14.07.2018 – 28 Grad – Tag 4

Ganz früh am Morgen springe ich aus dem Bett, die Luft ist wunderbar klar. Ich reiße das Schlafzimmerfenster auf und atme tief die klare Luft ein. Ein Gedanke pickert in meinen Kopf. Gibt es eigentlich eine Krebsdiät?

Aber zu allererst koche ich noch schnell eine indische Linsensuppe, damit Steffen gleich was zu Essen hat, wenn er wieder nach Hause kommt. Ich beziehe das Bett frisch, da es nach meinem Angstschweiß riecht. Dann fahre ich in die Metro einkaufen, auch gleich alles schön für unser gemeinsames Wochenende und für die Blue Man Group.

Ernährung bei Krebs

Ich habe begonnen, mich mit der Ernährung bei Krebs zu beschäftigen. Bis jetzt bin ich erst einmal soweit, dass man bei einer Krebsdiät Zucker komplett ausschließt, Eiweiß über Nüsse generiert und viel Obst und Gemüse isst.

Ich kaufe daher für Steffens Krebsdiät:

  • Nüsse
  • Chia
  • Leinsamen
  • Gemüse (Spinat und Rucola)
  • Obst (Heidelbeeren, Äpfel, Bananen)
  • Marmorkuchen – der Lieblingskuchen von Steffen – Marmorkuchen ist natürlich nicht gut bei Krebs, nur gut für die Psyche.

Dann fahre ich alles in unsere Cateringküche und hole Steffen Punkt 10:00 Uhr in der Klinik ab. In dem Moment, in dem ich einen Parkplatz suche, sehe ich ihn, wie er mir gerade in der Einfahrt der Klinik entgegen gelaufen kommt. Was für ein Timing. Die Sonne scheint. Die Luft ist klar. Wir sind so glücklich und erlöst. Er ist wieder da!!! Er hat das Krankenhaus überlebt.

Ich fahre ihn nach Hause in meinen Prinzessinnenturm. Da ich in in einem Hochhaus in der Mitte von Berlin im 11. Stock wohne, fühlt man sich hier immer wie in einem Turm und von der realen Welt ausgeschlossen. Das ist sehr oft sehr erholsam. Und notwendig.

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Steffen lasse ich gerne zuhause. Er soll sich erst einmal vom Krankenhaus erholen und ankommen. Obwohl ich etwas traurig bin, dass er nicht mit in die Küche kommt. Das ist noch sehr ungewohnt, dass ich nun alles alleine mache.

Ich fahre schnell zurück in die Cateringküche und bereite flott das Essen für die blauen Männer zu. Und viel zu früh liefere ich aus. Aber ich will nach Hause. Das Team von der Blue Man Group weiß aber Bescheid, denn es ist seit der ersten Minute voll involviert und so lieb und herzlich, dass dies kein Problem für sie ist.

Endlich zuhause angekommen, lasse ich mich endlich komplett wieder von unserer kleinen spießigen Normalität aufnehmen. Wir essen gemeinsam abendbrot, netflixen und Dana bekommt ein Bierchen. Dann noch unsere geliebten Musikvideos gucken, glücklicherweise habe ich britisches MTV, wo den ganzen Tag Musikvideos laufen und dabei quatschen wir über alles was so bisher geschehen ist.

So simpel, so gut. Später dann im Bett liegen, Wolken und Saatkrähen gucken.

Positiv:

Steffen ist zuhause!!!!

13.07.2018 – 28 Grad – Tag 3

Viel zu zeitig, um 6:00 Uhr bin ich schon wieder von alleine wach. Das Adrenalin peitscht mich  aus dem Bett. Ich vermisse Steffen so sehr. Heute ist Freitag der 13., hat das eine Bedeutung? Vor drei Tagen begann der ganze Wahnsinn erst

Da wir getrennte Wohnungen haben – zusammenziehen in eine größere Wohnung ist in der aktuellen Berliner Mietsituation einfach keine Option, schon gar nicht, wenn man selbstständig ist – bin ich es eigentlich gewohnt, ohne Steffen zu sein. Aber diese Sache hier hat eine ganz andere Dimension.

Was hilft jetzt? Irgendwie weitermachen.

Buchhaltung

Ich muss die Buchhaltung des letzten Monats machen. Bei jeder Rechnung die ich in die Hand nehme, rekapituliere ich den jeweiligen Tag vor einem Monat, in meiner Erinnerung fliege ich dort hin, wo alles noch so normal und der Krebs unvorstellbar war.

Ich würde so gerne zurücktauschen. Zu der Zeit. Damals.

Obwohl man nicht zufrieden war, weil man komplett überarbeitet und am gesundheitlichen Limit war, war dennoch alles besser, als das hier jetzt. Denn Steffen war gesund und hatte keinen Krebs.

Ich heule Rotz und Wasser. Mittendrin ruft mich Steffens Mama an. Kein guter Zeitpunkt. Ich sage Ihr, dass ich keinen Lebenssinn mehr habe, wenn Steffen nicht mehr sein sollte. Bis dahin halte ich aber alles aus. Bestürzt beenden wir irgendwann das Gespräch. Die gemeinsame Zukunft mit Steffen sieht so schwarz und hoffnungslos aus.

Ich räume den Kühlschrank aus, werfe Steffens ersten selbstgebackenen Marmorkuchen weg. Wird er jemals wieder einen Kuchen backen? Heulen again.

Steffens Marmorkuchen

Freitag der 13.

Mittags meldet sich ein guter Freund. Er will ins Krankenhaus um Steffen zu besuchen. Ich schlage ihm vor, gemeinsam zu fahren und hole ihn zuhause ab.

Er versucht mich aufzubauen, sein Mann hatte über Jahre alle möglichen Sorten Krebs, aber er lebt immer noch und ist endlich gesund. Er sagt, heute ist Freitag der 13., also wird heute alles gut.

Freundschaften

Als wir gemeinsam Steffens Zimmer betreten, fängt Steffen sofort an zu weinen, als er uns beide sieht. Er wollte eigentlich nicht, dass seine Freunde seine Krankheit mitbekommen, aber genau dafür sind doch Freunde da!

Steffen hatte heute auch schon einen Termin mit der Klinikpsychologin. Aber nach dem Gespräch mit Steffen war die Arme psychisch noch fertiger als Steffen und hat das Zimmer heulend verlassen. Super.

Dann kommt auch wieder die Ärztin und sagt uns, dass Steffen am Folgetag nach Hause kann. Unser Freund E. schaut uns an und sagt: „siehste, heute ist Freitag der 13., das bringt Glück!“

Borreliose

Weiter informiert uns die Ärztin, dass beim großen Blutbild eine alte – ja fast 20 Jahre alte – Borreliose festgestellt wurde. Frei nach dem damaligen Zeitgeist, hatten wir diese Viren schon 2008 mit Hilfe einer Heilpraktikerin mit Globuli ausleiten lassen. Haben wir gedacht. Überraschenderweise war aber die Borreliose immer noch da. Natürlich.

Die Heilpraktikerin sagte uns vor der Behandlung, nur das Ausleiten hilft wirklich, da sich die Borrelien vor dem Antibiotikum verstecken. Wir hatten uns darauf verlassen, Steffen hat einen Monat lang Pusteln am ganzen Oberkörper gehabt, die unmenschlich gejuckt haben und dann sollte es gut sein. Soso. Alles Quatsch. Schimpft uns blauäugig.

Merke: wenn es wirklich übel ist, Schulmedizin. Wenn die nicht mehr hilft oder es ist nicht wirklich schlimm, Heilpraktiker.

Umgehend bekommt Steffen am Freitag den 13. seinen Antibiotika-Tropf. Morgen früh noch einen und danach startet die 14tägige Antibiotika-Kur – bis zum Onkologentermin in 2 Wochen.

Das ist alles so verrückt, denn Borreliose ist auch eine Ursache für Lymphknotenschwellungen bzw. Lymphdrüsenkrebs.

Ständige Entzündungen verursachen Krebs im Körper!

Nun herrscht bei uns dreien große Freude, da nun endlich Licht ins Dunkel kommt. Wir verabschieden uns vom tapferen Steffen und fahren nach Hause. Was für ein Freitag der 13.!

Abends schickt mir Steffen noch ein Bild von seinem leckeren Abendbrot.

Abendessen in der Parkklinik
Steffens Abendbrot in der Parkklinik

Schöneberg

E. bietet mir auf dem Heimweg an, heute Abend mit Freunden ein Bierchen zu trinken, er sagt, das tue gut in so einer Situation. Also fahre ich nach Hause, schnappe mir mein Rad und fahre zurück nach Schöneberg. Dort treffe ich auf all unsere anderen Freunde und alle geben mir Kraft und bieten Unterstützung an.

Ich glaube, in unserer jetzigen Gesellschaftsform sind gute Freunde vor Ort ein mehr als adäquater Familienersatz. Apropos, nachdem Steffens Bruder von seiner Mama darauf hingewiesen wurde, sich vielleicht doch mal bei seinem Bruder zu melden, hat er dann auch gleich angerufen und sich erkundigt, wie es um Steffen steht.

Familie vs. Freunde 1:1

Positiv:

Freunde
Steffen kommt morgen nach Hause
Borreliose wurde entdeckt

12.07.2018 – 20 Grad – Tag 3

Am Vormittag des 12.07. versuche ich nun endlich nach den gelähmten letzten Tagen und der furchtbaren Diagnose unser Selbstständigendasein zu sortieren, welches so nicht mehr für uns weitergehen wird.

Die letzten drei Tage fühlen sich an, als wäre ein Komet neben uns eingeschlagen und alles um uns herum ist zerstört worden. Ich kann nur ganz langsam anfangen, die Trümmer zu sortieren.

Unser kleines gemeinsames Catering, unser Baby, welches nach 10 Jahren täglichen Kampfes endlich läuft, muss ich vielleicht einstampfen. Ich heule Rotz und Wasser.

Aber erst einmal haben wir noch mehreren Hochzeitscaterings zugesagt, welche natürlich trotzdem ausgeführt werden müssen. Ohne Steffen. Da sind die zukünftigen bestätigten Angebote, die geliefert werden müssen, ohne Steffen.

Bisher war unsere Arbeitsteilung: ich koche und plane und organisiere, Steffen hilft in der Küche, macht die Logistik und liefert aus, da das körperlich anstrengender ist und ich das nicht gerne mache. Nun muss ich das wohl alles ganz alleine machen und mich meinem Auslieferdämon stellen. Ich muss hier eine Struktur finden und wie ich es alleine mit minimaler Hilfe schaffe.

Ich schreibe unserem Personalvermittler und dem Steuerberater. Quartalsausgaben von über 6000 EUR warten auf uns, das kann mir gerade das Genick brechen.

Irgendwann an diesem 12.07. fahre ich gegen 10:00 Uhr in die Metro und kaufe alles für die BlueManGroup ein und bereite es zu. Ratatouille, spanische Hackbällchen in Tomatensoße und Kurkumareis. Ich liefere aus und fahre dann direkt in die Klinik, da es regnet. Das erste Mal seit Wochen.

Erdbeerkuchen
Steffens Kuchen im Krankenhaus

Steffen geht es gut. Er hatte seinen Lieblingskuchen zum Kaffee (ja, es ist kein normaler Krankenhausaufenthalt!) – Rhabarberkuchen mit Erdbeeren!

Wir reden über dies und dass, alles ist entspannt, dann kommt die Ärztin.

Sie sagt uns, dass heute am 12.07. die einmal wöchentlich am Donnerstag stattfindende Krebskonferenz, in welcher sich alle führenden Krebsspezialisten der Stadt Berlin aus der Charité, dem Vivantes Klinikum und ähnliche Koryphäen treffen und beraten, um die Behandlungen der jeweiligen aktuellen Fälle zu optimieren, getagt hat. Steffens Akte war ganz oben, aufgrund der Brisanz des offensichtlich schnell wachsenden bösartigen Karzinoms. Es wurde nun beschlossen, dass Steffen stationär eine Chemo mit Bestrahlung bekommt.

In zwei Wochen haben wir einen Termin mit dem Chefonkologen des Virchowklinikums, vorher muss Steffen aber noch ins Vivantes Klinikum zum Pneumologen, da auf einem Lymph auf der Lunge ein Schatten ist. Der Termin ist nächste Woche. Und obendrein muss Steffen noch diese Nacht im Krankenhaus bleiben, um zu schauen, wie seine Nase heilt.

Ok, das muss ich erst einmal alles sacken lassen.

Das Gefühl hat was von Gewissheit und Fügsamkeit. Sich dem Schicksal fügen. Wenn man sich nie mit der Thematik beschäftigt hat, suggeriert das mächtige Wort „Krebs“ unausweichlich immer „Tod“.

Die letzten Tage erhielten wir bei jedem Termin mit einem Arzt von zwei Möglichkeiten einer Antwort garantiert immer die Scheißeoption der möglichen Antworten. Die heutige Scheißeoption war „5 Wochen stationäre Chemotherapie“ – bisher hieß es ja, „ambulante Chemotherapie“, also schön zuhause sein, feines Essen bekommen und ab und zu Steffen zur Chemo fahren.

Die neue Option bedeutet jedoch nun für mich:
+ offensichtlich ganz übler Krebs
+ keine Ruhe zuhause für Steffen
+ kein ordentliches Essen für Steffen
+ Risiko, sich mit Krankenhauskeimen anzustecken

Jetzt gibt es nichts mehr groß zu sagen, wir haben beide einen Kloß im Hals. Ich fahre nach Hause, bestelle mir noch fix eine Pizza zum mitnehmen und fahre heulend durch die Stadt, was nicht auffällt, da es regnet. Dazu noch ein Bier, die Pizza zwinge ich mir rein, ich habe in den zwei Tagen schon 2 Kilo verloren, dort, wo sich sonst nie eine Nadel bewegt.

Später an diesem 12.07. bekomme ich eine Panikattacke. Diese Art Panik war mir neu, da war viel Scheiße bisher in meinem Leben, existentielle Scheiße dank Finanzamt, Bandscheibenscheiße, und als Krönung der Hirnschlag bei meiner Mutter, als ich erst 21 Jahre alt war, aber dieses Gefühl ist neu. Existenziell.

Ein guter Freund starb nach der überstandenen Chemo und als er gerade den Blutkrebs besiegt hatte an dem Epstein-Barr-Virus, der halt in jeder Luft rumschwirrt. Ich hyperventiliere. Stelle mir vor, Steffen stirbt. Wie soll ich ohne ihn weiterleben? Kotze fast die Pizza aus, Heule wie verrückt.

Ich rufe meine Freundin an. Sie versucht mit zu beruhigen und muss selber heulen. Aber langsam wird es besser. Gemeinsam heulen hilft, weil einem der andere viel mehr leid tut, als man sich selbst. Sie bietet mir an, wenn es so scheiße endet, nach Wien zu kommen. Das Ganze klingt vielleicht erst einmal pervers, aber dass irgendjemand über das „danach“ redet, hilft ungemein. Irgendwann nachts um zwei schlafe ich ein, keine Meditation, nichts hilft. Der Körper ist komplett auf Adrenalin aber dennoch erschöpft.

Positiv am 12.07.:

nichts

+ in der Parkklinik Weißensee

11.07.2018 – 25 Grad – Tag 2

Morgens um 7:00 Uhr fahre ich Steffen in die Klinik und bekomme prompt einen Parkplatz an der Tür, obwohl es hier nahezu unmöglich ist, einen Parkplatz zu bekommen.

Die Sonne scheint. Die Luft ist klar. Alles ist friedlich. Im lichtdurchfluteten Foyer des Krankenhauses läuft leise Musik. Diesen Fakt finde ich höchst bemerkenswert. Musik im Krankenhaus. Alles ist surreal.

Surreal

Da wir beide sehr musikaffin sind, prägt sich dieses Detail fest bei mir ein. Als wir auf den Fahrstuhl in Steffens Etage warten, läuft leise im Hintergrund:

Dieser Titel erinnert mich an meine Kindheit, an RIAS2 hören mit meinem Papa. An eine Zeit, wo es keine großen Sorgen gab, wo alles noch perfekt war, wo man keine großen Entscheidungen treffen musste und in welcheres für alles eine leichte Lösung gab.

Ich muss sofort weinen. Steffen legt seinen Arm um mich und drück mich fest an sich: „Alles wird gut, Schnubbi“. Eigentlich sollte ich ihn doch jetzt trösten, aber ich heule. Steffen hat riesige Angst und ich bin gerade keine Hilfe.

Das Zimmer

Wir gehen auf die ihm zugewiesene Station. Das Zimmer ist hell und freundlich. Es hat sogar Stoffgardinen. Es sieht hier fast aus wie im Hotel.

Auf dem Bett liegen Handtücher und eine kleine Tasche mit den nötigsten Hygieneartikeln und Kosmetika hübsch verpackt. Ok, ich gebe es zu, Steffen hat sich ein Zimmer mit Aufschlag geben lassen. Richtig so, er soll es gut haben.

Das Geld wird eh verschwinden, so wie es immer zwischen unseren Händen zerrinnt. Nur ist es jetzt total egal, ob es das Finanzamt, die IHK oder eine beschissene Krankheit frisst. Weg ist weg. Wir haben beide gerade einfach nur riesige Angst vor dem, was kommt.

in der Parkklinik Weißensee
Mein letztes Bild von Steffen vor der Operation

Steffen setzt sich instinktiv in die Ecke weit weg vom Bett. Er will sich nicht auf das Krankenbett setzen. Er will nicht dort in diesem Krankenzimmer sein.

Mein Hase sieht in dem Zimmer so verloren aus. Ich spüre seine Angst. Ich habe auch Angst. Es ist schier unerträglich.

Wir dehnen die Zeit und reden über alles Mögliche. Ich versuche hilflos irgendwelche Scherze zu machen. Aber irgendwann kommt die Schwester mit einer Beruhigungstablette und bittet Steffen, das Krankenhaushemd anzuziehen und sich ins Bett zu legen. Ich warte solange, bis er sich umgezogen und ins Bett gelegt hat, dann verabschiede ich mich.

Es ist immer wieder furchtbar, wie das angezogene Krankenhaushemd einen Menschen verändert. Einen Menschen, der mitten im Leben steht, optisch sofort zu einem Kranken macht. Wie der lebendige Mensch zu einem blassen Kranken wird, nur durch dieses einfache Hemd mit dem kleinen blauen Muster.

Uns zerreißt es förmlich. Wir küssen uns. Wir stoßen uns voneinander ab. Es muss sein. Ich muss ihn hier jetzt so zurück lassen.

Verlustangst

Warum mache ich so ein Theater? Der Grund ist dieser: leider ist es bei mir immer so gewesen, jemand Geliebtes kommt ins Krankenhaus und stirbt dann auch zeitnah.

Ich stolpere durch das Foyer aus dem Krankenhaus hinaus und versuche, meine Tränen zurück zu halten. Menschen kommen mir entgegen. Alles ist wie immer. Nichts ist wie immer. Als ich durch die Parkanlage stolpere, fallen mir drei große grüne Vögel auf. Grünspechte? Komisch. Egal.

Ich muss weiter arbeiten

Ich setzt mich ins Auto. Es ist aber noch viel zu früh. Ich weiß nicht wohin mit mir, aber heute muss ich das erste Mal die Blue Man Group allein bekochen und beliefern.

Also fahre ich irgendwie heulend zur Metro. Im Radio kommt Arcade Fire:

als ich auf dem Parkplatz vor der Metro einparke. Wir lieben beide Arcade Fire. Das ist unsere Band, verdammt.

Schon wieder muss ich heulen. So kann ich nicht da rein.

In der Metro

Irgendwie raffe ich mich aber dann doch nach ein paar Minuten auf und gehe in die Metro. Meine Fassade steht, alles geht soweit gut. Höflich nicke ich allen zu und grüße die Angestellten und vermeide irgendwelche Gespräche. Hauptsache ist jetzt, dass niemand nett zu mir ist, dann stehe ich das durch.

Hinten in den Regalen ist aber wieder unser Lieblingsverkäufer. Der, mit dem wir immer kurz quatschen. Er fragt mich, wo denn mein Mann heute ist. Fehler. Ganz großer Fehler. Die Tränen schießen mir in die Augen. Bestürzt kommt er auf mich zu und drückt mich. Ich erzähle ihm alles.

Am schlimmsten ist es, wenn es Dir scheiße geht, wenn du mühselig deine Fassade aufrecht erhältst, wenn dann genau in dem Moment jemand fragt, wie es Dir geht. Dann bricht die Fassade zusammen, in tausend kleine scharfe Glassplitter.

Er versucht mich zu beruhigen, seine Frau arbeitet in der Onkologie als Krankenschwester, das wird wieder. Steffen wird wieder. Wirklich! Die Technik ist soweit fortgeschritten, dass es passt. Ich beruhige mich etwas. Irgendwann gehe ich zur Kasse, bezahle und fahre wieder zurück in die Küche.

In der Küche

Es ist immer noch weit vor der Zeit, ich bin viel zu früh hier. In der Küche knallt mich die Panikwelle noch mal weg. Ich bin das erste Mal nach unserem gestrigen Streit wieder in der Küche.

Diesmal ganz allein.

Bei jedem Blick in die Küche, wenn ich auf die gereinigte Dunstabzugshaube schaue, die weggeräumten Dinge, alles was Steffen gestern noch angefasst hat, bei jedem Gerät, bei Steffens Arbeitsfläche, wo er sonst immer stand, reißt es mir die Füße weg. Steffen! Überall ist Steffen. Aber Steffen ist nicht hier. Es ist so leise hier. Ohne Steffen.

Wird Steffen irgendetwas hier je wieder anfassen? Und wird Steffen je wieder die Küche betreten? Wird er überhaupt die Operation überstehen? Ich habe so eine Angst, dass er während der OP stirbt. Ich breche heulend zusammen.

Irgendwann rappele ich mich wieder auf. Ich habe ja einen Auftrag zu erledigen. Also bereite ich komplett automatisch und ohne nachzudenken mediterranen Nudelsalat, Kartoffeltaschen und mediterranes Hühnchen zu und bin natürlich immer noch weit vor der Zeit fertig.

Also setze ich mich auf den Boden im Vorraum und benachrichtige all unsere Freunde über die gestrige Diagnose des Chefarztes.

All unsere Freunde sind furchtbar schockiert und sichern mir all ihre Hilfe zu.

Aber die Panik schiebt sich hoch, wie geht es weiter, wie bezahlen wir die Behandlungen? Wie kann ich allein all das Geld erwirtschaften, welches wir zu zweit benötigen? Ruhe ist ein Arsch.

Nachricht!

Gegen 14:00 Uhr bekomme ich dann endlich eine erste Nachricht von Steffen!

Steffen schickt mir ein Bild von sich, mit dicken Stöpseln in der Nase. Von sich direkt nach der Operation. Er lebt!

Ich quieke hysterisch auf. Wie schön. Es geht ihm gut. Es geht weiter! Steffen lebt!

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Also liefere ich schnell das Essen aus und fahre nach Hause, schnappe mir mein Rad und fahre wieder flink zurück nach Weißensee in die Klinik. Ich will Steffen sofort sehen!

Nasopharynxkarzinom

Steffen sieht gut aus, die Lymphe am Hals sind abgeschwollen, ein Löchlein wurde ins Trommelfell gemacht und die Nasenscheidewand begradigt. Steffen geht es relativ gut und er präsentiert mir sein wunderbares Nachthemd. Diese Bilder werde ich nicht auf dem Blog veröffentlichen!

Etwas später kommt die Fachärztin und erzählt uns, wie die Operation genau verlaufen ist und was gemacht wurde. Von dem Krebs, der nun ein Nasenrachenraumkrebs ist, oder auch Nasopharynxkarzinom, wurde ein Probe genommen. Er ist bösartig. Natürlich. Was sonst.

Das war jedoch zu erwarten und schockt jetzt nicht so sehr, da ich nach Erfahrungen mit Nasopharynxkarzinom gegoogelt habe, und so erfahren habe, dass diese besser zu heilen sind.

Wir gehen stark davon aus, dass Steffen eine ambulante Therapie bekommt, also immer zuhause ist, wo ich mich um ihn kümmern kann. Irgendwann fahre ich nach Hause, esse.

Zuhause muss ich erst einmal ein Bier auf den Schreck trinken:

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Als wir dann beide in separaten Betten liegen, schreiben  wir uns über Whatsapp hin und her.

Familie

Steffen teilt nun auch noch den ganzen Wahnsinn seiner Familie in der Familien-Whatsapp-Gruppe mit. Seine Neffen sind schockiert. Von seinem Bruder kommt lediglich „Steffen, verbreite hier nicht Angst und Schrecken, warte erst einmal die Ergebnisse ab“. Danach gibt es noch ein paar schöne Urlaubsfotos aus Italien.

Wir sind ob der mangelnden Empathie schockiert, vor Aufregung können wir beide nicht einschlafen. Wir wissen nicht, wie wir damit umgehen sollen. Mal wieder wissen wir es nicht.

Schon wieder dieser Bruder, wegen ihm zerfleischt sich Steffen schon seit der Hochzeit vor vier Jahren. Da es in mir rumort und Steffen einfach zu lieb ist, antworte ich irgendwann „Ernsthaft: liest Du eigentlich, was Du schreibst?“ Danach schlafen wir an separaten Orten aufgeregt irgendwann ein.

Positiv:

Steffen lebt!

10.07.2018 – 26 Grad – Tag 1

Wir hatten uns am Vortag heftig gestritten, daher hatten wir in unseren getrennten Wohnungen geschlafen. Steffens Kopfschmerzen der letzten Wochen sorgten dafür, dass er extrem reizbar war und unsere Nerven lagen daher seit Wochen blank. Die kleinste Diskussion artete so in schlimmsten Streits aus. Es war kaum noch zu ertragen.

Anamnese

Daher fahre ich an diesem Morgen separat mit dem Fahrrad in unsere Küche. Steffen war schon viel eher vor mir da und hat die Küche bereits beräumt, damit ich das nicht machen muss. Steffen hatte so ein schlechtes Gewissen wegen unserem Streit, da er leider nicht unschuldig daran war.

Als ich um die Hausecke zum Hintereingang unserer Küche komme, sitzt er bereits auf der Türschwelle und bindet sich die Schuhe zu und wartet auf mich, damit wir zusammen zum Krankenhaus gehen können. Er hat große Angst vor dem heutigen Termin um 07:30 Uhr und will die Zeit bis dahin herauszögern.

Da es mir ähnlich geht, komme ich auch ein paar Minuten zu spät in der Küche an und fauche ihn direkt an, warum er noch nicht im Krankenhaus ist. Ich habe ihm noch nicht wegen gestern vergeben. Ich schimpfe ihn an: „Man muss doch pünktlich bei sowas sein!“

Kleinlaut fährt er daraufhin mit meinem Fahrrad schnell zum Krankenhaus vor.  Ich halte weiter emotional Distanz. Der gestrige Streit sitzt noch tief. Die Nerven liegen schon seit Monaten blank.

Daher laufe ich ihm langsam und zögerlich zu Fuß zum Krankenhaus hinterher, kaufe unterwegs beim Bäcker noch etwas für uns zu essen ein, da ich ahne, dass das gleich stattfindende Anamnese-Gespräch sicher dauern wird. Mir ist mulmig. Auch ich zögere die Zeit hinaus.

Ich habe so eine Angst davor, was der Arzt wohl sagen wird. Die schlimmen Vorahnungen sind greifbar.

Etwas später komme ich im Krankenhaus an. Wir treffen uns in der Lobby und lassen uns den Raum nennen, wo Steffen hin muss, um sich anzumelden. Als wir im Wartezimmer für die Anamnese angelangen, raufen wir uns endlich halbwegs zusammen.

Die Angst verbindet uns.

Lymphknoten

Da wir beide fest der Meinung sind, oder auch beschlossen haben, der Meinung zu sein – da wir das Schlimmste einfach nicht glauben wollen – dass die Ursache der geschwollenen Lymphknoten nur eine verstopfte Nasennebenhöhle ist, wahrscheinlich nur eine Nasennebenhöhlenentzündung, wollen wir vor dem Anamnese-Gespräch für die Nasenscheidewand-Operation erstmal noch mit dem operierenden Arzt sprechen. Das kann man doch sicher auch einfacher beheben?

Vielleicht kann man ja die morgen stattfindende Operation absagen? Zu groß ist meine Angst, dass Steffen während der Operation stirbt. Und ich verstehe nicht, was die Nasenscheidewand-Operation mit den geschwollenen Lymphen zu tun hat.

Chefarzt

Steffen hatte bereits bei der Voruntersuchung einfach einmal keck „Chefarztbehandlung“ angekreuzt. Gönn Dir! Natürlich wird das nicht von unserer privaten Krankenversicherung gedeckt, aber das ist uns gerade total egal, da die Angst riesig ist.

Endlich kommt der angekreuzte Chefarzt und hat Zeit für uns. Wir gehen in einen separaten Raum und Steffen muss sich auf den Behandlungsstuhl setzen. Der Chefarzt schaut sich Steffen mit diversen Geräten von innen an. Ich sitze zusammengekauert gegenüber, der Dinge harrend, die jetzt kommen werden.

Und direkt zahlt sich das Kreuzchen bei „Chefarzt“ aus, da wir endlich Gewissheit bekommen werden. Der Chefarzt sagt:

Es ist höchstwahrscheinlich ein Lymphom.

Leise und drucksend fragen wir beide unisono: „Was ist das?“

LYMPHDRÜSENKREBS

Der drückt auf alles, alles ist verstopft.

Gefasst sitzen wir auf unseren beiden Stühlen. Steffen eingeklemmt in seinem Untersuchungsstuhl, ich auf dem kleinen Bürostuhl. Wir nicken höflich dem Chefarzt zu und versuchen gefasst zu wirken.

Innerlich frisst sich jedoch der unglaubliche Schock in unsere Herzen, krampft sich hinein und umschließt es fest. Unsere Eingeweide verkrampfen sich. Ein fester Stein formt sich in unseren Gedärmen.

Dennoch versuchen wir freundlich zu bleiben und die wichtigsten Fragen zu fragen:

Ist das schlimm?

Bekommen wir das weg?

Wie lange dauert die Behandlung?

Natürlich will sich der Arzt zu diesem Zeitpunkt nicht darauf einlassen, feste Angaben zu machen.

Auf alle Fälle muss seiner Meinung nach die Operation durchgeführt werden, damit man auch an den Knoten kommt, um eine Probe zu entnehmen und um so die Art des Krebses zu bestimmen um die weitere Behandlung planen zu können.

Steffen tritt nun die Stunden dauernde übliche Tippel-Tappel-Tour eines Anamnese-Gespräches an. Formulare hier, Röntgen da, Atemtests dort.

Pilates

Es ist mittlerweile 11:30 Uhr und ich muss los.

Da ich noch einen Termin bei unserer gemeinsamen Knochenärztin habe, fahre ich weg. Fahre zu ihr. Meine Pilates-Lehrerin und Frau Dr. öffnen die Tür. Als ich die beiden sehe, breche ich heulend zusammen.

Langsam piekst sich die Realität in mein Bewusstsein.

Beide trösten mich, Frau Dr. sichert uns maximale Unterstützung zu. Sie kann medizinisches Cannabis besorgen und betreut Schmerzpatienten. Obendrein beruhigt Sie mich, dass Lymphdrüsenkrebs mittlerweile sehr gut zu behandeln ist.

Krebs!

Abends sind wir beide endlich wieder zuhause. Wir sind komplett sprachlos. Um die Leere zu füllen, schauen wir Fernsehen. Ich stehe unter Schock und bin erstarrt, bin kalt wie Eis. Wie wenn mein Körper keine Nähe zu Steffen zulassen will, damit mein Herz nicht verletzt wird, jetzt wo so kurzfristig plötzlich alles so endlich ist.

Irgendwann später, als wir endlich gemeinsam im Bett liegen, bricht es jedoch heraus. Wir umarmen uns und weinen fürchterlich. Wir haben so eine Angst. Wir konstatieren, dass wir uns nicht verlieren wollen.  Dass wir uns schrecklich lieben. Dass wir das Ganze hier irgendwie durchstehen.

Schon wieder dieses tiefe existenzielle Angstgefühl auf einem völlig neuen Level.

Werden wir jemals einmal ohne Angst und Sorgen leben können?

Werden wir das gemeinsam überstehen?

Positiv:

wir haben uns

+

Über uns

Wir waren Steffen Glaeser und Dana Heidrich. In diesem Blog schreibe ich über uns und über mich.

Seit 10. April 2003 waren wir ein Paar. Wir waren Partner, beste Freunde, Arsch auf Eimer, wir waren wie Pech und Schwefel. Untrennbar. Manchmal unerträglich. Unser Humor war sehr speziell. In dieser verrückten Welt, wo scheinbar nichts zusammen passt, haben wir uns gefunden.

Wir, der Steffen und ich, habe ich stets gesagt. Alle haben sich kaputt gelacht. Das sagt man doch so nicht. Doch, ich sage das: wir, der Steffen und ich. Nichts konnte uns trennen.

2007 gründeten wir zuversichtlich unser Catering, welches nun im Jahre 2018 nach mehr als 10 harten entbehrungsreichen Jahren das erste Mal erfolgreich lief.

Mittendrin, im Jahr 2014 haben wir am 8. November geheiratet.

Und dann kam es plötzlich zu:

Steffens Krebserkrankung

Im Sommer 2018 wurde bei Steffen Krebs diagnostiziert. Ein Nasopharynxkarzinom, welches schnell gestreut und Metastasen gebildet hatte. Die ganze Geschichte findet Ihr, wenn Ihr auf hier klickt.

Im Dezember 2018 scheint der Krebs besiegt, laut PET-Scan gibt es keine aktiven Krebszellen mehr.

Steffens Tod

Im Februar 2019 stirbt Steffen jedoch ganz plötzlich und überraschend an Metastasen in der Leber.

Ich stehe vor den Trümmern von allem, was mir je etwas bedeutet hat. 

Danas Neustart

Jetzt bin ich nur noch Dana und versuche, Steffens Tod irgendwie zu verarbeiten. Vielleicht kann ich auch so jemandem helfen, Gedankenansätze zu finden, den Schmerz zu lindern, den Tod und das Leben zu umarmen.

Beides gehört dazu. Leben und Tod. Anfang und Ende und Anfang.

Begleitet mich bei meinem Neustart.