Weiter geht es in Richtung Süden, während ich Südtirol passiere und nach Trentino fahre. Zwei Nächte in Pozzo di Fassa sollten reichen, um mich von der ersten längeren Autobahn-Tour zu erholen. Wie ist es so am Tag 1 der Italien-Wiedereröffnung 2021?

Es regnet und es ist kalt an diesem 6. Juni 2021. Von meinen Freunden in Berlin erreichen mich Nachrichten von hitzigen Berliner Nächten, Temperaturen an die 30 Grad auf Fensterbrettern. Davon kann ich hier gerade träumen. Der Dauerregen hat mich in den Schlaf gerieselt und auch wieder aufgeweckt. Ideales Wanderwetter, hätten wir früher gesagt, meine Kindererinnerung würgt sauer auf und geht frühstücken. Gottseidank muss ich nicht mehr wandern gehen. Sorry Eltern, sowas kann echt traumatisieren.

Am Frühstückstisch sitzen ein paar junggebliebene alte Männer aus Sachsen. Ich erkenne sofort den Dialekt und bevorzuge es, besser zu schweigen, denn Gespräche mit denen brauche ich jetzt gar nicht. Ich bin die einzige Frau im Raum und schon beginnen sie sich zu produzieren. Geschichten und Wandererlebnisse werden herumschwadroniert, einer teilt den anderen plötzlich stolz mit, dass er nun „ein Ei legen gehen wird“. Sowas halt. Humpelnd schleppt sich der Typ an mir zur Toilette vorbei. Ich kann nichts von dem vorher verkündeten Glanz eines achsotollen Alphamännchens sehen. Ich muss schleunigst weg von hier, irgendwohin, wo ich die Menschen nicht verstehe.

Also starte ich Richtung Italien, welches seit heute (06.06.2021) nicht mehr zu den Corona-Risikogebieten zählen soll. Mein Antigen-Test ist somit obsolet. Aber wiederum bin ich eine der ersten Deutschen, die Italien jetzt offiziell einfach so betreten können. Ich bin also ab Tag 1 in Italien.

Österreichische Grenze

Zunächst muss ich jedoch über die österreichische Grenze. Der kleine Grenzübergang Achenwald ist niedlich und besteht nur aus einem Container, in welchem ein blutjunger Grenzer steht. Schnell zieht er sich die FFP2 Maske über, ich auch. Ich frage ihn, welche Unterlagen er benötigt, er fragt, wo es hingeht. Ich sage: „Italien“. „Da brauche ich nichts, gute Fahrt“. Nicht mal den Ausweis, gar nichts. Schön. Ich kreische kurz auf, das war ja einfach. Im Internet las ich vorab, dass der Transit durch Österreich ohne weiteres möglich ist, ein Zwischenstopp wird jedoch nicht unbedingt empfohlen.

Die lokalen Spritpreise von 1,15 EUR für den Diesel locken mich dennoch aus der Reserve. Bevor die Dieseldiskussion beginnt, hierzu meine 50 Cent. Die Automatentankstellen sorgen für eine coronakonforme Betankung ohne menschlichen Kontakt, ganz genau so wie ich es liebe. Menschlicher Kontakt muss nicht unbedingt sein.

Langsam fällt mir jedoch ein nicht enden wollender Strom aus entgegenkommenden deutschen PKWs, die Richtung Grenzübergang fahren, auf. Dieser wird nur unterbrochen von endlosen Motorradkolonnen. Dazu später noch mal. Langsam klickert es bei mir: im Westen war doch am Donnerstag Feiertag und viele haben ein verlängertes Wochenende jenseits von Deutschland gemacht. Da haben die Urlaubs-Shamer jetzt ja ordentlich zu tun, denn die PKWs kommen aus ganz Deutschland. Alle waren gefühlt in Österreich bzw. Italien übers Wochenende, denn Ferien sind ja noch nicht, oder?

Italienische Grenze

Seit der österreichischen Grenze habe ich beschlossen, nur Landstraße zu fahren, denn auf diese Weise erfahre ich einfach mehr vom Land, kann anhalten, wenn ich will und das Szenario genießen. Ich liebe es, Auto zu fahren, ich weiß nicht, was da bei mir schief gelaufen ist. Als Beifahrer wird mir sowieso immer schlecht, gut, dass jetzt niemand mehr da ist, der um den Vorrang am Steuer kämpft (hat Steffen nie gemacht). Wenn ich aber in andere Autos sehe, sind die Rollen stehts klar verteilt. Mann fährt und Frau(chen) sieht gut aus auf dem Beifahrersitz. Ich würde dank meiner Reisekrankheit wahrscheinlich auf die Armaturen brechen, bei all den Kurven hier. Nichts mit niedlich und hübsch. Egal, zurück zum Thema.

Brennerpass

Ich habe den Grenzübergang am Brenner gewählt. „Brennerpass“ das Wort, das feuchte Träume bei jedem Alpenliebhaber macht. Was hat es denn nun mit diesem Brennerpass auf sich?

Zugegeben, das ganze Szenario aus Bergen, gigantischen Brücken und Autobahnen ist schon beeindruckend. Herr Freud hätte seine wahre Freude. Von tief unten in Innsbruck schraubt man sich auf schwindelerregende Höhe, links schießen Autos auf der Brennerautobahn vorbei.

Heerscharen von Motorradfahrern allerorten. Kolonnen und waghalsige Mannöver vor und hinter mir. Ein dicker schwarzer Motorradfahrer zerschellt fast an meinem Auto, weil er unbedingt in der Kurve überholen möchte. Überall stehen dicke alte Männer in Lederkombis gepresst am Straßenrand und schwadronieren miteinander. Das ist nicht schön anzusehen.

Easy Rider rotiert im Grab. Die Revolution frisst ihre Kinder. Die meisten sehen ein bisschen so aus, als würden sie die Easy Riders von heute genauso abballern, wie die Spießer im Film die Rocker von damals. Aber hey, Vorurteile, was weiß ich schon. Nix.

Den Film kann man sich hier oder indem man auf das Bild oben klickt gerne als Nachhilfe bei Amazon prime ansehen (werbung).

Brennero

Das eigentliche Örtchen Brennero besteht nur aus Outlets aneinandergereiht an Outlets, dazwischen einige Pizzerien und Cafeterias. Die Outlets glitzern, die restlichen Häuser bräuchten seit ungefähr 50 Jahren einen neuen Putz. Warum sehen die Grenzorte in Italien irgendwie immer raffelig retro aus? Nicht dass es mich stören würde, ich persönlich mag das raffelige Imperfekte ja, aber unsere an das Perfekte gewöhnten Augen müssen sich dann die mahnende Zensur aus dem Hinterkopf anhören: „liederlich!“.

Innerlich bereite ich mich schon auf das Grenzkontrollszenario vor. Dinge, die ich echt hasse. DDR-Kindheits-Trauma wahrscheinlich. Ausweis, Antigentest, Einreiseschriebs und FFP-2-Maske liegen bereit. Doch da kommt nichts. Kein Grenzer, kein Posten, rein gar nichts.

Und schwuppdiwupps bin ich in Italien. Kreisch. Und ein Eurospin auf der linken Seite. Wieder kreisch. Endlich! Seit einem Jahr endlich mal wieder im Ausland. Mein Herz hüpft.

Während ich talwärts dank Motorbremse schnurre, befindet sich ein endloser Stau auf der Gegenseite. Auf der Autobahn und auf der Straße. Kilometerlang. Im Radio ist die Rede von 20 km. Überall endlos aneinandergereihte Autos mit vornehmlich deutschem Kennzeichen. Ich bin nicht neidisch. Eine Polizist reißt mich aus der Beobachtung, brav zücke ich sofort meine Papiere. Aber er reguliert nur eine Ampel. Hui, sind die Uniformen der italienischen Polizei schön schneidig.

Südtirol und Trentino

Südtirol war bis vor kurzem noch Hochrisikogebiet, nicht nur deswegen umfahre ich es. Mein Ziel führt mich nach Trentino. Ich möchte ins italienische Gebiet. Ich suche mir die verrücktesten Pässe zum Überqueren. Hier oben liegt noch Schnee, es regnet und vom Dauerregen entstehen überall Sturzbäche und Wasserfälle, trotz Regen und Wolken ist es wunderschön.

Da erst ab heute so etwas wie Tourismus möglich ist, sind alle Urlaubsorte noch gespenstisch leer. Es ist surreal. Die meisten Hotels sind noch im Notbetrieb, Restaurants sind geschlossen. Es sind kaum Menschen unterwegs. Normalerweise würde es um diese Jahreszeit wohl übervoll sein, die Hotels wären ausgebucht und überall wären Menschen. Jetzt sieht man jedoch nur ein paar Radfahrer (Alter, Respekt – ums Verrecken würde ich das nicht hier tun) und Wanderer. Die nette Dame im Café kann kaum meinen 50-EUR-Schein wechseln.

Endlich wieder guter Espresso.

Dafür liebe ich Italien. Der Espresso ist hier einfach unfassbar grandios. Das bekommt keine chromglitzernde Maschine im heimatlichen Haushalt, die sich neben dem Thermomix sonnt, so gut hin. #isso

Tief atme ich durch. Endlich bin ich wieder in Italien. Italien und die Kombi allein reisen macht mich unfassbar glücklich.

Hotel Terme Antico Bagno

In meiner heutigen Unterkunft angelangt, bin ich eine von 9 Gästen. 9! Die Inhaber sind unglaublich freundlich, sprechen italienisch, deutsch und englisch. Das Zimmer ist riesig (jedoch etwas dunkel) mit Blick auf den Waldhang im Süden. Nach Vastu zumindest besser ausgerichtet als gestern. Mein Kopf liegt nach Westen. Da geht noch was.

Da ich beschlossen habe, faul zu sein, habe ich Halbpension gewählt. Das war im Nachhinein sehr schlau, da fast alle Restaurants noch geschlossen haben. Abends gibt es ein Gängemenü, das Frühstück wähle ich per Fingerzeig aus und wird mir an den Tisch gebracht. Es ist nicht alles schlecht nach Corona. Besser als sich mit Menschen ums Buffet zu pressen (obwohl ich Buffets liebe).

Hotel Terme Antico Bagno

Strada di Bagnes n., 23, 38036 Pozza di Fassa TN

http://www.hoteltermeanticobagno.it/

Man sagt mir, dass ich ohne Anmeldung das Schwimmbad benutzen kann. Nach der Übernahme meines Zimmers durch mein stetig wiederkehrenden Ritus des alles in alle Ecken Schmeißens werfe ich mich selbst in den Bikini und Bademantel und fahre ins Erdgeschoss mit dem Thermenpart. Niemand! Da ist niemand!

Ich benehme mich wie immer dumm, da ich nicht weiß, ob ich mich vorher oder nachher und wo und wie duschen muss, keine Badelatschen habe, mich in den endlosen Gängen verirre und die Vorwegweiser falsch lese. Ich bin der größte Trottel in Thermen, gut dass mich hier keiner sehen kann.

Doch irgendwann finde ich dann doch den Pool und ich bin ganz allein!

Wie geil ist das denn bitte?

Nach ein paar Runden schwimmen wechsele ich zum Whirlpool und finde den Startknopf. Ich quietsche. Wie geil ist das denn? Das alles hier ist nur für mich und kein anderer Mensch kommt. Ich entdecke noch weitere Schalter, die im ganzen Pool versteckt sind und diverse Dinge machen. Ich drehe durch vor Glück. Ich spiele „toter Mann“ im Wasser und keiner kommt. Es gibt also keine Videokameras. Denn keiner kommt, keiner guckt, keiner nervt. Keine doofen Kinder, keine anderen Menschen. Was habe ich bitte für ein Glück?

Ich weiß nicht, ob ich heute noch mal in den Pool gehe, denn wenn ich etwas in meinem Leben gelernt habe, ist es das, dass eine phänomenale Sache beim zweiten Mal wiederholen, nicht nochmal so gut werden kann. Deswegen muss man alles beim ersten Mal ausgiebig genießen.

Nicht beim nächsten Mal, sondern jetzt!

Heute gönne ich mir wohl einen Aperol auf der Terrasse.