an mir selbst ziehen.
    After Life ist wahrlich eine wunderbare Serie und ein sehr guter Ansatz. Das einzige, was dem Leben wirklich Sinn gibt, ist es zu lieben und anderen zu helfen. Nicht etwa zu konsumieren und dem Höher, Schneller, Weiter-Wahn zu folgen. Aber der Weg aus diesem Rad ist schwierig, denn wir müssen ja dennoch alle Miete usw. bezahlen.
    Ich bin noch nicht fertig mit meinen Gedanken diesbezüglich.
    Was hilft Dir?

  3. Hallo Dana,
    genau so wie Du es beschreibst fühle ich mich lebensmüde. Ich habe das mal gegoogelt und bin auf Deinen Blog gestoßen.
    In der letzten Stunde habe ich viel bei Dir quer gelesen und sehe unglaublich viele Parallelen. Meine Frau ist dieses Jahr im Februar gestorben. Begonnen hat es 2016 mit metastierendem Brustkrebs. Da war sie 51. Auch sie schien, trotz verheerender Anfangsdiagnose, es geschafft zu haben. Bis 2019 Lebermetastasen auftraten und zum Jahreswechsel zu 2020 noch ein Hirntumor. Sie ist am 19. Februar in meinen Armen für immer eingeschlafen. Seitdem gehe ich durch ein Wechselbad und habe vieles von dem bei Dir gelesen. Danke dafür, es lässt einen sich nicht so allein fühlen, auch wenn mir viele Deiner Zeilen Tränen in die Augen getrieben haben.
    Liebe Grüße,
    Stefan

  4. Lieber Stefan,
    es tut mir so leid um Euch beide. Wie furchtbar! Ich bin froh, dass ich Dir mit diesem Blogeintrag und meinem Blog etwas Halt und Zuhause geben konnte. Glücklicherweise wissen diejenigen, denen so etwas noch nicht passiert ist, wie es sich von unserer Seite aus anfühlt. Und wir selbst fühlen uns so oft nicht verstanden. Und genau für solche Momente soll dieser Blog sein. Ich wünsche Dir weiterhin ganz viel Kraft, Selbstliebe und Achtsamkeit, um Dich in diesem neuen Leben zurecht zu finden.
    Ganz liebe Grüße
    Dana

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