25.07.2018 – 33 Grad – Tag 15

Nach einer erbarmungslosen warmen Nacht wachen wir schon früh auf und genießen die letzten Minuten mit halbwegs erträglichen Temperaturen, denn schon um 10 ist es wieder unerträglich heiß. Steffen hat wieder ständig Kopfschmerzen und ist dazu übergegangen,  statt Kopfschmerztabletten direkt am Morgen eine seiner Migränetabletten einzunehmen. Ibuprofen wirken überhaupt nicht, und Dolormin nur noch im zweistelligen Bereich. Also direkt eine Migränetablette eingeworfen und Ruhe ist für die nächsten 15 Stunden. Die Leber wird sowieso strapaziert, ob mit Antibiotika oder Schmerzmitteln. Aber wir haben ja Bilisan Duo. Da kann wenigstens die Leber etwas entgiften:

Ich fange extra zeitig an, damit ich noch vor der größten Hitze in der Küche bin. Auf dem Parkplatz treffe ich unseren netten Nachbarn, der auch schon bei Aldi aus denselben Gründen einkaufen war. Er meinte, dass es in der Nacht nicht unter 28 Grad in der Wohnung heruntergekühlt hat. Er fährt heute wohl noch mit seiner Frau in den Garten und schläft da. Absolut verständlich.

Blue Man Group

Da ich drei Stunden Zeit für das Catering für die die Blue Man Group habe, gibt es heute Backkartoffelsalat, gefüllte Zucchini und orientalische Hackbällchen in Tomatensoße. Passt ja zu 33 Grad. Auf dem Weg zum Potsdamer Platz mache ich noch einen kleinen Abstecher über Kreuzberg und hole Steffen ab, da wir nachmittags einen Termin bei der Traditionellen Chinesischen Medizin haben. Ja richtig, habe ich letzte Woche vereinbart.  und umso breiter man aufgestellt ist, um so weniger kann einen umhauen, richtig? Jeder Termin ist mit irgendeiner Hoffnung auf einen Lösungsansatz verbunden.

Nach Terminvergabe bekommt man einen sechsseitigen Bogen, den man gewissenhaft ausfüllen muss und mailt diesen dann natürlich ausgefüllt zurück. So kann sich die Ärztin schon vorab ein Bild machen, in welchem Energiestrang des Körpers es stockt und mangelt.  Neugierig hatte ich mich schon belesen und in der Tat ist der Ansatz in der Traditionellen Chinesischen Medizin, dass es dort, wo es staut, zu Krankheiten kommen kann. Und so viel, wie sich Steffen Gedanken wegen seinem Bruder gemacht hat, wundert es mich überhaupt nicht, dass das Nasopharynxkarzinom im Kopf sitzt.

TCM

Wir fahren kurz das Essen ausliefern und dann direkt nach Berlin Mitte in das Das Zentrum für Traditionelle Chinesische und Integrative Medizin – St. Hedwig-Krankenhaus.  Ich warte im Vorraum auf Steffen, es ist wunderbar ruhig hier, es gibt Quellwasser zu trinken und eine Bibliothek mit Medizinbüchern. Orte, wo man mich immer zurücklassen kann: Bibliotheken. Ich bin beschäftigt, da Steffen erst einmal allein zur Ärztin soll.

Nach dem Aufnahmegespräch der Ärztin mit Steffen allein, kann ich dazu kommen und sie redet mit uns beiden. Zu der These mit dem Bruder nickt sie nur und sagt: „Familie ist schwierig, aber man muss mit ihr klar kommen“ – bitte laut nachsprechen mit chinesischem Akzent -. Stoff zum darüber nachdenken. Steffen bekommt von ihr ein Rezept für einen Tee, welcher in der Apotheke für ihn extra zusammen gemischt wird. Er besteht aus verrückten Pilzen und Wurzeln. In der Mitte höre ich auf die Zutatenliste zu googeln. Das ist mir zu hoch. Diesen Tee soll er vor der Chemotherapie trinken, jedoch nicht parallel zur Chemo. Die weiteren Dinge, wie zum Beispiel Akupunktur und andere Teemischungen für den Aufbau des Körpers können wir erst nach der Chemo starten, da beides parallel wohl kontraproduktiv ist.

pile of hardbound books with white and pink floral ceramic teacup and saucer
Photo by Ylanite Koppens on Pexels.com

24.07.2018 – 32 Grad -Tag 15

Diese heißen Tage sind schrecklich. Wir quälen uns durch ein Vorstellungsgespräch und Steffen muss Maulbeersaft trinken.

Steffen kommt früh wieder mit dem Fahrrad zu mir gefahren.

Heute fahren wir mit dem Auto zusammen in die Küche, wir haben ein Vorstellungsgespräch mit einer potentiellen Hilfe für die Küche. Das kommt gerade wie gerufen. Jemand hat sich blind beworben und alles was er anbietet, scheint komplett die Lücke zu füllen, die Steffen gerade hinterlässt. Da es für mich sowieso ein großes Rätsel ist, wie ich die nächste Zeit allein im Catering durchstehen soll, bin ich darüber sehr froh und auch aufgeregt, ob er kommt, ob er energetisch passt usw. usf.

Er ist jung, kräftig, motiviert, mit festem Händedruck. Wir denken, das passt und und verabreden einen ersten Arbeitstag bei der nächsten Hochzeit auf dem Schloss Kröchlendorff am 04.08.2018.

Türkischer Maulbeersaft

Nach dem Vorstellungsgespräch fahren wir wieder zurück nach hause, nach Kreuzberg und machen noch einen kleinen Abstecher über den Maybachufermarkt und decken uns vor Ort mit frischem Gemüse und Obst ein. Ein Gözleme ist Pflicht, genauso wie leckere Blumenkohlpuffer mit Zaziki. Ein türkischer Händler bietet frisch gepressten Maulbeersaft an und wie wir nun wissen, sind dunkle Beeren voller Antioxidantien und daher gut für Steffen. Es wird gleich ein halber Liter gekauft und getrunken.

leaf fruit mulberries mulberry
Photo by Weena Chiwangkul on Pexels.com

Vollgepackt mit türkischen Pasten und Fladenbrot, Gemüse und Obst geht es wieder nach Hause. Die Vorhänge werden zugezogen. Wir sind wieder im rettenden Kokon mit genügend Nahrung auch diesen Tag zu überstehen. Steffen hat jetzt täglich Kopfschmerzen, nachmittags wird es schlimmer.

Diese Hitze…

Am Nachmittag kommt die Sonne rum und bis zum Sonnenuntergang gegen 21:30 Uhr kann sich so wunderbar die Wohnung auf angenehme 30 Grad aufheizen. Die Hitze ist unerträglich. Nachts gegen 01:00 Uhr fängt es an, etwas kühler zu werden. So 23 Grad. Das gilt natürlich nicht für die Betonstadt, ich glaube da ist das minimum 25 Grad. Also hilft in der Nacht nur exzessives Lüften. Der Sog zieht natürlich Mücken rein, die ab 5:00 Uhr morgens ihrer Plagearbeit nachgehen.  Und das im 11. Stock. Das hat es noch nie gegeben. Seit Tagen ist es heiß und die Wettervorhersage gibt keine Änderung für die nächsten 14 Tage bekannt. Ich kotze innerlich.

Wenn mich jemand fragt, was ich mir wünsche, wie man mir helfen kann, lautet die einzige Antwort:

Geld und ein Zeitreiseshuttle, zu dem Zeitpunkt, wo alles wieder gut ist. 

Die Zeit dehnt sich nahezu ins Unendliche. Das Gefühl der Unsicherheit, des Nichtwissens, wie es weitergeht, ist wie schwarzer Teer. Alles ist langsam und schnell, schwer und träge und macht das Hirn taub. Dieses Ausharren in dieser Situation ist schmerzhaft.

nochmal zurück oder vorwärts?

23.07.2018 – 32 Grad – Tag 14

Heute ist Montag. Ein wunderbarer Sommertag. Ich mache uns einen Smoothie und mal wieder Porridge mit Haselnussmilch und Darmaufräum-Flohsamen:

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Da Steffen am kommenden Freitag erst den extrem wichtigen Termin mit dem Chefonkologen hat, wo besprochen wird, wie es weitergeht, haben wir noch ein paar Tage für uns. Wir befinden uns in der Wartephase. In der Wartephase von allem. Da ich nicht weiß, wie die Behandlung weiter geht, wie lange es dauern wird, ob Steffen wieder heil wird oder ob wir nur noch kurze Zeit haben, kann ich das Catering nicht weiterplanen. Jeden Tag, jede Stunde fast, treffe ich neue Entscheidungen und Überlegungen. Das Hirn rotiert und brummt:

  • Arbeite (ich) wir nur noch paar Tage die Woche?
  • vermieten wir die Cateringküche unter?
  • vermieten wir Steffens Wohnung unter?
  • stelle ich jemanden ein?

Aber eigentlich kann ich gar nicht an Arbeiten denken, an Kreativität, neue Rezepte, neue Foodideen. Und das Hirn ist komplett blockiert vor Sorge um Steffen. Das ist aber auch das einzige Gefühl, welches möglich ist, der Rest ist Gleichgültigkeit.

Hinzu kommt diese für mich unerträgliche Hitze, ab 28 Grad aufwärts werde ich zickig. Sehr gute Vorraussetzungen für die Arbeit in der Küche, aber in der Küche gilt das nicht, denn da reagiert das Adrenalin und man spürt nichts, keinen Hunger, keine Hitze, nur Zeitdruck. Die jeweiligen verdrängten Gefühle lässt der Körper dann am Folgetag raus.  Monsterhunger, Erschlagenheit und rissige Lippen.

Aber glücklicherweise haben wir in diesen Wochen wenige Aufträge. Wir wollten eigentlich bis Anfang August „Ferien“ machen, also nur kleine Daueraufträge wie die BlueManGroup bearbeiten und ansonsten frei machen, an den See fahren, in Museen gehen, StandUpPaddeln. So ganz normale Dinge halt.

Aber normal funktioniert bei uns einfach nicht, also machen wir nur Krebs. Und heute und morgen sind halt keine Aufträge. Das ist hilfreich.

Daher gönnen wir uns heute jeder einen Tag für sich. Das tut auch not, so ein klitzekleines Gefühl von Normalität. Steffen dachte ja bis vor einer Woche, dass er nicht mehr seine Wohnung sehen würde, also freut er sich tierisch dass er heute zu sich fahren kann und aktiviert den ganzen Tag seine Playstation, ich kümmer mich um mich. Das bedeutet, erst einmal sinnlos in den Monitor starren, Essen und später zum Friseur gehen. Dort lasse ich mir wieder eine Brett-Anderson-Gedächtnis-Frisur verpassen. Die 90er haben angerufen…

Die letzten Tage habe ich mich nicht wirklich um mein Äußeres gekümmert, es war mir alles so egal, alles war zweitrangig. Durch den Stress habe ich dann auch mal eben 2 Kilo verloren. Aber wie sagte einmal eine gute Freundin: sei froh, wenn Du was mehr drauf hast, wenn es Dir mal richtig Scheiße geht oder Krebs hast, verlierst Du die Pfunde von ganz alleine. Recht hat sie.

Nachmittags direkt nach dem Friseur ruft mich ein lieber Freund an, und fragt, ob ich Bock auf Treffen im Biergarten habe. Ich war zwar schon wieder im Wohlfühlfaulmodus zuhause, aber hey, Freunde sind wichtig. Ich frage noch schnell Steffen, aber er ist im Playstation- und Plattenhören Universum. Bei der Nasen-OP hatten Sie ihm ja auch das Wasser aus den Ohren gelassen, das sich durch die geschwollenen Lymphe angestaut hatte – medizinisch „Paukenerguss“ – und nun kann er endlich wieder hören.

Merke: Paukenerguss hat nichts mit Blasmusik zu tun!

Und Steffen liebt Musik abgöttisch, genau so wie er seine Plattensammlung liebt. Er bewegt sich nur kurz nach draußen um sich lecker philippinisches Streetfood auf der Straßenseite gegenüber zu holen:

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Also lockt ihn kein Bier der Welt heraus in die gleißende Sonne.

Ich schnapp mir mein Rad und fahre die 6 km bei brütender Hitze in den Schleusenkrug. Wir finden ein Plätzchen direkt am Wasser und ich trinke mit den Jungs Bier und esse Würste. Das tut not.

Auch hier gilt wieder, nicht die sozialen Kontakte vergessen!

nochmal zurück oder weiter?

22.07.2018 – 32 Grad – Tag 13

Nach dem anstrengenden gestrigen Tag versuchen wir alle heute etwas auszuschlafen. Vor allen Dingen lassen wir die beiden Wiener ausschlafen.

Für uns ist die Nacht etwas kürzer, da das hübsche Klappsofa, auf welchem wir schlafen, sich als nicht wirklich bequem heraus stellt. Es fühlt sich im Rücken an, als würde man rückwärts auf einem Trabbidach liegen. Wahlweise fällt irgendwo ein Körperteil herunter oder das Bett wackelt. Aber egal, wir haben den Fernseher, den Zugang zur Küche und Steffen Hunger. Also gibt es erst einmal für uns zwei einen Killersmoothie und Porridge.

Dann warten wir, ob es Signale aus dem Schlafzimmer gibt, machen ein riesiges Frühstück mit Biobrot, feistem stinkenden Käse, frischem Obst, Rührei mit Steinpilzen und frischem Schnittlauch, Unmassen von Espresso und sitzen und quatschen zu viert und haben einen schönen Sonntag Morgen und quatschen und quatschen. Irgendwann kommt Steffens Bruderproblem auf das Tableau und Frau V. sagt einen wunderbaren Satz: „Steffen, wahrscheinlich ist das Problem nur in deinem Kopf, dein Bruder hat das alles gar nicht als Problem wahrgenommen, da er tausend Dinge im Kopf hat. Akzeptiere das einfach für Dich und zerfleische Dich nicht ständig deswegen. Er meint es ja nicht böse, er weiß es nur nicht.“ Stoff zum darüber nachdenken und wahr.

Mittags fahren die beiden dann leider wieder zurück nach Wien. Als wir die beiden zum Auto bringen, schlägt einem die Hitze fett in die Fresse. Eigentlich wollten wir Videos in der Videothek holen – ja, wir sind altmodisch und ja, in Berlin gibt es noch Videotheken. Bleischwer liegt jedoch die Hitze auf uns und wir verkriechen uns sofort in der Wohnung. Wir ziehen die Vorhänge zu, die Sonne kann uns mal.

Als nun wieder Ruhe einkehrt, realisieren wir langsam, was in den letzten beiden Tagen eigentlich passiert ist und sind sehr bewegt und fallen aufgrund der Emotionen in ein kleines Tief. So helfen in dieser Katerstimmung nur noch Musikvideos und Netflix und essen. Unmengen Essen. Da ich nach dem gestrigen Tag komplett fertig und überreizt bin, ist auch nicht mehr möglich.

Was mir aber in dieser Zeit auffällt, ist, dass wir enorm viel Unterstützung von Freunden bekommen und, das ist das eigentlich Überraschende, von uns völlig fremden Personen, von Kunden, denen ich Steffen seine Krebserkrankung mitteilen muss. Von Kunden, denen ich absagen muss, kommen ellenlange Mails mit Ernährungstipps und Hinweisen, worauf man achten solle, ob beim Arzt, bei der Ernährung oder der Art der Diät. Ich notiere und speichere alle Informationen. Ich sauge die Informationen auf wie ein Schwamm.

Ihr alle, ich danke Euch schon mal! Ihr habt meine Sicht auf die Menschheit extrem gewandelt.

Ich, eher misstrauisch, misanthrop und lichtscheu, meine Hochsensibilität verpackt in eine dicke Schicht aus Arroganz, bröckelt. Ich schöpfe etwas Hoffnung für die Menschheit. Es sind die Kleinigkeiten, ein Lächeln auf der Straße, jemanden an der Kasse vorlassen, Türen aufhalten.

Aber trotzdem hat natürlich der Typ, der mir auf die Oberweite schaut, nach wie vor nur Missachtung verdient. Klar. Ein Rückblick in die Leistengegend lohnt sich ja bei sowas nie. Also, ich bin noch die Alte, nur mit bisschen mehr bunt.

Aber zurück zum Thema: irgendwie hat jeder jemanden, der Krebs hat, jeder kennt einen, der den Weg geht oder gegangen ist. Was für ein Fluch ist diese Krankheit.

Und ich denke, viele stehen erst einmal da, wie mit dem Hammer vor dem Kopf gehauen, und wissen nicht, was zu tun ist. Wichtig ist die Ernährung, das ist schon mal klar. Wir haben unseren Gemüsekonsum massiv gesteigert, der morgen startet stehts mit einem Smoothie, Porridge und über den Tag verteilt viel Gemüse. Ja, Rezepte kommen noch.

selective focus photography of white petaled flowers
Photo by Irina Kostenich on Pexels.com

21.07.2018 -28 Grad Celsius

Früh um sechs klingelt der Wecker, gerne mache ich meiner Freundin frischen Kaffee und bringe ihn in unser Schlafzimmer, welches die beiden natürlich bekommen haben. Schnell noch ein paar Käsestullen geschmiert und Äpfel eingepackt und los geht’s in zwei Autos. Der Kangoo mit meiner Freundin und mir, Steffen hat darauf bestanden, dass ich nicht alleine fahre und ihr Freund fährt mit Wiener Kennzeichen hinterher, der Gute. Erstmal zur Metro und noch fix die Tiefkühlware und frische Kräuter eingekauft. Dann geht’s in die Küche und ruckzuck werden die Speisen aus den Kühlschränken in die Thermoboxen und dann im Auto verstaut. So schnell hatten Steffen und ich glaube ich noch nie ein Auto beladen. 6 Hände sind auch mehr als 4 Hände, simple Mathematik. Dann geht’s auf die Autobahn, man braucht maximal zwei Stunden bis nach Kröchlendorff in der Uckermark.

Es ist schön, mit meiner Freundin während der ganzen Fahrt im Auto zu reden und wirklich alle Themen anzusprechen. Es tut sehr gut, ab und an mit anderen zu reden, um deren Sichtweise auf die Dinge zu verstehen und vielleicht gar auf sich selbst anzuwenden. Tut natürlich dann auch weh. Aber dafür haben wir ja die Trost-Käsestullen dabei.

Als wir endlich da sind, gebe ich kurz den Schloßmädels Bescheid. Und muss natürlich wieder weinen. Warum? Na Steffen ist nicht dabei. Das wird jetzt wohl bei jeder Initialsituation ohne Steffen passieren, wenn ich darauf gestupst werde, dass Steffen nicht dabei ist.

Schnell ist alles in die Kühlräume und den Tiefkühler geräumt. Mit meiner Freundin als professionelle Köchin an meiner Seite eröffnen sich unbekannte Weiten und Seiten des Cateringdaseins und eine unglaubliche Struktur, die man nur in der Ausbildung lernt. Als Quereinsteiger kann ich nur staunen und lernen. Ihr Freund ist extrem flott in seiner Auffassungsgabe und lernt und arbeitet als kompletter Quereinsteiger extrem schnell.

Aber wie immer habe ich wieder irgend etwas vergessen. Diesmal die Beeren für die Quarkcreme mit Beeren der Saison. Also setze ich mich ins Auto und fahre die ca. 15 km nach Prenzlau. Während der Fahrt spüre ich eine Veränderung in mir. Ich spüre nichts. Keine Wut gegen mich, keine Enttäuschung, keine Angst, dass ich die Beeren nicht bekomme. Einfach gar nichts. Ich spüre gar nichts. Als hätte die Dauerüberreizung mit Emotionen dafür gesorgt, dass mein Körper in einen Schutzmodus geht. Ich fühle mich komplett gar nicht. Ich bin emotional aus. Dennoch bekomme die Beeren und meine Freundin macht daraus die mit Abstand schönsten Desserts bisher.

Was sind wir drei doch für ein Killerteam. 19:30 Uhr steht das Hochzeitsbuffet für 70 Personen:

Gegen 20:00 Uhr verlassen wir das Schloß. Auf dem Rückweg durch die Uckermark und dank einer Umleitung halten wir an einer alten Feldstraße, welche von Mirabellenbäumen gesäumt ist. Die beiden frisch Verliebten packen sich ein Körbchen und pflücken 5 Kilo reife und saftige Mirabellen.

Ernte in der Uckermark

Dann geht’s nach Hause. Steffen der Gute hat ein wunderbares Abendbrot zubereitet. Wir lassen den Tag Revue passieren.

20.07.2018 – 30 Grad Celsius

Der Morgen startet noch angenehm kühl. Heute kommt Steffen endlich wieder aus dem Krankenhaus. Es waren zwar nur zwei Nächte ohne Steffen, das ist aber immer noch zu viel. Ich hole ihn um 8:00 Uhr früh ab, er steht schon im Abholrondell des Krankenhauses.

Morgen habe ich ein erstes großes Hochzeitscatering mit 70 Personen allein auf unserem Lieblingsschloss in Kröchlendorff zu bewältigen – übrigens, wir haben selbst da im November 2014 geheiratet:

Hochzeitsbild

(Foto von meiner lieben Freundin @wildatheart_photo)

Ich bitte Steffen, mich beim Einkauf für das Hochzeitscatering für den Folgetag in die Metro zu begleiten. Ich schiebe den ganzen Morgen schon diesen Einkauf vor mir her, normalerweise ist die stressfreieste Einkaufszeit in der Metro morgens zwischen 5:00 und 6:00 Uhr und dann kaufe ich für gewöhnlich auch da ein. Da ich aber großen Respekt davor habe, diesen Großeinkauf das erste Mal allein zu bewältigen, schiebe ich diesen bis jetzt auf.

So sieht zum Beispiel so ein Einkaufszettel aus, bisschen anders wie bei Euch, oder?

Einkaufszettel

Normalerweise benötigen wir für diese Volumen zu zweit fast eine Stunde, um alles zusammen zu suchen, da man nichts vergessen darf. Es gibt vor Ort in der Uckermark kaum Möglichkeiten, Dinge noch nachzukaufen, die man vergessen hat.

Jeder Schritt, den wir bis jetzt seit 10 Jahren immer gemeinsam gemacht haben, der so selbstverständlich schien und dadurch auch manchmal genervt hat, ist nun so fürchterlich schwer und in der Rückblende so süß. Natürlich sagt mir Steffen Hilfe zu, er versteht mich komplett, er kommt auch mit in die Metro, um dann festzustellen, dass ihm nach 100 m und dem künstlichen Licht schon wieder schwindlig wird.

An solchen Momenten sieht man, wie fragil sein Körperzustand geworden ist. Dass diese Krankenhausaufenthalte enorm schlauchen. Man liegt im Krankenhausbett und denkt sich, hui, das ist ja alles voll easy, mir geht’s doch gut, ich kann selbstständig bis zur Toilette gehen. Aber die Realität zeigt Dir dann erbarmungslos spätestens vor der Tür Deine Schwäche.

Ich bitte ihn, sich einfach nur am Wagengriff festzuhalten und wir managen so in Ruhe den Einkauf. Alles wird in Thermoboxen gepackt und ins Auto gehievt. Thermoboxen sind unerlässlich bei dieser nicht enden wollenden Hitze in diesem Sommer. Das Auto belade ich auch selbst. Es ist ein Wunder, wie mein schon seit Jahren kaputter Körper (Schilddrüse/zweifacher Bandscheibenvorfall), das alles wegsteckt. Pilates sei Dank! Einmal die Woche lass ich mich wieder gerade biegen.

In der Küche lasse ich Steffen im Innenhof unter dem Walnussbaum sitzen. Die letzten Male haben gezeigt, dass der Aufenthalt in der Küche psychisch zu belastend ist. Ständig aufgezeigt zu bekommen, dass nichts mehr ist wie vorher, ist elend und schmerzt.

Schnell packe ich die Waren entsprechend in die Kühlschränke um und wir springen ins Auto. Weil wir Hunger haben, schießen wir uns ein schnelles Mittagessen, ein Knusperhühnchen beim Türken mit lecker Fladenbrot und machen gemeinsam Mittagsschlaf.

Und nun das Wunder des Tages: Abends um 23:00 Uhr kommt meine liebe Freundin mit ihrem neuen Freund extra aus Wien gefahren, um mich bei dem morgigen Hochzeitscatering zu unterstützen. Was für ein Wahnsinn, nach 11 Stunden Fahrt in der Hitze, sind die beiden endlich da. Das ist Freundschaft in einer völlig neuen Dimension. Käse, Bier und Brot stehen bereit für einen schnellen Mitternachtssnack, und dann geht’s schnell ins Bettchen.

positiv:

  • Steffen ist wieder zuhause
  • Echte Freunde

19.07.2018 – 26 Grad Celsius

Das Steffen schon wieder im Krankenhaus ist, schlaucht mich subtil. Noch lange nicht habe ich diese ganze Krebsgeschichte akzeptiert.

Das Kochen bei der Hitze ist auch nicht gerade Zucker. Ich habe mir extra für die Küche einen Ventilator gekauft. Die Wettervorhersage sagt für die nächsten zwei Wochen Temperaturen um die 30 Grad voraus. Alle jubeln darüber, ich kotze. In der Metro stehen auch nur noch 10 Ventilatoren zum Verkauf da. Das wird ein heißer Sommer.

Dieser Tag macht so überhaupt nicht Spaß. In einem Paralleluniversum würde ich den ganzen Tag im Bett liegen und die Wolken anstarren. Geht aber nicht, man muss ja raus vor die Tür, um Geld zu verdienen um das alles zu bezahlen, damit man aufstehen kann um raus zu gehen und um Geld zu verdienen. Ein Teufelskreis. Ich bin für Lösungen, um diesen Höllenrad zu entkommen, sehr dankbar! Ja, ich spiele Lotto.

Als ich dann endlich am Nachmittag alles fertig ausgeliefert habe sinke ich auf dem Sofa zusammen und hoffe auf einen faulen Abend stupide vor der Glotze sitzend und sich nichtige Probleme fremder Menschen ins Hirn füllen und dadurch abschalten.

Aber nichts da, Steffen hat seine Antibiotika zuhause vergessen und ich muss wohl oder übel noch mal los. Also schmiere ich ihm eine Käsestulle, packe Tonnen von geschälten Möhren, einen Apfel und Brombeeren ein und einen Tetrapack mit Gazpacho und schnappe mir das Rad und fahre hin.

Nicht weil es nichts im Krankenhaus zu essen gibt, sondern weil es null Nährwert hat. In Berlin ist es immer besser, mit dem Rad zu fahren, dies spart auch die elende Parkplatzsuche. Wir treffen uns im Park und Steffen stopft alles in sich hinein. Auch die nun durch den Apfel zermatschten Brombeeren. Er ist tapfer! Wäre ich an seiner Stelle, ich würde brechen. Zermatschte Brombeeren mit kleinen Kernen – pfui Geier!

Die Nerven liegen immer noch blank, wir zoffen uns ein bisschen, schaukeln uns wieder hoch. Werden beide lauter, ich fange an zu heulen und werde hysterisch, ich habe einfach Angst um ihn, um unsere Zukunft und wegen der Scheiß Kohle. Existenzangst ist ein Arsch. Heulend fahre ich nach Hause, um mich dann im selben Moment wieder verrückt zu machen, da ja Steffen gerade eine Biopsie in der Lunge hatte, also hat er ja jetzt ein Miniloch in der Lunge und meine Fantasie dreht schon wieder durch. Wenn er auch so schnappatmen muß, wie ich, geht vielleicht was kaputt. Das Loch wird größer. Blut und Zeug kommt rein, er kollabiert und stirbt, weil ich ihn so aufgeregt habe.

Zuhause angekommen rufe ich sofort an und frage, ob alles gut ist. Wir vergewissern uns gegenseitig, dass wir uns lieb haben und beruhigen uns endlich.

Es war auch eine gute Idee, das Essen mitzunehmen. Zum Abendbrot gab es eine einsame Graubrotstulle mit einer Scheibe Käse und Margarine. Und Kamillentee.

Am Abend dann ruft mich mein großer Bruder das erste Mal an um mit mir zu reden. Ähnliche Situation wie mit Steffens großem Bruder. Alles etwas schwierig manchmal. Ich glaube, großer Bruder sein, ist nicht einfach. Man bekommt mit sieben Jahren ein Baby vor die Nase gesetzt und soll es gut finden und ist eigentlich nur genervt. Und unterschwellig zieht sich das dann durch das ganze Leben. Immer nervt das kleine Geschwist mit seinen Killefizproblemen. Große Brüder sind ja geborene Alpha-Tiere. Das macht es nicht besser. Aber, wir unterhalten uns wunderbar. Es tut gut und ist hilfreich. Die meisten zwischenmenschlichen Probleme finden eh immer im eigenen Kopf statt, finde ich.

Einen Tag zurück oder den nächsten Tag weiterlesen?

blue and silver stetoscope
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+ Room with a view

18.07.2018 – 28 Grad Celsius

Steffen muss heute zur Anamnese ins Vivantes Krankenhaus, diesmal nach Friedrichshain.

Crescendo aus Wahnsinn

Ihr wundert Euch bestimmt schon, warum ich immer die Temperatur des jeweiligen Tages mit aufschreibe. Uns ist aufgefallen, dass umso wärmer es wird, umso mehr Hiobsbotschaften oder Vorfälle oder Brisanzen geschehen. Wie ein Crescendo aus Wahnsinn steigt die Temperatur mit den Vorkommnissen oder die Vorkommnisse mit der Temperatur. Aber lest in den nächsten Tagen selbst:

Pneumologie im Vivantes Klinikum

Steffen hier in die Pneumologie, da ein Lymphknoten oberhalb der Lunge verdächtig nach Tumor aussieht. Dies soll morgen bei einer genaueren Untersuchung herausgefunden werden.

Die Ergebnisse der Untersuchung werden dann bis zum 27.07. dem Chef-Onkologen übersandt und dieser wird dann den weiteren Behandlungsplan für Steffen schmieden.

Im Friedrichshainer Klinikum soll nun der Pneumologe durch den Mund in die Lunge ein Gerät einführen und von innen aus der Lunge in den Lymph pieksend eine Biopsie machen. So ein Eingriff muss natürlich stationär erfolgen und dafür braucht es wieder eine Anamnese. Seinen Termin bei der Oberärztin hat Steffen erst um 11:00 Uhr, deshalb holen wir zuerst alles vom gestrigen Auftrag ab.

Metro

Da die Metro auf dem Weg liegt, stoppen wir kurz davor. Ich kaufe selbst alles in der Metro für die BlueManGroup ein. Steffen bleibt derweil im Auto sitzen. Der Kontakt mit der alten Realität ist gerade zu schmerzhaft.

Wir packen alles in Thermoboxen, dann geht es gemeinsam ins Vivantes Klinikum.

Krankenhaus-Paranoia

Die Stimmung zwischen uns ist gereizt, wir schaukeln uns hoch, ich bin super zickig. Krankenhäuser machen mich verrückt. Eigentlich will ich immer nur wegrennen.

Vor 20 Jahren hatte meine Mama einen Hirnschlag und danach haben wir uns jahrelang in Kliniken, Pflegeheimen und ähnlichen Locations herumgedrückt, um Mama in ihrem furchtbaren Zustand zu besuchen, so dass mir in Krankenhäusern generell direkt schlecht wird. Jedesmal klumpt sich mir der Magen zusammen.

Das Vivantes Klinikum ist obendrein etwas anders als die Parkklinik, also ein ganz normales Krankenhaus Hier gibt es kein Einzelzimmer für Steffen, keine Duschpäckchen, kein leckeres Essen. Aber wir sind ja nicht auf der „Fritz Heckert“.

Mittags verlasse ich überstürzt die Klinik und fahre in die Küche und bereite alles für die blauen Männer vor. Ich bin froh, dass ich flüchten und Steffen allein zur Anamnese zurücklassen konnte. Hauptsache keine Minute zu lang im Vivantes Klinikum.

Bilisan Duo

Pünktlich zur Auslieferzeit ist Steffen auch im Vivantes Klinikum fertig und ich hole in dort direkt in Friedrichshain ab.

Noch schnell ein Zwischenstopp an der Apotheke, ich habe Billisan Duo bestellt. Ein natürliches Produkt aus Silberdistel und Kurkuma um die Leber zu unterstützen. Da ja Steffen nun seit fast einer Woche Antibiotika wegen seiner Borreliose bekommt, ist es nicht verkehrt, die Leber zu unterstützen, wenn es gerade die ganzen toten Borrelien aus dem Steffen herausschwemmt. Steffen beschreibt das Ganze übrigens als Kitzeln in den Lymphen. Das ist wahrscheinlich der Moment in dem die Borrelien von den Antibiotika vaporisiert werden.

Room with a view
Das Friedrichshainer Krankenbett im Vivantes Klinikum

17.07.2018 – 30 Grad Celsius

Heute muss ich meinen ersten Auftrag ganz allein ohne Steffens Hilfe zubereiten und ausliefern. Prinzipiell kein Problem, an manchen Tagen stehe ich stundenlang allein in der Küche und mache alles. Das Problem für mich ist aber stets die Auslieferung.

Warum? Das weiß ich nicht. Aus unerfindlichen Gründen bekomme ich jedes Mal Panik, wenn ich mit zur Auslieferung muss. Dann ist der ganze Tag für mich gelaufen und ich bin in einer Art Todesstarre und kann nicht mehr denken und bekomme Bauchschmerzen.

Also habe ich Steffen gebeten, mit in die Küche zu kommen, damit ich nicht allein bin. Gerade fühlt sich das allein in der Küche sein grauenvoll an. In der Küche wird Steffen sofort schwindlig, das ständige nach unten schauen ist mit dem Tumor im Kopf nicht so angenehm. Wahrscheinlich dongt das alte Karzinom ständig hinten an die Augenhöhlen.

Ich schicke ihn aus der Küche, so kann er sich im Innenhof unter den Nussbaum auf die Bank setzen. Da wirklich noch viel Zeit ist, mache ich in Ruhe allein alles fertig, was gar kein Problem ist. Dann belade ich das Auto und wir fahren gemeinsam zur Auslieferung los. Ich fahre, ich baue auf, er ist mit, er steht daneben, er ist meine seelische Unterstützung. Und herrje, der Kunde ist total nett, ich weiß gar nicht, was ich habe.

Nachmittags haben wir noch einmal Zeit für uns und quatschen die ganze Zeit. Darüber, wie es weitergeht, wie ich dass Unternehmen alleine führen kann und derartige Fragen.

An diesem Tag stellen wir folgendes fest: eigentlich haben wir Glück gehabt, dass es Steffen und nicht mich getroffen hat, weil:

  • Er hat eh schon Glatze
  • Er ist nicht so mäkelig wie ich, ich kann alle Speisen an ihm ausprobieren
  • Ich mach eh die ganze Organisation des Caterings: Angebote erstellen / Wochenplanung / Einkäufe / Buchhaltung / Telefonate / Rezepte / also alles, bis auf die Auslieferung, die Geschirrorganisation, die Personalverwaltung und den Aufbau – hätte mich der Krebs erwischt, wäre es weitaus schlimmer um das Unternehmen geschehen

Im Internet haben wir uns schlau gemacht, zusätzlich zu den Smoothies wollen wir Steffens Immunabwehr boosten. Zumal man die Smoothies nicht mit ins Krankenhaus nehmen kann, bis dahin haben sich alle Vitamine verflüchtigt und man hat nur noch eine zweifelhafte Masse in der Glasflasche. Im Internet finden wir nach langem Hin- und Hervergleichen ein Fruchtsaftkonzentrat, welches Steffen auch mit ins Krankenhaus nehmen kann und sich parallel zu dem unterirdischen Krankenhausessen noch mit ausreichend Vitaminen und Mineralstoffen versorgen kann. Wir nehmen es bis zum heutigen Zeitpunkt beide. Auch kann man zum Beispiel den Smoothie statt mit Saft mit verdünntem LaVita-Konzentrat verflüssigen.

Einen Tag zurück oder weiter?

16.07.2018 – 29 Grad – Tag 5

Steffen hat sich nach dem gestrigen emotionalen Tag etwas beruhigt. Er hat richtig gute Laune, er ist zuversichtlich, zumal heute nach seiner Nasenscheidewandoperation auch noch die Tamponaden aus seiner Nase gezogen werden. Ab heute Nachmittag hat er eine richtig neue Nase.

All unsere Freunde haben uns gestern Mut zugesprochen und Unterstützung zugesagt. Das baut ungemein auf.

Aber wir zwei sind schon wie ein altes Paar Schuhe: immer dann, wenn Steffen gute Laune hat und wieder Energie bekommt, bricht es bei mir ein, kann ich mich fallen oder vielleicht sogar etwas hängen lassen.

Ich lasse wieder einmal panische Gedanken über unsere Zukunft zu, wie soll es denn jetzt weiter gehen? Steffen versucht mich zu beruhigen. Er sieht es so, dass wir jede Woche oder auch jeden Tag einzeln angehen bzw. abarbeiten. Bis die Sache irgendwann durchgestanden ist. Was nutzt es, sich die Gedanken darüber zu verschwenden, was wenn wie passiert. Gerade kann man nichts daran ändern.

Jetzt gerade haben wir zwei Wochen nur für uns geschenkt bekommen, bis es dann zum Onkologen geht und die nähere Zukunft besprochen wird.

Hollywood sei dank stellt man sich ja Krebs immer so vor:

  1. plötzlich aus dem Nichts hat jemand irgendein komisches Zipperlein
  2. das Zipperlein ist plötzlich Krebs
  3. der Krebs ist im Endstadium
  4. Person liegt mit Glatze an Schläuchen auf der Intensivstation
  5. Person ist tot

Also sehen wir zwei es mal so, wir haben noch zwei normale Wochen geschenkt bekommen. Es ist Sommer, die Sonne scheint, es sind gerade wenig Aufträge zu erledigen, da Ferien sind und ich die Zeit eigentlich für Steffens Nasenoperation frei gehalten habe. Ich dachte, zwei Wochen reichen, um sich von der OP zu erholen und dass wir wieder weiter durchstarten können.

Eigentlich ist, in diesem Rahmen aus Scheiße betrachtet, alles fantastisch. Langsam ziehe ich mich aus meinem Loch und wir gehen in die Bibliothek, denn Steffen braucht Bücher für die Zeit der Chemotherapie, welche ja aktuell auf 5 Wochen stationär angesetzt ist und ich brauche Bücher zum Ablenken.

Bis jetzt konnte ich mich immer auf mein Unterbewußtsein verlassen: in beschissenen Zeiten träumte ich wunderschöne bunte Träume. Ich konnte mich fein aus der Realität flüchten. Als wenn meine Psyche das Schwarz des Tages auslöschen wollte. Aber dieses Mal, bei Steffens Krebs, träume ich nur noch Alpträume. Also können mich wahrscheinlich nur Bücher retten, um aus dem Wahnsinn kurz zu flüchten.

Dann fahren wir kurz in die Metro und kaufen alles für den Auftrag am Folgetag ein.

In der Metro stellen wir fest, dass Steffen eine sehr geringe Belastungsspanne hat, also maximal 100 m in der Metro laufen kann, dann fangen Schwindel und Kopfschmerzen an. Ich schicke ihn raus zum Auto.

Dann geht es mit den Einkäufen in die Küche und um die Ecke in die Parkklinik, um die Tamponaden aus Steffens Nase zu ziehen, die bei der OP zur Stabilisation eingeführt wurden. Alles ist prächtigst verheilt. Die Ärztin sagt, wenn dann der Krebs aus dem Nasenrachenraum auch noch weg ist, kann er unglaublich gut atmen und riechen.

Im Park vor dem Krankenhaus genießt Steffen, dass er das erste Mal im Leben mit beiden Nasenlöchern ohne Tamponaden atmen und riechen kann.Tief atmet er durch die Nase ein und grinst mich an. „Dana, ich kann mit beiden Nasenlöchern atmen, das ist ja unglaublich! Das Gefühl ist ja komplett neu!“

Das ist natürlich bei mir zuhause in Kreuzberg wiederum von großem Nachteil, denn der Hausmeister hat im Großaufgebot ein Rattennest ausgehoben und alle Ratten vergiftet. Diese liegen nun aufgeblasen und leise vor sich hinverwesend überall auf dem Parkplatz verstreut herum. Der Geruch ist, nun, speziell. Das ist nicht so toll für Steffens Nase. Man wünscht sich fast die Tamponaden zurück.

Am Abend beruhige ich mich langsam. Ich koche für Steffen. Es gibt eine leckere Reisbowl mit Tofu.

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+ Green Smoothie

15.07.2018 – 25 Grad – Tag 5

Es ist Sonntag, wir stehen extra zeitig auf, damit wir mehr vom Tag haben, da wir heute einen kleinen Außflug nach Brandenburg, genauer nach Buckow machen.

Seitdem ich mich mit der Ernährung bei Krebs beschäftige, glaube ich, etwas gefunden zu haben, mit dem ich Steffen helfen kann. Daher mache ich ihm heute zum Frühstück als erstes einen

Green Smoothie

für zwei aus:

  • Handvoll Babyspinat
  • Daumengliedgroßes Stück Kurkuma
  • Daumengliedgroßes Stück Ingwer
  • eine Banane
  • zwei Braeburn Äpfel
  • Orangensaft.

Ich gebe alles in meine geliebte KitchenAid

und fertig ist die geballte Ladung Gesundheit.

Danach gibt es einen Porridge aus Mandelmilch, Haferflocken, Leinsamen und am Schluss wird auf jedem Schüsselchen je ein Esslöffel Flohsamen darüber gestreut:

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Zur „Gutschmecke“ gibt es noch etwas Ahornsirup über den Smoothie und der Darm klatscht in die Hände. Haferflocken sind extrem gesund und nahrhaft, Leinsamen sind sehr gut für den Darm und wenn man morgens auch noch auf die Milch verzichtet und diese durch Nussmilch ersetzt hat man schon frühs alles richtig gemacht.

Und weil heute Sonntag ist, gibt es auch noch das normale Frühstück mit Brot, Käse und einem wachsweichen Ei für Steffen.

Dann geht’s mit dem Auto raus nach Brandenburg, genauer gesagt, in die Märkische Schweiz nach Buckow.

Heute kommen bei radioeins als Special die besten Partyhits aller Zeiten – Top 100 – schön unangepasst, mit Sisters of Mercy zum Beispiel. Und dann muss ich weinen: Ich weine vor Glück, dass Steffen und ich gemeinsam Auto fahren. Zusammen. Mit Musik. Wie früher. Vor Jahren. Einfach drauflos fahren und Musik hören.

Das haben wir seit Jahren nicht gemacht, weil nur Stress war. Mit dem Catering arbeiten wir gewöhnlich von Montag bis Samstag, meistens müssen wir auch noch am Sonntag beräumen. Wenn dann endlich der Sonntagnachmittag frei ist, endet dieser gewöhnlich auf der Couch.

Die Sonne scheint warm auf uns und trocknet unsere Tränen zu Krusten.

Nach anderthalb Stunden kommen wir in Buckow an. Ein pittoreskes kleines Städtchen wunderschön am See gelegen. Wir laufen eine Runde, und finden beim Schloßpark einen kleinen Naturheilgarten mit allen Pflanzen, die bei uns vorkommen. Ich stolpere über die Silberdistel. Stimmt da war was! Die unterstützt die Leber.

Gleich mache ich eine Notiz um Bilisan Duo – ein Präparat aus Silberdistel und Kurkuma – in der Apotheke zu bestellen, diese Arznei unterstützt die Arbeit der Leber. Ich habe das Gefühl, dass sich alles so fügt, wie es sein soll.

Steffen ist dank des luxuriösen Krankenhausaufenthalts jetzt an regelmäßige Mahlzeiten gewöhnt, er bekommt Hunger. Also brauchen wir ein Mittagessen. Sofort. Er muss gemästet werden bis die Chemo beginnt. Vor Ort sagt uns das Essensangebot nicht zu. Also geht’s zurück nach Straußberg, dort finden wir dank Google ein annehmbares Restaurant.

Als wir fertig mit dem Essen sind, kommen bei Steffen die Emotionen hoch. Er muss weinen, weil gerade alles so schön ist und hat Angst, dass dies eines der letzten schönen Wochenenden ist. Dasselbe passiert noch mal beim Tanken, ob er jetzt das letzte Mal das Auto betankt. Die Rückfahrt besteht wieder aus weinen, lachen und Musik.

Zuhause angekommen, machen wir uns kurz frisch, denn unsere Freunde haben uns zum Grillen eingeladen. Steffen muss alles noch mal erzählen, alle geben ihm Zuversicht und Kraft. Wir fahren nach Hause. Freunde sind was Feines.

Positiv:

Freunde, Steffen ist endlich zuhause, Wochenendausflug

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14.07.2018 – 28 Grad – Tag 4

Ganz früh am Morgen springe ich aus dem Bett, die Luft ist wunderbar klar. Ich reiße das Schlafzimmerfenster auf und atme tief die klare Luft ein. Ein Gedanke pickert in meinen Kopf. Gibt es eigentlich eine Krebsdiät?

Aber zu allererst koche ich noch schnell eine indische Linsensuppe, damit Steffen gleich was zu Essen hat, wenn er wieder nach Hause kommt. Ich beziehe das Bett frisch, da es nach meinem Angstschweiß riecht. Dann fahre ich in die Metro einkaufen, auch gleich alles schön für unser gemeinsames Wochenende und für die Blue Man Group.

Ernährung bei Krebs

Ich habe begonnen, mich mit der Ernährung bei Krebs zu beschäftigen. Bis jetzt bin ich erst einmal soweit, dass man bei einer Krebsdiät Zucker komplett ausschließt, Eiweiß über Nüsse generiert und viel Obst und Gemüse isst.

Ich kaufe daher für Steffens Krebsdiät:

  • Nüsse
  • Chia
  • Leinsamen
  • Gemüse (Spinat und Rucola)
  • Obst (Heidelbeeren, Äpfel, Bananen)
  • Marmorkuchen – der Lieblingskuchen von Steffen – Marmorkuchen ist natürlich nicht gut bei Krebs, nur gut für die Psyche.

Dann fahre ich alles in unsere Cateringküche und hole Steffen Punkt 10:00 Uhr in der Klinik ab. In dem Moment, in dem ich einen Parkplatz suche, sehe ich ihn, wie er mir gerade in der Einfahrt der Klinik entgegen gelaufen kommt. Was für ein Timing. Die Sonne scheint. Die Luft ist klar. Wir sind so glücklich und erlöst. Er ist wieder da!!! Er hat das Krankenhaus überlebt.

Ich fahre ihn nach Hause in meinen Prinzessinnenturm. Da ich in in einem Hochhaus in der Mitte von Berlin im 11. Stock wohne, fühlt man sich hier immer wie in einem Turm und von der realen Welt ausgeschlossen. Das ist sehr oft sehr erholsam. Und notwendig.

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Steffen lasse ich gerne zuhause. Er soll sich erst einmal vom Krankenhaus erholen und ankommen. Obwohl ich etwas traurig bin, dass er nicht mit in die Küche kommt. Das ist noch sehr ungewohnt, dass ich nun alles alleine mache.

Ich fahre schnell zurück in die Cateringküche und bereite flott das Essen für die blauen Männer zu. Und viel zu früh liefere ich aus. Aber ich will nach Hause. Das Team von der Blue Man Group weiß aber Bescheid, denn es ist seit der ersten Minute voll involviert und so lieb und herzlich, dass dies kein Problem für sie ist.

Endlich zuhause angekommen, lasse ich mich endlich komplett wieder von unserer kleinen spießigen Normalität aufnehmen. Wir essen gemeinsam abendbrot, netflixen und Dana bekommt ein Bierchen. Dann noch unsere geliebten Musikvideos gucken, glücklicherweise habe ich britisches MTV, wo den ganzen Tag Musikvideos laufen und dabei quatschen wir über alles was so bisher geschehen ist.

So simpel, so gut. Später dann im Bett liegen, Wolken und Saatkrähen gucken.

Positiv:

Steffen ist zuhause!!!!

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