Was ist diese Menschlichkeit? Wie beeinflusst sie uns? Verlieren wir sie gerade? Wie kann man zurück zu mehr Menschlichkeit finden?

Der unmenschliche Mord an einem Afroamerikaner in Minneapolis, der bei weitem nicht der erste Mord seiner Art war und deswegen auch nicht weniger oder mehr furchtbar, führt zu gewaltigen Protesten. Auf einmal sind weltweit alle auf der Straße und demonstrieren gegen Rassismus (oder ist das Fass gerade am Überlaufen, oder die Menschen haben einfach Angst um ihre Zukunft, die in den nächsten Monaten gnadenlos vaporisiert werden wird und die Demonstrationen sind ein Ventil?). Dieser furchtbare Vorfall ist der Aufhänger dafür, dass gestern in Berlin 15.000 Menschen eng beieinander stehend demonstrieren können, wo vor einer Woche die Medien noch bei einer Demo auf dem Wasser Gift und Galle gespuckt haben.

Es gibt keine Verhältnismäßigkeit mehr, es gibt nur noch schwarz und weiß, gut und böse. Jeder ist gezwungen sich auf eine Seite zu stellen, gefühlt ist die Meinungspolizei wieder an. Sag mir was du denkst, und ich sag dir wer du bist.

Ich will mich jedoch nicht auf irgendeine Seite stellen, denn ich bin ich. Und solange ich nicht alle Informationen habe – was schier unmöglich ist – halte ich meine Klappe.

Aber Du musst doch eine Meinung haben?! Ja habe ich. Behalte ich aber für mich. Weil es meine Meinung ist und nur mir ganz allein gehört. Thema Geschlechtsorgane und einfach mal in der Hose lassen.

Ich weiß nicht, was richtig ist und wer am Ende Recht haben wird. Was weiß ich denn, wer bin ich denn. Wer, maße ich mir an, zu sein? Ich hoffe, menschlich.

Meinetwegen sollen doch alle demonstrieren, wie sie wollen und für was sie wollen, denn uns wurde ja der gesunde Menschenverstand gegeben, welcher eben die Menschlichkeit ausmacht. Und genau so wie die Menschen sind Meinungen bunt, eine Demokratie sollte verschiedene Meinungen aushalten können. Das bedeutet auch: entweder man geht halt zur Demo hin oder eben nicht. Aber dann zu werten, welche Demonstrationen richtig und welche falsch sind, ist widerlich.

Ich halte mich mittlerweile komplett aus dem politischen Geschehen auf der Welt heraus. Ich sehe nur noch Hetze, Hass und Irrsinn auf allen Seiten.

Was ist Menschlichkeit?

Das ist so ein komplexes Thema, ich kann es nur kurz anreißen. Studierte und Philosophen haben hierfür die verschiedensten und sicherlich richtigen Antworten.

Ich möchte es anhand unseres Benehmens in Urlaubsländern oder anderen Menschen gegenüber darstellen:

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Fremdsprachen als Mediator

Meine Mama hat uns stets beigebracht, dass alle Menschen gleich sind und man bei allem, was einem geschieht, menschlich bleiben sollte. Schon von Kindesbeinen an war klar, dass alle Völker gleich sind und das musste nicht weiter debattiert werden. Und genau so behandel ich das immer noch.

Schon 1968 hatte sie eine Brieffreundin – Tante Dana, daher mein Vorname – in Bratislava, welche sie in diesem Jahr mit meinem Papa besuchte. Die Rückreise war dann im August durch Prag. Stichwort Prager Frühling.

Während sich meine Eltern in Hauseingängen und Spielplätzen vor den Soldaten und Panzern der sowjetischen Armee versteckten, teilten sie mit den Prager Studenten die von der slowakische Mama der Brieffreundin für die beiden für die Reise geschmierten Schnitten, bis nach Tagen die Züge wieder weiter zurück in die DDR fuhren. Was meine Eltern in Prag gelernt hatten, war der Zusammenhalt der verschiedensten Menschen, das Benutzen von Fremdsprachen und die Menschlichkeit trotz widrigster Umstände.

Und so entstand folgende Grundregel für unsere Familie in jedem Urlaub:

Wenn Du ins fremdsprachige Ausland fährst, lerne gefälligst die jeweilige Landessprache, und wenn es nur rudimentär ist. Selbst wenn Du nur „Guten Tag“ und „Bitte“ sagen kannst. Es geht um den Respekt den Menschen im Reiseland gegenüber.

Ganz normale Vorurteile

Da ich an der tschechischen Grenze aufgewachsen bin, war es daher nur logisch, dass ich auch etwas tschechisch sprechen kann. Wäre ich an der holländischen Grenze aufgewachsen, würde ich eben holländisch sprechen. Ganz einfach.

Wie oft ich jedoch komisch in unserer weltoffenen und ach so toleranten Welt angeschaut werde, wenn ich sage, ich kann etwas tschechisch oder gar polnisch und dass ich diese Länder sogar mag… Verrückt. Wenn ich sage, ich würde so gern nach Moskau und St. Petersburg… Die Blicke, unbezahlbar.

Wir sind nicht so tolerant, wie wir alle tun

Es gibt gute Fremdsprachen, die man lernen kann: englisch, französisch, spanisch und italienisch.

Und dann gibt es die schlechten bzw. verpönten Fremdsprachen: tschechisch, russisch, polnisch. Prinzipiell alles was irgendwie slawisch klingt.

Offensichtlich lebt die deutsche Herrenrasse immer noch in unserem Benehmen weiter.

Wie oft habe ich beobachtet, wie der gemeine Deutsche in ein Restaurant im Ausland platzt und laut „Guten Tag!“ plärrt. Ja ich weiß, Briten und Amis machen das auch so, aber in meinem Pass steht „deutsch“ und deswegen bewerte ich hier ausschließlich dieses deutsche Benehmen. Nur weil man etwas relativiert, wird es ja dadurch nicht besser.

Chinesisch ist schlecht, japanisch ist gut. Thailändisch ist komisch aber interessant.

Arabisch oder türkisch – kommt darauf an, wer deine Freunde sind.

Afrikanisch, keine Ahnung. Irrelevant. Sieht eh keiner da unten durch.

Das ist nur meine persönliche Empfindung, nicht Meinung, aber probiert es doch einfach mal aus. Sagt einem willkürlichen Kontakt, ihr könntet diese oder jene Sprache sprechen und beobachtet die Reaktionen. Faszinierend.

Das sind nur ganz kleine Feinheiten, Nuancen gar. Der aufgeklärte Mensch ist von solchen Dingen natürlich befreit, denn er ist ja weltoffen.

Wir sind alle gleich

Und da sind wir aber wieder, alle Menschen sind gleich. Es gibt halt einfache oder stumpfe Menschen, Omi sagte „Simpelchen“ und es gibt diese große Zahl der ganz normalen Menschen mit den ganz normalen Befindlichkeiten. Auch das ist Menschlichkeit. Das ganze Spektrum, die Gaußsche Glocke der Vielfalt, zu akzeptieren und zu tolerieren.

Ein Beispiel, dass wir wirklich alle gleich sind, ist dieses:

Wir hatten einen syrischen Freund zu Besuch und haben ihm ein typisches deutsches Essen gekocht, da seine Freundin wollte, dass er mal die deutsche Küche probiert. Er hat sich genauso aufgeführt, wie mein deutscher Schwiegervater, wenn man ihm etwas Syrisches zum Essen vorgesetzt hätte. Ich hab mich halb tot gelacht. Wir nehmen uns alle nichts.

Schaut euch alle Eltern an, wie sie liebevoll auf ihre Kinder schauen, da gibt es keinen Unterschied in Herkunft oder Hautfarbe. Es ist immer Liebe. Die ist universell.

Und dann passiert es das Wundervollste: du triffst auf einen dieser interessanten, offenen, liebevollen und interessierten Menschen, mit denen man alles besprechen kann. Wo plötzlich ein Licht zu strahlen anfängt und man Stunden mit dieser Person verbringen könnte. Die Personifizierung der Menschlichkeit.

Und genau diese Personen gilt es zu finden, denn dass sind diese, die die Menschheit als Gemeinschaft weiterbringen, obwohl sie doch so leise und unscheinbar sind. Und um diese Menschen zu finden, sollte man freundlich, höflich und offen sein und mit allen Menschen reden. Denn es sind nicht immer die studierten Superschlauen. Es sind meist ganz gewöhnliche Menschen. Man kann diese Menschen nicht in seinen eigenen Gedankenschubladen finden.

Unser Feind ist die Unwissenheit

Es ist die Unwissenheit, die Vorurteile schürt. Die die Mädchen unterdrückt. Es ist das „das haben wir schon immer so gemacht“ in allen Nationen und Kulturen. Es ist überall auf der Welt dasselbe.

Wir müssen endlich begreifen, dass jeder Mensch frei in seiner Wahl sein sollte, so zu leben und zu lieben, wie er will, Familienverbände und Beziehungsmodelle zu leben, die keiner vorher kannte. Sich weiter zu entwickeln, stetig zu lernen. Und zu lieben.

Hass

Hass verändert nichts, Gewalt erzeugt Gegengewalt, Angst macht Hass, macht Gewalt, macht Krieg. Dieser Hass reißt am Ende der Spirale Menschen aus ihrem Leben, welches sie nach bestem Wissen und Gewissen führen wollten. Und jeder hat da seine eigene Vorstellung, die niemanden etwas angeht und niemals bewertet werden sollte.

Bewertung

Wenn Du anfängst zu bewerten, stülpst Du leider die Angst vor Dingen, die du in dir trägst, über den anderen, um ihn (und eigentlich dich) damit zu bekämpfen.

Fremdenhass

ist die Angst davor, dass sich etwas in deinem gewohnten Leben verändert. Dass da jemand in die Gemeinschaft kommt, den man nicht einschätzen kann, da man mit deren Kultur nicht vertraut ist. Fremdenhass ist Unsicherheit und deine eigene Angst um Haus, Kinder, Job, Sicherheit und die Bezahlung des Ratenvertrages.

Intoleranz

Ist der Neid, dass ein anderer mit dem von ihm gewählten Lebenskonzept glücklicher sein könnte, als du selbst. Obwohl du doch alles genau so machst, wie es dir beigebracht wurde.

Wir sind alle gleich

Geht mit offenen Augen durch die Straßen und legt euren Hass ab, denn er nutzt euch nichts. Er frisst euch nur selbst auf. Denkt ihr, ihr könnt Menschen verändern, indem ihr ihnen eure Meinung täglich ins Gesicht schreit? Das ist absolut unmöglich. Hat in der DDR auch nicht funktioniert. Mein Arbeitsplatz war nie mein Kampfplatz für den Frieden.

Veränderung findet nur im Kleinen, in dir statt. Es hängt davon ab, wie du dich anderen gegenüber benimmst. Wenn Du jemand auf der Straße anlächelst, wird er sich freuen. Er wird glücklicher sein als zuvor und heute vielleicht keine hassgetriebene Entscheidung mehr treffen.

Ein schönes Tagesziel für mehr Menschlichkeit wäre:

Versuche jeden Tag einen Menschen, den du triffst, glücklicher zu machen, als dieser war, bevor er dich getroffen hat…

  • Ein Lächeln und Danke an die Kassiererin
  • Den Fußgänger/Radfahrer/Autofahrer/LKW-FAhrer einfach mal vorlassen
  • Freunden ungefragt und bedingungslos eine Kleinigkeit schenken oder einfach nur beachten und zuhören ohne selbst immer dazwischen zu quatschen.
  • Keine Ratschläge geben, nur auf Nachfrage!
  • Witze mit Fremden machen, um furchtbare Situationen aufzulockern. So zum Beispiel:

Mitten in dem Corona-Lockdown war ich einkaufen. Die Kassiererin hatte schlechte Laune, weil alle Kunden schlechte Laune wegen dem Mundschutz hatten und ließen diese an ihr aus. In diesen Zeiten eine durchaus menschliche Reaktion. Ich sagte zu ihr:

„Kein Wunder, dass die alle schlecht gelaunt sind. Sie hocken seit Tagen mit ihrem Partner in der engen Wohnung aufeinander, und keiner traut sich aus Anstand dem anderen gegenüber, zu pupsen.“

Sie fing an, schallend zu lachen und war sichtlich erleichtert, da die negative Anspannung weg war. Wir hielten erstmal einen kurzen Schwatz.

Sowas halt.

poppie field
Mohn- und Kornblumen bei Neuruppin

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