Wie ist eigentlich dieses komische Leben nach dem Verlust? Wie kommt man damit klar, wie kommt man mit der Welt klar, die einen ständig mit ihren ungefragten Meinungen bombardiert ?

Das Leben ist kein Film

Wenn man nur halbwegs einen Fetzen Empathie hat, kennt man diese Momente, in denen man eine Situation im Film sieht oder eine bestimmte Buchpassage liest und dann Rotz und Wasser heult. Unvorstellbar erscheint dieser Moment:

  • Das geliebte Kind hat eine doofe Krankheit und wird sterben
  • Der Partner stirbt (tragisch, nicht so tragisch, erwartet oder unerwartet)
  • Die Eltern oder ein Elternteil ist plötzlich nicht mehr da

Unvorstellbar diese Schmerzen. Ich könnte das ja nicht aushalten, denkt man sich sofort und bildet sich seine Meinung über diese Eventualität. Wenn das entsprechende Medium sehr gut war, beschäftigt einen das Erlebte dann auch noch weitere Tage und man legt sich Exit-Pläne für solche furchtbaren Eventualitäten zur Seite. Was würde ich machen, wenn…

Und in der Zwischenzeit passiert das Leben. Und das Leben ist manchmal ein richtig doofer Fickarsch. Es haut dich auf den Boden und springt auch noch trampelnd auf einen drauf. Mit Stöckerschuhen an. Haut dann am Ende noch eine Ladung Jauche drüber und guckt dann, ob Du immer noch lachst.

Und so liegst du dann da und dein Leben ist wie im Film. Jedoch nicht Hollywood, keine Utta Danella, kein romantischer Prinzessinnenscheiß in Pink, sondern eher so Arthaus-mäßig. Keine Geigen spielen, kein theatralisches Zusammengebreche in den Armen eines schönen Fremden. Nein, Du brichst zusammen, ganz allein mit dir selbst. Höchstens ein Dauerbrummton wie bei „Eraserhead“ bohrt sich in deinen Kopf. Über Wochen.

Normalität

Und parallel geht das Leben um dich herum einfach ganz normal weiter. Das ist am Anfang furchtbar, aber auch irgendwie beruhigend. Es rückt dich einfach in den Kreislauf des Lebens zurück. Es weist Dir deinen Platz im Hier und Jetzt auf und der ist nun mal nicht wirklich bedeutend. Ob du tot bist oder nicht, ist völlig Latte.

Klar gibt es Leute, die dich vermissen werden, keine Frage. Aber trotzdem geht es immer weiter.

Und genau so kämpfst du dich Tag für Tag aus dem Schmerz heraus. Jeder einzelne beschissene Tag ist so aufreibend. Man denkt jeden Tag an den geliebten Menschen, der nun nicht mehr da ist und begibt sich in ein Mühlrad aus „Hätte, würde, wenn“. Dann muss man sehr hart an sich arbeiten um jeden einzelnen Gedankengang aufzudröseln:

  1. Hätte ich es gekonnt, hätte ich es gemacht
  2. Sich in die Gedankenwelt des Verstorbenen versetzen und sich selbst verzeihen
  3. Realisieren, dass es einfach kein Zurück gibt und dieses Unfassbare auch noch akzeptieren müssen
  4. Sich selbst verzeihen, weil man damals so unter Druck stand

Jeder dieser Verarbeitungsprozesse braucht ewig und schlaucht wie Sau. Ich bin ständig so erschöpft, es ist unfassbar.

Dann trifft man ab und zu auf andere Menschen: Freunde, Bekannte, Familie, willkürliche Bekanntschaften und unterhält sich natürlich mit denen.

Meinungen

Aus dem Momentum heraus, wo ich gerade stehe, habe ich persönlich viel Nachsicht für meine Umwelt entwickelt, weil ich weiß, dass das von mir Erlebte für andere unfassbar und verstörend ist. Und ich weiß, wie ich reagiert hätte und was ich gesagt hätte, und ich wäre auch nicht besser als all die anderen.

Also sortiere ich deren Äußerungen, halte mich zurück und übe Nachsicht. Ich plauze nicht gleich mit meiner Meinung heraus, auch wenn das Geäußerte mich gerade arg verletzt hat. Woher wollen sie denn wissen, wie es sich für mich anfühlt.

Wie man die Meinung nicht formuliert…

Nach so einem Treffen mit Menschen bin ich wieder furchtbar ausgepowert. Es ist verständlich, dass ein Außenstehender, der sowas noch nie gefühlt, bzw. erlebt hat, keine Ahnung hat, wie es in mir aussieht und sich so denkt: was hat die Alte denn? (nicht alles bekam ich zu hören, Einiges wurde mir jedoch von anderen Witwen erzählt). Und dann hört man Sätze, die einen komplett aus der Bahn werfen, solche hier zum Beispiel:

  • Das ist doch schon ein Jahr her.
  • Langsam ist mal wieder gut.
  • Du solltest mal wieder arbeiten.
  • Denk mal an Deine Rente.
  • Du kannst immer noch Kinder kriegen.
  • Du siehst doch noch gut aus, du findest doch wieder einen Mann.
  • Der Cousin meiner Nachbarin ist recht nett und hat keine Freundin, vielleicht triffst du dich mal mit dem?
  • Du bist feige, dich dem realen Leben zu stellen.
  • Was, Du heulst immer noch deswegen?

Und an sowas knabbert man dann wirklich ein paar Tage. Man ist entsetzt, wie unüberlegt, taktlos, kalt und einnehmend andere Menschen sind und einfach unreflektiert ihre beschränkte Meinung über dich ergießen. Sie richten über dich, ohne auch nur einen Hauch zu verstehen.

Sie heben ihr Ego über alles und denken, nur was ich denke, ist richtig. Schwarz und weiß. Ohne Grundlagen, ohne Wissen.

Vor Wut kann man nach so einem Treffen nicht schlafen. Aus Rücksicht hat man auch dieses mal wieder den Mund gehalten. Der Partner, mit dem man das hätte besprechen können, ist nun weg. Tot. Man muss allein aus diesem zermürbenden Gedankenkarussell finden. Ein Hoch auf meine Psychotherapeutin. Ohne sie wäre ich schon wirklich irre geworden.

Ich kann nur sagen, wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Fresse halten. Ich ganz alleine bestimme, wie lange ich trauere und wie dieser Prozess für mich abläuft.

Meinungen sind wie Geschlechtsorgane, ich will sie nur dann sehen, wenn ich auch danach frage.

Bis dahin lasst den Quatsch in der Hose.

Tipp für Außenstehende, wie man seine Meinung formuliert

Es hilft durchaus, seine Äußerungen umzuformulieren von „Du musst“ in „Wenn ich an Deiner Stelle wäre, würde ich“. Das nimmt so viel Druck aus der Situation und ich kann in Ruhe über diesen Aspekt nachdenken. Aber „Du musst“ klingt nach Zwang. Und ich sehe Rot bei Zwang.

Eine Meinung hat erst dann Gewicht, wenn man alle Fakten und Emotionen zu einem Thema abgewogen und bedacht hat. Eine Meinung aus dem eigenen Kopf herausgepoltert, ohne zu hinterfragen ist absoluter Wahnsinn. Erst wenn man alle Aspekte zu einer Thematik herangezogen hat, kann man – vielleicht – etwas kundtun. Ich frage Leute um Meinung, die mehr als ich wissen oder sich länger mit Thematiken befassen, als ich.

Und ich plauze hier meine Meinung heraus, da es mein Blog ist. Wer es nicht hören will, braucht es nicht zu lesen.

Aber ungefragt jemanden, der sowieso schon den ganzen Tag leidet und daran arbeitet, mit seinem altruistischen und engstirnigen Weisheiten vollzututen, ist unfassbar scheiße.

maracuja
Meine geliebten Passionsblumen, immanent wichtige Literatur lesend

2 Comments on “Meinungen

  1. Standing Ovations! Etwas Anderes hast du zu diesem Beitrag nicht verdient! Einerseits verneige ich mich vor diesen, sehr sehr treffenden Worten, andererseits kann ich sie nur bestätigen!
    Einen Einwurf möchte ich jedoch gerne machen! Die Formulierung „Wenn ich in deiner Lage wäre…“ – Diese Formulierung, die geht bei den Meisten leider auch völlig in die Hose, da sie keinen blassen Schimmer haben, wie es ist „in meiner Lage“ zu sein.
    Nur Einigen, die bereits wirklich in dieser Lage waren, nehme ich solche Sätze überhaupt noch ab.
    Einige sind dabei, denen merkt man die pure Verzweiflung an, bei Anderen ist es stupides Phrasendreschen. Mehr leider nicht!
    Trotz allem! Ich stehe vor diesen, deinen Worten auf und spende Beifall! Super geschrieben! Made my day!

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