Die Alpen

Heute ist der Tag der großen Alpendurchquerung. Nennt mich Dannibal. Auf meinem Eisenschwein, welches nur Diesel frisst, werde ich die Alpen bezwingen. Oder so.

Der Morgen

Pünktlich gegen sechs werde ich wieder munter, mein Zimmer ist muckelig warm. Glücklicherweise wurde gestern Abend noch die Heizungsanlage angestellt. In einem verrückten Moment dachte ich gestern noch kurz, ich springe heute früh ins Wasser und schwimme eine Runde, da dieses laut Aussage der Fischer wohl 20 Grad Wassertemperatur habe. Ich verwerfe diese Idee jedoch in dem Moment, in dem ich die Balkontür öffne.

Kalte und frische klare Luft strömt mir entgegen, doch draußen ist es echt krass kalt, also so um die 6 Grad. Mich leicht schüttelnd verwerfe ich sofort den Gedanken ans Schwimmen und genieße dafür die morgendliche Stille über dem See und kuschel mich noch mal ins Bett, um weiter an diesem Blog zu schreiben.

Im Bett konnte ich ja nur die linke Seite nutzen, weil auf der rechten Seite offensichtlich die Männer schlafen. Ist ja auch näher an der Tür, die rechte Seite. So kann der Mann Einbrecher schneller niederschlagen und sein Frauchen beschützen. Aber die Männer, die ich kenne, würden den Einsatz eher verschlafen. Was also am Ende bleibt, ist eine hängemattenähnliche Kuhle, die ich in der Nacht ignorierte.

Frühstück

Pünktlich 8:00 Uhr gehe ich hungrig hinunter zum Frühstück und wähle den ab heute von mir präferierten Platz für die schwarze Witwe aus, also den prädestinierten Platz für mich. Dieser Platz befindet sich stets irgendwo in der Ecke, aus welcher man stets das ganze Szenario im Speiseraum beobachten kann. Man kann auch in die andere Richtung schauend die Ecke beobachten, je nach gusto. Das mache ich heute, da wir in einem Wintergarten sitzen und ich so den ganzen See überblicken kann.

Das Frühstück ist reichlich, der Kaffee blubbert tiefschwarz aus den riesigen Thermosbehältern. Das ist genau das, was ich jetzt brauche. Es gibt verschiedene Brotsorten der Region, Wurst und Käse, Gemüse und Melone aufgeschnitten, Eiercreme und viel Kuchen. Der Süden winkt mit seinem süßen Frühstück schon über die Alpen.

Danach checke ich aus und stecke dem Inhaber noch die zwei Euro Kurtaxe zu und besteige das Eisenschwein, denn der Roadtrip geht weiter.

Um den Attersee

Die Straße schlängelt am Ufer des Attersees entlang, hinter jeder Kurve bietet sich ein neuer atemberaubender Anblick, der mich zwingt, anzuhalten und Fotos zu machen.

Morgen am Attersee

Links ragt plötzlich riesig das Höllengebirge hervor. Es ist beeindruckend schön und es ist erst der Anfang der schönen Dinge, die ich heute sehen werde.

Das Höllengebirge am Attersee

Sage aus dem Höllengebirge

Im Höllengebirge soll der Teufel eine zanksüchtige Köchin verloren haben, die sich im festen Griff des Teufels so wandt und keifte und wahrscheinlich kneifte, dass sie ihm entglitt und während des Fluges über dem Gebirge herunterfiel und direkt in die Hölle fuhr. Sie ward nie mehr gesehen. Ich habe sie auch nicht gesehen.

Hallstadt am See

Dies ist mein erstes Etappenziel bei meiner Alpendurchquerung für heute, denn es gibt da ein Beinhaus mit bemalten Totenschädeln. Sorry, ich bin etwas komisch, aber das wisst Ihr ja bereits. Steffen kann es nicht mehr auffangen, deswegen kriegt ihr es nun ungefiltert ab.

Die Fahrt nach Hallstadt am See schlängelt mich durch Alpentäler mit wilden Bächen und an diesem wunderbaren Hallstädter See entlang. Es ist so schön, dazu fällt mir gerade nichts mehr ein. Spontan parke ich auf einem Parkplatz, um Fotos zu machen. Auf dem Parkplatz steht noch ein Pärchen mit seinem Campingwagen, welches seine Räder aktiviert, denn sie sind sehr schlau. Ich werde es gleich erfahren, warum.

Auf dem Weg nach Hallstadt gibt es mehrere Baustellen, so steht man die ganze Zeit im Stau. Bei der Aussicht ist das aber nicht weiter wild.

Am Ufer des Hallstädter Sees – wie unglaublich klar das Wasser doch ist! – wenn das Bild gefällt, klicke einfach darauf, dann wirst Du zu Displate weitergeleitet, wo Du es für Dich zuhause bestellen kannst <3

Hallstadt selbst kann man mit dem Auto nur durch einen Tunnel befahren. Dieser wird gerade gebaut und die Autos werden abwechselnd durch den Tunnel gelassen, so dass auf jeder Seite lange Warteschlangen entstehen.

Aber schnell ist dann ist auch diese Hürde bezwungen, denn es ist ja noch früh. Man schlängelt sich also mit den anderen Autos durch den Ort, um mit Hilfe des Parkleitsystems zu seinem Parkplatz geschlängelt werden. Noch gibt es Parkplätze. Orientierungslos stürzen Touristen aus dem Auto. Wie geht das jetzt, wo muss ich hin? Das steht in großen Lettern auf ihren Stirnen geschrieben.

Und jetzt kommt meine große Stunde: ich zerre mein Fahrrad aus dem Eisenschwein und fahre an den ganzen weißen Langnasen vorbei ins Dorfzentrum von Hallstadt.

Blick am Morgen über Hallstadt

Chinesen

Und alle Chinesen sind schon da! Ja, es ist wie eine Parabel auf die Wirtschaft. Die Chinesen fotografieren, schnattern, sind gut gekleidet und uns um Nasenlängen voraus. Sie sind ein bisschen wie die Borg aus Raumschiff Enterprise und irgendwann werden sie uns wirtschaftlich gnadenlos überrollen und wir werden nur noch ein Freilichtmuseum für die Chinesen sein. Ich mag Chinesen sehr, sie haben eine sehr gute Küche.

Aber mit meinem Fahrrad bin ich sogar schneller als die Chinesen und fahre direkt zur Kirche durch dieses kleine wunderschöne, ja geradezu zuckersüße Alpendorf.

Es ist so süß, dass es klebt. Ich muss auf den Friedhof. Memento Mori. Der Weg dorthin führt durch einen engen Treppengang, welcher sich zwischen den Häusern nach oben schlängelt. Direkt zur Kirche, direkt zum Friedhof.

Treppenaufgang zur katholischen Kirche in Hallstadt – klick für mehr

Auch dieser Friedhof ist pittoresk. Die kleinen Holzkreuze, der Blick über den See.

Blick vom katholischen Friedhof aus über den Hallstädter See

In der Kirche brenne ich eine kleine Kerze für Steffen an, das kann nicht schaden.

Altar in Hallstatt

In dem Moment fällt direkt der Sonnenstrahl auf mich. Läuft bei uns.

Mein Fahrrad ist kurz vorm Beinhaus geparkt, im Hintergrund sieht man schon die Pfarrkirche Maria Himmelfahrt, wo sich das Beinhaus befindet

Also ab ins Beinhaus. Unter der Kirche ist noch eine kleine Gruft, in welcher der Sarkophag eines Reichen liegt, welcher bestimmt hat, dass er aller 50 Jahre im Sarkophag durchs Dorf getragen und über den See zu seinem Haus am anderen Ufer gefahren wird. Das hat man wohl auch zwei Mal gemacht. Finde ich eine gute Idee.

Das Beinhaus

Das Beinhaus befindet sich unter einer kleinen Kapelle auf dem Friedhof und kostet 1,50 EUR Eintritt. Die Chinesen haben es noch nicht gefunden, ich habe Glück und öffne die Tür und bin ganz allein mit 1000 Totenschädeln von denen 600 bemalt sind, welche mich aus ihren leeren Augenhöhlen anstarren.

Im Beinhaus von Hallstadt

Ich genieße die Ruhe und die Einkehr mit mir.

Da auf dem Friedhof so wenig Platz ist, hat man vor über hundert Jahren angefangen, nach 10-15 Jahren die Särge wieder auszugraben, die Bein- und Schädelknochen zu säubern und dann in der Sonne zu trocknen und zu bleichen. Dann haben die Totengräber die Schädel bemalt und im Beinhaus nach Familiennamen sortiert.

Totenschädel im Beinhaus von Hallstadt

Ok, genug gesehen, ich fahre zurück zum Auto. Auf der Parkleitsystemtafel sehe ich, dass schon 2 Parkplätze voll sind. Ich verstaue das Fahrrad und verlasse den Ort. Der Stau vor der Tunnelampel außerhalb des Alpenortes ist mittlerweile einen Kilometer lang. Yeah! Alles richtig gemacht.

Die Weiterfahrt

Also fahre ich weiter Richtung Spittal an der Drau. Ich fahre normal auf der Landstraße, da ich keine Vignette für die Autobahn kaufen möchte und mehr von den Alpen sehen will. Denn ich war ehrlich gesagt noch nie wirklich in den Alpen, ja in Garmisch-Patenkirchen und zig mal drüber geflogen, aber nie drin.

Der Mond weißt mir den Weg, da er beim ersten Teil der Etappe immer genau vor mir ist. Steffen ist dabei. Ich muss voll heulen, weil es so schön ist und es Steffen so sehr gefallen hätte.

Ich verstehe jetzt, was er meint. In den Alpen ist alles unglaublich imposant und berührend. So massiv schön, dass es schreit. Dass es uns die Demut lehrt, dass wir im Großen und Ganzen betrachtet mit unserem mickrigen Leben nur ein Fliegenschiss sind im Lauf der Geschichte sind.

Mit den Alpen ist es ist ein bisschen wie mit dem Film „Amelie“. Aus dem kamen nachher alle verklärt aus den Kinosälen heraus, und flüsterten, wie schön das Leben doch sei. Also für die etwas abgestumpftere breite Masse sind die Alpen perfekt und erzeugen endlich einmal Gefühle.

Die Alpen sind also eher Tuba, während das normale Leben Flöte ist.

Das Eisenschwein

Währenddessen kämpft sich mein tapferes Eisenschwein, also mein kleiner Renault Kangoo, die Pässe mit 15% Gefälle hoch und runter. Das Schweinchen kommt an seinen Grenzen. Mehr als 50km/h will es bei den Steigungen nicht machen und ich will es nicht quälen. Ich mag mein Auto sehr.

Hinter mit drücken immer irgendwelche Sportpfeifen, die endlich mal ihr Autchen ausfahren dürfen. Mehrmals fahre ich rechts ran und denke mir meinen Teil. Dieser Teil ist nicht so fein. Auf Parkplätzen sehe ich dann die dicken Männer, die sich aus diesen Sportwagen schälen. Ja genau. Das Teil. Kein Neid, keine Sorge. Ich mag die kleinen Sportwagen nicht, weil man sich als 1,80 m Bohnenstange immer ziemlich unelegant herein- und herausschält. Ich mag große Autos.

Nach den Pässen kommen diese riesigen Täler. Wer mäht eigentlich immer den ganzen Rasen so akkurat? Die Täler sind das perfekte Gegenstück zu den Alpen. Alles ist mir bald zu viel. Zu schön und zu perfekt. Ich bekomme Hunger. Ich brauche eine kleine Pause, um den Zuckerpegel wieder hochzuschießen und eine heißgeliebte Frittatensuppe zu bestellen.

Rinderbrühe

Oh, wie ich eine gute echte Rinderbrühe liebe. Stundenlang gekocht mit einer feinen braunen Tönung. Oh, dieser wunderbare Geschmack. Hier im Süden, in Schwabenland, Bayern und Österreich gibt es in jedem Gasthaus eine richtige Brühe. Ich gehe jedes Mal fest.

Danach noch einen Palatschinken mit Eis und selbstgemachten Schlagobers, und weiter gehts.

Palatschinken zum Mittagessen in der Pension Waldhof in Dellach

Die Grenze zu Italien

Ein letzter Pass, der Pass mit der italienischen Grenze oben drauf. Davor sind Gräber aus dem ersten Weltkrieg. Irgendwelche armen Kerle haben sich totschießen lassen müssen für den Wahn anderer. Wiederkehrender unnützer Scheiß. Das tut mir leid.

Deutscher Kriegsgräber-Friedhof aus dem 1. Weltkrieg an der Straße zum Plöcker-Pass

Endlich passiere ich die italienische Grenze.

Plöcker-Pass

Hier oben ist auch ein Kriegsdenkmal, da der Pass im 1. Weltkrieg heftig umkämpft wurde. Ich klettere ein bisschen herum und fotografiere eine Ruine und geh zum Auto zurück. Das Restaurant auf dem Pass ist schon in italienischer Hand, alles sieht etwas heruntergekommen und schrabbelig aus. Ich atme auf, nach der Perfektheit der vergangenen Stunden ist das Schrabbelige Balsam auf meiner Seele. Perfektes ist in meinem Leben einfach nicht vorgesehen.

Militärische Tarnvorrichtungen am Pöcken-Pass
ein alter Bunker am Pöcken-Pass
Komplett zerstörtes Gebäude aus dem 1. Weltkrieg am Plöcken-Pass
An der höchsten Stelle des Passes befindet sich dieser Parkplatz, beliebt bei Motorradfahrern
Italienisches Denkmal am Plöcken Pass

Nun schraube ich mich eine atemberaubende Serpentinenstraße wieder Richtung Tolmezzo herunter. Ich drehe am Radioregler und bekomme die ersten italienischen Sender rein.

Das erste Mal in Italien Autofahren ohne Steffen. Es fühlt sich so falsch an, ich muss heulen. Auch nicht gut bei Serpentinen. Aber funktioniert. Ich kann nicht sagen, „los, such mal einen fetzigen Sender“. Keiner da, neben mir. Die Hand, die sich auf Schenkeln ausruhen will, greift ins Leere.

Mein rechter, rechter Platz ist frei, ich wünsche mir den Steffen herbei.

Verzegnis

Ich bin angekommen, in einer Region, von der ich nichts wusste. Mein Desinteresse für die Alpen ist zu groß und auch nicht gut, ich weiß. Ich dachte immer, hinter den Alpen ist Südtirol. Und dort will ich nicht hin. Ich mag kein Humptata. Und jetzt bin ich in Verzegnis.

Schon wieder bin ich über eine bizarre Geschichte gestolpert:

Die Besessenen von Verzegnis

Im Winter 1878 behauptete ein Dorfmädchen, eine gewisse Margerita Vidusson, vom Teufel besessen zu sein. Dies griff auf 24 Mädchen und einen Karabiniere über. Die Besessenen schrieen und lästerten in unverständlichen Sprachen und hatten außergewöhnliche und tierische Kräfte. Alles wurde beendet durch das Eingreifen des Arztes und aufgeklärten Udineser Freimaurers Giuseppe Chiappolino. Über diese Vorfälle berichtet der Roman Die Besessenen von Verzegnis von Pietro Spirito.

Quelle: Wikipedia

Es fühlt sich hier an wie eine Mischung aus Italien und Slowenien, mit ihrer eigenen Sprache, die sehr slawisch anmutet. Meine Unterkunft hat die Zimmerschlüssel an die Außentür gehängt, mit Namen drauf.

Die Schlüssel für mein Zimmer hängen an der Außentür meiner heutigen Unterkunft

So ruhig ist das hier:

endlich angekommen

Al Fogolar Rooms & Osteria

Via Udine, 15, 33020 Verzegnis UD

https://www.alfogolar.it/

Unten ist ein sehr gutes Restaurant. Es öffnet aber erst 19:30 Uhr und ich Spießer habe mich an ein Abendbrot gegen 18:00 Uhr gewöhnt.

Ich verbringe die Zeit mit einem sehr guten Merlot draußen auf der Veranda und beobachte das Dorf. Keiner spricht hier deutsch. Das ist perfekt, das ist das, was ich wollte.

Endlich gibt es das Essen, ich fresse mich so voll, ich falle 21:20 Uhr direkt ins Foodkoma. Deswegen gibt es den Bericht erst jetzt.

Attersee

Heute war die erste Nacht des Roadtrips, in der ich endlich einmal durchgeschlafen habe. Mein furchtbarer Schnupfen scheint besiegt. Also habe ich genug Kraft, heute weiter zum meinem nächsten Zwischenstopp, an den Attersee zu fahren.

Wieder bekomme ich pünktlich um 8:00 Uhr mein Frühstück vor die Tür gestellt. Da könnte ich mich wirklich daran gewöhnen! Heute gibt es wieder leckeres frisches Brot, Hörnchen, Brötchen, Butter, Honig und Marmelade und Hemendex. Ha, was ist das? Fragt sich der geneigte Leser. Na rate mal… Richtig: Spiegelei mit Schinken. Große Liebe.

Frühstück mit Hemendex

Um 9:00 Uhr verlasse ich diese sehr niedliche Unterkunft und wackel zu meinem Auto. Es ist ganz schön kalt heute Nacht geworden. Im Auto messe ich 5 Grad. Und plötzlich macht das Auto wieder Geräusche. Wie letztes Jahr im Herbst auch schon. Jetzt verstehe ich, unter einer bestimmten Außentemperatur rödelt es irgendwo. Ich hatte damals Steffen deswegen total besorgt in die Werkstatt geschickt. Der Werkstattmann sagte daraufhin nur, das wäre normal bei Renault, weil in dem Motorraum alles extrem eng verbaut ist.

Und da ist es wieder, das Geräusch. Und die schmerzhafte Erkenntnis, dass es das letzte Mal so kalt war, wo Steffen noch gelebt hat…

Fahrt nach Österreich

Ja, was soll ich machen. Gefühlt ist Steffen bei mir und feiert die ganze Fahrt, denn es ist wunderschön. Die Straße schlängelt sich entlang der Moldau. Links und rechts sind dunkle Wälder. Da es nachts so kalt war, dampft der Fluss. Es ist so wunderschön, dass ich mehrmals quietschen muss und verzweifelt einen Parkplatz suche, um Fotos zu machen. Und dann endlich finde ich einen und werde belohnt.

Hier sieht es aus, wie in den Filmen unserer Kindheit. Es sieht aus wie bei „Arabella, die Märchenprinzessin“ oder „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“.

Radiosender

Wenn ich verreise, möchte ich immer die Sender vor Ort hören, da diese bei mir zum Urlaubsgefühl beitragen. Auf Sardinien lief immer Radio Kisskiss und wir sind mit Steffen die 30er-Kurven mit einer gepflegten 70 langgefetzt. Und Steffen kicherte immer, wenn die Reifen in der Kurve quietschten. Ein Song von damals ist für immer hängen geblieben und den verbinde ich mit Steffen:

Das funktioniert aber nicht, wenn man zum Beispiel in Deutschland den Berlin-Brandenburger Raum verlässt, denn dann wird auf dem Land alles gleichgeschaltet. Ob Bayern, Sachsen oder Mecklenburg-Vorpommern, überall kommt exakt dieselbe Musik.

Ich habe Hochachtung davor, wenn Jungmenschen bei dieser Dauerbeschallung mit schlechter Musik befähigt sind, sich einen guten Musikgeschmack zu bilden.

Und hier in Südböhmen läuft schon der österreichische Musiksender

FM4

Den kennen wir über unsere liebe Freundin V. aus Wien. Damals sind wir zu dritt nach Krems an die Donau gefahren. Wieder mit quietschenden Reifen, Frau V. kann das nämlich auch sehr gut. Dazu lief dieser Sender mit verdammt guter Musik und ich habe vor Freude geheult, weil alles so perfekt war. Und Steffen machte von sich dieses Bild. Grandios.

Steffen-Herz

Dieser Sender wird mich sicher noch durch ganz Österreich begleiten und ich werde die ganze Zeit an die beiden denken.

Attersee

Nach drei Stunden Fahrt komme ich endlich in Weyregg an. Einem Ort am Attersee. Der Attersee war mir bisher nur bekannt von einem scheußlichen Lied beim Eurovision Song Contest, wo ein Typ mit Glatze herumsprang und immer „Atter-, Atter-, Attersee“ brüllte.

So, jetzt war ich nun hier angekommen.

Zu dem Alpenvorland habe ich aus familiären Gründen keine Emotionen, deswegen wollte ich das Thema so schnell wie möglich abhaken und gebe mir hier nur eine Übernachtung. Ich kann mit dem ganzen Alpengedöns mit seinen Blumenkästen und der Volksmusik gar nichts anfangen. Da rollen sich mir die Fußnägel hoch und ich bekomme Aggressionen. Also umgehe ich das, so gut es geht.

Steffen sagte diesbezüglich mal zu mir: „du hast halt eine falsche Taktung, mehr Polka, weniger 4/4 Takt.“ Ein schönes Kompliment von meinem Herz.

Ich habe mir eine beliebige Pension am See ausgesucht, eine, die nicht so teuer ist. Wenn ich keine Emotionen zu etwas habe, will ich dafür auch kein Geld ausgeben.

Die Pension ist knallhart im Jahr 1990 stehen geblieben. Das ist faszinierend. Den Flyer will ich Euch nicht vorenthalten:

Im Eingang sieht es auch aus wie in Willy Schwabes Rumpelkammer. Aber die Gastgeberin ist super lieb und erinnert mich an die Mama von Herrn R.

Mein Zimmer ist ein Palast, hat ein separates Klo, eine separate Dusche und ein riesiges Schlafzimmer mit Doppelbett nur für mich allein. Außerdem blicke ich von meinem Balkon aus auf den Attersee und drei Taucher und das ist schon ganz schön beeindruckend. Und wenn ich Glück habe, habe ich später noch einen Sonnenuntergang, wenn das Wetter mitspielt.

Meine Mama und die Reisekataloge

Kurz nach der Wende gab es doch in der „Freundin“ und „Für Sie“ und im „Stern“ glaub ich auch, hinten Annoncen von irgendwelchen Pensionen in Bayern und Österreich. Ihr erinnert Euch, das war die Zeit vor dem Internet. Man konnte da so Miniformulare ausfüllen und sich Kataloge schicken lassen.

Das haben Mama und ich gemacht und irgendwann schwirrten Tonnen von diesen Katalogen ein. In den Katalogen sind die immergleichen Häuser mit den Balkons mit den Blumenkästen. Und mit Swimmingpools mit lachenden blonden Familien. Mit holzvertäfelten Gasträumen.

Wir sind nie hingefahren.

Und jetzt bin ich hier. Im Jahr 1990. Am Attersee. Keine 14 Jahre alt, eher anders herum. Ich weiß noch nicht, was ich fühlen soll.

Da ich schon mittags angekommen bin, muss ich die Zeit irgendwie totschlagen. Also fahre ich erstmal mit dem Fahrrad zum Eiskaffee und kaufe mir einen Apfelstrudel mit Schlagobers und einem feinen Kaffee.

Ich finde, das ist ein legitimes Mittagessen! Das Eiskaffee wird von einem älteren Ehepaar um die 70 (!) geführt. Der Apfelstrudel ist selbstgemacht, der Strudelteig ist dünn wie Papier. Ich bin begeistert. Und habe keine Lust mehr weiter mit dem Fahrrad zu fahren, denn hier sind Berge, das find ich doof. Zurück zum Auto und ich fahre zum Nachbarsee. Dem

Traunsee

Frau V. hat mir den Tipp gegeben und ich bin beeindruckt von den Felsen, den Bergen, den Häusern, dem allem. Das ist schon schön hier.

Reicht jetzt aber, ich habe Hunger. Zum Abendessen gehe ich runter ins Restaurant. Der hiesige Pächter bietet fangfrischen Fisch aus dem Attersee an, der heute früh gefangen wurde. Kostet bestimmt mindestens 50 EUR (das Essen ist echt schweineteuer!). Vielleicht gibt es also noch einen Nachtrag.

Nachtrag

Unten am Haus gibt es eine wunderbare Seeterasse. Es ist recht frisch und windig, um die 14 Grad. Aber das ist so schön, diese Gelegenheit kommt nicht gleich wieder, also entscheide ich mich draußen zu essen.

Der Service ist superschnell und freundlich, wahrscheinlich der Pächter selbst. Der Fisch ist eine kleine Renke, so groß wie eine Forelle, mit etwas festerem Fleisch und war heute früh noch im Attersee. Sehr lecker! Und es kostet mit zwei Bier und einer Frittatensuppe 30 EUR.

Alleinreisen – Beobachtungen

Was ich die ganze Zeit sehr interessant finde, ist, wie die Umwelt mit mir umgeht.

Männliche Kellner und die diversen Dienstleister sind immer sehr freundlich und aufmerksam und dass, ohne schmierig zu sein.

Wenn Paare auf mich stoßen, sind die Frauen leicht abweisend und bleiben im Hintergrund. Die Männer grüßen stets freundlich und reden mit mir. Ich versuche jedoch die ganze Zeit Blickkontakt mit den Frauen zu halten, damit sie mich nicht als Bedrohung sehen. Dennoch setzen sie sich meist auf Initiative der Frau ganz weit von mir weg.

Hat aber nicht geholfen, der Ehemann rief mir gestern, als ich den Gastraum verließ, hinterher: „Aber bitte nicht zu wilde machen“. Was auch immer. Das gab bestimmt noch Ärger.

Ich werde das weiter beobachten, denn ich finde das recht interessant.