Räuchern – ein Trauerritual

Wenn so etwas Furchtbares passiert, wie es mir passierte, wenn ein geliebter Mensch stirbt, hat man das Gefühl, alles gleitet einem aus den Händen. Man realisiert schmerzhaft, das nichts mehr wie zuvor sein wird und die gesamte zuvor bekannte Welt ins trudeln gerät. Man braucht etwas zum festhalten. Man braucht ein Ritual. Sonst wird man verrückt.

Als ungläubige Kinder aus Ostdeutschland haben Steffen und ich uns über die Jahre unseren eigenen Reim auf die Dinge gemacht. Wir sind gereist, haben uns mit den diversen indischen Glaubensrichtungen beschäftigt und auch die Kirche in ihren Mechanismen und Ritualen hinterfragt.

Am Ende bleibt jedoch die Ahnung, dass alles irgendwie von einer höheren Energie zusammengehalten wird.

Man kann sie nennen wie man will: Gott, Jesus, Licht, Liebe, Qi, Quantenphysik – aber irgendetwas ist da und ich möchte mich gar nicht streiten, wer Recht hat und was es letztlich ist. Das soll jeder für sich ausmachen, das gebietet uns die Toleranz. Aber es kann nicht schaden, diese Energie zu akzeptieren und anzunehmen.

Und das bedeutet auch, dass ich immer noch mit Steffen verbunden bin und diese Verbindung jeden Morgen neu feiere. Hierfür habe ich ein festes Morgenritual: räuchern:

Morgenräucherung

Jeden Morgen direkt nach dem Aufstehen entzünde ich ein Räucherstäbchen direkt vor Steffens Bild und beginne, die Wohnung zu räuchern. Hier im Bild links:

Steffen im Kreise seiner Lieben
Mein kleiner Steffen-Altar

Lasst Euch bitte nicht von dem „Hakenkreuz“ auf dem Räucherstäbchenhalter irritieren. Dies ist ein Räucherstäbchenhalter aus Indien, den wir vor 8 Jahren mitgebracht haben. Das Symbol heißt eigentlich „Swastika“ und ist ein altes Glückssymbol, welches man überall im asiatischen Raum findet. Steffen soll ja glücklich sein da drüben und kein schlechtes Gewissen haben, dass er uns alleine gelassen hätte.

Ein Ganesha, der indische Elefantengott – warum er so heißt, findet Ihr in diesem Buch heraus – bewacht das Ganze und Steffens geliebte Tempelfigur ist auch da. Der Fuchs ist aus Österreich, von einem wunderbaren Kurzurlaub mit Freunden und erinnert immer an diese Zeit. Und wer „Chihiros Reise ins Zauberland“ kennt, kennt auch das Ohngesicht – No-Face. Steffen konnte sein Geräusch so wunderbar nachmachen.

Das weitere Ritual besteht darin, dass während des Räuchern mit den anderen bereits Verstorbenen zu sprechen, die schon auf der anderen Seite sind:

Familie auf der anderen Seite
Familienaltar

Ich rede beim räuchern mit Steffens Oma und Opa, meiner Oma und meiner Mama – und dann bitte ich sie, sich heute wieder um Steffen zu kümmern.

Das bedeutet: Schokoladenkuchen backen (Omas), eine ordentliche feine Suppe mit Eigelb (Steffens Oma), Teigtaschen machen (Mama) und heimlich eine Zigarette mit Opa (Opa) rauchen. Also alles, was Steffen glücklich macht.

Danach gehe ich noch eine Runde mit den Räucherstäbchen gegen den Uhrzeigersinn durch die Wohnung um den Rest auszuräuchern und dann sind alle Geister besänftigt und ich kann in den Tag starten.

Dadurch bin ich den ganzen Tag mit Steffen verbunden.

Räucherstäbchen räuchern

Meine japanische Freundin hat mir direkt nach Steffens Tod diese Räucherstäbchen geschenkt:

Räucherstäbchen um den Verstorbenen zu Begleiten
Japanische Räucherstäbchen

Wie alles aus Japan, sind die Verpackung der Räucherstäbchen wunderschön. Wenn irgend ein Land Stil und Funktionalität aufs Vortrefflichste vereint, ist das Japan. Das geht so weit, dass diese Räucherstäbchen rauchfrei verbrennen. Damit die Feuermelder nicht aktiviert werden. Diese Japaner!

Diese Räucherstäbchen sollen in den ersten 100 Tagen nach dem der Verstorbene beerdigt wurde, angezündet werden. So sollen sie den Verstorbenen beim räuchern auf die Reise auf die andere Seite begleiten. Deren Design ist eher grau und weiß und die Düfte sind erdig.

Nachdem die ersten 100 Tage vorbei sind, gibt es andere Räucherstäbchen. Deren Motive werden dann blumiger und positiver. So, wie die in den violetten Verpackungen.

Ganz toll für sämtliche Rituale sind auch die guten alten bekannten Räucherstäbchen:

Nag Champa

Nag Champa war Steffens Lieblingsduft. Immer wenn ich im Asiamarkt Lebensmittel einkaufen ging, musste ich ihm eine Packung zum Räuchern mitbringen. All seine Kleidung und die Taschen rochen nach diesen Räucherstäbchen.

Was habe ich mich darüber aufgeregt.

Was würde ich dafür geben, Steffen wieder mit seinen duftenden Klamotten vor mir stehen zu haben …

Sandelholz – Sandalwood

Ich mag diesen Duft am meisten. Er ist angenehm pudrig und orientalisch. In Indien werden Sandelholz-Räucherstäbchen bei Hochzeiten und Beerdigungen angezündet. Das Räuchern hat verschiedene positive Auswirkungen auf den Körper und die Psyche:

  • entzündungshemmend
  • entspannend
  • macht aufmerksamer
  • wird in Indien als Aphrodisiakum eingesetzt

Warum täglich räuchern?

Dieses Ritual sorgt dafür, dass man sich jeden Tag mit dem Tod auseinander setzt und es langsam versucht zu akzeptieren, dass derjenige verstorben ist. Das ist natürlich schmerzhaft, aber Akzeptanz ist das Einzige, was gegen den Schmerz zu helfen vermag.

Räucherschale

Dann gibt es auch noch die Räucherharze für die größeren Rituale. Da diese so intensiv sind, dass man nach dem Räuchern wahrlich lüften sollte.

Räuchern von Weihrauch
Räucherschale

Wie ein perfektes Räucherritual funktioniert, das findet Ihr auf dieser Seite.

Bei jedem Vollmond habe ich mir ein Räucherritual angewöhnt. Bei jedem räuchern fühle ich mich mit Steffen verbunden.

Ich persönlich liebe es, folgende Harze zum räuchern:

Weihrauch

Weihrauch aus dem Harz des Weihrauchbaumes – auf englisch „frankincence“ – hat einen wunderbaren wohligen umhüllenden Geruch. Der Weihrauch hat viele positive Wirkungen, zum Beispiel:

  • stark entzündungshemmend
  • schmerzstillend
  • desinfizierend
  • lindert Spannungen
  • fördert einen erholsamen Schlaf
  • entspannt das Hirn
  • antidepressive Wirkungen
  • beeinflusst Psyche positiv

Für Katholiken ist der Geruch natürlich klar mit der Kirche verbunden, aber für so ein unberührtes Ding wie mich ist er beim räuchern einfach wunderbar und stark.

Weihrauch in der Kirche

Wusstet Ihr, dass Weihrauch eine bewusstseinsverändernde Wirkung hat?

Der Weihrauch wurde in der Kirche bewusst eingesetzt, damit sich Gottes Wort, bzw. das Wort des Pfarrers noch tiefer ins Hirn hämmert. In Verbindung mit der Augenstellung, also den nach oben in die Kanzel gerichteten Augen, verstärkt es die hypnotisierende Wirkung des Weihrauchs beim Räuchern und damit die in der Messe gesagten Worte.

Ein weiterer nicht zu verachtender Fakt ist, dass Weihrauch dem Geruch von Leichen etwas ähnelt aber den Gestank wunderbar übertüncht:

Im Mittelalter bis Barock war es sehr beliebt, direkt in der Gruft unter der Kirche, und am nähesten unter dem Altar beerdigt zu werden. Wenn man jetzt Kirchen betritt, sieht man immer noch diese riesigen Gruftabdeckungen mit ihren Ringen im Kirchenboden. Dieses Privileg lies man sich ordentlich etwas kosten.

Sehr aufschlussreich hierzu ist ein Besuch in der Michaelerkirche in Wien neben der Hofburg. Hier konnte man nicht nur bei Gott sondern auch noch direkt beim Kaiser beerdigt werden. Mehr geht nicht.

Sämtliche Adelige der Stadt wollten hier beerdigt sein. Die Zugänge zu den jeweiligen Gruften sieht man jetzt noch im Kirchenboden.

Jetzt stellt euch mal vor, wie das gestunken haben muss.

Und genau deswegen hilft Weihrauch, da das Weihrauch räuchern wunderbar den Leichengeruch übertüncht.

Kampfer

Kampfer ist ebenfalls ein Harz des Kampferbaums. Es kommt in klaren Kristallen daher und kann natürlich missverstanden werden, wenn man damit von der Polizei angehalten wird…

Es riecht nach Eukalyptus und Minze und sorgt durch diese Frische und Reinheit für Klarheit.

Ebenfalls werden dem Kampfer beim räuchern positive Wirkungen bei Erkältungskrankheiten nachgesagt.

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