20.07.2018 – 30 Grad Celsius

Der Morgen startet noch angenehm kühl. Heute kommt Steffen endlich wieder aus dem Krankenhaus. Waren zwar nur zwei Nächte, ist aber immer noch zu viel. Ich hole ihn um 8:00 Uhr früh ab, er steht schon im Abholrondell des Krankenhauses. Morgen habe ich ein erstes großes Hochzeitscatering mit 70 Personen allein auf unserem Lieblingsschloss in Kröchlendorff zu bewältigen – übrigens, wir haben selbst da im November 2014 geheiratet:

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(Foto von meiner lieben Freundin @wildatheart_photo)

Ich bitte Steffen, mich beim Einkauf für das Hochzeitscatering für den Folgetag in die Metro zu begleiten. Ich schiebe den ganzen Morgen schon den Einkauf vor mir her, normalerweise ist die stressfreieste Einkaufszeit in der Metro morgens zwischen 5:00 und 6:00 Uhr, da ich großen Respekt davor habe, diesen Großeinkauf allein zu bewältigen. So sieht zum Beispiel dieser Einkaufszettel aus, bisschen anders wie bei Euch, oder?

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Normalerweise benötigen wir für diese Volumen zu zweit fast eine Stunde, um alles zusammen zu suchen, da man nichts vergessen darf. Es gibt vor Ort in der Uckermark kaum Möglichkeiten, Dinge noch nachzukaufen, die man vergessen hat.

Jeder Schritt, den wir bis jetzt seit 10 Jahren immer gemeinsam gemacht haben, der so selbstverständlich schien und dadurch auch manchmal genervt hat, ist nun so fürchterlich schwer und in der Rückblende so süß. Natürlich sagt mir Steffen Hilfe zu, er versteht mich komplett, er kommt auch mit in die Metro, um dann festzustellen, dass ihm nach 100 m und dem künstlichen Licht schon wieder schwindlig wird.

An solchen Momenten sieht man, wie fragil sein Körperzustand geworden ist. Dass diese Krankenhausaufenthalte enorm schlauchen. Man liegt im Krankenhausbett und denkt sich, hui, das ist ja alles voll easy, mir geht’s doch gut, ich kann selbstständig bis zur Toilette gehen. Aber die Realität zeigt Dir dann erbarmungslos spätestens vor der Tür Deine Schwäche.

Ich bitte ihn, sich einfach nur am Wagengriff festzuhalten und wir managen so in Ruhe den Einkauf. Alles wird in Thermoboxen gepackt und ins Auto gehievt. Thermoboxen sind unerlässlich bei dieser nicht enden wollenden Hitze in diesem Sommer. Das Auto belade ich auch selbst. Es ist ein Wunder, wie mein schon seit Jahren kaputter Körper (Schilddrüse/zweifacher Bandscheibenvorfall), das alles wegsteckt. Pilates sei Dank! Einmal die Woche lass ich mich gerade richten.

In der Küche lasse ich Steffen im Innenhof unter dem Walnussbaum sitzen. Die letzten Male haben gezeigt, dass der Aufenthalt in der Küche psychisch zu belastend ist. Ständig aufgezeigt zu bekommen, dass nichts mehr ist wie vorher, ist elend und schmerzt.

Schnell packe ich die Waren entsprechend in die Kühlschränke um und wir springen ins Auto. Weil wir Hunger haben, schießen wir uns ein schnelles Mittagessen, ein Knusperhühnchen beim Türken mit lecker Fladenbrot und machen gemeinsam Mittagsschlaf.

Und nun das Wunder des Tages: Abends um 23:00 Uhr kommt meine liebe Freundin mit ihrem neuen Freund extra aus Wien gefahren, um mich bei dem morgigen Hochzeitscatering zu unterstützen. Was für ein Wahnsinn, nach 11 Stunden Fahrt in der Hitze, sind die beiden endlich da. Das ist Freundschaft in einer völlig neuen Dimension. Käse, Bier und Brot stehen bereit für einen schnellen Mitternachtssnack, und dann geht’s schnell ins Bettchen.

positiv:

  • Steffen ist wieder zuhause
  • Echte Freunde

Einen Tag zurück oder gleich weiterlesen?

 

19.07.2018 – 26 Grad Celsius

Das Steffen schon wieder im Krankenhaus ist, schlaucht mich subtil. Noch lange nicht habe ich die ganze Krebsgeschichte akzeptiert.

Das Kochen bei der Hitze ist auch nicht gerade Zucker. Ich habe mir extra für die Küche einen Ventilator gekauft. Die Wettervorhersage sagt für die nächsten zwei Wochen Temperaturen um die 30 Grad voraus. Alle jubeln darüber, ich kotze. In der Metro stehen auch nur noch 10 Ventilatoren zum Verkauf da. Das wird ein heißer Sommer.

Dieser Tag macht so überhaupt nicht Spaß. In einem Paralleluniversum würde ich den ganzen Tag im Bett liegen und die Wolken anstarren. Geht aber nicht, man muss ja raus vor die Tür, um Geld zu verdienen um das alles zu bezahlen, damit man aufstehen kann um raus zu gehen und um Geld zu verdienen. Ein Teufelskreis. Ich bin für Lösungen, um diesen Höllenrad zu entkommen, sehr dankbar! Ja, ich spiele Lotto.

Als ich dann endlich am Nachmittag alles fertig ausgeliefert habe sinke ich auf dem Sofa zusammen und hoffe auf einen faulen Abend stupide vor der Glotze. Sich nichtige Probleme fremder Menschen ins Hirn füllen und dadurch abschalten.

Aber nichts da, Steffen hat seine Antibiotika zuhause vergessen und ich muss wohl oder übel noch mal los. Also schmiere ich ihm eine Käsestulle, packe Tonnen von geschälten Möhren, einen Apfel und Brombeeren ein und einen Tetrapack mit Gazpacho und schnappe mir das Rad und fahre hin. Nicht weil es nichts im Krankenhaus zu essen gibt, sondern weil es null Nährwert hat. In Berlin ist es immer besser, mit dem Rad zu fahren, dies spart auch die elende Parkplatzsuche. Wir treffen uns im Park und Steffen stopft alles in sich hinein. Auch die nun durch den Apfel zermatschten Brombeeren. Er ist tapfer! Wäre ich an seiner Stelle, ich würde brechen. Zermatschte Brombeeren mit kleinen Kernen – pfui Geier!

Die Nerven liegen immer noch blank, wir zoffen uns ein bisschen, schaukeln uns wieder hoch. Werden beide lauter, ich fange an zu heulen und werde hysterisch, ich habe einfach Angst um ihn, um unsere Zukunft und wegen der Scheiß Kohle. Existenzangst ist ein Arsch. Heulend fahre ich nach Hause, um mich dann im selben Moment wieder verrückt zu machen, da ja Steffen gerade eine Biopsie in der Lunge hatte, also hat er ja jetzt ein Miniloch in der Lunge und meine Fantasie dreht schon wieder durch. Wenn er auch so schnappatmen muß, wie ich, geht vielleicht was kaputt. Das Loch wird größer. Blut und Zeug kommt rein, er kollabiert und stirbt, weil ich ihn so aufgeregt habe.

Zuhause angekommen rufe ich sofort an und frage, ob alles gut ist. Wir vergewissern uns gegenseitig, dass wir uns lieb haben und beruhigen uns endlich.

Es war auch eine gute Idee, das Essen mitzunehmen. Zum Abendbrot gab es eine einsame Graubrotstulle mit einer Scheibe Käse und Margarine. Und Kamillentee.

Am Abend dann ruft mich mein großer Bruder das erste Mal an um mit mir zu reden. Ähnliche Situation wie mit Steffens großem Bruder. Alles etwas schwierig manchmal. Ich glaube, großer Bruder sein, ist nicht einfach. Man bekommt mit sieben Jahren ein Baby vor die Nase gesetzt und soll es gut finden und ist eigentlich nur genervt. Und unterschwellig zieht sich das dann durch das ganze Leben. Immer nervt das kleine Geschwist mit seinen Killefizproblemen. Große Brüder sind ja geborene Alpha-Tiere. Das macht es nicht besser. Aber, wir unterhalten uns wunderbar. Es tut gut und ist hilfreich. Die meisten zwischenmenschlichen Probleme finden eh immer im eigenen Kopf statt, finde ich.

Einen Tag zurück oder den nächsten Tag weiterlesen?

 

 

blue and silver stetoscope

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+ Room with a view

18.07.2018 – 28 Grad Celsius

Steffen muss heute zur Anamnese ins Vivantes Krankenhaus, diesmal nach Friedrichshain.

Crescendo aus Wahnsinn

Ihr wundert Euch bestimmt schon, warum ich immer die Temperatur des jeweiligen Tages mit aufschreibe. Uns ist aufgefallen, dass umso wärmer es wird, umso mehr Hiobsbotschaften oder Vorfälle oder Brisanzen geschehen. Wie ein Crescendo aus Wahnsinn steigt die Temperatur mit den Vorkommnissen oder die Vorkommnisse mit der Temperatur. Aber lest in den nächsten Tagen selbst:

Pneumologie im Vivantes Klinikum

Steffen hier in die Pneumologie, da ein Lymphknoten oberhalb der Lunge verdächtig nach Tumor aussieht. Dies soll morgen bei einer genaueren Untersuchung herausgefunden werden.

Die Ergebnisse der Untersuchung werden dann bis zum 27.07. dem Chef-Onkologen übersandt und dieser wird dann den weiteren Behandlungsplan für Steffen schmieden.

Im Friedrichshainer Klinikum soll nun der Pneumologe durch den Mund in die Lunge ein Gerät einführen und von innen aus der Lunge in den Lymph pieksend eine Biopsie machen. So ein Eingriff muss natürlich stationär erfolgen und dafür braucht es wieder eine Anamnese. Seinen Termin bei der Oberärztin hat Steffen erst um 11:00 Uhr, deshalb holen wir zuerst alles vom gestrigen Auftrag ab.

Metro

Da die Metro auf dem Weg liegt, stoppen wir kurz davor. Ich kaufe selbst alles in der Metro für die BlueManGroup ein. Steffen bleibt derweil im Auto sitzen. Der Kontakt mit der alten Realität ist gerade zu schmerzhaft.

Wir packen alles in Thermoboxen, dann geht es gemeinsam ins Vivantes Klinikum.

Krankenhaus-Paranoia

Die Stimmung zwischen uns ist gereizt, wir schaukeln uns hoch, ich bin super zickig. Krankenhäuser machen mich verrückt. Eigentlich will ich immer nur wegrennen.

Vor 20 Jahren hatte meine Mama einen Hirnschlag und danach haben wir uns jahrelang in Kliniken, Pflegeheimen und ähnlichen Locations herumgedrückt, um Mama in ihrem furchtbaren Zustand zu besuchen, so dass mir in Krankenhäusern generell direkt schlecht wird. Jedesmal klumpt sich mir der Magen zusammen.

Das Vivantes Klinikum ist obendrein etwas anders als die Parkklinik, also ein ganz normales Krankenhaus Hier gibt es kein Einzelzimmer für Steffen, keine Duschpäckchen, kein leckeres Essen. Aber wir sind ja nicht auf der „Fritz Heckert“.

Mittags verlasse ich überstürzt die Klinik und fahre in die Küche und bereite alles für die blauen Männer vor. Ich bin froh, dass ich flüchten und Steffen allein zur Anamnese zurücklassen konnte. Hauptsache keine Minute zu lang im Vivantes Klinikum.

Bilisan Duo

Pünktlich zur Auslieferzeit ist Steffen auch im Vivantes Klinikum fertig und ich hole in dort direkt in Friedrichshain ab.

Noch schnell ein Zwischenstopp an der Apotheke, ich habe Billisan Duo bestellt. Ein natürliches Produkt aus Silberdistel und Kurkuma um die Leber zu unterstützen. Da ja Steffen nun seit fast einer Woche Antibiotika wegen seiner Borreliose bekommt, ist es nicht verkehrt, die Leber zu unterstützen, wenn es gerade die ganzen toten Borrelien aus dem Steffen herausschwemmt. Steffen beschreibt das Ganze übrigens als Kitzeln in den Lymphen. Das ist wahrscheinlich der Moment in dem die Borrelien von den Antibiotika vaporisiert werden.

Room with a view
Das Friedrichshainer Krankenbett im Vivantes Klinikum

17.07.2018 – 30 Grad Celsius

Heute muss ich meinen ersten Auftrag ganz allein ohne Steffens Hilfe zubereiten und ausliefern. Prinzipiell kein Problem, an manchen Tagen stehe ich stundenlang allein in der Küche und mache alles. Das Problem für mich ist aber stets die Auslieferung.

Warum? Das weiß ich nicht. Aus unerfindlichen Gründen bekomme ich jedes Mal Panik, wenn ich mit zur Auslieferung muss. Dann ist der ganze Tag für mich gelaufen und ich bin in einer Art Todesstarre und kann nicht mehr denken und bekomme Bauchschmerzen.

Also habe ich Steffen gebeten, mit in die Küche zu kommen, damit ich nicht allein bin. Gerade fühlt sich das allein in der Küche sein grauenvoll an. In der Küche wird Steffen sofort schwindlig, das ständige nach unten schauen ist mit dem Tumor im Kopf nicht so angenehm. Wahrscheinlich dongt das alte Karzinom ständig hinten an die Augenhöhlen.

Ich schicke ihn aus der Küche, so kann er sich im Innenhof unter den Nussbaum auf die Bank setzen. Da wirklich noch viel Zeit ist, mache ich in Ruhe allein alles fertig, was gar kein Problem ist. Dann belade ich das Auto und wir fahren gemeinsam zur Auslieferung los. Ich fahre, ich baue auf, er ist mit, er steht daneben, er ist meine seelische Unterstützung. Und herrje, der Kunde ist total nett, ich weiß gar nicht, was ich habe.

Nachmittags haben wir noch einmal Zeit für uns und quatschen die ganze Zeit. Darüber, wie es weitergeht, wie ich dass Unternehmen alleine führen kann und derartige Fragen.

An diesem Tag stellen wir folgendes fest: eigentlich haben wir Glück gehabt, dass es Steffen und nicht mich getroffen hat, weil:

  • Er hat eh schon Glatze
  • Er ist nicht so mäkelig wie ich, ich kann alle Speisen an ihm ausprobieren
  • Ich mach eh die ganze Organisation des Caterings: Angebote erstellen / Wochenplanung / Einkäufe / Buchhaltung / Telefonate / Rezepte / also alles, bis auf die Auslieferung, die Geschirrorganisation, die Personalverwaltung und den Aufbau – hätte mich der Krebs erwischt, wäre es weitaus schlimmer um das Unternehmen geschehen

Im Internet haben wir uns schlau gemacht, zusätzlich zu den Smoothies wollen wir Steffens Immunabwehr boosten. Zumal man die Smoothies nicht mit ins Krankenhaus nehmen kann, bis dahin haben sich alle Vitamine verflüchtigt und man hat nur noch eine zweifelhafte Masse in der Glasflasche. Im Internet finden wir nach langem Hin- und Hervergleichen ein Fruchtsaftkonzentrat, welches Steffen auch mit ins Krankenhaus nehmen kann und sich parallel zu dem unterirdischen Krankenhausessen noch mit ausreichend Vitaminen und Mineralstoffen versorgen kann. Wir nehmen es bis zum heutigen Zeitpunkt beide. Auch kann man zum Beispiel den Smoothie statt mit Saft mit verdünntem LaVita-Konzentrat verflüssigen.

Einen Tag zurück oder weiter?

16.07.2018 – 29 Grad – Tag 5

Steffen hat sich nach dem gestrigen emotionalen Tag etwas beruhigt. Er hat richtig gute Laune, er ist zuversichtlich, zumal heute nach seiner Nasenscheidewandoperation auch noch die Tamponaden aus seiner Nase gezogen werden. Ab heute Nachmittag hat er eine richtig neue Nase.

All unsere Freunde haben uns gestern Mut zugesprochen und Unterstützung zugesagt. Das baut ungemein auf.

Aber wir zwei sind schon wie ein altes Paar Schuhe: immer dann, wenn Steffen gute Laune hat und wieder Energie bekommt, bricht es bei mir ein, kann ich mich fallen oder vielleicht sogar etwas hängen lassen.

Ich lasse wieder einmal panische Gedanken über unsere Zukunft zu, wie soll es denn jetzt weiter gehen? Steffen versucht mich zu beruhigen. Er sieht es so, dass wir jede Woche oder auch jeden Tag einzeln angehen bzw. abarbeiten. Bis die Sache irgendwann durchgestanden ist. Was nutzt es, sich die Gedanken darüber zu verschwenden, was wenn wie passiert. Gerade kann man nichts daran ändern.

Jetzt gerade haben wir zwei Wochen nur für uns geschenkt bekommen, bis es dann zum Onkologen geht und die nähere Zukunft besprochen wird.

Hollywood sei dank stellt man sich ja Krebs immer so vor:

  1. plötzlich aus dem Nichts hat jemand irgendein komisches Zipperlein
  2. das Zipperlein ist plötzlich Krebs
  3. der Krebs ist im Endstadium
  4. Person liegt mit Glatze an Schläuchen auf der Intensivstation
  5. Person ist tot

Also sehen wir zwei es mal so, wir haben noch zwei normale Wochen geschenkt bekommen. Es ist Sommer, die Sonne scheint, es sind gerade wenig Aufträge zu erledigen, da Ferien sind und ich die Zeit eigentlich für Steffens Nasenoperation frei gehalten habe. Ich dachte, zwei Wochen reichen, um sich von der OP zu erholen und dass wir wieder weiter durchstarten können.

Eigentlich ist, in diesem Rahmen aus Scheiße betrachtet, alles fantastisch. Langsam ziehe ich mich aus meinem Loch und wir gehen in die Bibliothek, denn Steffen braucht Bücher für die Zeit der Chemotherapie, welche ja aktuell auf 5 Wochen stationär angesetzt ist und ich brauche Bücher zum Ablenken.

Bis jetzt konnte ich mich immer auf mein Unterbewußtsein verlassen: in beschissenen Zeiten träumte ich wunderschöne bunte Träume. Ich konnte mich fein aus der Realität flüchten. Als wenn meine Psyche das Schwarz des Tages auslöschen wollte. Aber dieses Mal, bei Steffens Krebs, träume ich nur noch Alpträume. Also können mich wahrscheinlich nur Bücher retten, um aus dem Wahnsinn kurz zu flüchten.

Dann fahren wir kurz in die Metro und kaufen alles für den Auftrag am Folgetag ein.

In der Metro stellen wir fest, dass Steffen eine sehr geringe Belastungsspanne hat, also maximal 100 m in der Metro laufen kann, dann fangen Schwindel und Kopfschmerzen an. Ich schicke ihn raus zum Auto.

Dann geht es mit den Einkäufen in die Küche und um die Ecke in die Parkklinik, um die Tamponaden aus Steffens Nase zu ziehen, die bei der OP zur Stabilisation eingeführt wurden. Alles ist prächtigst verheilt. Die Ärztin sagt, wenn dann der Krebs aus dem Nasenrachenraum auch noch weg ist, kann er unglaublich gut atmen und riechen.

Im Park vor dem Krankenhaus genießt Steffen, dass er das erste Mal im Leben mit beiden Nasenlöchern ohne Tamponaden atmen und riechen kann.Tief atmet er durch die Nase ein und grinst mich an. „Dana, ich kann mit beiden Nasenlöchern atmen, das ist ja unglaublich! Das Gefühl ist ja komplett neu!“

Das ist natürlich bei mir zuhause in Kreuzberg wiederum von großem Nachteil, denn der Hausmeister hat im Großaufgebot ein Rattennest ausgehoben und alle Ratten vergiftet. Diese liegen nun aufgeblasen und leise vor sich hinverwesend überall auf dem Parkplatz verstreut herum. Der Geruch ist, nun, speziell. Das ist nicht so toll für Steffens Nase. Man wünscht sich fast die Tamponaden zurück.

Am Abend beruhige ich mich langsam. Ich koche für Steffen. Es gibt eine leckere Reisbowl mit Tofu.

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+ Green Smoothie

15.07.2018 – 25 Grad – Tag 5

Es ist Sonntag, wir stehen extra zeitig auf, damit wir mehr vom Tag haben, da wir heute einen kleinen Außflug nach Brandenburg, genauer nach Buckow machen.

Seitdem ich mich mit der Ernährung bei Krebs beschäftige, glaube ich, etwas gefunden zu haben, mit dem ich Steffen helfen kann. Daher mache ich ihm heute zum Frühstück als erstes einen

Green Smoothie

für zwei aus:

  • Handvoll Babyspinat
  • Daumengliedgroßes Stück Kurkuma
  • Daumengliedgroßes Stück Ingwer
  • eine Banane
  • zwei Braeburn Äpfel
  • Orangensaft.

Ich gebe alles in meine KitchenAid – entschuldigt bitte die Werbung, aber es ist in der Tat der einzige Mixer, der selbst die widerspenstigsten Zutaten durchpüriert – und fertig ist die geballte Ladung Gesundheit.

Danach gibt es einen Porridge aus Mandelmilch, Haferflocken, Leinsamen und am Schluss wird auf jedem Schüsselchen je ein Esslöffel Flohsamen darüber gestreut:

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Zur „Gutschmecke“ gibt es noch etwas Ahornsirup über den Smoothie und der Darm klatscht in die Hände. Haferflocken sind extrem gesund und nahrhaft, Leinsamen sind sehr gut für den Darm und wenn man morgens auch noch auf die Milch verzichtet und diese durch Nussmilch ersetzt hat man schon frühs alles richtig gemacht.

Und weil heute Sonntag ist, gibt es auch noch das normale Frühstück mit Brot, Käse und einem wachsweichen Ei für Steffen.

Dann geht’s mit dem Auto raus nach Brandenburg, genauer gesagt, in die Märkische Schweiz nach Buckow.

Heute kommen bei radioeins als Special die besten Partyhits aller Zeiten – Top 100 – schön unangepasst, mit Sisters of Mercy zum Beispiel. Und dann muss ich weinen: Ich weine vor Glück, dass Steffen und ich gemeinsam Auto fahren. Zusammen. Mit Musik. Wie früher. Vor Jahren. Einfach drauflos fahren und Musik hören.

Das haben wir seit Jahren nicht gemacht, weil nur Stress war. Mit dem Catering arbeiten wir gewöhnlich von Montag bis Samstag, meistens müssen wir auch noch am Sonntag beräumen. Wenn dann endlich der Sonntagnachmittag frei ist, endet dieser gewöhnlich auf der Couch.

Die Sonne scheint warm auf uns und trocknet unsere Tränen zu Krusten.

Nach anderthalb Stunden kommen wir in Buckow an. Ein pittoreskes kleines Städtchen wunderschön am See gelegen. Wir laufen eine Runde, und finden beim Schloßpark einen kleinen Naturheilgarten mit allen Pflanzen, die bei uns vorkommen. Ich stolpere über die Silberdistel. Stimmt da war was! Die unterstützt die Leber.

Gleich mache ich eine Notiz um Bilisan Duo – ein Präparat aus Silberdistel und Kurkuma – in der Apotheke zu bestellen, diese Arznei unterstützt die Arbeit der Leber. Ich habe das Gefühl, dass sich alles so fügt, wie es sein soll.

Steffen ist dank des luxuriösen Krankenhausaufenthalts jetzt an regelmäßige Mahlzeiten gewöhnt, er bekommt Hunger. Also brauchen wir ein Mittagessen. Sofort. Er muss gemästet werden bis die Chemo beginnt. Vor Ort sagt uns das Essensangebot nicht zu. Also geht’s zurück nach Straußberg, dort finden wir dank Google ein annehmbares Restaurant.

Als wir fertig mit dem Essen sind, kommen bei Steffen die Emotionen hoch. Er muss weinen, weil gerade alles so schön ist und hat Angst, dass dies eines der letzten schönen Wochenenden ist. Dasselbe passiert noch mal beim Tanken, ob er jetzt das letzte Mal das Auto betankt. Die Rückfahrt besteht wieder aus weinen, lachen und Musik.

Zuhause angekommen, machen wir uns kurz frisch, denn unsere Freunde haben uns zum Grillen eingeladen. Steffen muss alles noch mal erzählen, alle geben ihm Zuversicht und Kraft. Wir fahren nach Hause. Freunde sind was Feines.

Positiv:

Freunde, Steffen ist endlich zuhause, Wochenendausflug

14.07.2018 – 28 Grad – Tag 4

Ganz früh am Morgen springe ich aus dem Bett, die Luft ist wunderbar klar. Ich reiße das Schlafzimmerfenster auf und atme tief die klare Luft ein. Ein Gedanke pickert in meinen Kopf. Gibt es eigentlich eine Krebsdiät?

Aber zu allererst koche ich noch schnell eine indische Linsensuppe, damit Steffen gleich was zu Essen hat, wenn er wieder nach Hause kommt. Ich beziehe das Bett frisch, da es nach meinem Angstschweiß riecht. Dann fahre ich in die Metro einkaufen, auch gleich alles schön für unser gemeinsames Wochenende und für die Blue Man Group.

Ernährung bei Krebs

Ich habe begonnen, mich mit der Ernährung bei Krebs zu beschäftigen. Bis jetzt bin ich erst einmal soweit, dass man bei einer Krebsdiät Zucker komplett ausschließt, Eiweiß über Nüsse generiert und viel Obst und Gemüse isst.

Ich kaufe daher für Steffens Krebsdiät:

  • Nüsse
  • Chia
  • Leinsamen
  • Gemüse (Spinat und Rucola)
  • Obst (Heidelbeeren, Äpfel, Bananen)
  • Marmorkuchen – der Lieblingskuchen von Steffen – Marmorkuchen ist natürlich nicht gut bei Krebs, nur gut für die Psyche.

Dann fahre ich alles in unsere Cateringküche und hole Steffen Punkt 10:00 Uhr in der Klinik ab. In dem Moment, in dem ich einen Parkplatz suche, sehe ich ihn, wie er mir gerade in der Einfahrt der Klinik entgegen gelaufen kommt. Was für ein Timing. Die Sonne scheint. Die Luft ist klar. Wir sind so glücklich und erlöst. Er ist wieder da!!! Er hat das Krankenhaus überlebt.

Ich fahre ihn nach Hause in meinen Prinzessinnenturm. Da ich in in einem Hochhaus in der Mitte von Berlin im 11. Stock wohne, fühlt man sich hier immer wie in einem Turm und von der realen Welt ausgeschlossen. Das ist sehr oft sehr erholsam. Und notwendig.

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Steffen lasse ich gerne zuhause. Er soll sich erst einmal vom Krankenhaus erholen und ankommen. Obwohl ich etwas traurig bin, dass er nicht mit in die Küche kommt. Das ist noch sehr ungewohnt, dass ich nun alles alleine mache.

Ich fahre schnell zurück in die Cateringküche und bereite flott das Essen für die blauen Männer zu. Und viel zu früh liefere ich aus. Aber ich will nach Hause. Das Team von der Blue Man Group weiß aber Bescheid, denn es ist seit der ersten Minute voll involviert und so lieb und herzlich, dass dies kein Problem für sie ist.

Endlich zuhause angekommen, lasse ich mich endlich komplett wieder von unserer kleinen spießigen Normalität aufnehmen. Wir essen gemeinsam abendbrot, netflixen und Dana bekommt ein Bierchen. Dann noch unsere geliebten Musikvideos gucken, glücklicherweise habe ich britisches MTV, wo den ganzen Tag Musikvideos laufen und dabei quatschen wir über alles was so bisher geschehen ist.

So simpel, so gut. Später dann im Bett liegen, Wolken und Saatkrähen gucken.

Positiv:

Steffen ist zuhause!!!!

13.07.2018 – 28 Grad – Tag 3

Viel zu zeitig, um 6:00 Uhr bin ich schon wieder von alleine wach. Das Adrenalin peitscht mich  aus dem Bett. Ich vermisse Steffen so sehr. Heute ist Freitag der 13., hat das eine Bedeutung? Vor drei Tagen begann der ganze Wahnsinn erst

Da wir getrennte Wohnungen haben – zusammenziehen in eine größere Wohnung ist in der aktuellen Berliner Mietsituation einfach keine Option, schon gar nicht, wenn man selbstständig ist – bin ich es eigentlich gewohnt, ohne Steffen zu sein. Aber diese Sache hier hat eine ganz andere Dimension.

Was hilft jetzt? Irgendwie weitermachen.

Buchhaltung

Ich muss die Buchhaltung des letzten Monats machen. Bei jeder Rechnung die ich in die Hand nehme, rekapituliere ich den jeweiligen Tag vor einem Monat, in meiner Erinnerung fliege ich dort hin, wo alles noch so normal und der Krebs unvorstellbar war.

Ich würde so gerne zurücktauschen. Zu der Zeit. Damals.

Obwohl man nicht zufrieden war, weil man komplett überarbeitet und am gesundheitlichen Limit war, war dennoch alles besser, als das hier jetzt. Denn Steffen war gesund und hatte keinen Krebs.

Ich heule Rotz und Wasser. Mittendrin ruft mich Steffens Mama an. Kein guter Zeitpunkt. Ich sage Ihr, dass ich keinen Lebenssinn mehr habe, wenn Steffen nicht mehr sein sollte. Bis dahin halte ich aber alles aus. Bestürzt beenden wir irgendwann das Gespräch. Die gemeinsame Zukunft mit Steffen sieht so schwarz und hoffnungslos aus.

Ich räume den Kühlschrank aus, werfe Steffens ersten selbstgebackenen Marmorkuchen weg. Wird er jemals wieder einen Kuchen backen? Heulen again.

Steffens Marmorkuchen

Freitag der 13.

Mittags meldet sich ein guter Freund. Er will ins Krankenhaus um Steffen zu besuchen. Ich schlage ihm vor, gemeinsam zu fahren und hole ihn zuhause ab.

Er versucht mich aufzubauen, sein Mann hatte über Jahre alle möglichen Sorten Krebs, aber er lebt immer noch und ist endlich gesund. Er sagt, heute ist Freitag der 13., also wird heute alles gut.

Freundschaften

Als wir gemeinsam Steffens Zimmer betreten, fängt Steffen sofort an zu weinen, als er uns beide sieht. Er wollte eigentlich nicht, dass seine Freunde seine Krankheit mitbekommen, aber genau dafür sind doch Freunde da!

Steffen hatte heute auch schon einen Termin mit der Klinikpsychologin. Aber nach dem Gespräch mit Steffen war die Arme psychisch noch fertiger als Steffen und hat das Zimmer heulend verlassen. Super.

Dann kommt auch wieder die Ärztin und sagt uns, dass Steffen am Folgetag nach Hause kann. Unser Freund E. schaut uns an und sagt: „siehste, heute ist Freitag der 13., das bringt Glück!“

Borreliose

Weiter informiert uns die Ärztin, dass beim großen Blutbild eine alte – ja fast 20 Jahre alte – Borreliose festgestellt wurde. Frei nach dem damaligen Zeitgeist, hatten wir diese Viren schon 2008 mit Hilfe einer Heilpraktikerin mit Globuli ausleiten lassen. Haben wir gedacht. Überraschenderweise war aber die Borreliose immer noch da. Natürlich.

Die Heilpraktikerin sagte uns vor der Behandlung, nur das Ausleiten hilft wirklich, da sich die Borrelien vor dem Antibiotikum verstecken. Wir hatten uns darauf verlassen, Steffen hat einen Monat lang Pusteln am ganzen Oberkörper gehabt, die unmenschlich gejuckt haben und dann sollte es gut sein. Soso. Alles Quatsch. Schimpft uns blauäugig.

Merke: wenn es wirklich übel ist, Schulmedizin. Wenn die nicht mehr hilft oder es ist nicht wirklich schlimm, Heilpraktiker.

Umgehend bekommt Steffen am Freitag den 13. seinen Antibiotika-Tropf. Morgen früh noch einen und danach startet die 14tägige Antibiotika-Kur – bis zum Onkologentermin in 2 Wochen.

Das ist alles so verrückt, denn Borreliose ist auch eine Ursache für Lymphknotenschwellungen bzw. Lymphdrüsenkrebs.

Ständige Entzündungen verursachen Krebs im Körper!

Nun herrscht bei uns dreien große Freude, da nun endlich Licht ins Dunkel kommt. Wir verabschieden uns vom tapferen Steffen und fahren nach Hause. Was für ein Freitag der 13.!

Abends schickt mir Steffen noch ein Bild von seinem leckeren Abendbrot.

Abendessen in der Parkklinik
Steffens Abendbrot in der Parkklinik

Schöneberg

E. bietet mir auf dem Heimweg an, heute Abend mit Freunden ein Bierchen zu trinken, er sagt, das tue gut in so einer Situation. Also fahre ich nach Hause, schnappe mir mein Rad und fahre zurück nach Schöneberg. Dort treffe ich auf all unsere anderen Freunde und alle geben mir Kraft und bieten Unterstützung an.

Ich glaube, in unserer jetzigen Gesellschaftsform sind gute Freunde vor Ort ein mehr als adäquater Familienersatz. Apropos, nachdem Steffens Bruder von seiner Mama darauf hingewiesen wurde, sich vielleicht doch mal bei seinem Bruder zu melden, hat er dann auch gleich angerufen und sich erkundigt, wie es um Steffen steht.

Familie vs. Freunde 1:1

Positiv:

Freunde
Steffen kommt morgen nach Hause
Borreliose wurde entdeckt

12.07.2018 – 20 Grad – Tag 3

Am Vormittag des 12.07. versuche ich nun endlich nach den gelähmten letzten Tagen und der furchtbaren Diagnose unser Selbstständigendasein zu sortieren, welches so nicht mehr für uns weitergehen wird.

Die letzten drei Tage fühlen sich an, als wäre ein Komet neben uns eingeschlagen und alles um uns herum ist zerstört worden. Ich kann nur ganz langsam anfangen, die Trümmer zu sortieren.

Unser kleines gemeinsames Catering, unser Baby, welches nach 10 Jahren täglichen Kampfes endlich läuft, muss ich vielleicht einstampfen. Ich heule Rotz und Wasser.

Aber erst einmal haben wir noch mehreren Hochzeitscaterings zugesagt, welche natürlich trotzdem ausgeführt werden müssen. Ohne Steffen. Da sind die zukünftigen bestätigten Angebote, die geliefert werden müssen, ohne Steffen.

Bisher war unsere Arbeitsteilung: ich koche und plane und organisiere, Steffen hilft in der Küche, macht die Logistik und liefert aus, da das körperlich anstrengender ist und ich das nicht gerne mache. Nun muss ich das wohl alles ganz alleine machen und mich meinem Auslieferdämon stellen. Ich muss hier eine Struktur finden und wie ich es alleine mit minimaler Hilfe schaffe.

Ich schreibe unserem Personalvermittler und dem Steuerberater. Quartalsausgaben von über 6000 EUR warten auf uns, das kann mir gerade das Genick brechen.

Irgendwann an diesem 12.07. fahre ich gegen 10:00 Uhr in die Metro und kaufe alles für die BlueManGroup ein und bereite es zu. Ratatouille, spanische Hackbällchen in Tomatensoße und Kurkumareis. Ich liefere aus und fahre dann direkt in die Klinik, da es regnet. Das erste Mal seit Wochen.

Erdbeerkuchen
Steffens Kuchen im Krankenhaus

Steffen geht es gut. Er hatte seinen Lieblingskuchen zum Kaffee (ja, es ist kein normaler Krankenhausaufenthalt!) – Rhabarberkuchen mit Erdbeeren!

Wir reden über dies und dass, alles ist entspannt, dann kommt die Ärztin.

Sie sagt uns, dass heute am 12.07. die einmal wöchentlich am Donnerstag stattfindende Krebskonferenz, in welcher sich alle führenden Krebsspezialisten der Stadt Berlin aus der Charité, dem Vivantes Klinikum und ähnliche Koryphäen treffen und beraten, um die Behandlungen der jeweiligen aktuellen Fälle zu optimieren, getagt hat. Steffens Akte war ganz oben, aufgrund der Brisanz des offensichtlich schnell wachsenden bösartigen Karzinoms. Es wurde nun beschlossen, dass Steffen stationär eine Chemo mit Bestrahlung bekommt.

In zwei Wochen haben wir einen Termin mit dem Chefonkologen des Virchowklinikums, vorher muss Steffen aber noch ins Vivantes Klinikum zum Pneumologen, da auf einem Lymph auf der Lunge ein Schatten ist. Der Termin ist nächste Woche. Und obendrein muss Steffen noch diese Nacht im Krankenhaus bleiben, um zu schauen, wie seine Nase heilt.

Ok, das muss ich erst einmal alles sacken lassen.

Das Gefühl hat was von Gewissheit und Fügsamkeit. Sich dem Schicksal fügen. Wenn man sich nie mit der Thematik beschäftigt hat, suggeriert das mächtige Wort „Krebs“ unausweichlich immer „Tod“.

Die letzten Tage erhielten wir bei jedem Termin mit einem Arzt von zwei Möglichkeiten einer Antwort garantiert immer die Scheißeoption der möglichen Antworten. Die heutige Scheißeoption war „5 Wochen stationäre Chemotherapie“ – bisher hieß es ja, „ambulante Chemotherapie“, also schön zuhause sein, feines Essen bekommen und ab und zu Steffen zur Chemo fahren.

Die neue Option bedeutet jedoch nun für mich:
+ offensichtlich ganz übler Krebs
+ keine Ruhe zuhause für Steffen
+ kein ordentliches Essen für Steffen
+ Risiko, sich mit Krankenhauskeimen anzustecken

Jetzt gibt es nichts mehr groß zu sagen, wir haben beide einen Kloß im Hals. Ich fahre nach Hause, bestelle mir noch fix eine Pizza zum mitnehmen und fahre heulend durch die Stadt, was nicht auffällt, da es regnet. Dazu noch ein Bier, die Pizza zwinge ich mir rein, ich habe in den zwei Tagen schon 2 Kilo verloren, dort, wo sich sonst nie eine Nadel bewegt.

Später an diesem 12.07. bekomme ich eine Panikattacke. Diese Art Panik war mir neu, da war viel Scheiße bisher in meinem Leben, existentielle Scheiße dank Finanzamt, Bandscheibenscheiße, und als Krönung der Hirnschlag bei meiner Mutter, als ich erst 21 Jahre alt war, aber dieses Gefühl ist neu. Existenziell.

Ein guter Freund starb nach der überstandenen Chemo und als er gerade den Blutkrebs besiegt hatte an dem Epstein-Barr-Virus, der halt in jeder Luft rumschwirrt. Ich hyperventiliere. Stelle mir vor, Steffen stirbt. Wie soll ich ohne ihn weiterleben? Kotze fast die Pizza aus, Heule wie verrückt.

Ich rufe meine Freundin an. Sie versucht mit zu beruhigen und muss selber heulen. Aber langsam wird es besser. Gemeinsam heulen hilft, weil einem der andere viel mehr leid tut, als man sich selbst. Sie bietet mir an, wenn es so scheiße endet, nach Wien zu kommen. Das Ganze klingt vielleicht erst einmal pervers, aber dass irgendjemand über das „danach“ redet, hilft ungemein. Irgendwann nachts um zwei schlafe ich ein, keine Meditation, nichts hilft. Der Körper ist komplett auf Adrenalin aber dennoch erschöpft.

Positiv am 12.07.:

nichts

+ in der Parkklinik Weißensee

11.07.2018 – 25 Grad – Tag 2

Morgens um 7:00 Uhr fahre ich Steffen in die Klinik und bekomme prompt einen Parkplatz an der Tür, obwohl es hier nahezu unmöglich ist, einen Parkplatz zu bekommen.

Die Sonne scheint. Die Luft ist klar. Alles ist friedlich. Im lichtdurchfluteten Foyer des Krankenhauses läuft leise Musik. Diesen Fakt finde ich höchst bemerkenswert. Musik im Krankenhaus. Alles ist surreal.

Surreal

Da wir beide sehr musikaffin sind, prägt sich dieses Detail fest bei mir ein. Als wir auf den Fahrstuhl in Steffens Etage warten, läuft leise im Hintergrund:

Dieser Titel erinnert mich an meine Kindheit, an RIAS2 hören mit meinem Papa. An eine Zeit, wo es keine großen Sorgen gab, wo alles noch perfekt war, wo man keine großen Entscheidungen treffen musste und in welcheres für alles eine leichte Lösung gab.

Ich muss sofort weinen. Steffen legt seinen Arm um mich und drück mich fest an sich: „Alles wird gut, Schnubbi“. Eigentlich sollte ich ihn doch jetzt trösten, aber ich heule. Steffen hat riesige Angst und ich bin gerade keine Hilfe.

Das Zimmer

Wir gehen auf die ihm zugewiesene Station. Das Zimmer ist hell und freundlich. Es hat sogar Stoffgardinen. Es sieht hier fast aus wie im Hotel.

Auf dem Bett liegen Handtücher und eine kleine Tasche mit den nötigsten Hygieneartikeln und Kosmetika hübsch verpackt. Ok, ich gebe es zu, Steffen hat sich ein Zimmer mit Aufschlag geben lassen. Richtig so, er soll es gut haben.

Das Geld wird eh verschwinden, so wie es immer zwischen unseren Händen zerrinnt. Nur ist es jetzt total egal, ob es das Finanzamt, die IHK oder eine beschissene Krankheit frisst. Weg ist weg. Wir haben beide gerade einfach nur riesige Angst vor dem, was kommt.

in der Parkklinik Weißensee
Mein letztes Bild von Steffen vor der Operation

Steffen setzt sich instinktiv in die Ecke weit weg vom Bett. Er will sich nicht auf das Krankenbett setzen. Er will nicht dort in diesem Krankenzimmer sein.

Mein Hase sieht in dem Zimmer so verloren aus. Ich spüre seine Angst. Ich habe auch Angst. Es ist schier unerträglich.

Wir dehnen die Zeit und reden über alles Mögliche. Ich versuche hilflos irgendwelche Scherze zu machen. Aber irgendwann kommt die Schwester mit einer Beruhigungstablette und bittet Steffen, das Krankenhaushemd anzuziehen und sich ins Bett zu legen. Ich warte solange, bis er sich umgezogen und ins Bett gelegt hat, dann verabschiede ich mich.

Es ist immer wieder furchtbar, wie das angezogene Krankenhaushemd einen Menschen verändert. Einen Menschen, der mitten im Leben steht, optisch sofort zu einem Kranken macht. Wie der lebendige Mensch zu einem blassen Kranken wird, nur durch dieses einfache Hemd mit dem kleinen blauen Muster.

Uns zerreißt es förmlich. Wir küssen uns. Wir stoßen uns voneinander ab. Es muss sein. Ich muss ihn hier jetzt so zurück lassen.

Verlustangst

Warum mache ich so ein Theater? Der Grund ist dieser: leider ist es bei mir immer so gewesen, jemand Geliebtes kommt ins Krankenhaus und stirbt dann auch zeitnah.

Ich stolpere durch das Foyer aus dem Krankenhaus hinaus und versuche, meine Tränen zurück zu halten. Menschen kommen mir entgegen. Alles ist wie immer. Nichts ist wie immer. Als ich durch die Parkanlage stolpere, fallen mir drei große grüne Vögel auf. Grünspechte? Komisch. Egal.

Ich muss weiter arbeiten

Ich setzt mich ins Auto. Es ist aber noch viel zu früh. Ich weiß nicht wohin mit mir, aber heute muss ich das erste Mal die Blue Man Group allein bekochen und beliefern.

Also fahre ich irgendwie heulend zur Metro. Im Radio kommt Arcade Fire:

als ich auf dem Parkplatz vor der Metro einparke. Wir lieben beide Arcade Fire. Das ist unsere Band, verdammt.

Schon wieder muss ich heulen. So kann ich nicht da rein.

In der Metro

Irgendwie raffe ich mich aber dann doch nach ein paar Minuten auf und gehe in die Metro. Meine Fassade steht, alles geht soweit gut. Höflich nicke ich allen zu und grüße die Angestellten und vermeide irgendwelche Gespräche. Hauptsache ist jetzt, dass niemand nett zu mir ist, dann stehe ich das durch.

Hinten in den Regalen ist aber wieder unser Lieblingsverkäufer. Der, mit dem wir immer kurz quatschen. Er fragt mich, wo denn mein Mann heute ist. Fehler. Ganz großer Fehler. Die Tränen schießen mir in die Augen. Bestürzt kommt er auf mich zu und drückt mich. Ich erzähle ihm alles.

Am schlimmsten ist es, wenn es Dir scheiße geht, wenn du mühselig deine Fassade aufrecht erhältst, wenn dann genau in dem Moment jemand fragt, wie es Dir geht. Dann bricht die Fassade zusammen, in tausend kleine scharfe Glassplitter.

Er versucht mich zu beruhigen, seine Frau arbeitet in der Onkologie als Krankenschwester, das wird wieder. Steffen wird wieder. Wirklich! Die Technik ist soweit fortgeschritten, dass es passt. Ich beruhige mich etwas. Irgendwann gehe ich zur Kasse, bezahle und fahre wieder zurück in die Küche.

In der Küche

Es ist immer noch weit vor der Zeit, ich bin viel zu früh hier. In der Küche knallt mich die Panikwelle noch mal weg. Ich bin das erste Mal nach unserem gestrigen Streit wieder in der Küche.

Diesmal ganz allein.

Bei jedem Blick in die Küche, wenn ich auf die gereinigte Dunstabzugshaube schaue, die weggeräumten Dinge, alles was Steffen gestern noch angefasst hat, bei jedem Gerät, bei Steffens Arbeitsfläche, wo er sonst immer stand, reißt es mir die Füße weg. Steffen! Überall ist Steffen. Aber Steffen ist nicht hier. Es ist so leise hier. Ohne Steffen.

Wird Steffen irgendetwas hier je wieder anfassen? Und wird Steffen je wieder die Küche betreten? Wird er überhaupt die Operation überstehen? Ich habe so eine Angst, dass er während der OP stirbt. Ich breche heulend zusammen.

Irgendwann rappele ich mich wieder auf. Ich habe ja einen Auftrag zu erledigen. Also bereite ich komplett automatisch und ohne nachzudenken mediterranen Nudelsalat, Kartoffeltaschen und mediterranes Hühnchen zu und bin natürlich immer noch weit vor der Zeit fertig.

Also setze ich mich auf den Boden im Vorraum und benachrichtige all unsere Freunde über die gestrige Diagnose des Chefarztes.

All unsere Freunde sind furchtbar schockiert und sichern mir all ihre Hilfe zu.

Aber die Panik schiebt sich hoch, wie geht es weiter, wie bezahlen wir die Behandlungen? Wie kann ich allein all das Geld erwirtschaften, welches wir zu zweit benötigen? Ruhe ist ein Arsch.

Nachricht!

Gegen 14:00 Uhr bekomme ich dann endlich eine erste Nachricht von Steffen!

Steffen schickt mir ein Bild von sich, mit dicken Stöpseln in der Nase. Von sich direkt nach der Operation. Er lebt!

Ich quieke hysterisch auf. Wie schön. Es geht ihm gut. Es geht weiter! Steffen lebt!

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Also liefere ich schnell das Essen aus und fahre nach Hause, schnappe mir mein Rad und fahre wieder flink zurück nach Weißensee in die Klinik. Ich will Steffen sofort sehen!

Nasopharynxkarzinom

Steffen sieht gut aus, die Lymphe am Hals sind abgeschwollen, ein Löchlein wurde ins Trommelfell gemacht und die Nasenscheidewand begradigt. Steffen geht es relativ gut und er präsentiert mir sein wunderbares Nachthemd. Diese Bilder werde ich nicht auf dem Blog veröffentlichen!

Etwas später kommt die Fachärztin und erzählt uns, wie die Operation genau verlaufen ist und was gemacht wurde. Von dem Krebs, der nun ein Nasenrachenraumkrebs ist, oder auch Nasopharynxkarzinom, wurde ein Probe genommen. Er ist bösartig. Natürlich. Was sonst.

Das war jedoch zu erwarten und schockt jetzt nicht so sehr, da ich nach Erfahrungen mit Nasopharynxkarzinom gegoogelt habe, und so erfahren habe, dass diese besser zu heilen sind.

Wir gehen stark davon aus, dass Steffen eine ambulante Therapie bekommt, also immer zuhause ist, wo ich mich um ihn kümmern kann. Irgendwann fahre ich nach Hause, esse.

Zuhause muss ich erst einmal ein Bier auf den Schreck trinken:

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Als wir dann beide in separaten Betten liegen, schreiben  wir uns über Whatsapp hin und her.

Familie

Steffen teilt nun auch noch den ganzen Wahnsinn seiner Familie in der Familien-Whatsapp-Gruppe mit. Seine Neffen sind schockiert. Von seinem Bruder kommt lediglich „Steffen, verbreite hier nicht Angst und Schrecken, warte erst einmal die Ergebnisse ab“. Danach gibt es noch ein paar schöne Urlaubsfotos aus Italien.

Wir sind ob der mangelnden Empathie schockiert, vor Aufregung können wir beide nicht einschlafen. Wir wissen nicht, wie wir damit umgehen sollen. Mal wieder wissen wir es nicht.

Schon wieder dieser Bruder, wegen ihm zerfleischt sich Steffen schon seit der Hochzeit vor vier Jahren. Da es in mir rumort und Steffen einfach zu lieb ist, antworte ich irgendwann „Ernsthaft: liest Du eigentlich, was Du schreibst?“ Danach schlafen wir an separaten Orten aufgeregt irgendwann ein.

Positiv:

Steffen lebt!

10.07.2018 – 26 Grad – Tag 1

Wir hatten uns am Vortag heftig gestritten, daher hatten wir in unseren getrennten Wohnungen geschlafen. Steffens Kopfschmerzen der letzten Wochen sorgten dafür, dass er extrem reizbar war und unsere Nerven lagen daher seit Wochen blank. Die kleinste Diskussion artete so in schlimmsten Streits aus. Es war kaum noch zu ertragen.

Anamnese

Daher fahre ich an diesem Morgen separat mit dem Fahrrad in unsere Küche. Steffen war schon viel eher vor mir da und hat die Küche bereits beräumt, damit ich das nicht machen muss. Steffen hatte so ein schlechtes Gewissen wegen unserem Streit, da er leider nicht unschuldig daran war.

Als ich um die Hausecke zum Hintereingang unserer Küche komme, sitzt er bereits auf der Türschwelle und bindet sich die Schuhe zu und wartet auf mich, damit wir zusammen zum Krankenhaus gehen können. Er hat große Angst vor dem heutigen Termin um 07:30 Uhr und will die Zeit bis dahin herauszögern.

Da es mir ähnlich geht, komme ich auch ein paar Minuten zu spät in der Küche an und fauche ihn direkt an, warum er noch nicht im Krankenhaus ist. Ich habe ihm noch nicht wegen gestern vergeben. Ich schimpfe ihn an: „Man muss doch pünktlich bei sowas sein!“

Kleinlaut fährt er daraufhin mit meinem Fahrrad schnell zum Krankenhaus vor.  Ich halte weiter emotional Distanz. Der gestrige Streit sitzt noch tief. Die Nerven liegen schon seit Monaten blank.

Daher laufe ich ihm langsam und zögerlich zu Fuß zum Krankenhaus hinterher, kaufe unterwegs beim Bäcker noch etwas für uns zu essen ein, da ich ahne, dass das gleich stattfindende Anamnese-Gespräch sicher dauern wird. Mir ist mulmig. Auch ich zögere die Zeit hinaus.

Ich habe so eine Angst davor, was der Arzt wohl sagen wird. Die schlimmen Vorahnungen sind greifbar.

Etwas später komme ich im Krankenhaus an. Wir treffen uns in der Lobby und lassen uns den Raum nennen, wo Steffen hin muss, um sich anzumelden. Als wir im Wartezimmer für die Anamnese angelangen, raufen wir uns endlich halbwegs zusammen.

Die Angst verbindet uns.

Lymphknoten

Da wir beide fest der Meinung sind, oder auch beschlossen haben, der Meinung zu sein – da wir das Schlimmste einfach nicht glauben wollen – dass die Ursache der geschwollenen Lymphknoten nur eine verstopfte Nasennebenhöhle ist, wahrscheinlich nur eine Nasennebenhöhlenentzündung, wollen wir vor dem Anamnese-Gespräch für die Nasenscheidewand-Operation erstmal noch mit dem operierenden Arzt sprechen. Das kann man doch sicher auch einfacher beheben?

Vielleicht kann man ja die morgen stattfindende Operation absagen? Zu groß ist meine Angst, dass Steffen während der Operation stirbt. Und ich verstehe nicht, was die Nasenscheidewand-Operation mit den geschwollenen Lymphen zu tun hat.

Chefarzt

Steffen hatte bereits bei der Voruntersuchung einfach einmal keck „Chefarztbehandlung“ angekreuzt. Gönn Dir! Natürlich wird das nicht von unserer privaten Krankenversicherung gedeckt, aber das ist uns gerade total egal, da die Angst riesig ist.

Endlich kommt der angekreuzte Chefarzt und hat Zeit für uns. Wir gehen in einen separaten Raum und Steffen muss sich auf den Behandlungsstuhl setzen. Der Chefarzt schaut sich Steffen mit diversen Geräten von innen an. Ich sitze zusammengekauert gegenüber, der Dinge harrend, die jetzt kommen werden.

Und direkt zahlt sich das Kreuzchen bei „Chefarzt“ aus, da wir endlich Gewissheit bekommen werden. Der Chefarzt sagt:

Es ist höchstwahrscheinlich ein Lymphom.

Leise und drucksend fragen wir beide unisono: „Was ist das?“

LYMPHDRÜSENKREBS

Der drückt auf alles, alles ist verstopft.

Gefasst sitzen wir auf unseren beiden Stühlen. Steffen eingeklemmt in seinem Untersuchungsstuhl, ich auf dem kleinen Bürostuhl. Wir nicken höflich dem Chefarzt zu und versuchen gefasst zu wirken.

Innerlich frisst sich jedoch der unglaubliche Schock in unsere Herzen, krampft sich hinein und umschließt es fest. Unsere Eingeweide verkrampfen sich. Ein fester Stein formt sich in unseren Gedärmen.

Dennoch versuchen wir freundlich zu bleiben und die wichtigsten Fragen zu fragen:

Ist das schlimm?

Bekommen wir das weg?

Wie lange dauert die Behandlung?

Natürlich will sich der Arzt zu diesem Zeitpunkt nicht darauf einlassen, feste Angaben zu machen.

Auf alle Fälle muss seiner Meinung nach die Operation durchgeführt werden, damit man auch an den Knoten kommt, um eine Probe zu entnehmen und um so die Art des Krebses zu bestimmen um die weitere Behandlung planen zu können.

Steffen tritt nun die Stunden dauernde übliche Tippel-Tappel-Tour eines Anamnese-Gespräches an. Formulare hier, Röntgen da, Atemtests dort.

Pilates

Es ist mittlerweile 11:30 Uhr und ich muss los.

Da ich noch einen Termin bei unserer gemeinsamen Knochenärztin habe, fahre ich weg. Fahre zu ihr. Meine Pilates-Lehrerin und Frau Dr. öffnen die Tür. Als ich die beiden sehe, breche ich heulend zusammen.

Langsam piekst sich die Realität in mein Bewusstsein.

Beide trösten mich, Frau Dr. sichert uns maximale Unterstützung zu. Sie kann medizinisches Cannabis besorgen und betreut Schmerzpatienten. Obendrein beruhigt Sie mich, dass Lymphdrüsenkrebs mittlerweile sehr gut zu behandeln ist.

Krebs!

Abends sind wir beide endlich wieder zuhause. Wir sind komplett sprachlos. Um die Leere zu füllen, schauen wir Fernsehen. Ich stehe unter Schock und bin erstarrt, bin kalt wie Eis. Wie wenn mein Körper keine Nähe zu Steffen zulassen will, damit mein Herz nicht verletzt wird, jetzt wo so kurzfristig plötzlich alles so endlich ist.

Irgendwann später, als wir endlich gemeinsam im Bett liegen, bricht es jedoch heraus. Wir umarmen uns und weinen fürchterlich. Wir haben so eine Angst. Wir konstatieren, dass wir uns nicht verlieren wollen.  Dass wir uns schrecklich lieben. Dass wir das Ganze hier irgendwie durchstehen.

Schon wieder dieses tiefe existenzielle Angstgefühl auf einem völlig neuen Level.

Werden wir jemals einmal ohne Angst und Sorgen leben können?

Werden wir das gemeinsam überstehen?

Positiv:

wir haben uns

+

Über uns

Wir waren Steffen Glaeser und Dana Heidrich. In diesem Blog schreibe ich über uns und über mich.

Seit 10. April 2003 waren wir ein Paar. Wir waren Partner, beste Freunde, Arsch auf Eimer, wir waren wie Pech und Schwefel. Untrennbar. Manchmal unerträglich. Unser Humor war sehr speziell. In dieser verrückten Welt, wo scheinbar nichts zusammen passt, haben wir uns gefunden.

Wir, der Steffen und ich, habe ich stets gesagt. Alle haben sich kaputt gelacht. Das sagt man doch so nicht. Doch, ich sage das: wir, der Steffen und ich. Nichts konnte uns trennen.

2007 gründeten wir zuversichtlich unser Catering, welches nun im Jahre 2018 nach mehr als 10 harten entbehrungsreichen Jahren das erste Mal erfolgreich lief.

Mittendrin, im Jahr 2014 haben wir am 8. November geheiratet.

Und dann kam es plötzlich zu:

Steffens Krebserkrankung

Im Sommer 2018 wurde bei Steffen Krebs diagnostiziert. Ein Nasopharynxkarzinom, welches schnell gestreut und Metastasen gebildet hatte. Die ganze Geschichte findet Ihr, wenn Ihr auf hier klickt.

Im Dezember 2018 scheint der Krebs besiegt, laut PET-Scan gibt es keine aktiven Krebszellen mehr.

Steffens Tod

Im Februar 2019 stirbt Steffen jedoch ganz plötzlich und überraschend an Metastasen in der Leber.

Ich stehe vor den Trümmern von allem, was mir je etwas bedeutet hat. 

Danas Neustart

Jetzt bin ich nur noch Dana und versuche, Steffens Tod irgendwie zu verarbeiten. Vielleicht kann ich auch so jemandem helfen, Gedankenansätze zu finden, den Schmerz zu lindern, den Tod und das Leben zu umarmen.

Beides gehört dazu. Leben und Tod. Anfang und Ende und Anfang.

Begleitet mich bei meinem Neustart.