Poebene

Ich schlafe wieder göttlich. Wie durch Geisterhand lande ich immer in der Mitte des zwei Meter breiten Bettes. Als ich die Augen aufschlage, bin ich aufgeregt, denn es geht heute schon wieder weiter, weiter durch die Poebene.

Draußen ist es bewölkt. Was hatte ich doch gestern für ein Glück mit dem Wetter.

Aber ich verstehe, dass es bewölkt ist, denn alles ist verbunden, immer. Irgendwie. Denn:

Mama

Heute ist der 25. September 2019. Heute würde meine Mama ihren 70. Geburtstag feiern. Sie hätte für das Wochenende vielleicht eine Gaststätte reserviert, um mit Papa zusammen Geburtstag zu feiern oder sie hätte uns alle eingeladen, zu Kaffee und Donauwelle. In einer anderen Welt.

Den letzten echten Geburtstag mit Mama haben wir vor 22 Jahren gefeiert. Da war sie noch fit. 1997. Ich glaube, da war gerade die Beerdigung von Prinzessin Diana, so lange ist das her. Es ist faszinierend wie fern und nah doch alles ist. Schon wieder wie mit einem Pendel, fern und nah.

Mir ging es das erste Mal richtig gut, meine damalige Beziehung war gut, wir hatten eine eigene Wohnung, der Job war gut. Alles war rosig. Das erste Mal keine Probleme. Ein einziges Jahr lang. 1997.

Vorbei, bye, bye. Alles geht vorbei, immer, immer wieder. AIles beginnt und alles endet. Ein ewiges Pendel. Du kannst nichts aufhalten, nichts festhalten. Du kannst nur versuchen im Jetzt zu sein und beobachten, wie die Dinge immer passieren.

Frühstück im Palazzo

Ach Philosophie, aber erst kommt das Fressen! So springe ich zum Frühstück und schreibe danach meinen Blog für heute wieder fertig. Und ich werde herzlich willkommen gestört vom meiner lieben Freundin V. die mich anruft und fragt, wie es denn so ist, im Palazzo aufzuwachen.

Ja, man gewöhnt sich daran, im Palazzo zu leben, muss ich sagen. Ich bin schon etwas froh, dass es wieder weiter geht. Und ich bin froh, mir nicht irgendein Eigentum kaufen zu können, wo neben dem Glück, immer am selben Ort aufzuwachen auch die ganzen Erhaltungsarbeiten nach einem schreien: Rasen mähen, streichen, Dinge gehen kaputt und wollen ganz gemacht werden. So wie ich gerade reise, kann man in alle Lebensmodelle hineinschnuppern und auch wieder wegfahren. Ich bin mir absolut bewusst, welch großes Glück ich gerade habe.

Abenteuer Waschsalon

Ich bin gespannt, was mich heute erwarten wird, denn es geht nach Bologna. Aber vorher muss ich noch Wäsche waschen. Ich habe offensichtlich nur 8 T-Shirts.

Geb doch mal deine Kohle lieber für ordentliche Klamotten aus, statt immer durch die Welt zu gondeln! Haha, nein!

Gleich im Ort ist ein Selbstbedienungswaschsalon. Er befindet sich in einem ganz normalen Wohnviertel. Ich bin allein mit mir hier drin und brauche eine Weile, bis ich alles verstanden und meinen 20 EUR-Schein in Münzen getauscht habe. Das letzte Mal war ich vor 20 Jahren in einem Waschsalon.

Waschmaschinen
Der Waschsalon in Dolo

Nachdem ich endlich die Maschine gestartet habe, was einfach ist, denn bei meinen Klamotten gibt es überhaupt nichts zu beachten. Sie sind einfach alle schwarz. Keine Gedanken über was wie passt, was ziehe ich heute an. Dafür habe ich gerade keinen Nerv und es ist außerdem angemessen.

Während der Wartezeit setze ich mich ins Auto und lese ein Buch. Das tibetische Totenbuch. Es ist wirklich sehr gut und beruhigend. So weiß ich, dass es Steffen gut geht.

Irgendwann ist die Wäsche fertig und muss nur noch in den Trockner geworfen werden.

6 EUR und 50 Minuten später habe ich wieder wunderbar saubere Klamotten für die nächsten Tage und habe wieder etwas gelernt.

Die Poebene

So kann es jetzt endlich nach Bologna losgehen. Meine Strecke führt mich durch die gigantische Po-Ebene, die ich bisher nur aus Büchern kenne. Kilometerweit nur eine einzige Ebene. Riesige Landwirtschaften, Felder, Bauernhöfe und Fabriken, in denen Reis und andere Lebensmittel produziert werden.

Mittag

Heute stoppe ich in einem Supermercado. Ich möchte heute einfach unterwegs irgendwo halten, wo es schön ist und ein kleines Picknick mit mir machen. Die Reise geht natürlich ins Geld, keine Frage. Und wenn ich schon viel Geld ausgebe, dann dort, wo es auch wirklich gut ist.

In irgendeinem Ort finde ich ein schönes neues Einkaufszentrum. Ich liebe diese italienischen Supermärkte. Man möchte sofort loskochen, da alle Zutaten so schmackhaft aussehen.

Italienischer Supermercato
Eine Frischeabteilung in einem ganz normalen italienischem Supermarkt

Der Schinken, das Fleisch, der Käse! Und dann die ganzen süßen Schweinereien. Da ich ja jetzt alles gleich aufessen werde, kann ich auch nicht zu viel kaufen. Ich habe ja auch keinen Kühlschrank im Auto. Mein Einkauf besteht aus Schinken, Käse, Brot, einem Salat – herrje, mir fehlt Gemüse! – eine Flasche Rotwein mit Schraubverschluss – ich habe den Korkenzieher vergessen… Steffen! – und sicherheitshalber was Süßes, Kartoffelchips und Äpfel für die Fahrt. Ein Klo gibt es auch noch hier,was will man mehr. Super, jetzt kann es weiter gehen.

Wieder geht die Fahrt weiter, an unendlichen Feldern, durchbrochen von Bewässerungsgräben entlang. Ab und zu ein Kanal, den man überquert und nirgends ein Wäldchen zum anhalten und Picknicken.

Renault Kangoo vor unendlicher Weite
Unendliche Weite in der Po-Ebene

Po-Delta

Ich nähere mich diesem riesigen Fluss, der Lebensader dieser Gegend. Vielleicht setze ich mich schön ans Flussufer?

Ich bemerke ein leichtes Flirren links und rechts der Straße. Was ist das? Ein neuartiges Bewässerungsverfahren? Sprühnebel? Weit gefehlt: es sind gigantische Mückenschwärme, die sich in 4 m hohen Türmen links und rechts der Straße genau über den Gräben in den Himmel schrauben. Stellenweise sieht es aus, als würde man hier durch einen Mückentunnel fahren. Wenn ich durch so einen Schwarm fahre, klingt es, wie wenn Sand auf meine Frontscheibe krisselt.

Blick durch die Frontscheibe in der Poebene
Links und rechts der Straße türmen sich Mückenschwärme auf

Hier picknicken? Ganz schlechte Idee. Fahrradfahren möchte ich hier auch nicht unbedingt.

Malaria

Die Poebene war ja früher ein bekanntes Malariagebiet. Die ganze Ebene war ein riesiger Sumpf und bis zum 19. Jahrhundert kaum bewohnt. Das Wort Malaria kommt von Mal (schlecht) und Aria (Luft). Man vermutete, dass die Krankheit von den Dämpfen, die aus den Sümpfen aufsteigen, kommt. Niemand wusste, dass die Anopheles-Mücke der Überträger war.

Emiglia-Romagna
Bewässerungsgräben in der Po-Ebene

Erst Mussolini schaffte es, die Poebene mit Hilfe von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und auf Basis eines alten deutschen Trockenlegungsplanes aus der Zeit der Jahrhundertwende das fruchtbare Land urbar zu machen und die Sümpfe auszutrocknen. So starb auch die Mücke aus. Mehr Zahlen und Fakten gibt es wieder hier.

Emiglia-Romagna
Reisfelder in der Po-Ebene

Picknick

Aber ich bekomme Hunger und das Essen wartet hinten auf mich. Meine Bitte an Steffen, mir ein geeignetes Plätzchen zu finden wird prompt erhört. Ich sehe in der Ferne einen Friedhof. Die Friedhöfe stehen hier separat, haben eine hohe Außenmauer, in die die Särge wie in große Regale geschoben werden, und sind komplett von einer hohen Mauer umgeben. Er mutet ein bisschen wie die Toteninsel von Arnold Böcklin an. Vor dem Friedhof ist ein großer Parkplatz ohne Menschen. Perfekt.

Ich parke so, dass ich mit der Frontscheibe zur Straße stehe, öffne die Hecktür und setze mich in mein Auto und picknicke. Das ist schön autistisch. Niemand sieht mich durch die geöffneten Flügeltüren, kein Mensch kommt und ich habe meine Ruhe.

italienischer Friedhof
Typische italienische Schiebegräber

Danach geht es weiter durch die Ebene. Irgendwann sehe ich in der Ferne endlich wieder Berge.

Ich checke in meiner heutigen Unterkunft ein. Ein kleines Gästehaus auf einem Landgut, 8 km von Bologna entfernt:

Podere San Giuliano

Die Dame am Empfang sagt mir, dass ich riesiges Glück gehabt habe. Denn derzeit ist eine Fliesen- und Sanitär-Messe und die Stadt ist komplett ausgebucht. Sie mussten die Zimmerpreise deswegen erhöhen und ich habe alles zum halben Preis bekommen. Ich freue mich riesig über diesen Zufall.

Es ist gegen 17:00 Uhr, es ist Zeit für ein Glas Wein. Ich möchte am Empfang fragen, aber keiner ist da. Ich gehe ins Büro. Die freundliche Angestellte begrüßt mich mit „Salve“. Ich muss schmunzeln, ich komme mir vor wie bei Asterix. Leider versteht sie kein englisch und ich kein italienisch. Das macht aber nichts. Ich habe mir ja Rotwein gekauft. Leicht asozial setze ich mich in den Garten und schreibe ein paar Notizen und trinke meinen Wein direkt aus der Flasche. So wie Steffen und ich es gemacht hätten.

Nach und nach kommt erst eine Dogge zu mir, guckt und schnuppert und geht wieder. Dann kommt die Hauskatze und setzt sich bei mir auf den Nachbarstuhl und schnurrt. Fein, kann so bleiben. Dann kommt die Dogge wieder. Dogge freut sich, Katze missversteht das und knurrt. Kurz ist Spannung, vergeht aber. Dogge geht, ich lobe Katze, dass sie so tapfer war. Läuft bei uns. Katze verabschiedet sich später mit „miau“ und verlässt die Szenerie.

Abendessen

Pünktlich 19:30 Uhr schäle ich mich nach unten. Ich bin lernfähig. Das Essen ist sehr gut. Es gibt Rindertatar mit Kaperneis

Podere San Giuliano
Rindertatar als Vorspeise im Podere San Giuliano

und echte Bolognese die so überhaupt nichts mit dem zu tun hat, was wir kennen.

Podere San Giuliano
Ragu Bolognese mit Pasta – so muss das aussehen – das Original aus Bologna

Bolognese ist eigentlich nur geschmortes Rindfleisch mit ganz wenig Tomatenmark und Weißwein geschmort. Gemüse ist kaum erkennbar und auch keine Kräuter. Die Bolognese selbst lebt eigentlich nur von dem Fleischgeschmack.

Verrückt.

Ich gehe ins Bett