Was macht uns menschlich?

Was ist diese Menschlichkeit? Wie beeinflusst sie uns? Verlieren wir sie gerade? Wie kann man zurück zu mehr Menschlichkeit finden?

Der unmenschliche Mord an einem Afroamerikaner in Minneapolis, der bei weitem nicht der erste Mord seiner Art war und deswegen auch nicht weniger oder mehr furchtbar, führt zu gewaltigen Protesten. Auf einmal sind weltweit alle auf der Straße und demonstrieren gegen Rassismus (oder ist das Fass gerade am Überlaufen, oder die Menschen haben einfach Angst um ihre Zukunft, die in den nächsten Monaten gnadenlos vaporisiert werden wird und die Demonstrationen sind ein Ventil?). Dieser furchtbare Vorfall ist der Aufhänger dafür, dass gestern in Berlin 15.000 Menschen eng beieinander stehend demonstrieren können, wo vor einer Woche die Medien noch bei einer Demo auf dem Wasser Gift und Galle gespuckt haben.

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Die Kleiderspende

Wieder ein großer Schritt nach vorne in meinem neuen Leben. Ich habe mich aufgerafft und Steffens Klamotten zur Kleiderspende gebracht, aber lest selbst:

Der Morgen danach

Der gestrige Tag steckte mir noch furchtbar in den Gliedern. Aber wie immer im Leben, geht es ja scheinbar irgendwie weiter. Wider Erwarten wacht man doch am nächsten Morgen auf, der Donnerdrummel hat einen mal wieder nicht geholt und man muss irgendwie weiter machen.

In meinem Hoch des vorhergehenden Wochenendes hatte ich ja Steffens Kleiderschrankseite in Angriff und mir vorgenommen, alles zur Kleiderspende zu bringen. Natürlich gibt es dazu jetzt zwei Sorten empörte Stimmen:

„Was, jetzt erst?“

Team eins

oder

„Wie kannst Du das jetzt schon machen!“

Team zwei

Aber wie immer gilt, alle haben Recht und meine Wohnung ist klein. Entweder schaue ich mir auf ewig jeden Tag Steffens Klamotten an und zerre mich in das absolute Tief der Gedanken wie: „Ach man, wie groß der Typ doch war“, „Ach, als er das T-Shirt anhatte…“ und falle erstmal in ein Loch oder ich bete mantrahaft die leider bittere Wahrheit vor mich hin:

„Das bringt mir Steffen nicht zurück!“

Also nahm ich am Wochenende jedes Kleidungsstück aus dem Schrank, ließ mich noch einmal tief wegreißen, schnupperte daran, ob wenigstens noch ein homöopatischer Hauch von Steffen vorhanden war – natürlich nicht – weinte bitterlich und versenkte das Kleidungstück in eine große Tüte. Um exakt zu sein, am Ende waren es vier Tüten und eine Kiste mit Schuhen, bereit für die Kleiderspende.

Ein paar Dinge habe ich jedoch aufbewahrt: Steffens Chapka mit seinem Schal, der immer noch nach Steffen riecht, sein Lieblingskapuzenpulli, der schon 25 Jahre alt ist und sein zerfetztes Monostabil-T-Shirt. Monostabil war immer Steffens Name, Musik, Band, als „monostabil“ habe ich Steffen damals kennengelernt. Das bleibt natürlich. Für immer. Und für Euch Musik von Steffen:

monostabil / lonskiundclassen

Nun stand ich da, vor einer leeren Schrankhälfte, mal wieder in den Gedanken gefangen, was von einem Menschen eigentlich übrigbleibt. Daneben standen die Tüten und Kisten. Ich wollte mit der Kleiderspende etwas Sinnvolles tun und zu absurd war der Gedanke, die Kleidung an Freunde zu verschenken. Die Vorstellung, irgendjemand würde in Steffens T-Shirt vor mir stehen, ist bizarr und fühlt sich falsch an.

Aber zuerst brachte ich einmal alle Tüten und Kisten in mein Auto. Somit war erst einmal alles aus den Augen und aus dem Sinn. Jetzt brauchte ich einen Herzschmerzfilm als Turbo, damit ich richtig dolle heulen konnte. Danach geht’s nämlich meist besser. Der Körper sagt dann: „dit reicht jetzt, komm mal klar!“ und dann geht es wieder für ein paar Tage, bis der nächste Impact geschieht.

Die Kleiderspende

Nun war also die Situation, dass das Auto voller Säcke und Kisten mit Klamotten war. Da ich an dem besagten Freitag mit dem Auto und unserem Freund E. Dinge abholen musste, habe ich E. direkt verdonnert, mir bei der Kleiderspende zu helfen. Denn vor kurzem bekam ich den Tipp von einem Freund, die Bekleidung doch direkt in die Bahnhofsmission zu geben.

Das war schlüssig, zumal die Bahnhofsmission a) in Berlin ist und b) die Kleiderspende direkt an die Betroffenen geht.

Also verdonnerte ich E., mit mir dahin zu fahren. Ehrlich gesagt hatte ich selbst ein bisschen Schiss, was jetzt wohl passieren würde, wo ich mich melden müsste und wie die Parkplatzsituation ist. Nun, und so war das dann:

Banhofsmission Bahnhof Zoo

Direkt hinter dem Bahnhof Zoo befindet sich die

Bahnhofsmission Zoologischer Garten
Jebenstraße 5
10623 Berlin

Als wir nach der Unterführung rechts in die Jebenstraße einbiegen, sehen wir zunächst einmal nichts. Überall sind Bauzäune und keine Parkmöglichkeiten. Ich bin froh, Herrn E. mit dabei zu haben.

Dann sehen wir es. Am Hinterausgang des Bahnhofes stehen unzählige Menschen in der Kälte und warten, dass sie eingelassen werden, um sich aufzuwärmen, etwas zu essen bekommen oder einfach, um einmal soziale Kontakte zu haben.

Zunächst suchen wir den Eingang zur Bahnhofsmission, da dies nicht direkt offensichtlich ist. E. quatscht alle an und fragt, bis wir an eine Glastür, direkt hinten links neben dem Ausgang verwiesen werden.

Ein Mitarbeiter öffnet gerade die Tür. Wir fragen, ob es möglich ist, Kleiderspenden direkt abzugeben. Natürlich.

Wir bringen nacheinander die Sachen in die warmen Räume. Ich entschuldige mich, dass ich nicht die Socken sortieren konnte. „Da werden wir sicher jemanden finden“ lächelt man mich freundlich an.

Die Kälte

Vor der Tür steht ein Mann ohne Schuhe barfuß in der Kälte. Die Füße sind schwarz und kalt. Herrn E. zerfetzt es: „Dana! Gib mir sofort ein paar Schuhe und Socken! Der Mann hat keine Schuhe, der hat keine Schuhe! Wir müssen ihm helfen! Sofort!“

Ich fische Steffens Winterstiefel vom letzten Winter und Steffens Thermosocken, die er mit seinen ewig kalten Chemotherapie-Füßen gebraucht hat, aus der Kiste. Herr E. rennt damit sofort zu dem Mann. Alle umstehenden Obdachlosen helfen nun auch dem Mann, damit er sich abstützen und die Socken und Schuhe anziehen kann.

Ein gutes Gefühl macht sich in mir breit, da ich nun weiß, wo Steffens Sachen sind und dass sie helfen.

Als wir wieder wegfahren, fragt Herr E. „Wie kann so etwas in diesem reichen Land nur möglich sein?“ Er ist schockiert. Zu Recht.

Auf der anderen Seite des Bahnhofs ragen die glitzernden Neubauten in den Himmel.

Gegensätze am Bahnhof Zoo

Bitte

Also, wenn ihr etwas Gutes tun wollt, und nicht nur zu Weihnachten, schaut in Eure Kleiderschränke, wir alle haben zu viele Sachen darin. Packt alles in Tüten, bringt es in die Obdachlosenheime, Missionen oder andere Einrichtungen, die Ihr kennt. So seht ihr auch, dass ihr ganz einfach etwas Gutes tun könnt. Dass die Hilfe direkt ankommt. Und wenn ihr keine Klamotten habt, überweißt einfach eine kleine Spende an die Stadtmission, jede Spende hilft.

Damit Neues in dein Leben kann, muss Altes verschwinden.

Achtung! Werbung! unbezahlt! Einfach so und freiwillig!

Bazaar Berlin

Was für ein furchtbares Datum. Dieses Datum ist so schwer belegt, es fällt mir heute überhaupt nicht schwer, dieses Datum mit einem Besuch bei der Bazaar Berlin Messe zu überschreiben.

Morgen wird es dann anders furchtbar, dann haben wir unseren Hochzeitstag. Den 5. Hochzeitstag. …

Jeden Tag überschreibe ich ja mit irgendeinen Tag aus dem letzten Jahr neu. Es ist schwer, an schönen Tagen und sehr leicht, an furchtbaren Tagen wie diesem:

Der 07.11.2018

In keiner Sekunde will ich gerade zurück in mein altes Leben vor einem Jahr. Auch wenn da Steffen noch lebt. Aber dieser 07.11. vor einem Tag war der zweitschockierendste Tag während der ganzen Krebsbehandlung bis dahin.

Warum, lest Ihr hier:

Vor einem Jahr veränderte sich alles. Unsere Hoffnung bekam einen furchtbaren Schuss vor den Bug

Wie gut geht es mir dagegen heute. Das hätte ich mir vor einem Jahr nicht erträumen können, dass ich frei habe und einfach so über den Bazaar Berlin schlendern kann!

Das klingt jetzt furchtbar hart, ich weiß. Was würde ich alles für einen ganz normalen Tag mit Steffen geben. Aber einem gesunden Steffen bitte schön. Nicht mit diesem armen leidenden Steffen, Steffen mit diesen Schmerzen, die er einfach nicht verdient hat. Das zerreißt mir stetig und ständig das Herz. Was Steffen ertragen musste. Wie tapfer er war. Das hat diese gute Seele einfach nicht verdient. Das gibt mir Ruhe bei dem ganzen Drama. Er hat keine Schmerzen mehr.

Und nein, es gibt da keine Gerechtigkeit, wer was wie verdient. Den tieferen Sinn davon muss ich noch begreifen. Will ich jetzt aber noch nicht.

2019

Und heute bin ich mit mir einfach ganz spontan zur Bazaar Berlin Messe im ICC gefahren.

Ich wollte noch die Ruhe des Morgens genießen und diese Kunstinstallation am Brandenburger Tor im Rahmen der Feierlichkeiten zum 30. Jahr des Mauerfalls genießen:

Kunstinstallation am Brandenburger Tor im Rahmen der 30Jahr-Feier des Mauerfalls
Wunschfähnchen

ich hoffe, deren Wünsche werden wahr. Bei uns in China hatte es ja im Dezember 2018 mit den Wünschen nicht so optimal geklappt:

Unsere Wunschfähnchen im Tempel in China

„Gemeinsam alt und glücklich werden“ steht da in chinesischen Schriftzeichen. Hat ja super geklappt…

Mein Weg führt mich weiter Richtung Siegessäule, als dieser Kamerad meinen Weg kreuzt:

Louisana Sumpfkrebs in Berlin

Einige rufen ja auf, die kleinen Biester einfach aufzuessen, da sie Eindringlinge ins Ökosystem des Tiergarten sind, weil irgendeine Pfeife irgendwann mal sein Aquarium in einen Tiergartenteich geschüttet hat.

Da ich aber nur meine kleine Handtasche dabei hatte, dachte ich mir so, dass so eine Krabbe in der Tasche höchstens Vorteile bei einem Handtaschenraub hat. Als Handtaschenkrebs quasi.

Weiter fahre ich mit dem Rad Richtung Funkturm und Messegelände. Zur

Bazaar Berlin Messe

Da ich vorher mit Karacho durch den Schlamm im Tiergarten gefahren bin, sehe ich jetzt aus wie eine Sau. So wird aus mir nie etwas Anständiges:

Meine Lieblingsschuhe, nicht gerade damenhaft beschmutzt

Dann betrete ich die Messehallen. Das letzte Mal war ich hier mit Steffen bei der Grünen Woche. Aber das ist schon so lange her, dass es mir keine Emotionen entlockt.

Die Stände

Direkt im ersten Saal empfangen mich unendliche Stände mit Gold- und Silberschmuck, marokkanischen Lampen, Geschirr, gefilzten Dingen und Pullover aus Alpakawolle. Es ist ein bisschen eine Mischung aus Maybachufermarkt und dem Kunstmarkt auf der Straße des 17. Juni.

Indische Ketten und Anhänger bei der Bazaar Berlin

Aber es ist warm und trocken und einen Crèpestand gibt es auch.

Marokkanische Messinglampen bei der Messe

Das Publikum

Es gibt ein paar 4. Klassen, die hierhin unbedingt ihren Klassenausflug machen mussten. Das nervt, denn es ist nicht unbedingt mein Lieblingsalter bei Minimenschen. Ansonsten sieht man hier viele ältere Damen und Pärchen. Es gibt eine hohe Rollstuhldichte. Ab und an sieht man auch etwas Jungvolk. Eigentlich alles sehr angenehm und entspannt. Bis auf die Gören.

Außerdem fehlen die Weinvertreter, die normalerweise auf der grünen Woche ständig vertreten sind. Auf dem Bazaar gibt es diese nicht. Das fällt mir positiv aus.

Weindealerstory von ganz früher

Ich habe vor 20 (autsch) Jahren einmal in der Rechtsabteilung einer Wohnungsverwaltungsfirma gearbeitet. Dort habe ich Unmassen von Mahnbescheiden für saumselige Mieter erstellt.

Irgendwann stellte sich heraus, dass die meisten Mietschuldner wirklich kein Geld hatten und längst die Eidesstattliche Versicherung (EV) abgegeben hatten.

Wenn man sich dann diese zusenden lässt, steht oben immer die Firma, die die EV veranlasst hat. Und da stand immer wieder „Pall*****“ – da ich diese Firma jedoch nicht kannte, habe ich sie immer mit Palfinger – dem Kranhersteller – verwechselt und mich arg gewundert. Warum kaufen unsere Mieter Kräne?

Bis ich dann irgendwann auf der Grünen Messe war und überall die Stände dieses Weinlieferanten, der durchschnittlichen Wein zu überteuerten Preisen im Abo verkauft, sah.

Und dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen … Trinker, alles Trinker! Die ganze Miete versoffen!

Weiter im Text

Aber keine Sorge, es gibt überall einen Alkoholstand, an dem man sich gepflegt wegknallen kann.

In fußläufiger Entfernung des jeweiligen Alkoholdealers befindet sich meist ein Geldautomat, wo der arme Cashteller, der in der kleinen Kiste mit dem Geldautomaten drin wohnt, den ganzen Tag die Geldscheine durch den irrsinig engen Geldschlitz fummeln muss.

Am Ende des Tages kaufe ich mir ein paar Ohrringe. Es sind Replika von Ausgrabungsfunden aus der Inkazeit, genauer von den Sinu-Indianern. Die Ohrringe werden im Original im Goldmuseum von Bogota ausgestellt. Sie stellen einen Halbmond dar. Der Mond begleitet stets die Sonne auf ihrem Weg und lässt sie nie allein. Das fand ich schön und passend:

(Alle eventuellen Werbungen ist wie wie immer freiwillig und unbezahlt)

Todesursache

Heute ist es exakt eine Woche her, dass Steffen gestorben ist. Heute werde ich Steffens Todesursache erfahren. Aber vorher möchte ich mit Euch teilen, was bisher geschah, da ich mich erst heute wieder fähig fühle, etwas in diesen Blog zu schreiben.

Erster Tag ohne Steffen

An dem Tag nach Steffens Tod bin ich wie immer am morgen in die Metro zum Einkaufen gefahren. Mein Blick klebt ständig auf dem Handy an der Uhrzeit. Gestern um dieselbe Zeit hat Steffen noch unter uns geweilt. Ich vermeide das Gespräch mit der lieben Kassiererin. Jede Nachfrage würde meine Fassade zum Einstürzen bringen.

Ich fahre mit den Einkäufen in die Küche, räume alles in die Kühlschränke ein und beginne mein Tagwerk.

Keine Zukunft mit Steffen

Und dann plötzlich bricht alles über mir zusammen. Die ganzen Emotionen. Diese Sinnlosigkeit des Ganzen. Was ist Steffens Todesursache, warum ist er so plötzlich gestorben? Was mache ich eigentlich gerade hier?

Das Catering war unsere Idee, unser Baby. Wir haben all unsere Lebensenergie der letzten 11,5 Jahr in das Catering gesteckt. Geschwitzt, gebangt und gelitten. Und in der letzten Phase, dem letzten halben Jahr, in der Zeit der Chemotherapie, habe ich das Catering allein aufrecht erhalten.

Wir waren uns sicher, Steffen würde nach seiner Genesung wieder hierher in die Küche zurückkehren. Dafür brauchte er einen Ort, wo er arbeiten kann, wo er gebraucht wird.

Doch das hat nicht sollen sein, Steffen ist tot. Der Sinn des Caterings ist weg. Das Catering war unser Ein und Alles. Doch nun gibt es kein UNS mehr.

Ich breche zusammen und heule wie ein Schlosshund und realisiere, dass ich in meinem aktuellen Zustand die Bestellungen von heute nicht allein ausliefern kann.

Hilfe

In meiner Not bitte ich in einer meiner WhatsApp-Gruppen mit Freunden um Hilfe. Sofort meldet sich T., er wäre in einer Stunde da und könne mir helfen.

Innerlich schließe ich an diesem Tag mit dem Catering ab. Die Betriebskosten, der Stress, die Buckelei, all das ist allein nicht mehr zu schaffen. Ich habe keine Lust mehr.

Mein Freund T. ist pünktlich da und hilft mir bei der Auslieferung. Die Kunden stehen auch noch unter Schock und versuchen dieses Entsetzen in Worte zu fassen. Wir drücken uns fest.

Während der Auslieferung lädt mich T. für den Abend zu seiner Familie ein, damit ich nicht allein zuhause bin. Eine liebe Freundin kommt auch noch dazu. So verbringen wir einen schönen Samstagabend. Am Lagerfeuer. Mit ganz viel Wein. Ganz im Sinne von Steffen. Und wir reden auch nur von Steffen.

Zweiter Tag ohne Steffen

Am Folgetag wieder zuhause angekommen, rekapituliere ich die letzten zwei Wochen mit Steffen. Den gesamten Krankheitsverlauf. So dass ich immer den genauen Ablauf weiß und was ich wann gedacht und was wir gemeinsam beschlossen haben. Was zur Hölle war die genaue Todesursache? Während ich das alles so im Bett aufschreibe, bekomme ich dafür die Bestätigung von ganz oben:

Wolken in der Form von Steffens Kopf

Nennt mich verrückt, aber für mich sieht diese Wolkenformation wie Steffens Kopf aus. In der Draufsicht. Von links oben. Ich denke mir so bei mir, er findet es gut, was ich gerade mache. Ich muss natürlich wieder weinen und bin total aufgelöst.

Kochen ist Liebe

Abends koche ich mir ein Essen und bekomme überhaupt nichts herunter. Ich habe keinen Appetit. Meine Kehle ist wie zugeschnürt. Ich habe einen riesigen Kloß im Hals und mein Magen tut weh. Ich kann nichts essen und gerade auch überhaupt nicht für mich kochen.

Das Kochen zuhause habe ich stets mit dem Kochen für Steffen verbunden. Mit meiner Liebe zu Steffen. Es sollte ihm helfen, es sollte ihm Lebensenergie bringen. Er sollte wieder gesund werden und den Krebs besiegen. Und doch konnte ich ihm am Ende nicht helfen. Ich bin zutiefst enttäuscht von mir. Dieser ganze harte Kampf um Steffen erscheint mir jetzt so sinnlos. Wir haben ihn verloren. Was war die verdammte Todesursache?

Die Flucht

Ich gehe hilflos ins Bett und beschließe beim Einschlafen, am Folgetag nach Hause zu meinem Papa zu fahren. Ich halte es hier gerade nicht aus. Papa hat leider große Erfahrungen mit meinem Zustand. Meine Mama ist bereits vor 8 Jahren gestorben. Er kennt die Leere, die jetzt folgt.

Bei meinem Papa zuhause angekommen, fahren wir sofort zum Bestattungsinstitut, das ist mein Wunsch. Ich möchte Steffen gut aufgehoben wissen.Währenddessen läuft unsere gemeinsame Hochzeits-Playlist, welche ich immer weiter komplettiert habe, im Auto hoch und runter. Ein weiterer fulminanter Sonnenuntergang begleitet meinen Papa und mich auf unserer Heimfahrt vom Bestatter.

Zuhause bei Papa

In den folgenden Tagen geben sich Teile der Familie die Tür in die Hand. Steffens Mama kommt mit Steffens Papa. Steffens Bruder kommt mit der Schwägerin. Und mein Bruder kommt auch.

Alle Freunde erkunden sich nach mir, manche täglich. Rufen an.

Die Spendenaktion

Freunde starten eine unglaubliche Spendenaktion die mich komplett sprachlos zurück lässt und mir den nötigen Anstoß gibt, nach vorne zu sehen.

Die Ungewissheit in der Selbstständigkeit, wie es weiter geht, ist unvorstellbar. Wie zahle ich die Betriebskosten der Küche, wie meine Miete und wie die Krankenversicherung. Gerade sind dies für mich unvorstellbare Fragen, die mich nur mein derzeitiger Schockzustand ausblenden lässt.

Die Todesursache

Und heute, am 1. März rufe ich dann die Onkologie der Charité an. Die Ergebnisse der Pathologie müssten ja nun da sein. Ich habe vor diesem Anruf große Angst gehabt. War gar meine Nahrungsumstellung ein Grund für Steffens Nierenversagen? Hätte ich an irgendeiner Stelle etwas anders machen können?

Ein Arzt gibt mir kurz telefonisch Auskunft, mehr Details erfahre ich dann wohl nächste Woche in einem persönlichen Termin.

Aber dies ist schon bekannt:

Steffens Todesursache ist akutes Leberversagen. Nach der Obduktion hat man festgestellt, dass 90 % der Leber aus Metastasten bestanden hat. Der Krebs ist mit Schmackes zurückgekommen. Steffen hat einfach keine Chance gehabt.

Selbst, wenn man sofort eine Chemotherapie gestartet hätte, hätten die entgiftenden Organe versagt. Nur Steffens Leiden wäre länger und furchtbarer gewesen.

Somit ist dieser elende Krebs wie ein Boomerang mit Raketenantrieb zurückgekehrt. Vor vier Wochen war Steffen noch seine Blutwerte in der Charité checken, da war noch nichts zu erkennen. Innerhalb von zwei Wochen, mit der zusehenden Verschlechterung von Steffens Zustand also, muss das passiert sein.

Und wir haben alle gedacht, es wäre eine Verstopfung…

Ich frage den Arzt noch, ob ich irgendetwas hätte tun können. Er verneint. Er meint, alle Pfleger und Ärzte waren ebenfalls perplex, da Steffen ja am Vorabend noch komplett ansprechbar war.

Was für ein tapferer und mutiger Hase.

20. Februar 2019

Wir Ihr wisst, ist es ja schon über zwei Monate her, dass Steffen glücklicherweise die Mitteilung bekommen hat, dass der Krebs komplett inaktiv ist.

Euphorisch und motiviert starteten wir in dieses Jahr. Uns ist bewusst, dass wir energetisch umdenken müssen. Dass unser stressiger und anstrengender Lebensstil eine Ursache für Steffens Krebs war.

Steffens harter Weg zurück ins Leben

Somit haben wir das System beibehalten, dass wir nur von Mittwoch bis Samstag arbeiten, so dass ich drei Tage frei habe, um mich um die Buchhaltung und auch diesen Blog zum Beispiel zu kümmern.

Steffen habe ich langsam an die Arbeit wieder herangeführt. Hier und da mal mit kochen, da und dort das schmutzige Geschirr abholen. Aber immer wieder fiel uns auf, wie wenig Energie er hat. Wie schnell er richtig fertig war. Wir haben es auf die chronische Müdigkeit, die wohl alle Chemoüberlebenden haben, geschoben.

Das ganze eskalierte dann vor zwei Wochen, als er täglich fast 14 Stunden schlafen musste und ich realisierte, dass wir das so zusammen nicht packen werden.

Verstopfung

Seit letzter Woche hat er so eine monströse Verstopfung, dass kein Mittel mehr hilft. Wir haben wirklich alles probiert.

Montags war Steffen wieder in der Charité zum monatlichen Blutcheck und ob sich die Krebsmarker melden. Dort sprach er beim zuständigen Arzt die Verstopfung an und bekam ein Abführmittel.

Jeder Tag seit zwei Wochen besteht für mich darin um 5:00 Uhr aufzustehen, einzukaufen, kochen, auszuliefern, nach Hause kommen, schauen was Steffen macht. Notfalls Essen und Tee kochen. Weiter am Rechner arbeiten, neue Angebote machen, Rechnungen schreiben und sich um das Abendbrot kümmern und dann um 20:00 Uhr auf das Sofa zu fallen und einzuschlafen.

Vollmond

Vollmund, mein derzeitiger Begleiter am Morgen

Wir schlafen in getrennten Betten, da Steffen so unruhig schläft und ich sonst keine Möglichkeit habe, einen erholsamen Schlaf zu bekommen.

Steffen muss wieder in die Charité

Gestern bekam ich auf Arbeit von Steffen den Anruf, dass ein Bett in der Charité für ihn frei sei. Der Arzt hätte angerufen. Steffens Nieren- und Leberwerte sind bedenklich.

Irgendwie war ich nach der Nachricht komisch erlöst. Endlich kümmert sich jemand um Steffen und ich kann mich um die Arbeit und die gemeinsame Zukunft kümmern. Und in der Charité ist er sowieso in den besten Händen. Wenn jemand helfen kann, dann die Pfleger und Ärzte dort.

Abends kommen die ersten Erkenntnisse der Ärzte: Steffens Niere arbeitet nicht optimal, daher kann sie kein Wasser aus der Nahrung ziehen, der Darm verstopft. Steffen wird kurzatmig und sieht aus wie im 8. Monat schwanger. Natürlich isst er auch nichts mehr und ist daher schlapp und hat keine Energie. Er wird jetzt erstmal eingehend untersucht, auch, ob der Krebs zurück ist.

Ich werde mich jetzt wohl mal wieder auf einen längeren Ausfall von Steffen einstellen müssen. Wohlweislich habe ich alle zukünftigen Aufträge so angenommen, dass ich sie auch ganz alleine ausführen kann.

Aber das ist wohl keine Lösung auf Dauer. Ich brauche dringend eine Pause. Ich halte das nicht mehr länger aus. Ich mag noch nicht mal mit Leuten darüber sprechen, da mir niemand helfen kann. Und dass es mir scheiße geht, weiß ich selbst, da helfen mitleidige Blicke auch nicht mehr.

Bei dem ganzen Stress kann man überhaupt nicht mehr klar denken und steckt in diesem Hamsterrad aus der Hölle fest. Der tägliche Wahnsinn besteht darin, die aufploppenden Feuer zu löschen und in der freien Zeit einfach nur zu schlafen.

Ich komme mir vor, als hätte man mich hinter dem Güllefahrer des Schicksals fest angekettet und keiner lässt mich auf die fruchtbare Erde plumpsen.

ich

Wie geht es weiter?

Ende März werde ich eine kleine Auszeit bei meinem Papa nehmen. Auf dem Land. Um meine Gedanken zu sortieren, wie es jetzt weiter geht.

Das ist das Einzige was ich brauche: Ruhe, Geld und proaktive Ideen und Unterstützung in der Zukunft. Dazu aber mehr, wenn ich es für mich aussortiert habe.

Detox

Der Frühling naht! Zumindest hier in Berlin kann man in den letzten Tagen wieder die frische Erde riechen, die Amseln machen ab 5:30 Uhr wieder Alarm und irgendwie fühlt sich Berlin etwas heller an. Obendrein impfen uns die Medien uns ständig das Wort „Detox“ ins Hirn.

Alte Hasen wissen natürlich, das täuscht, das ist nicht der Frühling, das ist nur ein kleiner Hoffnungsschimmer, der dann elendig von Mitte Februar bis Mitte März durch dickes Grau, Schneematsch und kalte schneidende Winde direkt aus dem Uralschatten zerstört wird. Die alten Hasen knurren tief und schlau und drehen der Welt wieder den Rücken zu. Weil sie es können. Du nicht!

Aber hey, Gute Laune!

Alter, bist Du fett geworden!

Gerade fühlt es sich draußen etwas frühling an und der Blick geht nach unten und sagt unisono mit der Waage: Fett! Die Tage im sicheren Kokon der warmen kuscheligen Wohnung, mit der einzige Challenge, den Onesie mit Körpermasse auszufüllen und den Schmerz, vom schönen Körper verlassen worden zu sein, in Rotwein zu ertränken – Rotwein, nicht Weißwein, Weißwein macht depressiv! – haben weiche, wobbelige Spuren hinterlassen. Die Fernbedienung ist auch verschwunden. In einer weichen Falte des expandierten Körpers.

Detox – kreischt es

Das Fett muss weg, du musst Detox machen! Schreit dein Körper. Und nächste Woche fasten, bis Ostern! Macht ja schließlich jeder. Sagt dein Verstand.

Ok, fein, jeder kann natürlich machen was er will.

Grünkohlsmoothie hilft bei Detox

Detox

Das schöne ist ja, Detox macht der Körper von ganz alleine jeden Tag. Das ist schließlich der Job von Niere und Leber, dafür sind die Organe nämlich da.

Man kann sich natürlich für ein paar Wochen mit einer teuren und ausgefeilten Ernährung selbst kasteien oder ganz einfach sich gesund ernähren und die Niere und die Leber dabei unterstützen. Wenn dann die Kollegen fragen, ob man auch bis Ostern fastet, kann man fein „detox“ sagen und süffisant in sich hinein schmunzeln, denn man isst lediglich:

Bitterstoffe

Die Leber und Niere lieben Bitterstoffe. Alles was bitter ist, hilft der Leber beim entgiften. Super sind hier:

  • Löwenzahn, Rucola, Artischocke und Rauke
  • Kaffee, grüner Tee, Brennessel und Salbei
  • Ingwer und Zitrone oder auch Orangensaft mit Kurkuma und Ingwer
  • Brokkoli und Rosenkohl – steigern die Aktivität von entgiftenden Enzymen in der Leber – also Kreuzblütler/Kohlgewächse aller Art sind super, aber die beiden sind herausragend gut –
  • Walnüsse
  • Knoblauch

Wer es richtig ins Extreme führen will, kann sich gerne einen Kaffeeeinlauf machen – aber wie immer ohne Gewähr – oder sein Geld in die Apotheke tragen und sich Bilisan-Duo kaufen.

Viel Trinken!

Am besten sind Leitungswasser und ungesüßte Tees. Die Giftstoffe wollen ja abtransportiert werden.

Bei Krebs und Chemotherapie

Und um wieder etwas Ernst in die Sache zu bringen, spätestens bei der Chemotherapie und nach der Krebserkrankung ist es extrem wichtig, die Giftstoffe, Rückstände der Medikamente und die Abbauprodukte aus dem Körper zu bekommen.

Und kein Alkohol, keine Zigaretten, keine Drogen, wenig und noch besser, gar kein Fleisch und keine Milchprodukte. Mäh.

Habt einen guten Wochenstart!

Dana

05.12.2018 – 7 Grad – Tag 148

In einer Woche hat Steffen den PET-Scan, hoffentlich übernimmt seine private Krankenversicherung – PKV – diesen Scan ohne weitere Probleme. Einen Tag später bekommen wir wohl die Ergebnisse, ob wir am 20.12. entspannt oder voller weiterer Sorgen nach China reisen können.

China

Und ob wir überhaupt nach Shanghai reisen können oder hier bleiben müssen, weil Steffen eventuell sofort weiter behandelt werden muss.

Natürlich kann ich so keine richtige Planung angehen. Und Geschenke für die ganze chinesische Familie kaufen. Warum Geld ausgeben, wenn man dann doch nicht hinfliegt. Und mittlerweile gehe ich zuerst immer vom Worst Case aus. Natürlich ist da noch Hoffnung, sonst wäre ich ja schon tot.

Aber alles derzeitige Handeln bestimmt der Worst Case und die Sorgen, so viele Sorgen.

Pro- und Kontra: Private Krankenversicherung

Dieses Warten auf die Resultate macht einen wahnsinnig. Und ich weiß, dass es uns noch recht gut geht, da Steffen ja eine private Krankenversicherung (PKV) hat und daher immer recht schnell behandelt wird, ohne Murren in den PET-Scan kommt und seine Behandlungstermine stets zügig erhält. Das geht ja auch ganz anders.

Aber irgendeinen Vorteil muss die private Krankenversicherung ja haben, wenn man schon nie wieder daraus heraus kommt, ohne auf fragwürdige Mittel zurückzugreifen.

Warum ist man überhaupt in der privaten Krankenversicherung?

Wenn man sich selbstständig macht, verdient man gewöhnlich nicht viel bis gar kein Geld. Zu dem Zeitpunkt, als wir uns selbstständig gemacht haben, kostete die gesetzliche Krankenversicherung monatlich 600 EUR. Eine unvorstellbare Summe. Da kam die private Krankenversicherung mit 150 EUR Kosten im Monat gerade recht.

Versicherungsmakler

Ist man dann einmal im PKV-Pool rufen einen ständig Versicherungsmakler an und empfehlen einen die noch bessere, umfangreichere Krankenversicherung. Sie setzen einem einen Floh nach dem anderen ins Ohr, mehr Leistung, Gleichstellung, Homöopathie usw. usf.. Man wechselt, der Makler kassiert eine Provision.

So ein feiner Berater rief mich jedes Jahr an, um die Krankenversicherung zu wechseln. Die Tarife werden ja teurer, also kann man kündigen und zu einer anderen Krankenversicherung wechseln.

Nachteile der privaten Krankenversicherung

Dieses ganze Wechseln ging ein paar Jahre lang immer ganz gut, bis ich eine Schilddrüsenerkrankung hatte. Die Schilddrüse wurde mir operativ im August 2013 entfernt.

Der feine Berater drängte mich jedoch noch vor der Schilddrüsen-OP zu einer neuen, noch viel besseren Versicherung. Ich fragte ihn, ob er die anstehende OP an die zukünftige Versicherung weitergeben würde. „Na klar doch, Frau Heidrich. Gar kein Problem.“

Neues Jahr, neues Pech. Und neue Krankenversicherung.

Mit doppeltem Bandscheibenvorfall, der auch gerade dazu gekommen war reiche ich meine Arztrechnungen im Januar der PKV ein. Eine Rechnung über ein Thyroxinrezept – das Ersatzhormon für Schilddrüsen – mogelt sich unter die Belege.

Zwei Wochen später bekomme ich ein Schreiben der neuen Krankenkasse, dass sie mich nicht mehr versichert, da ihr die Schilddrüsenerkrankung nicht mitgeteilt wurde.

Und da stehe ich da, mit doppeltem Bandscheibenvorfall und keiner Krankenversicherung.

Krankenversicherungspflicht in Deutschland – was bedeutet das?

Monate verbringe ich nun mit der Suche nach einer neuen privaten Krankenversicherung (PKV) und bin während des gesamten Zeitraums nicht krankenversichert.

Wie ist das möglich, in Deutschland herrscht doch Krankenversicherungspflicht?

Krankenversicherungspflicht bedeutet lediglich, dass man selbst dafür sorgen muss, dass man krankenversichert ist. Der Staat ist nicht verpflichtet, dich zu versichern. Muss man wissen!

Die gesetzliche Krankenversicherung nimmt mich aber jetzt nicht an, da ich ja selbstständig ein Unternehmen führe. Dieses funktionierende Unternehmen müsste ich aufgeben oder den Namen ändern und Steffen müsste das Unternehmen selbst weiterführen und mich einstellen, dann wäre ich wieder gesetzlich versichert. Für 600 EUR im Monat.

Dieselben 600 EUR müsste ich nun auch an die Private Krankenversicherung zahlen, da ich ein Riskiko-Patient bin: ohne Schilddrüse, Bandscheibenvorfall und was sonst noch so kommt. Depression ist auch ein absolutes NoGo bei der PKV.

Und die 600 EUR müsste ich für eine Mindestabsicherung mit hoher Selbstbeteilung zahlen.

Selbst und ständig

Da ich während des Bandscheibenvorfalls nun jeden Tag eine halbe Stunde auf Arbeit mit dem Fahrrad in die Küche fahren musste, da ich aufgrund der Rückenschmerzen nicht im Auto sitzen konnte, bat ich Steffen stets aus Spaß, im Falle eines Unfalls direkt zu mir zur Unfallstelle zu kommen um mir über den Kopf zu fahren. Die Arztkosten der Behandlung könne er sich so sparen.

Sechs Monate später half mir dann der Vorgesetzte des oben genannten Versicherungsmaklers, er hatte scheinbar noch einen letzten Funken Verantwortung im Leib, und besorgte mir eine annehmbare Krankenversicherung, die ich auch bezahlen konnte.

Den vorgenannten Versicherungsmakler gab es nicht mehr, es gab keine Unterlagen über unsere Gespräche, wenn ich seinen Namen google, finde ich nichts. Diese ganzen Problem wuchsen also lediglich aus einem sogenannten Cold-Call-Makleranruf.

Bei diesen Cold Calls hat man nie etwas in der Hand und wird kalt erwischt und lässt sich im Ernstfall zwischen Tür- und Angel bequatschen.

Aber seit der Tellows-App sehe ich immer vorher, wer mich anruft und wenn es nicht aus Berlin ist, geh ich auch nicht ans Telefon, ohne vorher die Nummer im Internet zu checken. In 95% der Fälle ist es eh nur Call-Center-Irrsinn. Dazu jedoch vielleicht ein anderes Mal.

Seitdem habe ich die Krankenversicherung nicht mehr gewechselt. Zu tief sitzt die Angst, nicht krankenversichert zu sein.

Zurück zum heutigen Tag: ich muss zwei Aufträge bearbeiten, die Arbeit fällt mir leicht von der Hand. Steffen ist auch bei mir, er schläft viel. Abends bestellen wir uns indisch und genießen unsere Faulheit und den Moment, dass es seit langer Zeit doch mal recht ruhig ist.

03.12.2018 – 13 Grad -Tag 146

Steffen muss heute wieder um 09:30 Uhr zum Blutabnehmen, aber er traut es sich heute schon mal zu, alleine hinzufahren. Somit kann ich mich in Ruhe um den ganzen angefallenen Papierkram und das Visa für China kümmern.

Nach dem Theater der letzten Wochen und dem Ende der letzten Chemotherapie realisieren wir langsam, dass es da vielleicht noch ein anderes Leben gibt.

China!

Ein Leben, welches wir vor zehn Monaten geplant haben und als krönendes Ziel unseren Flug nach China am 20.12. bereithalten soll.

Glücklicherweise hat meine australische Schwägerin die ganze Planung und Organisation übernommen. Dafür hatte ich in den letzten Wochen natürlich null Gedanken und Kapazitäten. Außerdem spreche ich kein chinesisch, sie jedoch schon. Danke dafür, Andrea!

Bis zu diesem Moment war dies das Ziel, der Hoffnungsmoment, an dem alles gemessen wird. Kann Steffen mit seinen dicken Beinen fliegen? Und wie geht es nach der Chinareise weiter? Gibt es noch eine Chemotherapie oder gibt es nach der Reise nur eine Bestrahlung?

Die Chinareise ist ein wichtiger Drehpunkt, Hoffnungsgeber, Ziel und ein Kräftemesser.

Aber nichtsdestotrotz müssen für China zuerst Visa beantragt werden. Und mit der Beantragung legt man in das Formular die Zuversicht, dass es klappen könnte. Das man wirklich nach China reisen würde.

Welch ein zartes Pflänzchen doch die Hoffnung ist.

Vier Seiten lang ist der Visumsantrag für China! Zweimal vier Seiten lang. Einmal für Steffen und einmal für mich.

Alles mögliche muss man hier angeben: wo man arbeitet, wer im Ernstfall zu benachrichtigen sei und minutiös die Ankunft in China, die verschiedenen Unterkünfte usw. usf..

Aber wie gesagt, ist das Formular glücklicherweise nur vier Seiten lang. Die Inder waren letztes Jahr nicht so gnädig und hatten einen neunseitigen Visumsantrag, in welchem man unter anderem nachweisen musste, dass man keine pakistanischen Verwandten hat.

O ist nicht 0 – Immer Ziffer, niemals Vokal!

Und bloß die richtige Passnummer angeben! O ist immer gleich 0, also die Ziffer, niemals der Vokal.

Nach einer Stunde bin ich damit durch. Desweiteren müssen noch Fotos fürs Visum gemacht werden. Die besten Fotos macht der Fotoladen auf der Oranienstraße. Wie immer wird das Foto aus dem Hüftgelenk geschossen und passt schon beim ersten Schuss.

Dass Steffen mittlerweile aussieht wie Fantomas, dafür kann er ja nichts. Der Pullover ist auch nicht hilfreich. Aber man sieht schön den Krebsmoppel vom vorher, der nachher fast weg ist:

Visafotos mit vorher nachher

Und man sieht auch, dass eine Ernährung ohne Alkohol krass das Gesicht verändert, noch zusätzlich zur Chemotherapie. Die dicken Backen sind weg.

Und diesen Blog hier muss ich auch noch vorarbeiten. Einen ganzen Monat vorschreiben.

Ich bin mir nicht sicher, ob die große chinesische Feuerwall mich in China durchlässt und ob ich jeden Morgen die Muse dazu habe, hier weiter zu schreiben..

Aber alles auch mit der großen Sorge, ob wir auch wirklich fliegen ….

Morgen gehen wir erstmal zum Visazentrum und geben den Antrag ab.

25.11.2018 – 6 Grad – Tag 138

Der Morgen weckt mich wunderbar grau und neblig. Genau mein Wetter und perfekt für einen faulen Tag:

und der Nebel wunderbar

Endlich faul sein!

Aufgrund Steffens Nierenbeschwerden denke ich nicht, dass Steffen dieses Wochenende nach Hause kommt. Daher habe ich mich heute auf einen komplett faulen Tag mit mir selbst ein eingerichtet und feiere das mit einer Mädchenserie auf Netflix. „Die Kathedrale des Meeres“, das Buch hatte ich damals gelesen und regelrecht verschlungen und nun bin ich über die Serie gestolpert. Ich genieße jeden Moment, in dem ich im Bett liegen bleiben kann, mir den Kaffee ans Bett hole und genüsslich den Play-Knopf der Serie drücke. Steffen kommt ja erst am Dienstag wieder nach Hause. Ich feiere das gerade sehr.

Nach dem Kaffee mache ich mir ein Frühstück und noch einen Kaffee und verschwinde mit diesem fatalen Netflix ins Bett. Aber, irgendwann muss man natürlich auch aufs Klo und genau in diesem Moment ruft Steffen an. 

Du kannst mich abholen, ich kann nach Hause!

Komisch, ich freu mich gar nicht. Ich kann gerade nicht glauben, dass er das gesagt hat. Das ist bizarr. Und was ist jetzt mit meiner Serie, wie geht es weiter? Und mit meinem gepflegten faul sein? Ich komme mir vor wie ein Drogenabhängiger auf Turkey.

Bekommt man die Dinge, die man sich sehnlichst wünscht, erst dann, wenn  man sie nicht mehr braucht oder wenn sie zumindest stören?

Das ist wie mit den Wünschen, die werden immer erst wahr, wenn sie nichts mehr nützen oder einen nicht mehr glücklich machen.

Also gut, na klar hol ich ihn ab. Natürlich freue ich mich. Als erstes gehen wir etwas zusammen Essen. Ich war ja nicht darauf vorbereitet, dass er heute bei mir zuhause ist. Also sind die Lebenserhaltungssysteme meines privaten Raumschiffes nur auf meine rudimentären Bedürfnisse ausgerichtet, aber niemals für einen hungrigen Charitépatienten, der gerade aus dem Krankenhaus kommt.

Dann gehen wir halt zu unserem geliebten Punkeritaliener und essen Pizza. Steffen ist auch noch eine Vorspeise und meine Vorspeise. Irgendwann ist er endlich satt.

Pizza Incredibile vom Il Casolare

Nach dem Essen lässt mich Steffen zuhause aus dem Auto. Er hat Verständnis für mich und dass ich heute faul sein will. Und außerdem geht es ihm gerade noch gut, also möchte er auch nach Hause Steffendinge tun. Ich habe noch einen Nachmittag mit meiner Serie gewonnen.