Über uns

Wir sind Steffen Glaeser und Dana Heidrich. 2007 gründeten wir zuversichtlich unser Catering, welches nun nach mehr als 10 Jahren endlich erfolgreich läuft. 2014 haben wir geheiratet.

Krebserkrankung

Im Sommer 2018 wurde bei meinem Mann Krebs diagnostiziert. Ein Nasopharynxkarzinom, welches schnell gestreut hat. In diesem Blog möchten wir Wege aufzeichnen, mit und trotz Krebs zu arbeiten und zu leben.

Dieser Blog ist ein Erfahrungsbericht der Mut machen soll und helfen möchte, mit Rezepten, Ernährungstips und Sarkasmus das Ganze zu überleben.

Ernährung bei Krebs

Aufgrund der jahrelangen Erfahrung im Catering und der täglichen Auseinandersetzung mit Rezepten und Ernährung, habe ich festgestellt, dass die Ernährung bei Krebs einen wichtigen Teil zur Genesung beiträgt. Daher teste ich neue Rezepte. Die Rezepte werde ich von Zeit zu Zeit hinzufügen.

Wir möchten auch anderen Betroffenen Mut machen und deren Angehörigen helfen.

Krebs ist ein Arschloch, bedeutet aber nicht zwangsweise gleich Tod. Auch wenn Hollywood uns das ständig suggeriert. Krebs ist nicht

Einzelzimmer – Glatze – Schläuche – Tod.

Nein! Er hat viel mehr Facetten.

Wir möchten auch anderen Betroffenen und deren Angehörigen helfen und Mut machen.

Selbsständig mit Krebs

Begleitet uns bei unserer Daily Krebs Soap aus der Hölle. Während der Krebserkrankung führe ich selbstständig mit Krebs unser gemeinsames Unternehmen weiter.

Bitte lest den Blog vom ersten Tag an, vielen Dank!

Der Blog wird nicht tagesaktuell gepostet, da ich über einen Monat gebraucht habe, mir etwas klarer zu werden, wie es weiter gehen könnte. Daher die Zeitverzögerung um einen Monat.

Klicke bitte da:
Beginnt am 10.07.2018

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24./25.09.2018 – 13 Grad – Tag 76/77

Heute gibt es einmal einen Doppel-Tages-Post, da diese beiden Tage laut meinen Aufzeichnungen so unspektakulär und normal waren, dass man die beiden beruhigt zusammen erwähnen kann.

Am Montag habe ich nun endlich meinen Termin bei der Allgemeinärztin, mein Blut wurde komplett ausgewertet. Es gibt keine Borrelien, keinen aktiven Epstein-Barr-Virus, alle Werte sind ok. Das Blut im Urin war in der Tat wohl eine Blasenentzündung, die ich mal eben komplett weggedrückt habe. Faszinierend. Also was das betrifft, behandeln Steffen und ich wohl unsere Körper nach dem Motto, erst wenn man den Kopf unter den Arm klemmen kann, ist es wirklich schlimm. Krebs = Schnupfen, Blasenentzündung = leichte Krämpfe, doppelter Bandscheibenvorfall = Rückenschmerzen. Diese Selbstständigkeit hat einen schlimm hart zu seinem Körper werden lassen. Und es gibt nur eine Richtung: Vorwärts. Das müssen wir auch ändern. Man hat nur einen Körper, da kann man nicht so mit umgehen.

Aber eine Kleinigkeit hätte ich da: einen eklatanten Vitamin D Mangel. Meine Zahl ist 23, der Normbereich empfiehlt 20-80. Also ich bin quasi mitten in der Depri-Line, in der U-Bahn des Grauens. Meine Blutwerte sind so gothic wie das ganze WGT-Treffen in Leipzig. Ich bekomme hochdosiertes Vitamin D verschrieben. Damit kann ich leben. Werde ich wohl bald bunte Kleidung mit türkisen Karos tragen wie die Touristen in Berlin.

Am Nachmittag gehts zu den lieben Friseurmädels, dort wo immer Nick Cave läuft und es keine ermüdenden Nachfragen nach Kindern gibt. Da ich aller zwei Monate dort bin, um meine Brett-Anderson-Gedächtnisfrisur und die Farbe, seien wir ehrlich, aufzufrischen, ist es immer ein gutes Datum um zu schauen, wo man beim letzten Termin stand. Beide kennen natürlich Steffen und fragen nach seinem Befinden. Vor zwei Monaten war der Krebs noch neu, jetzt haben wir einen groben Fahrplan. Mal sehen was dann im November wieder los ist.

Am Dienstag geht Steffen seine Chemotherapie-Pumpe in der Charité abmachen lassen. Sicherheitshalber einen Tag eher, da wir ja am Mittwoch früh in den Urlaub fliegen. Wenn alles gut läuft… ich werde es erst glauben, wenn ich im Flieger sitze. Steffen ist aufgrund der Chemo wackelig auf den Beinen, aber optimistisch. Zurück in der Freiheit und ohne Portnadel in sich drin, genießt er wieder einen Kaffee im Charité-Campus.

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Auf dem Rückweg von meiner Pilatesrunde sammel ich ihn ein.

Steffen hat endlich auch seinen Schein vom Gesundheitsamt, dass er das Cannabis-Öl mit nach Italien nehmen kann, Atemschutzmasken für den Flieger sind auch gekommen, dem morgigen Tag steht nichts mehr im Weg. Wir sind aufgeregt.

23.09.2018 – 13 Grad – Tag 75

Sonntagmorgen. Wir genießen die stressfreie Zeit zu zweit.

Und da ist ja dieser niegelnagelneue BioChef Entsafter. Steffen hatte aus Spaß gestern schon damit herumexperimentiert und ist kläglich gescheitert, da es drei verschieden zu kombinierende Malmaufsätze gibt, einen ganz groben, einen mittelgroßen und einen ganz feinen. Ungefähr so, wie eine Flotte Lotte funktioniert, nur mit Malmschnecke und diversen Schlupflöchern, die verschlossen werden müssen, bis am Ende dann Saft entsteht. Küchenmaschinen aktivieren und Steffen sind zwei verschiedene Welten. Das sorgt im Catering auch manchmal für Theater. Das ist aber auch ok so, so konnte er gestern schon sämtliche Sollbruchstellen an diesem neuen Gerät herausfinden.

Also starten wir heute den 2. Versuch, verbunden mit meiner stoischen Stiergeduld. Und siehe da, ein Hammerteil. Ein Netz Rote Bete, 3 kg Karotten, 2 kg Äpfel, frischer Ingwer und Ananas werden zermalmt und ergeben einen wunderbaren frischen Saft in ungeahnter Qualität. Hammerteil. Wir sind begeistert. Der Körper ist völlig irritiert ob der vielen Nährstoffe, aber es tut uns richtig gut.

Nachdem alle Einzelteile abgewaschen wurden, basteln wir uns ein wunderbares Frühstück und genießen den faulen Sonntag mal wieder mit Netflix. Seit der Krebserkrankung ist jede Stunde zu zweit extrem kostbar.

Am Abend gibt es endlich Nachschub vom feinen Honig aus der Uckermark. Frau H. und Herr R. kommen zu Besuch, und bringen auch noch saftige Uckermärker Birnen mit. Zu viert machen wir uns die chinesischen Teigtaschen. Da es ja Wochenende ist, darf Steffen auch Fleisch essen, Bioschweinefleisch von der LPG.

Frau H. macht eine wunderbare vegane Füllung aus Shitake-Pilzen und Kürbis für die Teigtaschen.

Mit Freunden gemeinsam kochen und essen ist dann die zweitliebste Beschäftigung von uns an einem Sonntag. Ein weiterer wunderbarer Tag.

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22.09.2018 – 14 Grad – Tag 74

Samstag, ein komplett unspektakulärer Tag. Wie schön. Morgens arbeite ich am PC, Steffen kommt 10:00 Uhr aus der Charité nach Hause, wir frühstücken gemeinsam. Die Chemotherapie ist wieder für die nächsten drei Tage angeschlossen:

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Gegen 11:00 Uhr fahre ich wieder in die Küche und koche 40 Portionen Indisches Curry für die BlueManGroup. Links im Bild das Kichererbsencurry, aus Verlegenheit mit Kaisergemüse, da der Blumenkohl bei der Metro aus war… und rechts das Hühnchencurry mit Erbsen. Für die Basis muss man Unmassen von roten Zwiebeln anbraten, ungefähr 4 Kilo. Das macht viel Freude beim klein schneiden und dem anschließenden Braten.

Nach der Auslieferung komme ich nach Hause, es wird ein wunderbarer fauler Abend mit Netflix.

 

21.09.2018 – 30 Grad / abends 17 Grad – Tag 73

Ich starte meinen Morgen vorbildlich mit LaVita und einem Smoothie für mich und koche gleich einen Chagatee für Steffen, für später im Krankenhaus, und ein Glas Chagatee für mich. Danach setze ich mich an die letzten noch zu versendenden Angebote für die Zeit nach unserem Urlaub im Oktober.

Es ist jetzt 9:00 Uhr, Steffens Lieblings-HNO-Arzt, also der Arzt, der ihm am Ende geholfen und Tacheles geredet hat, hat ab jetzt Sprechstunde und ich fahre auf gut Glück hin, da ich seit April eine verstopfte Nase habe. Und im Rahmen der ganzen Ärztechecks, die ich jetzt auch an mir durchführen lasse, will ich jetzt auch dieses Thema geklärt haben. Natürlich habe ich Paranoia, dass ich dasselbe wie Steffen habe. Das in mir auch so ein beschissener Krebs wächst. Das fing ja bei ihm auch so an. Jeden Abend taste ich meine Lymphe ab usw. usf.

Der Arzt hat seine Praxis im 1. OG eines Nachkriegs-West-Neubaus. Vor dem Eingangsbereich ist es etwas kreuzbergtypisch schmuddelig aber auf seine Art familiär. In der Praxis angekommen, sind nur zwei Patienten vor mir noch dran. Die Praxis ist schön hell. Alles ist retro eingerichtet. der Schreibtisch ist aus schwerer Eiche. An den Wänden hängen David Bowie Poster. Zimmerpflanzen ranken. Man fühlt sich sofort aufgehoben. Ich verstehe Steffen, man fühlt sich gleich aufgehoben.

Dann ruft mich der Arzt auf, er ist mir sofort sympathisch. Er ist strukturiert, fokussiert, fundiert und aufmerksam. Als ich sage, dass ich die Frau von Steffen bin, huscht ein bedauernder Schatten über sein Gesicht. „Oh, das tut mir leid, grüßen sie ihn bitte ganz herzlich“. Nun schildere ich mein Problem und meine Sorgen. Er durchleuchtet Nase und Rachen, ich sage noch, dass ich eine leichte Erkältung habe. „ja, das sehe ich“. Nach der Visite lehnt er sich zurück und gibt mir Entwarnung, alles ist ok, wahrscheinlich habe ich eine allergische Reaktion auf irgendetwas in der Luft. Wir werden im November einen Allergietest machen. Bis dahin bekomme ich Nasenspray.

Er meint, es ist völlig normal, dass, wenn man sehr empathisch ist, selbst dieselben Symptome durchmacht. Was für ein Satz. Knaller. Er meinte, dass er während seines Studiums bei jedem neuen Thema sämtliche studierten Krankheiten selbst durchlitten hat. Wir lachen. Ich bin erleichtert. Wir werden uns im November wiedersehen.

Danach fahre ich wieder nach Hause und hole mir noch unterwegs beim Bäcker Frühstück.  Ich schließe unten mein Fahrrad an. Dass ist schlau, da ich bei Betreten meines Wohnhauses feststelle, dass die Fahrstühle nicht fahren. Sie hängen irgendwo fest. Das ist fein. Also, aufwärts, 11 Stockwerke zu Fuß.

Ich mache mein Frühstück, setzte mich hin, setze den Kaffee zum trinken an. Das Gesicht verformt sich zu einem debilen Grinsen, Erlösung.

Klingel! Klingel, Klingelllll!!!!. Es klingelt an der Tür. Von ganz unten, von der Gegensprechanlage. Ich gehe ran, es ist die freundliche ältere Nachbarin Frau A., mit der ich immer im Fahrstuhl quatsche. Sie fragt, ob die Fahrstühle im 11. Stockwerk hängen, das fragen die Fahrstuhlreperateure, die gerade eingetroffen sind. Ich gehe gucken und ja, alle beide hier, alle beide angeknipst, keiner fährt. Sie sagt, sie wohnt im 7. Stock und würde bis dahin auch durch das Treppenhaus gehen, hat aber ihren Hackenporsche dabei und dieser ist mit ordentlich Einkäufen aus dem Aldi voll geladen.

Ich sage: „kennen Sie das Buch „Timur und sein Trupp“? Ne? aber genau so machen wir das, ich komm runter und helfe ihnen“. Also, alle 11 Stockwerke wieder runter und sie freut sich. „Ach Mensch, das müssen Sie doch nicht machen!“ Ich so, „doch! Schwachen und älteren Menschen muss man helfen.“ Ich nehme den Hackenporsche, und sie wackelt mit. Der Einkaufswagen ist schwer, aber „ja“ heißt „ja“. Im 2. Stock kapituliert sie, sie hat Bluthochdruck. Ich sage ihr, sie soll auf den Fahrstuhl warten, ich stelle den Einkauf vor der Wohnung ab. Gesagt getan. Die restlichen 4 Etagen zu mir sind easy. Endlich Frühstück. Der Kaffee hat jetzt auch Trinktemperatur.

Nach dem Mittag fahre ich mit dem Rad zu Steffen in die Charité. Der Fahrstuhl fährt wieder. Wir treffen uns im Campushof und trinken Kaffee.

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Bei Steffen angekommen, bekomme ich die Mitteilung, dass die DPD-Pakete in dem PickUpShop angekommen sind! Plötzlich geht ein Sturm los, wir müssen unsere Kaffee zuhalten. Fahrräder fallen um. Schnell fahre ich mit dem Rad nach Hause, schnappe das Auto und endlich hole ich die Pakete ab: Graviola-Blätter und die Saftpresse ist da. Feierabend. 17 Grad. Der Sommer ist tot! Endlich!

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20.09.2018 – 29 Grad – Tag 72

Da ich Steffen noch mal eine Nacht bei sich zuhause gegönnt habe, stehe ich zeitig auf und kann meine Computerdinge machen. Er kommt gegen 9:00 Uhr zum Frühstück und wir machen uns frische Smoothies, LaVita und Schnitte mit Brot. Frau H.s selbstgemachter, also der von ihren Bienen selbstgemachte Honig aus der Uckermark ist alle. Skandal. Wir brauchen neuen! Steffen packt seine Tasche, heute geht’s wieder in die Charité zur 3. Chemo. Ich nehme ihn mit auf dem Weg zur Metro, kaufe ein, dann geht’s in die Küche.

Und da ist ja noch das DPD – Problem. Langsam brauchen wir die Pakete, da wir ja ab Mitte nächster Woche im Urlaub sind. Also setze ich das Nudelwasser für die BMG an. Bis ein Topf mit Wasser für 40 Mann kocht, dauert es eine gute Stunde. Ich habe also Zeit und fahre zu DPD gleich um die Ecke. Die armen Kerle, die dort am PickUpShop arbeiten, tun mir leid. Aufgebrachte Menschen stehen Schlange und fragen nach ihrem Paket und rauchen danach Zigaretten vor Wut, weil die Pakete verschwunden sind.

Der DPD-Bearbeiter sagt mir, dass heute oder morgen das Paket in den von mir benannten PickUpShop geliefert werden wird. Wenn nicht, ist es wohl weg. Dann müsse ich neu bestellen. Das ist eine schöne Sache, nur nicht, wenn man schon alles vorab bezahlt hat.

Ich frage ihn, was eigentlich das Problem ist, und er sagt, die Lagermöglichkeiten sind einfach zu klein, das riesige Lager ist jetzt schon zu klein kalkuliert für den ganzen Bestellansturm und es ist noch nicht mal Weihnachtsgeschäft… Die Leitung kalkuliert damit, dass man das Paket ja neu bestellen könne, wenn es verschwunden ist.

Merke: lass Dir nichts über DPD anliefern! Schon gar nicht zu Weihnachten!

Und wie immer trifft es die armen Würste an der Information bzw. dem PickUpShop. Ungebremst entlädt sich die Wut der Besteller über ihnen. Es gab mal wieder zu viele Umstrukturierungen und Optimierungen. Die wütenden Kunden sollten mit ihrer zu recht geballten Wut besser mal die Spitzen-BWLer treffen oder Wirtschaftsberater, die alles zu Tode optimieren und von fremder Leute Arbeit leben und profitieren. Dieser immer schneller drehende Kapitalismus ist nicht gut für uns Menschen.

Ich bedanke mich freundlich für die Auskunft und er meint nur, danke, dass sie die Woche lang schon Geduld mit uns hatten. Das war wohl der einzige Freundlichkeitshöhepunkt für den armen Kerl an dem heutigen Tag.

Zurück in der Küche mache ich fix das Essen fertig und liefere aus. Ich habe eine kleine Erkältung. Und mache mir abends eine leckere Reisbowl mit Sushireis.

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19.09.2018 – 28 Grad – Tag 71

Ich wache auf, wie immer ist aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen der erste Blick aus verschlafenen Augen der Blick auf die Facebook-Erinnerungen meine erste Amtshandlung nach dem Aufwachen. Die Erinnerungen rücken alles irgendwie in irgendein obskures Verhältnis und zeigen einem, wo man ungefähr steht.

Heute vor einem Jahr hatte ich mein Gespräch mit dem Chirurgen in der Charité, der meine sinnlos weiterwuchernde Schilddrüse endlich ordentlich herausoperieren sollte. Da ging es mir richtig beschissen, da ich so eine Angst hatte, irgendjemand könne mir die Stimmbänder zerschneiden oder die Nebenschilddrüsen zerstören, da eine Zweit-OP immer mit Risiken verbunden ist. Im Gegensatz zu Steffens Impact natürlich Pipifax, aber vor einem Jahr hat es meine ganze Welt bedeutet.

Vor einem Jahr ging es mir also richtig beschissen. Super, also geht’s mir dieses Jahr doch schon mal besser.

Da ja Steffen über Nacht bei sich war, kommt er pünktlich um 9:00 Uhr zum Frühstück vorbei. Eigentlich soll er ja heute in die Charité kommen, damit die 3. Chemotherapierunde angepluggt wird, aber sie haben kein Bett für ihn frei, sondern erst wie geplant morgen, am Mittwoch. Also wird es nächste Woche spannend, mit dem Urlaub. Im Ernstfall muss er sich auf eigene Gefahr entlassen, damit wir den Flieger bekommen. Desweiteren brauch er noch eine Bescheinigung für sein Cannabisöl, damit er es mit in den Flieger nehmen kann. Dafür brauch er einen Stempel vom Gesundheitsamt. Also telefoniert er den ganzen Morgen sämtliche Gesundheitsbehörden der Stadt ab, wo er denn diesen Stempel bekommt. Die Feststellung des Tages ist, das die Behörden total nett sind und ihn auch zurückrufen und helfen. Das ist nicht dass, was man erwartet.

Steffen braucht sein Cannabisöl, da er über den Tag mehr Appetit davon bekommt und nachts schlafen kann, wie ein Stein. Und wie wir alle wissen, ist Schlaf gut für die Genesung.

Eine weitere Baustelle ist ein Paket, auf das ich seit einer Woche warte. Es wurde längst versandt aber verlässt das Lager von DPD nicht. Der Fahrer war angeblich da, was nicht stimmt. Um es idiotensicher zu machen, habe ich die Pakete in einen Paketshop umgeleitet. Aber nichts passiert. In den Paketen ist die super neue Saftpresse für 350 EUR und Graviola Tee, natürlich schon vorab bezahlt. Es bleibt spannend. Der Kundendienst antwortet nicht. Einfach abwarten.

Graviola-Tee hat angeblich eine krebshemmende Wirkung, auch das wollen wir ausprobieren.

Und ich habe so schöne Äpfel von Papas Apfelbaum mitgebracht. Ich bin etwas genervt. Ich hasse es, wenn Dienstleister nicht Dienst leisten.

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Photo by Yash Lucid on Pexels.com

18.09.2018 – 30 Grad – Tag 70

Steffen weckt mich, natürlich habe ich schlecht geschlafen und Kopfschmerzen. Alkohol 1, Dana 0. Aber der Schmerz wird gleich von der Aufregung weggedrückt. Wir gehen zum Bäcker! Zum magischen Eberhardt-Bäcker. Das ist lustig. Da wo ich herkomme, in der Oberlausitz, wird jeder durch seinen Nachnamen definiert. Also zum Beispiel: die Neumann-Ilse, der Schiefelbein-Erich, der Eberhardt-Bäcker.

Der Eberhardt-Bäcker heißt natürlich nicht mehr so. Es gab einen Besitzerwechsel, aber glücklicherweise auch einen Wechsel des Backbuches auf den neuen Besitzer. Und deswegen ist das DER Bäcker, der die besten Backwaren und Bauernkuchen macht. Wir öffnen die Ladentür, dieser wunderbare Duft gebackener Semmeln und Brote und Mohnhörnchen schlägt uns entgegen. Wir verfallen in Kaufrausch. Und Steffen bekommt ausnahmsweise ein Stück Mohnkuchen „en Streefl Mohnkuche“. Ausnahmsweise, weil Zucker. Der Beutel ist schnell voll. Für gnadenlose 9,00 EUR. Beutel mitzunehmen ist übrigens Pflicht. Wenn man keinen Beutel hat, wird man gleich als Auswärtiger erkannt. Aber natürlich auch ohne Beutel. Und das ist die Ausbeute:

Bäckerschätze
Milchsemmeln, Mohnhörnchen und Mischbrot

Wir frühstücken. Diese Semmeln sind so gut, man braucht nur Butter und Salz dazu. Alles andere verfälscht den Geschmack. Wir drehen völlig durch. Steffen isst auch gleich noch den Mohnkuchen und verfällt in Schwärmereien. Großes tiefes Glück.

Aber alles hat ein Ende, wir müssen los. Ich muss in drei Stunden in Berlin sein, da ich mittags wieder meinen Pilates-Termin habe. Natürlich wird es wieder fürchterlich knapp, dank der Staus im Berufsverkehr. Da ich natürlich während des rasanten Starts am Samstag nach dem Marathon-Wahnsinn meinen Turnbeutel vergessen habe, müssen wir kurz zuhause stoppen.

Ich öffne die Tür, es riecht komisch. Mal wieder. Nach Wasserschaden. Ok, wir öffnen vorsichtig die Türen, muss man ja machen, man muss ja wissen, was los ist. Aber eigentlich wollen wir es nicht wissen, weil, was man nicht sieht, ist ja nicht da. Und dann das:

Es plätschert richtig. Es tropft in der Küche von der Decke. Die Decke im Bad und im Schlafzimmer ist auch nass. Egal, ich muss zum Sport. Atemlos werfe ich Steffen ein paar Befehle hin, was zu tun ist. Hausmeister anrufen und so weiter. Ich fahre zum Sport. Mir ist auch das irgendwie egal. Regelt ja am Ende die Hausverwaltung und ich muss mich nicht wirklich darum kümmern und kostet mich auch kein Geld.

Das gute an richtig beschissenen Lebenserfahrungen, wie zum Beispiel Steffens Krebserkrankung, ist die Scheißegal-Haltung, mit der man am Ende durch das Leben fährt. Soviel kann man gar nicht kiffen, das einem das Leben und alles drumherum so egal wird. Bei Sätzen, die mit „Stell Dir mal vor, wenn … “ anfangen, fange ich schon regelmäßig an zu lachen. Ich brauch mir nichts vorstellen, das kommt von ganz alleine, dieser Dauerdrop aus dem Füllhorn aus Scheiße. Was irgendein verschissener Gott über mir offensichtlich für immer geparkt und vergessen hat. Wie die Dame ihr Auto weiland im Parkhaus 10 Jahre lang vergessen hat. Irgendwo im Westen.

Steffen der Gute regelt derweil alles mit dem Hausmeister. In meiner Küche steht das Wasser. Der Nachbar unter mir ist auch schon da und klingelt. Er hat durch unseren nassen Küchenboden auch einen Fleck an der Decke. Der feine Herr über mir, der der die übel stinkenden Billigzigaretten den ganzen Tag quarzt und hustet, als hätte er eine alte Dampflok gefressen, ist völlig zugedröhnt im Wohnzimmer, also 5 m vom Epizentrum entfernt, eingepennt, während seine Spüle mit dem dreckigen Abwasch überlief. Und lief und lief. Der Hausmeister im Verbund mit meinem Nachbar unter mir hat ihn dann geweckt. Steffen hat die Küche bei mir aufgewischt, damit es nicht weiter nach unten tropft. Wasserhähne wurden gestoppt, die Wasserflut beendet. Steffen ist zu sich nach Hause gefahren.

Als ich dann nach dem Sport nach hause komme, freue ich mich auf ein süßes Teilchen vom Bäcker, welches ich mir von heute früh gesichert habe und einen schönen Kaffee. Ich koche meinen Kaffee und gieße die Milch hinein. Die Milch ist sauer.

Hiermit kapituliere ich vor diesem Tag und gehe um 19:00 Uhr ins Bett. Mit sperrangelweit geöffneten Fenster. Damit der die feuchte Schlafzimmerdecke trocknen kann.

17.09.2018 – 26 Grad – Tag 69

Halb Acht springen wir aus dem Bett und laufen zum Bäcker. In meinem Heimatort gibt es den besten Bäcker, den ich kenne. Da dieser Bäcker aber heute am Montag Ruhetag hat, müssen wir zum Alternativbäcker, der ist nicht ganz so toll, aber immer noch besser, als jeder Bäcker in Berlin.

Dann hurtig mit den Backwaren nach Hause, frühstücken, da wir heute mit der Bimmelbahn fahren!!!! Diese Idee wurde gestern Abend spontan geboren, die Zugabfahrtszeiten dank neuer Medien gecheckt und der Plan festgezurrt.

Als wir nun zum Zug laufen, ruft mich die Arzthelferin meiner Allgemeinärztin an, die Blutwerte sind da. Sie meint, bis jetzt habe ich nur Vitamin D Mangel, alles andere erfahre ich dann im Termin nächste Woche. Ich mache mich kurz verrückt aber anders herum betrachtet, solange ich den Termin nicht habe, habe ich auch nichts, weil ich ja nichts weiß. Und Steffen sagt den beruhigenden Satz, „wenn es etwas schlimmes wäre, würden die es Dir direkt sagen“. Das hat er jetzt gelernt. zwangsweise.

Zurück zu diesem wunderbaren sonnigen Herbsttag. Also: 10:15 Uhr geht der Zug nach Zittau. Der ehemals mondäne Bahnhof steht mittlerweile leer, man kann nicht mehr in das Gebäude.

Bahnhof Ebersbach-Neugersdorf

Auf der Warteplattform wurde ein kleiner Wartepunkt für die nun kommende Mini-Bahn eingerichtet. Nach 20 Minuten sind wir auch schon in Zittau. Faszinierend. Früher brauchte man irgendwie für die Strecke ewig. Aber da war ich auch 15 Jahre alt und da war das Zeitgefühl wohl noch ein anderes.

Und in Zittau angekommen geht es zur Bimmelbahn. Wir fahren nach Oybin. Die Bimmelbahn ist eine alte Dampflok mit wunderbaren alten Personenwagen mit Austritt vorn und hinten. Wo man theoretisch sogar draußen stehen kann. Auf den Tischen stehen Blumenvasen. Alles ist aus Holz. Und ganz neu gibt es auch einen Cabrio-Anhänger, ohne Verdeck.

Nun, wir stehen in der Schlange und warten, um uns die Fahrkarten zu kaufen. In dem Moment raunt mir Steffen zu, als er sieht, dass der Herr vor uns 44 Tickets kauft, „Dana, reserviere uns Plätze auf dem Cabriowagen!!!“ im selben Moment drückt mir mein Vater drei Karten in die Hand, irgendwie aus Reflex. Ich renne mit den Karten in der Hand, ich denke nur, dass es Flyer sind, aus dem Kartenhäuschen und sprinte zum Zug und reserviere die letzte freie Vierergruppe für uns. Ah, die Vorteile als Stadtmensch… da schaltet man manchmal etwas schneller.

Irgendwann kommen dann auch Papa und Steffen dazu, wir sind happy über die Plätze und wir stellen fest, dass ich soeben drei Postkarten geklaut habe. Das fängt ja super an. Danke Papa!

Und dann geht die gemächliche Fahrt dampfend ins Zittauer Gebirge los. Es ist so wunderbar unglaublich schön.

Dann gehen wir auf den Oybin, Papa erzählt Geschichten aus meiner und seiner Kindheit.

Der Oybin ist ein altes Kloster, welches nach einem Blitzschlag ausgebrannt ist. Das Kloster steht auf einem Sandsteinfelsen und ist wahnsinnig malerisch. Caspar David Friedrich hat hier viele seiner Motive her.

Auf dem Oybin essen wir Mittag und sitzen und gucken. Ein Traum. Und es gibt Himbeerlimo. Wie früher!

Am Ende verbringen wir 4 Stunden hier oben und gucken und staunen. Das ist alles so wunderschön.

Dann gehen wir wieder runter ins Tal.

Die Bimmelbahn kommt in ca. 10 Minuten, ich kaufe uns allen noch ein Eis.

Wir fahren wieder mit der Bimmelbahn zurück nach Hause und sind um 18:00 Uhr da.

Steffen und ich machen meinem Papa mexikanische Tortillas.

Nach dem Abendessen trinken Papa und ich einen Wodka auf Mama. Heute ist ein ganz besonderer Tag. Heute vor 20 Jahren hatte meine Mama genau um diese Zeit einen Hirnschlag. Danach änderte sich das Leben unserer ganzen Familie für immer. Im Grunde genommen wurde das Familiengeflecht zerschlagen, da die Mama, die alles zusammengehalten hat, weggefallen ist und meine Brüder ob der Sache ohnmächtig wurden, darüber zu reden und in verschiedenen Formen flüchteten.

Ich rede das erste Mal mit meinem Papa richtig über diesen alles verändernden Abend im September. Wie das genau war. Wie er sich gefühlt hat. Bisher haben wir immer nur über das danach, die furchtbaren langen 12 Jahre der Pflege, den Kampf mit den Krankenkassen und Krankenschwestern geredet und waren auch selbst dabei. Aber über den eigentlichen Abend des Impacts reden, das gab es noch nie. Die Hilflosigkeit, den Krankenwagen, die Ängste. Das tut gut, wir weinen zusammen.

Asiatische vegane Kürbiscremesuppe

Herbstsuppe mit Chilli

Besonders im Herbst ein Träumchen, diese warme schmeichelnde Kürbiscrémesuppe mit Ingwer und Chilli feuert richtig schön den Körper durch und hinterlässt ein wohliges und sattes Gefühl.

Auch schon wieder Soulfood! Und auch Superfood! Und so gesund! Und soooo lecker!

Vielleicht nicht so gut, kurz nach der Chemo, wenn der Mund empfindlich ist. Aber danach und davor!

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Asiatische vegane Kürbiscremesuppe
Eine leichte und schnell zubereitete Kürbiscremesuppe. Kürbis ist reich an Beta-Carotin, Vitamin C, Kalium und Ballaststoffen. Der Ingwer, Zimt und Kurkuma kurbeln die Immunabwehr an.
Herbstsuppe mit Chilli
Vorbereitung 15 Minuten
Kochzeit 30 Minuten
Portionen
Portionen
Zutaten
Vorbereitung 15 Minuten
Kochzeit 30 Minuten
Portionen
Portionen
Zutaten
Herbstsuppe mit Chilli
Anleitungen
  1. Kürbis würfeln, die Schale kann dran bleiben, Zwiebeln kleinschneiden, Möhren in Würfel schneiden
  2. Das Öl in einen Topf geben, die Zwiebeln anschwitzen, bis sie leicht glasig werden. Den Ingwer und Chilli mit dazugeben und kurz anschwitzen. Nun den Kurkuma und Zimt darüber stäuben, pfeffern und salzen und alles kurz mit anschwitzen, bis es fein duftet und mit dem Orangensaft ablöschen.
  3. Nun den gewürfelten Kürbis und die Möhre hinzugeben und die Brühe, aber nur soviel Brühe, dass diese gerade den Kürbis bedeckt, es kann auch noch etwas Kürbis herausgucken. Kürbis ist so wasserhaltig, dass, wenn man zu viel Brühe hinzu tut, die Suppe zu dünn wird. Deckel auf den Topf geben und köcheln lassen
  4. Nach ca. 30-40 Minuten, wenn die Möhren weich sind, die Kokosmilch und die Sojasoße hinzugeben und alles pürieren. Nochmal abschmecken, fertig
Rezept Hinweise
  • Wenn die Gewürze ins Spiel kommen, bitte nicht verbrennen, nur leicht anschwitzen, bis es duftet
  • Bitte nur soviel Brühe hinzugeben, dass diese gerade den Kürbis bedeckt, es kann auch noch etwas Kürbis herausgucken. Kürbis ist so wasserhaltig, dass, wenn man zu viel Brühe hinzu tut, die Suppe zu dünn wird. Deckel auf den Topf geben und köcheln lassen - die ml-Zahl ist nur ein Richtwert, es kommt immer auf die Größe des Kürbisses an

16.09.2018 – 26 Grad – Tag 68

Nach der gestrigen Familienfeier schlafen wir bei Steffens Eltern in dem kleinen Puppenhäuschen. Puppenhäuschen, weil es ein Reihenendhäuschen ist und alles ist schmal und eng und das ganze Haus besteht nur aus Treppen.  Es ist wahrscheinlich das letzte Mal, die letzte Nacht für uns in diesem Häuschen, denn das Häuschen wurde verkauft und geht im November auf den neuen Käufer über. Die vielen Treppen sind im Alter nicht wirklich gut für Steffens Eltern.

Da Steffens Mama das ganze Haus ausmistet, da ja bekanntermaßen das Raumvolumen eines Hauses gewöhnlich nicht in eine Wohnung passt, bittet sie Steffen, durch alte Fotos und Dinge zu wühlen, ob er etwas brauche, bevor es weggeworfen wird. Zusammengefaltet hocken wir zu dritt auf dem super engen Dachboden und durchwühlen alles relevante. Das ist so spannend, durch Familiengeschichte zu wühlen, schnell geht so der Vormittag vorbei. Wir haben eine Tüte mit Bildern von Omi und schöne alte Vasen gesichert.

Mittags geht es zum Probeessen für die Familienfeier im Januar.  Unser Rat als Caterer ist gefragt. Steffen isst ausnahmsweise Ochsenbäckchen, ich vegetarische Knödel mit Rahmchampignons. Die vegetarischen Alternativen in klassischen Gaststätten sind nicht so prall, aber es geht ja nicht um unsere Feier, sondern die der Mama. Da das Essen handwerklich gut war, raten wir die Schwiegereltern dazu, dort die Feier auszurichten.

Nach dem Essen fahren wir noch weitere 80 km gen Osten zu meinem Papa. Das erste mal für Steffen ohne Kopfschmerzen, Steffen genießt so sehr den veränderten Moment. Das letzte mal waren wir vor dem Start der Chemotherapie im August da, vor einem Monat. Da hat Steffen noch doppelt gesehen und 24 Stunden lang Kopfschmerzen.

Papa hat Würste vom Fleischer besorgt, die haben wir uns der Einfachheit halber gewünscht, außerdem gibt es dort, wo ich herkomme eine besondere Wurstfülle. Ich meine nicht die Auswahl an Würsten, sondern die Füllung der Würste. Die Bratwürste heißen schlesische Bratwürste und sind leicht mit Zitrone und Muskat abgewürzt. Diese gibt es wirklich nur in der Oberlausitz. Und heißen eigentlich „Schlabberwürste“, weil sie roh und ungebrüht, also „schlabberig“ sind. Am klassischsten sind sie bei uns eigentlich als Weihnachtsessen. Die Würste gibt es gebraten, dazu Sauerkraut, gebratene „geschmurgelte“ Zwiebeln und Kartoffeln. Und das Ganze dann zu Heiligabend, am 24.12., aber wir grillen sie heute einfach.

Weil wir bei meinem Papa sind, trinke ich ausnahmsweise auch ein Bier mit Papa.

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