Resilienz

Mein Wort zum Sonntag, mal wieder. Heute über das Thema Resilienz.

Gedanken zum Verlust oder mein persönlicher Umgang mit der Trauer

Noch kein Ereignis in meinem Leben hat mich bisher so in das Jetzt gestürzt.

Bis zu Steffens Tod kreisten stets die Gedanken um unsere Zukunft, wie wir das Catering weiterführen, wie wir mit irgendeinem Min-Max-Prinzip Geld verdienen können, so viel, dass ich es selbst erwirtschaften und Steffen mit davon leben kann. Der Kopf war die ganze Zeit an. Das musste ich, da wir beide gemeinsam selbstständig waren.

Nachteile der Selbstständigkeit

Selbstständigkeit ist ein Leben losgelöst von den üblichen sozialen Hängematten und Absicherungen. Du arbeitest oder du verhungerst oder kannst deine Miete nicht zahlen und musst deswegen HartzIV beantragen. Oder auch: du arbeitest, das Finanzamt frisst die Hälfte von allem und du kannst gerade so leben. Du bekommst keine Wohnung, keinen Kredit (Nachtrag: neuerdings geht das) und bildest Dir ein, du wärst frei und besser dran, als ein Angestellter. Weit gefehlt.

Und der Zahn der Freiheit wird dir dann auch gleich nicht gerade liebevoll und unsanft von den Behörden gezogen. Mit viel Blut, Schmerzen und Geld.

Aber wir kamen einfach nicht heraus aus dieser seelenbrechenden Maschine.

Familiendinge

Parallel schulterte ich alle die Geschichten aus der Vergangenheit, die Familiengeschichten, die mich scheinbar mit der jetzt notwendigen Resilienz versorgt haben, die seit 80 Jahren allesamt entsetzlich sind. Zum Beispiel wären da der Hirnschlag meiner Mama, welcher nach 12 Jahren Pflege durch meinen Papa in Mamas Tod endete.

Immer wiederkehrend die lähmenden Gefühle, wenn du einen geliebten Menschen wiedermal ins Krankenhaus begleitest und irgendwie ahnst, dass du auch diese Person verlieren wirst. Der Moment, der sich sich gerade mit Steffens Krebserkrankung wiederholte, und nicht zu vergessen der schmerzhafte Verlust der Leichtigkeit mit Steffen, der durch unsere verbitterte Arbeit und die Krankheit kam.

Jetzt

Und jetzt plötzlich ist das alles so weit weg, es berührt mich gerade nichts davon, was mal war, da ich im JETZT sein muss. Scheinbar ist dies die Resilienz: Ich fühlte mich noch nie in meinem Leben so leicht.

Steffen hat mir das erste Mal in meinem Leben Leichtigkeit geschenkt und natürlich nicht zu vergessen, Ihr alle mit Eurer finanziellen Hilfe. Dafür bin ich so dankbar!

Eine feste Säule der Resilienz ist das Verstehen, dass man das das Vergangene nicht zurückholen oder ändern kann. Das Vergangene kommt nie wieder. Keiner der Verstorbenen kommt jemals zurück und redet mit mir. Wenigstens habe ich WhatsApp-Videos von Steffen, so habe ich für immer seine Stimme und seinen Humor festgehalten. Von meiner Mama habe ich nichts, bzw. das Video, das es mal gab, ist irgendwo auf einer DVD verschwunden.

Ich muss mir jetzt mein neues Leben mit mir schaffen.

Resilienz


psychische Widerstandskraft; Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen

Google.de

Immer öfter stolpere ich über dieses Wort, wenn ich mich damit beschäftige, mit Steffens Tod umzugehen.

Vielleicht sind meine Ahnen auch eine Quelle meiner Resilienz. Ich habe irgendwo gelesen, dass Resilienz vererbbar ist. Dies lässt sich bei vielen Nachkommen der Überlebenden der Shoa nachweisen. Flüchtlinge haben auch eine höhere Resilienz, da sie furchtbare Dinge erleben mussten. Manche können es wiederum nicht so gut verarbeiten und werden über das Erlebte schier wahnsinnig, was ich auch komplett verstehe.

In meiner Familie ist auch ziemlich viel Übles passiert: 2. Weltkrieg, Leningrad, russischer Opa, deutscher Opa, alle tot, Prag 68, Unangepasstheit in der DDR – soll ich darüber eigentlich mal ein Buch schreiben? Wäre vielleicht hilfreich.

Und da ich ein Kind der DDR bin, bin ich auch schon frühzeitig mit den grauenvollen Geschichten über die Abscheulichkeiten der Nazis, später der Russen und der Japaner usw.usf. aufgewachsen.

Diese Abscheulichkeiten wurde von übersättigten, ideologisierten, selbstgerechten und selbstgefälligen Menschen ohne einen Fetzen Empathie mit einem einfachen Häkchen gesteuert und entschieden. Absolute Willkür. Jenseits irgendwelcher Nationalitäten. Solche Menschen gibt es in jedem Land und in jeder Nation. Auch hier braucht man niemals nach dem „warum“ fragen, denn es bringt einen nicht weiter.

Ich habe mich immer damit beschäftigt, wie schlimm es sein muss, wenn das normale Leben sich von heute auf morgen verändert und man mit nichts entweder neu starten kann bzw. muss und parallel die Liebsten irgendwo umgebracht wurden. Selbst heute sauge ich sämtliche Geschichten aus dem 2. Weltkrieg oder jetzt gerade dem Balkankrieg auf.

Geschichten darüber, wie Menschen völlig unschuldig aus dem Nichts wegen Politik oder Religion und Befindlichkeiten anderer (!) alles verlieren. Und dann mit dieser unglaublichen Resilienz weiter leben.

Dies relativiert meinen Schmerz um Steffen etwas, denn ich weiß, dass Steffen die letzten Tage sehr gelitten hat und es am Ende eine Erlösung für ihn war.

Ich habe ein Bild von ihm eine Stunde nach dem Tod gemacht. Ich schaue es mir immer an, wenn ich es nicht wahr haben will, dass er wirklich nie wieder kommt. Er sieht so erlöst aus, als hätte er ein letztes Mal mit einem erleichterten „hach“ ausgeatmet.

Niemand ist schuld an seinem Tod. Ich konnte ihn bei jedem seiner letzten Wege begleiten. Es gibt einen schönen Ort, wo er jetzt ruht. Dieses Glück haben nicht viele.

Memento Mori – Sei Dir der Sterblichkeit bewusst!

Wiener Zentralfriedhof
Steffen auf dem Wiener Zentralfriedhof

Steffen und ich waren in jedem Urlaub, in jeder Stadt, in der wir waren auf dem Friedhof. Wir lieben Friedhöfe. Es rückt das eigene Leben in ein anderes Licht, ein Licht der Vergänglichkeit. Alle die da liegen, hatten große Hoffnungen und Ziele, sie haben geliebt, sie wurden geliebt und sie haben sich über all diese Kleinigkeiten geärgert, wie wir auch. Und jetzt sind sie tot. Wie wir es auch irgendwann sein werden. Das relativiert auch einiges. Deswegen müssen wir jetzt – im Jetzt – leben!

heute vor einem Jahr:

Die einzigen Rückblicke, die ich mir gerade noch zulasse, sind die von Facebook oder Google-Fotos.

Die Erinnerungen verraten mir, dass wir heute vor einem Jahr eine Hochzeit mit über 120 Personen zu bekochen hatten. Es war Pfingsten und das war erst der Pfingstsamstag. Am Montag sollten wir eine weitere Hochzeit mit 80 Personen zu bekochen haben. Das war das tougheste Wochenende seit langem.

Diesbezüglich bin ich überhaupt nicht wehmütig und nicht neidisch auf diesen Tag im letzten Jahr und genieße jetzt und heute diesen faulen, lediglich mit etwas Bürokratie angereicherten Sonntag.

Tipps für Euch für das Jetzt:

  • nehmt so viele Videos und Bilder von Euch und von geliebten Personen auf. Für Landschaftsbilder gibt es Bildbände von professionellen Fotografen
  • wenn es Dir schlecht geht, denke an jemanden, dem es noch schlechter ging und der es trotzdem geschafft hat, zu überleben
  • Esst mehr Schokolade!