Lest heute, was die neue Tischnachbarin mit Steffens elendem Nasenrachenkrebs und meiner Erlösung zu tun hat.

Nachdem meine liebe Tischnachbarin am Mittwoch abreisen musste, hatte ich etwas Bange bezüglich der zukünftigen Tischnachbarin. Die Zukunftsaussichten waren nicht so rosig, wenn ich den Durchschnittsintellekt der anderen Patienten als Richtwert ansetzte.

Triggerwarnung: Dieser Beitrag sollte nicht unbedingt direkt nach einer Krebsdiagnose mit einen Nasenrachenkrebs gelesen werden!

Die Erlösung

Das Universum meint es nach Steffens Tod recht gut mit mir und meine guten Geister auf der anderen Seiten erst recht. Sie stellen mir immer genau die Menschen an die Seite, die ich gerade brauche. Ich weiß eigentlich mittlerweile, dass ich mich auf das Universum, Steffen und Mama, verlassen kann. Es hat manchmal auch Vorteile, die größeren Lieben auf der anderen Seite zu haben.

Ich erkenne wieder das Schema des Universums in der Auslese meiner Bekanntschaften. Jede neue Person ist eine neue Erfahrung zu meinem Leben. Jede neue Person, die ich kennenlerne, bringt mir etwas neues über meine eigene Person bei.

Entweder spiegelt die neue Person mich, wie die liebe M., die leider abreisen musste, aber mir ein Blick auf meine eigene Zukunft als „coole Alte“ gewährte. Oder ich werde direkt in den Strudel der russischen Blase hier in der Reha hineingezogen und dadurch mütterlich getröstet, und dass, an einem Tag, wo es mir echt beschissen ging, nur damit ich meine verletzte Seele wieder heilen kann. Es gibt natürlich auch Menschen, die ich zutiefst verabscheue, an denen ich her jedoch lernen kann, warum das eigentlich so ist und wie ich sie am besten ignoriere und aus meinem Leben ausschließe.

Meine neue Tischnachbarin kommt aus dem Umkreis von Berlin. Gut, einmal mehr kein knödelnder Sachsenslang, den muss man nämlich mögen und ich ertrage ihn eher nur, wenn ihn geliebte Menschen aussprechen. Und der wichtigste Mensch, der das in meinem Umfeld lediglich tun durfte, ist halt tot, die Toleranz ist daher niedrig.

C. ist Röntgenschwester in der Onkologie, genauer bei den Bestrahlungen und kennt sich mit den verschiedensten Krebsarten leider bestens aus. Leider auch mit dem Nasenrachenkrebs.

Mit C. habe ich endlich die Chance, diese eine Frage zu stellen, vor der alle Ärzte aus Haftungsgründen ausweichen:

Die Frage nach der tatsächlichen Schwere dieses Krebses, nach Erfahrungen, die C. aus ihrem Arbeitsalltag mit Nasenrachenkrebs bereits gemacht hat. Denn nirgends in den Unterlagen stand das Stadium, in welchem sich Steffen in der Ausgangslage im Juli 2018 befand. Ich habe die Ordner so oft durchgeblättert, aber niemals einen Hinweis über die Schwere des eigentlichen Nasen-Rachen-Krebses gefunden.

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Also berichte ich ihr detailliert von Steffens Krebs und die Dimension, wie weit der Krebs schon Metastasen gebildet hatte. Dass es dazu nur kam, weil ihn keiner der Ärzte vier Monate lang ernst genommen hat, erwähne ich auch. Das ist auch ein Fakt, dass hier so viele Ehepartner nur deswegen gestorben sind, da sie nicht von den Ärzten ernst genommen wurden. Aber dazu im nächsten Blogeintrag.

Daraufhin wird sie blass. Sie sagt, Steffen hätte überhaupt keine Chance gehabt.

Steffen hatte in dem fortgeschrittenen Stadium des Nasenrachenkrebses in Verbindung mit dem jungen Alter überhaupt keine Chance.

Das sitzt und tut so weh.

Was wäre passiert, hätte ein Arzt mit uns damals nur einmal Klartext gesprochen? Ich hätte das Catering sofort hingeworfen und mich nur um Steffen gekümmert und die letzten Monate noch bewusster mit Steffen zusammen leben können. Ich hätte mich außerdem von ihm vor seinem Tod verabschieden können.

All diese Gedanken schießen durch meinen Kopf.

Auch auf die Frage hin, was passiert wäre, wenn er nicht die Chemo gemacht hätte, hat sie eine Antwort parat:

Ein Krebs im Kopfbereich ist der Schlimmste. Nicht nur, dass der Kopf am sensibelsten ist, nein, die Metastasen gehen dann auf das Gehirn über. Besonders in Verbindung mit dem Lymphsystem, welches die Krebszellen durch den ganzen Körper schleust.

Wer Steffen in den vier Monaten, bevor er final die Krebsdiagnose bekommen hat, erlebt hat, weiß, welche rasenden Kopfschmerzen er aufgrund des wuchernden Krebses hatte. Wie sehr er jeden Tag gelitten hat. Dass er sich jeden Morgen eine Migräne(!)-Tablette eingeworfen hat, damit er überhaupt arbeiten(!) kann.

Hinzu kam der Verlust des Hörvermögens aufgrund eines Paukenergusses wegen der wuchernden Lymphknoten, die durch seinen ganzen Kopf wucherten. Am Schluss begann er zu schielen, da der gewucherte Nasenrachenkrebs auf den Sehnerv drückte.

Hätten wir die Chemo nicht gemacht, wäre Steffen elendig verreckt, weil der Nasenkrebs sich immer weiter in seinem Kopf, seinem Hirn und seinem Körper ausgebreitet hätte. Steffen war ja noch so jung, also wuchsen auch die Krebszellen entsprechend schnell.

Wenn ich das höre, ist es ein absolutes Wunder, dass er es überhaupt geschafft hat, für einen kurzen Moment vom Nasenrachenkrebs geheilt worden zu sein. Was für ein Glück, dass wir noch einmal nach China reisen konnten und unbeschwert und voller Hoffnung sein konnten.

Dies war sehr wohl der harten Chemo und der guten Versorgung mit den richtigen Nährstoffen auf den Punkt durch die Ernährungsumstellung (Das Buch mit Rezepten darüber findet ihr unter diesem Link), die zielgerichtet auf Probleme im Blutbild reagierte und nicht zu vergessen, unserer krassen Liebe zueinander, für die es sich lohnte zu leben, geschuldet.

Wir haben ein verdammtes Wunder geschaffen!

Das der beschissene Krebs mit der Wucht eines Bumerangs innerhalb von 10 Tagen im Februar zurückkam, war nur eine Frage der Zeit. Ich hätte an keiner Stelle irgendetwas anders machen können.

Dieses Gespräch mit meiner neuen Tischnachbarin hat mir eine Absolution gegeben. Ich habe mit dieser neuen menschlichen Begegnung eine weitere wichtige Erfahrung gemacht und kann wieder eine kleine Akte der zu bearbeitenden Sorgen in meinem Kopf in die Ablage legen.

Steffen und ich, wir haben alles richtig gemacht. Wir haben nur unwahrscheinliches Pech gehabt.

Eine tiefe Ruhe macht sich in mir breit. Ich habe alles nach bestem Wissen und Gewissen gemacht. Ich habe alles mir Mögliche für Steffen getan.

Herbstmorgen
Schopftintlinge am Morgen

3 Comments on “Der doofe Nasenrachenkrebs

  1. und ihr wart voellig alleine gelassen? Andrea hat eine Krankenschwester die sie anrufen kann, eine Aerztin die da ist bei jeder Chemo und die sich nach der Behandlung drum kuemmern wird, dann http://www.ovariancancer.net.au, dann http://www.cancervic.org.au, dann ein Buechlein, und eine Diskussionsrunde mit Frauen, die Krebs haben und hatten. Ok, die letzten 3 sind Freiwillige und leben von Spenden. Und es gibt Freiwillige, die sie zu den einzelnen Terminen fahren wuerden, wenn ichs nicht machen wuerde.

  2. Nicht ganz. Steffen hätte die Taxifahrt zum Krankenhaus bezahlt bekommen, wenn er diese vorher beantragt hätte

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