Was hat eine Teigtasche mit dem Mauerfall zu tun?

Ja, jetzt wird es wieder haarig. Was haben denn bitte Teigtaschen mit dem Mauerfall zu tun?

Als am 09.11.1989 die Mauer fiel, war ich gerade zarte 12,5 Jahre alt und habe ehrlich gesagt nicht wirklich verstanden, was da gerade passiert.

Das war meine kleine Welt 1989:

Zu sehr war ich mit meiner Angst vor einer bestimmten Person in der Klasse beschäftigt, die mich ständig so malträtierte, dass ich vor lauter Angst schon ein dreiviertel Schuljahr lang aufgrund von undefinierbaren Bauchschmerzen (na, was denkt ihr, wo die wohl herkamen?) krank geschrieben war. Glücklicherweise hatte auch mein in der Zwischenzeit versuchter kleiner Suizid mit Teppichreiniger – ich dachte mir so, wenn ein Totenkopf drauf ist, sind schon ein paar Tropfen tödlich – nicht wirklich funktioniert.

Und da war da plötzlich der Mauerfall und endlich verschwand diejenige Person aus der Klasse. Direkt am nächsten Tag. Einfach so, über Nacht, ist sie mit ihrer Mutter „rübergemacht“. Was für eine Erlösung!

Endlich kehrte Ruhe ein und ich konnte wieder ganz normal in die Schule gehen. und so hatte ich wenigstens für ein paar Jahre einmal das Gefühl von Normalität.

Die Geschichten der anderen Familienmitglieder:

Mein mittlerer Bruder war bei der NVA in Bernau stationiert, da man in der DDR nur studieren konnte, wenn man vorher bei der NVA war, wenn man es nicht auf die EOS (Erweiterte Oberschule – ähnlich dem Gymnasium heute) geschafft hatte, deren Numerus Clausus streng war. Er redet kaum darüber, aber ich weiß, dass es furchtbar gewesen sein muss, in der NVA-Uniform – diese musste man bis nach Hause tragen – inmitten der aufgeheizten Menschenmenge in dieser Zeit, mit dem Zug quer durch die Republik nach Hause zu fahren (wenn man denn mal nach Hause durfte).

Mein Papa nahm derweil bei den Demonstrationen im Oktober 1989 in Dresden teil. Nicht wissend, dass mein großer Bruder, ebenfalls bei der NVA, ebenfalls aus oben genannten Gründen, mit seiner Einheit ebenfalls zum Hauptbahnhof gefahren wurde. Glücklicherweise kam es nicht zur Eskalation. Was für eine Vorstellung, dass mein Bruder und mein Vater sich gegenüberstehen würden und mein Bruder einen Schießbefehl gehabt hätte.

Meine Mama war mit mir zuhause und wusste von alledem glaub ich nichts. Ich kann sie leider nicht mehr fragen …

Und jetzt zum 30jährigen Jubiläum des Mauerfalls taucht überall in den Medien diese Fragestellung auf:

Was ist für Dich das Beste am Mauerfall?

Und da gibt es für mich nur eine Antwort:

Das Essen!!! Soviel neues und interessantes Essen! Essen von der ganzen Welt! Endlich! Da! Für mich!

Schon immer habe ich mich für die verschiedensten Rezepte und Gerichte interessiert.

Rezepte in der DDR

In der DDR gab es ja nur ganz wenige Kochzeitschriften und die waren schwer zu ergattern. In dem Kochbuchschrank in der Küche standen bei meiner Mama lediglich fünf Kochbücher, meist russische und ungarische Küche, und lagen ca. zehn Kochzeitungen, welche ich ständig und immer wieder durchblätterte. Ich ergötzte mich an den wenigen Bildern und stellte mir vorstellte, wie dieses oder jenes wohl schmecken würde.

Eine von den Zeitschriften war magisch: diese eine muss irgendwann in den 70ern erschienen sein, wo es in der DDR wirtschaftlich kurz richtig gut ging, weit vor dem Mauerfall. Man öffnete sich etwas dem Westen gegenüber. Es gab in Berlin wohl ein chinesisches Restaurant und in diesem speziellen Heft wurden verschiedene Rezepte einiger Länder vorgestellt, die absolutes Neuland waren: Japan, China und Korea.

Mein Gott, war das alles faszinierend. Die asiatischen Schälchen waren so schön. Seitdem habe ich eine Schälchen-Macke.

Und das Wort: „Sukiyaki“. So wie das Essen auf den Bildern aussah, musste es unbeschreiblich lecker sein. In dieser Zeitschrift wurden auch das erste Mal Tee-Eier abgebildet. Diese Eier mit der aufgeknackten Schale, die das Innere des Eis wunderbar braun marmorierten.  

Und meine Liebe zu Asien wurde noch mehr vertieft.

Rezepte unter der Hand

Dann kursierten Rezepte unter der Hand. Diese wurden meist auf Arbeit ausgetauscht. Kolleginnen schrieben anderen Kolleginnen Rezepte auf, die gerade „in“ waren. So fanden sich im vorderen Teil von Mamas Kochbüchern kleine karierte Zettelchen mit Rezepten von Donauwelle, Naschi (der DDR-Nutella-Variante) und Pizza – der teigigen Ostvariante (3 cm Hefeteig – 1 cm Paprika).

Ach ja, wir hatten übrigens keine Westverwandte. Das machte so ziemlich alles noch schwieriger. So konnte man ja nur kreativ werden.

Eines schönen Tages bekam ich dieses Buch geschenkt:

Namsu im Land der Morgenfrische

Über ein kleines Mädchen aus Nordkorea. Es gab aus jedem sozialistischen Bruderland ein Kinderbuch dieser Art. Das war unsere Art der Völkerverständigung. Ich erinnere mich auch noch an Bücher über einen Jungen aus Jemen.

DDR Kinderbuchcover
Das original DDR-Kinderbuch über Nordkorea

Aber hier war dieses Buch über Nordkorea. Und hey, mal ernsthaft, das war so nah dran an Japan und China – meine Lieblingsländer in diesem Alter – es war perfekt. Ich saugte jede Geschichte auf und lernte sogar die koreanischen Schriftzeichen und ein paar koreanische Worte.

Foto aus einem Kinderbuch über Nordkorea aus der DDR
Abbildungen aus dem glücklichen Pionierleben in Nordkorea

Und es gab eine Seite mit Rezepten! Oh mein Gott, original koreanische Rezepte!

Also nervte ich meine Mama mit dem Rezept für gefüllte koreanische Teigtaschen. Wir müssen diese unbedingt nachkochen!

Hier findet Ihr das Rezept:

koreanisches Rezept im DDR-Kinderbuch
Das Originalrezept aus meinem Kinderbuch

Erwa-Speisewürze ist übrigens sowas wie Maggi. Selbstredend gab es bei uns keinen frischen Ingwer und keine Sojasoße. Ich glaube, wir hatten nichtmal Ingwerpulver.

Teigtaschen

Nachdem ich meine Mama weich geredet hatte, machten wir uns an die Teigtaschen. Teigtaschen hatten wir schon vorher unzählige Male gemacht. Diese waren jedoch russisch, hießen bei uns Pasteten und waren aus Hefeteig und wurden gebacken. Dieses Rezept hier war jedoch neu. Gekochte Teigtaschen!

Wenn in unserer fünfköpfigen Familie so etwas arbeitsintensives gekocht wurde, wurde die gesamte Familie in Beschlag genommen. Der eine rollte den Teig aus, der andere stach die kreisrunden Teigscheiben aus und der dritte füllte diese mit der Fleischfüllung.

Der Besuch

Auf einmal klingelte es an der Tür.

Der Ofensetzer stand vor der Tür und hatte Verwandte aus dem Westen dabei, die alle den neuen Kachelofen ansehen sollten, den der Ofensetzer bei uns im Haus gesetzt hatte. Er war wohl sehr stolz auf seinen Kachelofen.

Und da saßen wir, die komplette Familie Heidrich beim Teigtaschen füllen und gegenüber die feinen wohlriechenden und staunenden Wessis, die am kuschlig warmen Ofen standen. Auf die Frage, was wir den kochen würden, antworteten wir „koreanische Teigtaschen“. Die haben geguckt!

Und, trotz der verrückten Zutaten waren diese Teigtaschen unglaublich lecker, meine Mama hatte die koreanische Soße noch etwas gepimpt, so dass das Essen perfekt war.

So kam es, dass ich diese Teigtaschen noch weitere 10 Jahre nach dem Mauerfall, dann jedoch natürlich mit den richtigen Zutaten, zubereitete.

Bis ich halt irgendwann auf ein Rezept für Gyoza stieß. Diese übertrafen alles bisher Gekannte. Ich war verloren. Mehr dazu hier:

Die Kopie mit Oma

Wie mit allem, was mir schmeckt, muss ich alles so lange nachkochen und essen, bis es mir aus den Ohren herauskommt.

Und so geschah es, dass ich in den Winterferien bei Oma war. Oma kochte göttlich, aber ich wollte unbedingt diese koreanischen Teigtaschen essen. Und irgendwann hatte ich auch Oma bequatscht.

„Dann kauf wir halt jetzt alles, was du für diese Teigtaschen brauchst!“  sagte sie mir, als wir in Zittau einkaufen waren.

Aus schierem Hackfleisch wurde jedoch beim Fleischer plötzlich Hackepeter – ein Schwein namens Peter – meine Oma hatte spontan umentschieden. Hackepeter wird bei uns in der Gegend jedoch leider üblicherweise mit Kümmel gewürzt – ich hasse Kümmel (kotz).

Bei Oma zuhause angekommen, machte ich mich fleißig an die Füllung, diese schmeckte heute aber etwas komisch.

Oma war eine begnadete Bäckerin und fertigte behände den Teig für die Teigtaschen. Schnell waren die Teigtaschen gefüllt und fertig zum Kochen.

„Aber Oma, wir brauchen doch noch die Soße! Hast Du Erwa-Speisewürze?“, sagte ich. „Ne, sowas gibt es bei mir nicht, ich mach uns schnell noch eine Senfsoße dazu“.

Also gab es dann bei uns die Teigtaschen mit kümmeliger Hackepeterfüllung und sahniger Senfsoße dazu.

Oma biss vorsichtig in die erste Teigtasche. Stille. Staunen.

„also koreanisches Essen mag ich nicht“.