Lange genug habt ihr gewartet, daher kommt nun die Fortsetzung zu meinem letzten Blogeintrag. Ich nehme euch mit auf eine kleine Zeitreise 70 Jahre zurück in die Vergangenheit und berichte von meinem russischen Opa Sascha.

Von dem leckeren Mittagsmahl träge, saßen wir Beine baumelnd auf der Hollywoodschaukel unter den Apfelbäumen. Im Schatten war es wunderbar kühl, Opi war schon gegangen.

Gespannt fokussierten wir zwei nun meine Omi und warteten, dass sie endlich mit ihrer Geschichte beginnen würde:

„Omi, wie war das denn nun damals mit dem russischen Soldaten?“

„Na wie schon, nüscht weiter!“ Aus dem „Nüscht weiter“ wurde dann das:

Omis Kindheit

Meine Omi Marianne wurde 1931 geboren. Sie war ein Einzelkind und liebte ihren Vater abgöttisch. Aber wie jeder deutsche Mann wurde auch ihr Papa in den Krieg eingezogen, egal, welche Gesinnung er eigentlich hatte.

Für viele Frauen und Kinder begann damit eine schwere Zeit. 1942 dauerte der Krieg schon drei furchtbare lange Jahre. Die einen jubelten und freuten sich über den enormen Fortschritt, den die ruhmreiche deutsche Armee machte, für die direkt Betroffenen und die zuhause Wartenden war es jedoch furchtbar.

Doch in diesem Jahr 1942 sollte die Euphorie kippen, denn nichts kann unendlich wachsen. Es stagnierte der Vormarsch der deutschen Armee in Russland. Mein Uropa war zu diesem Zeitpunkt als Soldat in der furchtbaren Schlacht um Stalingrad. Es war egal, ob er Kommunist war oder nicht. Eingezogen ist eingezogen.

In Stalingrad wollte Hitler unbedingt ein Exempel statuieren, denn er hatte es im Vorjahr nicht wie geplant nach Moskau geschafft. Um keine Schwäche zu signalisieren, musste Stalingrad fallen. Eine ähnlich starke Motivation hatte Stalin auf der anderen Seite auch, zumal die Stadt seinen Namen trug. Stalingrad durfte nicht in deutsche Hände fallen.

Am Ende einer furchtbaren Schlacht wurde die 6. Armee in der Schlacht von Stalingrad eingekesselt und aufgerieben. Nur die feinen Herren Offiziere wurden sicher ausgeflogen und das Fußvolk musste elendig verrecken.

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Weihnachten 1942 bekamen meine Großmutter Gertrud (wir haben in unserer Familie die Mutter von Omi immer Großmutter genannt) und meine damals 11-jährige Omi Marianne Feldpost.

Aber der Feldpostbrief war nicht von meinem Großvater adressiert worden. Kalt kroch die Vorahnung den Rücken hinauf. Der Brief beinhaltete eine der furchtbarsten Nachrichten, die man erhalten kann: Mariannes Papa, Gertruds Ehemann Paul war in Stalingrad verschollen.

historisches Foto
Meine Urgroßeltern mit Omi

Seitdem hasste meine Omi Weihnachten. Diese Nachricht traumatisierte sie derart, dass sie nie wieder Weihnachten feiern konnte. Für immer war das Weihnachtsgefühl mit diesem Feldpostbrief verbunden.

Ich habe mich als Kind immer gewundert, dass bei Omi zuhause nie wirklich ein Weihnachtsgefühl aufkam, es gab kaum Geschenke und anstelle eines Weihnachtsbaumes höchstens einen Strauß aus Kiefernzweigen mit ein paar Weihnachtskugeln dran.

Verschollen

Nun mag man vielleicht meinen, „verschollen“ ist doch gar nicht so schlimm, er könnte doch zu 50 Prozent noch leben, Prinzip Schroedingers Katze. Aber genau das ist das Schlimme. Man hat immer Hoffnung und kann nie die Beziehung abschließen. Somit war Großmutter nun auch keine Witwe, da Paul ja auch nicht offiziell tot war und dieses „verschollen“ ja immer noch Hoffnung gibt.

Und so wartete meine Großmutter sehnlichst bis zu ihrem Tod, dass ihr Ehemann wieder auftaucht. In irgendeiner Zeitung aus den 60ern hatte sie ein grobgepixeltes Foto von einem Kriegsversehrtenheim in Westdeutschland ausgeschnitten, wo einer aussah, wie ihr Paul.

Wer diese alten Zeitungen von damals kennt, weiß, wie grobpixelig alles war, es hätte fast jeder sein können. Aber sie hielt bis zu ihrem Tod an der Hoffnung auf seine Rückkehr fest.

Den komplett anderen Weg wie meine Großmutter wählte daraufhin im späteren Leben meine Omi. Während meine Großmutter eine eher mütterliche und sehr prinzipientreue Frau war, war Omi wild und wollte leben. Das ganze Leben, in all seinen Facetten. Die schlechten Seiten des Lebens kannte sie ja nun schon.

Diesen Zug habe ich angeblich von Omi geerbt. Gerne wurde mir vorgeworfen, ich wäre zu sprunghaft und würde nur Dinge tun, die mir Freude machen und Sachen fallen lassen, wenn es unangenehm wird.

Aber vielleicht ist es genau diese Sprunghaftigkeit, die mir hilft, mit derartigen traumatischen Erlebnissen besser umgehen zu können?

danachblog

Das Kriegsende

Marianne war nun 13 Jahr jung und hatte beim hiesigen Fleischer angefangen als Verkäuferin zu arbeiten. Der Arbeitsplatz war nahe dem kleinen Häuschen in der Fuchsstraße, in welchem sie mit ihrer Mama zu diesem Zeitpunkt wohnte.

Beim Fleischer arbeite auch eine junge Ostarbeiterin aus der Sowjetunion. Das war damals ganz normal, da es billige Arbeitskräfte waren, die gleichzeitig keine Lobby hatten und wie Dreck behandelt wurden. Der Osten war gemäß der damals üblichen deutschen Meinung nur von Untermenschen besiedelt, entsprechend konnte man auch die Menschen so behandeln. Marianne freundete sich dennoch mit ihr an und ließ sich von ihr russisch beibringen.

Das Kriegsende näherte sich langsam. An einem Morgen Ende April munkelten sich die Dorfbewohner besorgt zu: „Der Russe liegt schon im „Kühlen Morgen“!“ (der „Kühle Morgen“ ist ein Waldgebiet in der Nähe). Ein paar Speckbauern brachten sich vorsorglich aus Angst selbst um, ich glaube auch derjenige, welcher eine Ostarbeiterin vergewaltigt und geschwängert hatte.

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Photo by Lisa Fotios on Pexels.com

Und eines Morgens war es dann soweit. Panzer rasselten die Haupt- und Nebenstraßen entlang. Direkt neben den Panzern lief die Infanterie, der Kommandant saß oben auf dem vordersten Panzer.

Über die Details der ersten Tage schwieg sich Omi aus. „Naja, es weiß doch jeder, wie es da war!“ Am Ende war jedoch die befreundete Ostarbeiterin weg. Wahrscheinlich wurde sie direkt umgebracht oder kam zurück in die Sowjetunion ins Lager. Denn wer als sowjetischer Staatsbürger in Deutschland als Zwangsarbeiter arbeitete, hatte gemäß der innersowjetischen Propaganda den Kampf für das Vaterland aufgegeben, war ein Verräter und wurde deswegen verhaftet, als Frau vergewaltigt und/oder direkt umgebracht. Omi verzog bei unserer direkten Frage nach dem Mädchen schmerzhaft das Gesicht und wir bekamen keine Antwort von ihr.

Die russische Kommandantur, welche nun für die Verwaltung des Ortes nach den Gesetzen der Sowjetische Militäradministration in Deutschland zuständig war, wurde in einer ehemaligen Villa direkt am Bahnhof eingerichtet.

Meine Omi war eine der wenigen, die nun in dem Ort noch russisch sprach und fungierte dort ab und an als Dolmetscherin. Junge sowjetische Soldaten wurden in den Häusern der Deutschen zwangs-einquartiert. Großmutter lud jedoch freiwillig abends die jungen Soldaten zum Abendessen ein, sie hatte Mitleid mit ihnen, so fern ihrer Heimat.

Sascha

Und irgendwie geschah es, der Krieg war schon drei Jahre vorbei und meine Omi verliebte sich während ihrer Arbeit als Dolmetscherin in den jungen und hübschen Kommandanten Sascha.

Sascha, der eigentlich Alexander hieß, kam gebürtig aus Leningrad. Sascha war 1948 ca. 25 Jahre und meine Omi mittlerweile 16 Jahre alt.

Sascha wollte eigentlich Geologie studieren, doch dann begann der Krieg. Er hat sich als einer der ersten direkt beim Einmarsch der Deutschen im Juli 1940 zum Militärdienst gemeldet. Weit von zuhause entfernt, an der Front, musste er hilflos miterleben, wie seine Mutter und seine Schwester Nina in der 2,5 Jahre dauernden Blockade von Leningrad 1942 elendig verhungerten.

Der Abend

Marianne hatte, wie schon vorher angedeutet, einen irrsinnigen Lebensdrang, wollte leben und feiern und ging regelmäßig zum Tanz im Schweizerhaus, einem Gasthaus in der Nähe der Kommandantur. Dabei wurde sie argwöhnisch von Sascha, der am Eingang des Tanzsaals stand, beobachtet. Das berichtete sie uns lachend und rollte mit den Augen: „der war so eifersüchtig!“.

Und anstatt meine Omi an diesem Abend vernünftig (so wie es wahrscheinlich Großmutter erwartet hätte) nach Hause zu bringen, gingen sie nach dem Tanz noch einmal zurück in die Kommandantur. Und so geschah es in einer kalten Novembernacht , wo zwei junge verliebte Menschen nicht voneinander lassen konnten: meine Mama wurde auf dem Schreibtisch der Kommandantur gezeugt. Herzlichen Glückwunsch. Was für eine Story.

Im September 1949 wurde dann die kleine Nina geboren. Sascha war glücklich und stolz wie Bolle. So oft er konnte, besuchte er den kleinen Neuzugang auf der Fuchsstraße.

Politik

Aber langsam zog dunkel das Unheil auf. Denn natürlich war das Verhältnis zwischen Marianne und Sascha im Ort und in der Kommandantur bekannt. Sie hatten ihre Rechnung ohne die damalige Politik gemacht.

Denn gemäß des Fraternisierungsgesetzes waren Beziehungen zwischen Besatzungsmächten und Deutschen verboten. Auch wenn die Sowjetunion nun unser großer Bruder und Freund war, so sollte es dennoch nicht zu solch engen Bindungen in der Realität kommen. Das bedeutete, dass die beiden nicht zusammen auf der Straße spazieren konnten, geschweige denn zusammen wohnen.

Doch jung und verliebt, wie die beiden waren, waren die Pläne für die gemeinsame Zukunft groß: Sascha wollte, wenn seine Armeezugehörigkeit beendet ist, wieder sein Geologiestudium aufnehmen und später als Geologe arbeiten und zu Marianne und der kleinen Nina ziehen.

Als die Beziehung immer mehr publik wurde, wurde Sascha nach Dresden strafversetzt. Dort wurde ihm auch nahegelegt, diese Beziehung zu beenden.

Doch zu groß war die Liebe, zu sehr zog es ihn zu Marianne und Nina. Als meine Mama ihren 3. Geburtstag feierte, schlich er sich aus der Kaserne in Dresden und fuhr heimlich in der Nacht die 80 km mit dem Zug zu seiner Marianne.

Das letzte Treffen

Es sollte die letzte gemeinsame Nacht werden. Er klopfte an der Tür, die überraschte Marianne öffnete. „schto tui djelatch?“

Sascha umarmte Marianne, so lange hatten sie sich nicht gesehen. Es war ein perfekter Abend. Er spielte mit der kleinen Nina, redete mit Mariannes Mama Gertrud. Vielleicht verbrachten sie auch eine letze Nacht zusammen. Legitim.

In der Morgendämmerung klopfte es wieder an der Tür. Ein befreundeter Soldat von der Kommandantur warnte „Sascha, sie suchen dich!“. Sofort packte er seine wenigen Sachen, verabschiedete sich von seiner kleinen Familie und verschwand durch die Hintertür, schlich durch die Felder zum Bahnhof des Nachbarortes und sprang auf einen einfahrenden Güterzug zurück Richtung Dresden.

Kurze Zeit später stürmte eine kleine Einheit der Kommandantur das Häuschen, durchwühlte alle Schubladen und Unterlagen nach Dokumenten und Hinweisen zu Sascha. Alles wurde zerstört, Bilder mitgenommen.

Dieser Umstand sollte später dafür sorgen, dass wir nichts mehr von Sascha ausfindig machen konnten, da über die lange Zeit sein Name, Vatersname und Nachname sowie die verschiedenen Schreibweisen in kyrillischen Buchstaben zu viele Suchmöglichkeiten ergaben.

young mother with toddler child in rural interior house
Photo by Tatiana Syrikova on Pexels.com

Monate später erhielt Marianne von denselbem Soldaten, der Sascha in der Nacht gewarnt hatte, einen Bierdeckel zugesteckt. Auf ihm stand hastig mit Bleistift gekritzelt: „Liebe Marianne, bitte warte auf mich. Ich liebe Dich“. Das war Saschas letzte Nachricht.

Später erfuhr sie, dass Sascha direkt am Bahnhof in Dresden verhaftet wurde, da er sich laut Gesetz unerlaubt von der Einheit entfernt hatte. Kurze Zeit später wurde er in die Sowjetunion versetzt, wir nehmen jedoch an, dass er in ein Straflager gekommen ist. Die weitere Zukunft von Sascha ist uns unbekannt. Aber sie wird nicht rosig gewesen sein.

Nie wieder hat seitdem Omi von Sascha gehört.

Eine Anfrage von mir an das Militärarchiv konnte auch nicht weiterhelfen. Mit den rudimentären Eckdaten aus der Vergangenheit konnten sie auch nichts anfangen.

Russenkind

Und als wäre das nicht schlimm genug gewesen, traten nun Vertreter vom damaligen Jugendschutz an Omi heran und suggerierten ihr, dass es doch eine Bürde sei, allein ein „Russenkind“ aufzuziehen.

Natürlich war es ein Makel, zeitlebens erinnerte sich meine Mama daran, wie sie von ihren Mitschülern gehänselt wurde: „Nina Nina, tam kartina“ und ähnliches. Kinder sind grausam.

Es gab auch nur 3 Russenkinder in dem Ort, und alle hatten ein tragisches Ende, weil sie diese Welt nicht ertragen haben.

Omi erinnerte sich, dass sie auf die Kreisleitung nach Löbau musste. Ein selbstgefälliger Bürokrat saß ihr gegenüber und bot ihr süffisant an, dass sie ihr Kind doch zur Adoption freigeben könne.

Bis zur Adoption würde die kleine Nina in ein russisches Kinderheim kommen und im sowjetischen Geiste erzogen werden. Somit wäre Omi wieder eine Frau ohne Makel gewesen. Nicht so wie jetzt: alleinerziehend und mit einem „Russenkind“.

Da ist meine Omi zu einer Furie geworden. Und fortan blieb die kleine Nina bei ihr.

Meine Vorstellung von Omis Jenseits

Wenn es so etwas wie das Leben danach gibt, wünsche ich mir, dass es für Omi so aussieht:

Endlich vereint auf der Fuchsstraße, gemeinsam mit Sascha und der kleinen Nina, die im Bach vor dem Haus spielt, umgeben von sattgrünen Wiesen mit Kuhblumen. Mit einer lachenden Großmutter in der Küche, die auf ewig die köstlichsten Bratkartoffeln der Welt (bei uns „Brindzl-Apern“) schmurgelt.

Ohne Politik, Regeln und die engstirnigen Meinungen der Anderen.

Vereint. Voller inniger Liebe.

Wer noch mehr solche Geschichten lesen möchte, findet diese mit einem kleinen Klick in diesem kleinen aber feinen Buch:

Im nächsten Blogeintrag:

Wie meine Omi meinen Opi kennenlernte

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Photo by Suzy Hazelwood on Pexels.com

One Comment on “Mein russischer Opa

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