Distanz bei Krebs und Trauer

Ich habe schon öfter gehört, dass sich viele Menschen von einem abwenden und sich distanzieren, wenn man mit der Krebsdiagnose, einer Krankheit oder einem Sterbefall an die Öffentlichkeit geht. Am meisten schmerzt es jedoch, wenn gute Freunde oder Familienmitglieder in diesem Moment auf Distanz gehen.

Manche melden sich einfach nicht mehr, andere verschieben eventuelle Gespräche auf das „danach“ – natürlich ist dies nur bei der Krebsdiagnose möglich.

Andere möchten während der Krebsdiagnose nicht mit dem Kranken über seinen Tod reden und lassen ihn mit seinen Sorgen allein.

Warum gehen Freunde und Verwandte bei der Krebsdiagnose oder dem Tod auf Distanz?

Diese Ignoranz und das Desinteresse tun weh und das irritiert einem in dem sowieso schon schrecklichen Moment furchtbar. Man fühlt sich allein gelassen und mit einem grausigen Makel behaftet.

Im schlimmsten Fall wird man auf diese Personen, die sich distanziert, sehr wütend, denn man ist verletzt.

Manchmal ist das in dem Moment sogar noch schlimmer, als die eigentliche Diagnose, da das Band der Liebe, was einen mit der Person verbunden hat, die sich jetzt abwendet, abreißt.

Man wälzt sich stundenlang in Gedanken in den Schlaf und sucht nach Gründen. Wir hatten uns doch so lange so gut verstanden? Warum ist diese Person so abweisend zu mir? Warum gehen alle auf Distanz?

Als Konsequenz möchte man denjenigen aus seinem Kontaktkreis schließen damit man diese Schmerzen nicht mehr spürt. Man fängt an, die distanzierte Person zu hassen. Und Hass ist niemals gut.

Was ist aber die Ursache für dieses Verhalten?

Jeder Mensch hat Ängste.

Ich hatte mal eine Kollegin, die hatte eine furchtbare Angst vor alten Menschen und sprach so hässlich über Rentner. Es tat richtig weh, ihr zuzuhören. Stets ging sie auf Distanz zu älteren Menschen. Sie steigerte sich in ihre Abscheu hinein, malte in Bildern aus, wie furchtbar die faltige Haut ist, wie gebrechlich sie sind und obendrein sind sie auch nicht mehr ganz fit im Kopf. Und immer sind alte Menschen irgendwie allein. Sagte sie.

Bis ich verstand: Sie hatte rasende Angst vor dem eigenen Älterwerden, vor dem eigenen Verfall.

Zu seinen Freunden oder Verwandten auf Distanz gehen und sie dadurch allein zu lassen, ist einfach eine Form von Selbstschutz.

Man möchte sich nicht mit seinen ureigensten Ängsten konfrontieren.

Ich zum Beispiel habe eine furchtbare Angst vor Krankenhäusern. Jedesmal stirbt der derzeitig liebste Mensch, den ich habe und dort hinbringe oder besuche.

Und da haben wir auch gleich die Lösung:

Man distanziert sich aus Angst. Aus Angst vor dem jeweiligen Schicksal, vor dem man sich so fürchtet. Und dieses Schicksal ist auf eine grausame Art und Weise jedoch leider nicht aufzuhalten. Es wird eben irgendwann irgendwie passieren.

Herrje, jetzt rede ich wie mein Papa, denn als ich solch eine große Angst vor der Schule hatte, dass ich monatelang vor Bauchschmerzen nicht hingehen konnte, sagte mein Vater nur: „Na und, dann kriegst Du halt paar aufs Maul“. Dafür habe ich ihn gehasst. Und dann musste ich eben zur Schule gehen. Ich habe zwar keine „aufs Maul“ bekommen, aber dafür Mobbing. Die subtile Art der Prügelei. Auch nicht schön. PS: ich lebe immer noch

Ich schweife ab. Noch mehr dazu findest du in diesem Artikel.

Was kann man also tun?

Leider kann man das Verhalten der anderen nur in den seltensten Fällen ändern und fühlt sich allein gelassen.

Verzeihe

Um den eigenen Seelenfrieden zu finden, verzeih denen, die auf Distanz gehen. Sie handeln nur so aus ihrer eigenen Angst heraus. Sie wissen es einfach nicht besser. Es hat nichts mit deiner Person zu tun, es ist ihre ganz eigene Angst. Versuche das zu verstehen und verzeih ihnen innerlich. Das nimmt dir die bösen Gedankenkreisel und Einschlafprobleme.

Lerne

Wenn Dich das nächste Mal jemand aus deinem Freundes- oder Bekanntenkreis mit so einer Diagnose oder Schocknachricht konfrontiert, versuche, dich in den anderen hinein zu versetzen. Wie würdest du dich fühlen? Gehe in deine Angst hinein. Hilf dem Betroffenen. Was würdest du jetzt brauchen? Sei für ihn da. Höre zu. Biete Hilfe an.

Versuche besser zu sein als dein unreflektiertes Selbst.

Konfrontiere dich mit deiner Angst.

„Jegliche Furcht rührt daher, dass wir etwas lieben.“

Thomas von Aquin

Warum ist Alleinsein auch wichtig?

Aber dennoch ist Alleinsein so wichtig. Aber für diese Art Einsamkeit muss man sich selbst entscheiden.

Ich meine nicht das allein gelassen werden, sondern freiwillig und selbst die Einsamkeit zu suchen, um seine ureigensten Ängste und Gedanken zu sortieren.

Die frei gewählte Einsamkeit kann sehr heilsam sein, beispielsweise wenn man sein Leben neu überdenken will oder wenn eine Beziehung in die Brüche gegangen ist.

Die Einsamkeit kann helfen, sich neu zu organisieren. 

Auf dem Weg zum Weststrand auf dem Darß

how to handle shit

Heute vor einem Jahr begann das Grauen. Vor exakt 12 Monaten wusste ich noch nicht, was auf uns zukommen würde. Ich wusste nicht, dass ich einmal die Königin des „how-to-handle-shit“ werden würde.

Vor einem Jahr

Es war Ostermontag, wir unternahmen mit meinem Papa eine kleine Wanderung. Steffen ging es nicht so gut, er klagte über schlimme Ohrenschmerzen. Dem war auch der kalte und stürmische Wind nicht zuträglich. Es war nicht so schön wie heute.

Morgen vor einem Jahr werden wir das erste Mal die geschwollenen Lymphknoten ertasten.

Und das erste Mal dieses dumpfe kalte Gefühl in der Magengegend spüren. Das Gefühl der grauenvollen Vorahnung, die sich leider so schrecklich bewahrheiten wird.

Was habe ich seit dem gelernt?

Es ist absolut sinn- und zwecklos, sich über die Monstrosität der Zukunft Gedanken zu machen. Entweder kommt es schlimmer, gewöhnlich passiert jedoch gar nichts und am Ende wirst Du das eh irgendwie durchstehen.

Ich bin der Beweis auf dieser Welt dafür. Der arme Steffen in seiner Welt auf seine Art auch.

Da wo er jetzt ist, hat er keine Schmerzen mehr und wahrscheinlich bekommt er das jetzt alles hier gar nicht mehr mit und wenn doch, dann ist alles von Liebe erfüllt. Es ist also auch ok. Sterben müssen wir alle irgendwann.

Das ist einerseits erschreckend aber auch beruhigend.

Das einzige was uns weh tut, ist unser egoistischer Schmerz über den Verlust unseres Steffen. Die nicht mit ihm genutzte Zeit, vielleicht die nicht gesagten Worte und dass wir ihn nie wieder neben uns sitzen haben, lachen hören und seine Gegenwart genießen können. Das müssen wir mit uns ausmachen.

„Ich habe so eine Angst vor der Zukunft“

Wie reagiert man also am besten auf die lähmende und manchmal alles bestimmende Zukunftsangst:

Stelle Dir das Schlimmstmögliche vor, was passieren könnte und versetzte Dich komplett hinein. Was würdest Du tun? Könntest Du das schaffen? Ja? Wie würdest Du das machen?

Sehr gut. Dann brauchst DU jetzt auch keine Angst davor haben.

Dana Heidrich

Das klingt jetzt vielleicht verrückt oder einfach nicht vorstellbar, daher hier ein paar Fallbeispiele für „how-to-handle-shit“, welche sich steigern:

Fallbeispiele:

„Der Bus kommt nicht, ich komme zu spät auf Arbeit“ – Na gut, dann bist Du halt eine halbe Stunde zu spät, die hängst Du eben hinten dran. Das Meeting wurde deswegen verschoben? Hingen an der Entscheidung im Meeting Menschenleben? Nein? Super. Es ist nicht schlimm.

„Mein Kind schafft die Zensuren nicht, es wird niemals studieren können!“ – dann macht es halt eine normale Ausbildung, vielleicht wird es da sowieso glücklicher als in einem Studium. Niemand macht mehr normale Ausbildungen, alle studieren. Aber die Leute, die mit ehrlicher Hände arbeiten, sind gefragt, gefragter denn je. Auch in der virtuellen Welt ist ohne Studium sehr viel erreichbar. Das ist gar nicht schlimm.

„Mein Arm ist gebrochen, ich bin wochenlang krank geschrieben. Wer macht jetzt meine Arbeit auf der Arbeitsstelle?“ – geschenkt, wer einmal eine Kündigungswelle mitbekommen hat, weiß wie schnell jemand ersetzt wird. Jeder ist ersetzbar. Falls es wirklich kritisch ist, ist man auch per Mail erreichbar und kann helfen. Und wenn Du deswegen gekündigt wirst, was kaum möglich ist, wirst Du auch wieder einen Job finden. Genieße doch die freie Zeit und mach einfach mal etwas, was Du schon immer wolltest!

„Ich habe Krebs/Mein Partner hat Krebs“ – Stell Dir das schlimmste vor, was passieren kann. In dem Fall ist das wohl der Tod. Was wird danach? Ich habe immer gesagt, wenn Steffen stirbt, springe ich vom Balkon – easy – 11. Stock. Aber trotzdem hat mit mir eine Freundin über das Danach gesprochen. Ein Jobangebot da, der Blog hier. Vielleicht auch Bücher schreiben. Für Steffen war es einfach die Erlösung von den unsäglichen Schmerzen, die er in verschiedener Art und Weise seit 11 Monaten hatte. Und er sagte einmal zu mir, dass er es verstehen kann, wenn sich Menschen umbringen, weil sie Dauerschmerzen haben.

Die andere schlimme Vorstellung ist ein Pflegefall – und ja, das wäre am Ende natürlich auch gegangen, wie alles. Man hätte Anträge ausgefüllt, das Catering aufgelöst und hätte sich irgendeinen Job gesucht.

Man schafft einfach alles. Es ist unglaublich, zu was der Körper fähig ist.

How to handle shit:

  1. alle Dimensionen einmal vorstellen und bis zum Schluss durchdenken
  2. für jedes Szenario eine Lösung skizzieren und gegebenenfalls irgendwo notieren
  3. abhaken und weiterleben! Ja genau! einfach leben! Im Jetzt!
Nach dem Sturm

15.11.2018 – 10 Grad – Tag 128

Auch dieser Tag mit seinen drei Aufträgen geht vorbei, 12 Stunden habe ich für popelige drei Aufträge gebraucht, mit einkaufen, kochen, hinfahren, abholen und abwaschen. Ich bin so froh, dass endlich Feierabend ist.

Steffen hat mir einen wunderbaren warmen indischen Schal gekauft. Als wir am Sonntag in Friedrichshain beim Brunch mit unserer Freundin J. waren, habe ich den Schal im Schaufenster gesehen und mich sofort in diesen verliebt. Seit Indien habe ich eine Macke, dass ich immer unendlich viele Schals und Tücher brauche und kaufe. 

wunderbare Schals

Steffen hat dafür jedoch ein großes Opfer gebracht: Er ist die 4 Kilometer bis zu dem Laden mit dem Fahrrad nach Friedrichshain gefahren. Normalerweise ein Klacks. Wir beide lieben das Fahrradfahren und in einem Paralleluniversum fahren wir alles in Berlin in unserer Freizeit mit den Fahrrädern ab.

Jedoch merkt er nun deutlich die Auswirkungen der Chemotherapie und des Nierenversagens: Immer öfter klagt er über Knochenschmerzen in den Gelenken. Die Fuß-und Fingerspitzen sind taub und kribbeln. Seine Sehnen in den Beinen sind verkürzt. Seit dem Nierenimpact ist ihm ständig kalt. Ok, es ist kalt, aber ihm ist noch viel kälter. Er hat kaum noch Kraft und Energie, geschweige denn, um Fahrrad zu fahren. Nach der 4 Kilometer Strecke fühlt er sich, als wäre er 60 Kilometer gefahren. Er wird sogar von Mädchen auf ihren Holländer-Rädern überholt.

Es ist schmerzhaft, sich seine Verletzlichkeit einzugestehen.

Ich mache mir große Sorgen, nächste Woche startet die nun vorerst letzte Chemotherapie. Was wird diesmal passieren? Zuversicht und Lockerheit der ersten Tage sind verschwunden. Zu willkürlich und zu groß sind mittlerweile die Einschläge. Wir haben unglaublich große Angst und Unsicherheit.

Was kommt denn jetzt noch?

Werden wir die Kraft aufwenden können, es auszuhalten?

Abends gehen Steffen und ich zum Russen essen, für unsere Seele.

23.08.2018 – 34 Grad – Tag 44

Mit Schädelbrummen wache ich nach dem gestrigen Abend völlig fertig auf, denn der letzte Wodka war wohl schlecht. Aber es ist immer so schön mit den Jungs und verrückt und dann passiert Wodka… Und während man das Glas ansetzt, denkt man noch, hey mir geht´s super, morgen wird schon nicht so schlimm. An so einem Abend kann ich einfach nicht vernünftig sein.

Aber mein Körper sagt deutlich, dass er das nicht mehr haben kann, dass er das bei den derzeitigen Strapazen einfach nicht aushält.

Den ganzen Tag bin ich heute verleiert und nicht 100 % da. Wenn ich wirklich irgendetwas hasse, ist es das, dass ich nicht 100 %ig da bin bin. Und gerade in der jetzigen Situation, wo ich eigentlich täglich 170 % sein muss, also ich selbst sein sowieso und dann noch Steffen in der Cateringarbeit mit seinem körperlichen Einsatz ersetzen muss und zuhause ihm dann noch helfe, da kann ich mir solche Fehltritte einfach nicht leisten.

Nun, also gehe ich mit mir ins Gericht und beschließe, ab jetzt mit Steffen zusammen und überhaupt keinen Alkohol mehr zu trinken.

Natrium-Werte

Aus dem Krankenhaus kommt von Steffen nur die Info, dass er wirklich und wahrhaftig noch einen Tag zur Sicherheit im Krankenhaus bleiben muss. Die Infusion gegen den Epstein-Barr-Virus ist durch, er hat sie super vertragen aber die Natrium-Werte machen den Ärzten sorgen. Also muss er auch noch diese Nacht im Krankenhaus bleiben und ist leicht angesäuert. Mit dem Mittagessen wird er dafür auch nicht belohnt:

Also werde ich ihn heute nach getaner Arbeit besuchen fahren. Aber erst einmal muss ich noch das Essen für die BlueManGroup machen und vorher noch etwas Bürodinge erledigen. Aber aus den vorgenannten Gründen schaue ich mit glasigen Augen auf den Monitor wie ein Schwein ins Uhrwerk. Ich lasse es und fahre einkaufen.

Blue Man Group

Da es so heiß ist, habe ich für die BlueManGroup einen leichten kühlen Quinoa-Salat auf dem Plan. Das Rezept folgt noch auf dieser Seite. Ich versuche immer das Essen dem Wetter anzupassen, aber langsam gehen die Salatideen aus. Es ist viel zu lange viel zu heiß!

Das Rezept dazu findet ihr hier:

Und den Quinoa praktisch nach Hause geliefert, findet ihr hier:

Ich arbeite in diesem Beitrag mit Affiliate-Links. Wenn ihr über diese Links ein Produkt kauft, erhalte ich vom Anbieter eine Provision. Für euch entstehen dabei keine Mehrkosten. Wo und wann ihr ein Produkt kauft, bleibt natürlich euch ganz allein überlassen.

Steffen bekommt Freigang

Nachdem ich alles ausgeliefert habe, fahre ich mit dem Rad zu Steffen. Als ich nachmittags gegen 17:00 Uhr aus der Tür trete, schlägt mir die Gluthitze ins Gesicht. Und plötzlich ist da ein Hauch von Indien. Ja! Kaum merklich riecht es nach verbranntem Holz. Das ist der Geruch, den ich immer mit Indien verbinde: die kleinen Holzfeuer, staubige Luft und ein spitzer Hauch von Chemie. Und genau so riecht es gerade.

Während der Fahrradfahrt ins Krankenhaus vergesse ich das schon wieder, der Verkehr und die Hitze fordern meine ganze Aufmerksamkeit.

Steffen wartet schon auf mich beim Vietnamesen. Und er sieht verdammt gut aus! Seht selbst:

Schaut, wie gut Steffen aussieht!

Wir trinken Bitterlemon und essen lecker. Ich verkünde, dass ich versuchen werde, keinen Alkohol mehr zu trinken. Gemeinsam gehen solche „Entzüge“ immer am besten. Sei es Fleisch oder Zigaretten oder halt jetzt Alkohol.

Steffen hat immer sein Krankenhaus-Papier-Armband-Etikett am Arm, falls er bewusstlos umfällt, können sie ihn gleich bei der Gerichtsmedizin einscannen. Zumal er Organspende angekreuzt hat, so dass sie nicht lange mit lebenserhaltenden Maßnahmen herumkaspern sondern direkt alles umverteilen. Das ist der Plan. Aber von diesem morbiden Plan ist er gerade ganz weit entfernt und das ist gut so!

Wie geht´s mit dem Catering weiter?

Nach dem Essen fahre ich nach Hause, ich bin knülle und morgen muss ich 04:30 Uhr aufstehen. Es wird ein erster Tag auf dem Weg zurück in die Cateringnormalität werden.

Ach apropos, ich habe beschlossen, ich mache das Catering alleine weiter! Bis Steffen wieder mitmachen kann. Ich habe diverse Stellenanzeigen durchgesehen und mich auch beworben und jedes mal krampft sich mein Magen zusammen:

„Teamassistenz für drei Vorgesetzte in einem aufstrebenden Unternehmen“

Bei Kununu, diesem Bewertungsportal, wo man schauen kann, wie die Arbeitssituation in dem jeweiligen Unternehmen tatsächlich ist, stand zu dieser Firma:

„Bezahlung ist schlecht, aber ein guter Stepstone für die Karriere“

Ich sehe es förmlich vor mir, Großraumbüros. Eingekästelte Menschen in Mininischen. Egogetriebene Anzugmenschen mit Smartphones am Ohr. Fremde nichtige Probleme fremder Menschen lösen. Menschen mit ernsten Kleidungsfragen. Der Lebenssinn kommt per Asos- oder Zalandopaket. Ja genau, ausschlaggebend war das gestrige Gespräch mit einem Freund, welcher neu bei einer großen Plattenfirma angefangen hat und beschrieb, wie täglich der Postbote mit einem Wagen voller oben genannter Pakete durch die Gänge der Großraumbüros fährt und die Leute auf die Pakete warten wie weiland auf das Manna vom Himmel.

Ich kann das einfach nicht, denn ich schaffe es nicht, mich auf so einen Job zu bewerben. Ich kenne das alles schon und es macht mich einfach nur krank. Genau deswegen habe ich mich ja selbstständig gemacht, damit ich nie wieder dort hin muss.

Also Kopf runter und durch. Ich habe Helfer, ich habe gute Servicekräfte. Ich kann kochen. Der Rest ist Organisation und Logistik.

Ich habe nur Angst vor dem Ausliefern, und mit jedem Mal Ausliefern habe ich wiederum weniger Angst. Also eigentlich habe ich gar keine Angst mehr, unsere Kunden sind total lieb. Das ist meine Ausliefertherapie. Was passiert eigentlich, wenn man vor gar nichts mehr Angst hat?

Ich werde nicht reich, aber die Miete kann ich zahlen und mir am Ende des Tages in mein Spiegelbild schauen.

Feierabend. Over and Out. Die Hitze flirrt bis spät Abends.

16.07.2018 – 29 Grad – Tag 5

Steffen hat sich nach dem gestrigen emotionalen Tag etwas beruhigt. Er hat richtig gute Laune, er ist zuversichtlich, zumal heute nach seiner Nasenscheidewandoperation auch noch die Tamponaden aus seiner Nase gezogen werden. Ab heute Nachmittag hat er eine richtig neue Nase.

All unsere Freunde haben uns gestern Mut zugesprochen und Unterstützung zugesagt. Das baut ungemein auf.

Aber wir zwei sind schon wie ein altes Paar Schuhe: immer dann, wenn Steffen gute Laune hat und wieder Energie bekommt, bricht es bei mir ein, kann ich mich fallen oder vielleicht sogar etwas hängen lassen.

Ich lasse wieder einmal panische Gedanken über unsere Zukunft zu, wie soll es denn jetzt weiter gehen? Steffen versucht mich zu beruhigen. Er sieht es so, dass wir jede Woche oder auch jeden Tag einzeln angehen bzw. abarbeiten. Bis die Sache irgendwann durchgestanden ist. Was nutzt es, sich die Gedanken darüber zu verschwenden, was wenn wie passiert. Gerade kann man nichts daran ändern.

Jetzt gerade haben wir zwei Wochen nur für uns geschenkt bekommen, bis es dann zum Onkologen geht und die nähere Zukunft besprochen wird.

Hollywood sei dank stellt man sich ja Krebs immer so vor:

  1. plötzlich aus dem Nichts hat jemand irgendein komisches Zipperlein
  2. das Zipperlein ist plötzlich Krebs
  3. der Krebs ist im Endstadium
  4. Person liegt mit Glatze an Schläuchen auf der Intensivstation
  5. Person ist tot

Also sehen wir zwei es mal so, wir haben noch zwei normale Wochen geschenkt bekommen. Es ist Sommer, die Sonne scheint, es sind gerade wenig Aufträge zu erledigen, da Ferien sind und ich die Zeit eigentlich für Steffens Nasenoperation frei gehalten habe. Ich dachte, zwei Wochen reichen, um sich von der OP zu erholen und dass wir wieder weiter durchstarten können.

Eigentlich ist, in diesem Rahmen aus Scheiße betrachtet, alles fantastisch. Langsam ziehe ich mich aus meinem Loch und wir gehen in die Bibliothek, denn Steffen braucht Bücher für die Zeit der Chemotherapie, welche ja aktuell auf 5 Wochen stationär angesetzt ist und ich brauche Bücher zum Ablenken.

Bis jetzt konnte ich mich immer auf mein Unterbewußtsein verlassen: in beschissenen Zeiten träumte ich wunderschöne bunte Träume. Ich konnte mich fein aus der Realität flüchten. Als wenn meine Psyche das Schwarz des Tages auslöschen wollte. Aber dieses Mal, bei Steffens Krebs, träume ich nur noch Alpträume. Also können mich wahrscheinlich nur Bücher retten, um aus dem Wahnsinn kurz zu flüchten.

Dann fahren wir kurz in die Metro und kaufen alles für den Auftrag am Folgetag ein.

In der Metro stellen wir fest, dass Steffen eine sehr geringe Belastungsspanne hat, also maximal 100 m in der Metro laufen kann, dann fangen Schwindel und Kopfschmerzen an. Ich schicke ihn raus zum Auto.

Dann geht es mit den Einkäufen in die Küche und um die Ecke in die Parkklinik, um die Tamponaden aus Steffens Nase zu ziehen, die bei der OP zur Stabilisation eingeführt wurden. Alles ist prächtigst verheilt. Die Ärztin sagt, wenn dann der Krebs aus dem Nasenrachenraum auch noch weg ist, kann er unglaublich gut atmen und riechen.

Im Park vor dem Krankenhaus genießt Steffen, dass er das erste Mal im Leben mit beiden Nasenlöchern ohne Tamponaden atmen und riechen kann.Tief atmet er durch die Nase ein und grinst mich an. „Dana, ich kann mit beiden Nasenlöchern atmen, das ist ja unglaublich! Das Gefühl ist ja komplett neu!“

Das ist natürlich bei mir zuhause in Kreuzberg wiederum von großem Nachteil, denn der Hausmeister hat im Großaufgebot ein Rattennest ausgehoben und alle Ratten vergiftet. Diese liegen nun aufgeblasen und leise vor sich hinverwesend überall auf dem Parkplatz verstreut herum. Der Geruch ist, nun, speziell. Das ist nicht so toll für Steffens Nase. Man wünscht sich fast die Tamponaden zurück.

Am Abend beruhige ich mich langsam. Ich koche für Steffen. Es gibt eine leckere Reisbowl mit Tofu.