Radium Palace in Jachymov

Heute beginnt mein Italien-Roadtrip. Pünktlich zum Urlaubsbeginn habe ich mich irgendwo mit Schnupfen angesteckt. Natürlich. Aber das hält mich nicht ab. Um 10:00 Uhr starte ich nach Jachymov. Es hatte sich natürlich alles wieder ein bisschen verzögert, da meine Untermieter sich verspätet haben.

Wie man Untermieter findet

Es gibt ja bei Facebook so verrückte Gruppen, die heißen „Urlaub gegen Hand“ oder „Urlaub gegen Hand für Frauen“, aber auch „Urlaub ohne Gegenleistung“ wo man kostenlos Unterkünfte gegen Gegenleistung oder auch im Tausch anbieten kann. Das habe ich gemacht. Ich finde das Konzept ganz wunderbar, da man auf diese Art überall auf der Welt kostenlos unterkommen kann und im Gegenzug nur Katzen füttern, Oliven ernten oder andere Dinge für ein paar Stunden am Tag machen braucht. Nun, jetzt kümmert sich also jemand um meine Pflanzen.

Ein guter Start

Also zurück im Text: heute Morgen gab es auch noch einen rosa gefärbten Himmel, einen Regenbogen und Raben. Steffen ist also ganz bei mir.

Hochhaus in Kreuzberg
Regenbogen und Raben – Steffen ist mit mir

Als ich dann endlich losfuhr, regnete es ordentlich und meine Nase lief. Alles war im Fluss. Ich wusste gar nicht, dass kräftig schnäuzen auf der Autobahn so ein schwieriges Unterfangen ist.

Backflash in Dresden

Irgendwann passiere ich Dresden und dort die Abfahrt „Wilder Mann“. Mein Magen krampft zusammen, dass letzte Mal waren wir hier mit Steffen am 20.01.2019 die Autobahn abgefahren, um zur Geburtstagsfeier seiner Mama zu fahren. Seitdem war ich nicht mehr hier. Der Blick streift umher, der Heidefriedhof, den er so geliebt hat, die Flutrinne, wo wir noch vor drei Jahren glücklich mit den Fahrrädern herumgecruist sind. Alles fliegt an mir vorbei. Aber der dichte Verkehr holt mich schnell in die Realität zurück. Alle fahren wie die Besengten. Ich muss mich konzentrieren.

Ich passiere Chemnitz, Annaberg-Buchholz und dann Bärenstein. Und schwupps, bin in ich schon in Tschechien. Sofort ist alles etwas lockerer, die Wiesen haben noch bunte Blumen und es gibt weniger Zäune als in Deutschland. Ich mag dieses Land sehr.

Ankunft in Jachymov

Nach vier Stunden Fahrt komme ich dann endlich in Jachymov oder wie es früher hieß und gerne auch noch von den Deutschen genannt wird: St. Joachimstal an. Die Stadt sieht etwas heruntergekommen aus, aber man kann den alten Reichtum erahnen.  Alte Villen und Bäderkultur, eine riesige Kirsche und die Uranerz-Mine. Überall sieht man alte Läden mit Jugendstil-Schrift und bröckelnde Farbe und Mörtel.

Auch hier sieht man wieder, dass die tschechische Regierung dafür gesorgt hat, dass die sozial Schwachen in die Grenzgebiete umgesiedelt wurden, man sieht viele Roma und Sinti. Und um so näher ich zum Hotel komme: Rentner.

Radium Palace

Das Hotel in Jachymov selbst ist absolut beeindruckend.

Statue vor dem Hotel
Radium Palace

Sofort fühlt man sich irgendwie an „Shining“ erinnert.

Endloser Hotelflur
Shining lässt grüßen
Treppenhaus im Radium Palace
Suspiria könnte man hier auch noch mal drehen

Im Hotel selbst werden verschiedene Kuren mit leicht radioaktivem Wasser (Radiumbäder) oder auch ganz normale Wellnesskuren und Massagen angeboten. Scheinbar macht das Radium Dinge warm, das ist wohl gut für die Knochen.

Radium hilf
Alte Werbung

Die Heilbäder und Wellnessdinge sind jedoch schon seit Wochen ausgebucht. Normalerweise verbringt man hier auch Tage bis Wochen.

Viele Araber sind auch hier, in etwa so wie in Baden-Baden. Noch vermummter als in Kreuzberg. Und Rentner. Und alle sind unfreundlich, bis auf die Angestellten des Hotels. Der Rest ist mufflig und grau. Genauso grau wie die Stadt. Also begutachte ich das Gebäude und beschäftige mich mit der Geschichte des Ortes, das ist interessanter als unwirsche Menschen.

Außerdem habe ich es verabsäumt, mich zu irgendwelchen Kuren anzumelden und heute ist es dafür zu spät. Das ist der Grund, warum ich hier gerade in meinem Hotelzimmerchen sitze und dies schreibe. Mit meinem Schnupfen gehe ich nicht schwimmen, außerdem bin ich dafür noch nicht mutig genug, das Buffet heut Abend wird meine heutige Alleinreisenden-Challenge. Aber dazu später mehr.  

Und jetzt Geschichte:

Und jetzt pumpe ich Euch mit Klugscheißerdingen voll.

Abbau von Uranerz

Seit 1853 wurde in diesem Ort Uranerz abgebaut und exportiert. Unter anderem nach Frankreich, wo Marie Curie in diesem Uranerz das Element Radium entdeckte.

Radium

Radium wurde in den 20er Jahren für die Herstellung von Leuchtfarbe benötigt. Diese wurde auf den Zifferblättern von Armbanduhren verwendet.

Radium Girls

Diese Farbe wurde in Amerika von Arbeiterinnen, den Radium Girls, für 1,50 Penny pro Uhr mittels eines feinen Kamelhaarpinzels auf die Ziffernblätter aufgebracht. Da die Pinsel schnell ihre Form verloren, wurden die Arbeiterinnen angehalten, die Pinzel mit dem Mund wieder anzuspitzen.

Da Radium hochgradig krebserregend ist, bekamen diese armen Frauen Knochenkrebs und den sogenannten Radiumkiefer. Dieser entstellte die Frauen furchtbar und sie mussten unter grausamen Schmerzen sterben.

Zwangsarbeitslager

Nach dem zweiten Weltkrieg gab es hier in der ganzen Umgebung von Jachymov ein Zwangsarbeitslager mit Kriegsgefangenen, Sudetendeutschen und politischen Gefangenen , in welchem Uranerz für die Urangewinnung für den Bau russischer Atomraketen abgebaut wurde. Die insgesamt 18 Lager fassten zu ihrer Hochzeit 50.000 Gefangene, während der ganzen Zeit des Bestehens der Lager durchliefen diese insgesamt rund 350.000 Gefangene.

Viele Gefangene und Arbeiter des Bergwerks starben später an Lungenkrebs aufgrund des radioaktiven Staubes.

Jetzt

Viele Häuser und Wohnungen stehen leer, da sie aus dem Gestein und Mörtel der Umgebung gebaut sind und dadurch radioaktiv strahlen. Deswegen sah die Stadt eingangs so trostlos aus.

Ich bin sowas von am Hotspot gerade hier in Jachymov! Wenn ich zurückkomme, leuchte ich im Dunkeln.

Aber alles nicht so schlimm, im hoteleigenen Flyer vom Radium Palace steht: Radium ist nicht halb so gefährlich, wie Penizillin. Yau, läuft!

Ich gehe dann erstmal hier was vom 11,00 EUR Buffet essen. Vielleicht gibt es noch einen Nachtrag.

Nachtrag

Es war genau so, wie ich mir es schon immer vorgestellt habe. Wenn man im Speisesaal ankommt, meldet man sich bei den Servicekräften. Diese weisen einem den Platz zu. Dann kann man sich unendliche Mengen Tee holen und am Buffet bedienen.

Ich hatte so einen rasenden Hunger, dass ich mir drei mal das Szegediner Gulasch mit Knödeln holen musste. Und diesen lustigen Bohnensalat mit Hüttenkäse und getrockneten Tomaten.

Buffetbeute

Dazu gab es dann zwei Kannen Kamillentee. Wegen dem Schnupfen.

Dieser Schnupfen läuft ohne Unterlass. Als würde in meiner Nase ein Schnüffelstück fehlen. Ich bräuchte so einen Schaumstoff-Tropfenfänger, sowas, was Oma früher an der Kaffeekanne hatte. Das war ganz schön peinlich, weil ich nur dabei war, meine Nase abzutupfen.

Egal, zurück zum Speiseraum. Alles Rentner, alte Ehepaare. Deutsche und tschechische. Alle kennen sich. Das ist eine Sache die mich leider immer wieder unreflektiert neidisch macht. Das können meine Eltern nie machen und Steffen und ich auch nicht.

Aber ich genieße diesen bizarren und geregelten Moment: 17:30 Uhr wird das Buffet eröffnet und alle sind da. Alles ist in Ordnung. Man schwadroniert über die aufmerksame Servicekraft. Alles ist gut hier. Alles ist so, wie es sein soll. Alles ist so, wie es niemals für uns sein wird.

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