Padua

Ich bin gestern um 21:00 Uhr einfach eingeschlafen. Das Bett ist riesig, die Matratze ist super und obwohl ich mich etwas an diesen Gruselfilm aus den 70ern erinnert fühlte: „Die Toten Augen des Doktor Dracula“ stand keine Melissa an meinem Fenster und schaute mit ihrem Todesblick auf mein Bett.

Der nächste Morgen räumt mit dem Regen der letzten Tage auf und erstrahlt in wunderbarstem Sonnenschein. Ich springe aus dem Bett, denn ich muss mich sputen, denn ich habe um 11:00 Uhr einen Termin in Padua und ich fahre mit dem Rad dorthin. Das sind fast 20 km Strecke und ich weiß nicht, wie oft ich abgelenkt werde und mich vertrödele.

Frühstück

Das Frühstücksbuffet ist super kitschig, Vitrinen, Dinge im Glas, leckere Cerealien und Croissants im Warmhaltedings. Das ist schon alles sehr geil.

Ich fresse mich voll und starte.

Brenta-Kanal

Ich hieve mein Fahrrad aus dem Renault Kangoo. Eine ältere Dame beobachtet staunend, die Hausmeister murmeln etwas von Camping. Ja genau, könnte ich machen, muss ich aber nicht.

Meine Fahrt beginnt. Ich habe mir in meinem Planungswahn vorab eine Radfahrer-App heruntergeladen. Die bei näherer Betrachtung jedoch 3,99 EUR kostet und bei der Route versagt. Memo an mich selbst:

App asap löschen!

Denn das Google hat leider keine Radfahroption in Italien. Also verlasse ich mich auf meinen Instinkt und fahre in Richtung Padua. Parallel zum Kanal gibt es eine ruhigere Straße, der ich folge. Und irgendwann kommen Radfahrzeichen, denen ich auch folge.

Einfach nicht denken und planen, einfach machen. Das ist hier die Devise. Und ich werde belohnt. Die Hälfte der Strecke fährt man auf dem Damm des Flusses und genießt den Ausblick auf die wunderbaren Palazzi und die Alpen in der Ferne.

Nach verbummelten 20 km komme ich in Padua an. Nun muss ich nur noch zum

Museum für Pathologie

Dieses befindet sich auf dem Universitätsgelände, genauer dem Gelände der Pathologie. Nachdem ich alle Eingänge gecheckt und nirgends ein Zeichen des Museums gefunden habe, finde ich doch eine Rezeption. Auf meine Nachfrage hin sagt sie, ohne Termin, keine Besichtigung.

Glücklicherweise habe ich schon vor Wochen diesen Termin fest gemacht und muss mich jetzt nur noch kurz gedulden.

Punkt 11:00 Uhr kommt ein Mann um die 30 im weißen Kittel, Bart und langen Haaren und stellt sich mir vor. Natürlich vergesse ich sofort seinen Namen. Dummes Hirn.

Nun folge ich ihm in den Keller, vorbei an den Spinden, offenen Türen, die Makabres vermuten lassen, hinunter in das kleine Museum, welches nicht direkt für die Öffentlichkeit bestimmt ist.

In unendlichen Schaukästen stehen die obskursten Abnormitäten und wollen die Nachkommen lehren. Fotos sind nicht erlaubt, denn „es sind ja echte Menschen“. Ich mag die Herangehensweise und den Respekt.

Das ist das, was ich mir immer sage: hinter jedem Körperteil steckt ein Mensch, steckt ein entbehrungsreiches Leben.

Er erklärt mir die verschiedenen Arten der Präparationsmöglichkeiten.

Tanninisation

Hier in Padua wurde die Tanninisation erfunden. Hierfür wird die Haut ähnlich dem Leder präpariert, aber dennoch bleiben die Farben erhalten.

1860 wurden so aus den Toten wahre Kunstwerke erstellt, da der Erfinder dieser Idee, Lodovico Brunetti, nicht nur Pathologe, sondern auch ein Künstler war.

So gibt es hier ein Ausstellungsstück

Der bestrafte Selbstmord

Eine 18jährige Näherin ertränkte sich aus Liebeskummer im Fluss unweit des Krankenhauses.

Da Selbstmörder ja nicht auf dem Friedhof bestattet wurden, standen die aus dem Fluss gefischten Leichen der Pathologie zu und die Leute, die Leichen anbrachten, bekamen dafür einen kleinen Obolus. Dies führte dazu, dass auch viele Leichen nach der Beerdigung einfach ausgegraben wurden, da man ständig Anschauungsobjekte für die Pathologie benötigte. So kam also dieses arme Mädchen in die Pathologie.

Ludovico Brunetto verliebte sich sofort in die Schönheit der Leiche. Er machte einen Abdruck vom Oberkörper und zog die Haut ab, um diese im Tanninisationsverfahren zu konservieren. Dann überzog er den Gipsabdruck mit der Haut.

Leider haben die Fischer, die ihre Leiche aus den Fluten gezogen haben, harpunenähnliche Stangen genommen und so die Haut beschädigt.

In seiner Not kaschierte er die Wunden mit blutigen Tränen und stellte so den Ort, an den Selbstmörder gemäß Dantes Inferno kommen, nach.

Wenig später meldeten sich die Eltern und waren erstaunt über die Schönheit ihrer Tochter. Da sie arm waren und die Tochter ja sowieso kein Grab bekommen hätte, waren sie dankbar dafür, dass ihre Tochter jetzt auf diesem Weg zu späten Ehren gekommen ist. Sie meinten sogar, sie wäre sogar schöner als zu Lebzeiten.

Ein anderes Exponat machte mich ebenfalls sprachlos:

Die Silbervergiftung

Der ganze Kopf des Mannes war blaugrau! Nach seinem Tod wurde die Leiche obduziert. Selbst seine Innereien, sein Hirn, alles war blau!

Was war passiert?

Der Patient ist 20 Jahre vor seinem Tod an Syphilis erkrankt. Silber ist stark antibakteriell und wurde zur Behandlung eingesetzt. Nun schluckte er täglich Silber, trank wahrscheinlich Silberlösung.

Kolloidiales Silber

Ist ja gerade wieder im Kommen. Ich bin während der Suche nach Möglichkeiten, Steffen irgendwie auch zu unterstützen auch darüber gestolpert. Und das passiert, wenn man also zu viel Silber zu sich nimmt.

Die eigentliche Todesursache war, dass aufgrund des Silbers seine Innereien zerfressen waren und er daraufhin verstarb.

Syphilis

Die Syphilis ist jedoch bei ihm nicht ausgebrochen. Die ganzen 20 Jahre lang. Und so gesehen, bei der Wahl zwischen Pest und Cholera, wohl die bessere Wahl. Denn die diversesten Syphilis-Erkrankungen waren auch ausgestellt. Sattelnase, zerfressene Knochen und so. Und verrückt werden. Aber das ist eine andere Geschichte. Und Syphilis ist wieder im Kommen, hauptsächlich im Mittelmeerraum, Spanien, Süditalien.

Funfact

Und noch ein „Funfact“ – ja ich weiß, etwas pietätlos – die Schlümpfe haben eine blaue Hautfarbe, weil sie im Silbererzwerk gearbeitet haben. Silberarbeiter haben im Mittelalter wohl oft diese Hautfarbe gehabt.

Der freundliche Mitarbeiter des Museums meinte zu mir, dass es in der USA ganze Ortschaften mit Menschen mit diesem Silbermissbrauch gibt, diese „blauen“ Menschen aber von der Öffentlichkeit ausgeschlossen werden.

Da ich die Fotos, die ich habe, aus einem Buch fotografiert habe, werde ich sie hier nicht veröffentlichen. Bildrechte und so. Hab ja mal in der Rechtsabteilung gearbeitet…

Bei Interesse kann ich euch die Bilder persönlich zeigen.

Die Führung dauert ca. eine Stunde lang. Sein Handy bimmelt, der Chef vom Museum kommt auch kurz vorbei, aber stoisch erklärt er mir die Exponate. Das finde ich gut.

Museum der Neuzeit

Er arbeitet an einer neuen Technik des virtuellen Museums mit, wo man mit seinem Handy nur ein Foto des Exponats machen braucht und man bekommt gleich noch einen Film und etwas Geschichte dazu.

Genau so habe ich mir immer ein Museum vorgestellt. Denn immer fehlen die Geschichten hinter den Exponaten. Man hat Zahlen und Fakten, aber keine Geschichten.

Das gebrochene Herz

Er führt mich weiter herum. Zu den Exponaten zählt unter anderem ein gebrochenes Herz, ja das gibt es wirklich.

Ich frage ihn nach der Ursache. Diese ist nicht bekannt. Er meint jedoch zu mir, dass man noch nicht alle Akten gesichtet hat, jedoch alle Akten sichten wird, da es seit den 30er Jahren verboten ist, Präparate herzustellen und sie auf die vorhandenen Präparate zurückgreifen müssen. Eine Ausnahme bildete das Herz der ersten Herztransplantation in Padua. Das Vorher-Herz. Dieses Präparat stammt von 1983.

Faszination Geschichte

Was man aus den Exponaten immer wieder heraussehen kann, ist, wie schwer das Leben für die Armen war. Denn die Armen gaben ihre Leichen in die Pathologie. Keine Bestattungskosten, kein Stress.

Trotz Krebs – welcher wuchs und wuchs, denn es gab keine Chemotherapien und Operationen waren teuer und meist tödlich -, schweren Knochenbrüchen, Mangelernährung, Rachitis, Syphilis, Lepra, musste weitergearbeitet werden, bis man starb. Deswegen sind die Ausstellungsstücke so ergreifend, so extrem.

Man muss sich auch auf der Zunge zergehen lassen: die Präparate sind aus den Jahren 1860 bis 1930. So lange ist das alles nicht her.

Zu diesen extremen Krankheitsbildern kommt es heutzutage nur noch in Dritte-Welt-Ländern.

Was für ein Glück wir hier in Europa haben.

Am Ende der Tour frage ich, was es kostet. Er so: nichts. Ich falle fast vom Stuhl. Aus schlechtem Gewissen kaufe ich ein Buch über die Ausstellung.

Ich verlasse das Gebäude völlig geflasht. Das hat sich richtig gelohnt!

Essenszeiten in Italien

Ja, nennt mich verrückt, aber ich bekomme Appetit. Außerdem gibt es hier auch strenge Zeitfenster:

Frühstück bis 10:00 Uhr

Mittag 12:00 bis 14:00 Uhr

Abendessen ab 19:00 Uhr.

Dazwischen gibts nichts außer vielleicht hier und da ein belegtes Brötchen, Wein und Aperol Spritz und Espresso.

Da muss ich mich ganz schön zusammennehmen, mit meinem super Plan, nur zweimal am Tag zu essen: früh und 17:00 Uhr. (spart Zeit und Energie)

Padua

Also fahre ich durch Padua. Eine wahrlich sehr schöne Stadt. Mit einem Markt in der Mitte, frischem Gemüse, Fressständen. Überall stehen die Tische draußen mit Menschen dran. Schönen Menschen, lachenden Menschen, jungen und zukunftsgewandten Menschen.

Das kann ich jetzt gerade nicht ab und ich fahre weiter. Bisschen nach außerhalb. Und siehe da, ich finde etwas ab vom Schuss ein kleines Restaurantchen, welches noch nicht mal bei Google ist.

Ein ruhiger Sitzplatz für mich, ein Glas Weißwein und Crespelle a la Bolognese. Ich atme durch, sehr gut.

Ein Museum habe ich noch auf der Tour: das offizielle Medizinmuseum.

Joar, ganz nett, geht aber halt nicht in die Tiefe. Alles ist auf italienisch – das ist vollkommen ok – und hat ansonsten englische Übersetzungen. Wenn es aber spannend für mich wird, fehlen die.

Als ich bei der Leber ankomme, die beworben wird, als das Organ, welches sich immer regeneriert muss ich hysterisch lachen und an den armen Steffen denken. Einen Scheiß hat die Leber. Krebs hatte sie.

Ok, reicht für mich und für Padua. Ich fahre zurück zum Hotel.

Abendgestaltung

Es ist erst 17:00 Uhr, ich möchte noch ein Weinchen. Nach dem gestrigen Abendbrot, das so teuer und im Verhältnis dazu echt schlecht war, habe ich schon den ganzen Rückweg nach Alternativen gesucht.

Die erste Alternative ist ein Sale e Tabacchi genau gegenüber. Da bekomme ich meinen Feierabendwein für 3 statt 5 EUR. So haben die Locals was zu gucken.

Irgendwann ist Abendbrotzeit, mit den Fingern tribbelnd habe ich gewartet, bis die Zeiger endlich auf 19:30 Uhr schnipsen. So spät essen ist echt nicht mein Ding.

Ich gehe runter und dann das: das Restaurant ist zu!

Die freundliche Empfangsdame gibt mir einen Tip. 2 Minuten nach links laufen, dann ist da ein Restaurant.

Warum wusste ich das nicht eher?

Ich bin ja immer nur rechts rum und los.

Italien Fress-Tipps

Merke:

  1. Nicht immer direkt im Restaurant des Hotels essen, das ist oft echt teuer
  2. Schau dich in der Gegend um, auch zu Fuß
  3. Für den Absackerwein tut es die Bar um die Ecke und die Jungs haben was zu quatschen
  4. Geh weg von den Hauptplätzen und Attraktionen
  5. In Italien kannst Du überall essen, wo die Italiener auch selbst hingehen
  6. Das Essen in Italien ist einfach gut
  7. Weiche nicht von den Zeitfenstern ab

Also gehe ich zum Restaurant. Ich muss die dunkle viel befahrene Straße entlanglaufen. Niemand hält sich an die 50 km/h Geschwindigkeitsbegrenzung. Wozu auch.

Und da sehe ich das Restaurant.

Kalispera

Drinnen sieht es aus wie beim 70er Jahre Kitschitaliener mit Wolken aus Pappmaché und Steinwänden. Der Kellner ist aufmerksam und ich bekomme einen Platz bei zwei äugenden Herren. Macht ja nichts.

Ich bestelle Rotwein und Spaghetti Carbonara. Es gibt ein Schüsselchen mit extraviel Parmesan. Und der ganze Spaß für 12 EUR. Das ist nur ein Viertel des Essens von gestern Abend… Hätte, hätte, Fahrradkette. Morgen bin ich schlauer.

Zufrieden verlasse ich das Restaurant und trete meinen Rückweg an. Draußen kommt sofort ein junges Katerchen auf mich zu. Meine erste italienische Katze, die sich streicheln lässt. Große Freude. Und er begleitet mich die halbe Strecke zurück. Den Kater hat mir doch der Steffen geschickt!

Große Liebe.

Absackerwein an der nächsten Minibar. Ich bin jetzt bei 2 EUR pro Glas Rotwein. Yeah!

Merke: wenn rechts nichts ist, geh doch einfach nach links!

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