Veränderung durch Trauma

Wie verändern uns Schicksalsschläge? Was macht ein furchtbares Erlebnis mit uns? Was macht es mit einem, wenn der Partner stirbt?

Altkluge Jugend

Wir wissen alle noch in etwa, wie wir in unserer Jugend über eventuelle Dinge im Leben gedacht haben. Im Eifer sprießender Kräfte, getrieben vom Übermut und jugendlichen Allmachtsfantasien waren wir doch meist auch ach so strikt mit Dingen, die wie niemals machen würden und Dingen, die wir unserer Meinung nach nie überleben würden.

Manchmal sitze ich im M29-Bus in Berlin und schmunzele leise in mich hinein, wenn ich ambitionierte Jungmenschen belausche, ob der Dinge, die sie niemals tun würden und voller Pläne, wie sie ihre hochgesteckten Ziele ohne weiteres erreichen würden.

Und ich war genauso, denn auch mir war immer vollkommen klar, dass jeder für sein Pech immer selbst verantwortlich ist und dass man alles erreichen könne, wenn man nur genug hiervon und davon täte.

Trauma

Und dann passiert das Leben, packt dich an den Beinen, holt mit dir und deinem willenlosen Körper weit aus, wirbelt dich über seine Schulter und schlägt dann deinen Kopf links und rechts hart auf die lehmige Erde der Realität auf.

Wenn man danach irgendwann wieder langsam zu Bewusstsein kommt und sich vorsichtig umsieht, stellt man fest, dass ein paar Wirbel angeknackst sind, aber man immer noch lebt.

Man fragt sich vorsichtig, wie man genau in diese Situation geraten ist, in die man nie kommen wollte und akzeptiert irgendwann die Scheiße namens Veränderung.

Und ja, es tut mir leid, egal wie schwer es ist, man muss es akzeptieren, denn sonst wird man nämlich leider verrückt. Weil man lebt ja immer noch.

Dann kommen die Erkenntnisse:

Erkenntnis Nummer eins

Es ist dann doch gar nicht so schlimm wie zuvor befürchtet.

Angekündigte Veränderung

Vielleicht kommt es bei mir auch dadurch, dass ich ein halbes Jahr Zeit hatte, mir vorzustellen, wie es wäre, wenn Steffen tot ist. Es war die mit Abstand schlimmste Vorstellung meines Lebens. Schon immer. Es gibt nun keine größere Angst mehr in meinem Leben. Die Angst vor Steffens Tod wurde während der Krebserkrankung immer größer.

Wenn ich dann alleine irgendwohin fahren musste, fehlte Steffen so unglaublich, da wir uns ja immer gegenseitig vervollständigt haben. Mein Gott, dieser Humor. Alles. Wie sollte es nur werden, wenn Steffen nicht mehr da ist?

Nun, jetzt ist er nicht mehr da. Das habe ich bitter akzeptieren müssen.

Abrupte Veränderung

Ganz anders furchtbar ist es, wenn jemand ganz plötzlich aus dem Leben gerissen wird. Dann fehlt die Vorlaufzeit die ich zum Beispiel hatte. Auch hier sieht man, Trauer ist nicht gleich Trauer. Bei mir begann schon die Trauer mit dem Schock der Krankheit, bei anderen erst mit dem plötzlichen Tod des Partners.

Es ist beides scheiße, aber man überlebt es irgendwie. Schön ist anders, klar. Der Körper macht auch ganz viel mit einem, dass man das überhaupt schafft.

Ja, was macht der überhaupt?

Erkenntnis Nummer zwei

Das Ganze macht etwas Großes mit Dir. So ein Schock verändert dich dermaßen, es ist einfach unvorstellbar. Es macht eine Veränderung mit dir, die unumkehrbar ist.

Es macht, dass Menschen plötzlich Dinge tun, die vorher absolut nicht vorstellbar waren.

Beispiel Mama

Meine Mama hat zum Beispiel Zeit ihres Lebens gesagt, dass sie niemals von jemandem abhängig sein will und kein Pflegefall werden möchte.

Was ist ihr daraufhin passiert? 13 Jahre Wachkoma und anschließende häusliche Pflege durch meinen tapferen Papa nach einem Hirnschlag.

Bei jedem Besuch habe ich sie entsetzt gefragt, wie es ihr geht, da ich ja wusste, was ihre Einstellung zum Pflegefalldasein vorher war. Ich fragte Mama, ob sie zufrieden mit der Situation ist und sie hat stets mit „ja“ geantwortet und gelacht! Klar, wäre sie glücklicher gewesen, wenn es ihr besser gegangen wäre. Aber sie war froh, noch bei uns, ihrer Familie und zuhause bei Papa sein zu können.

Ich dachte bisher immer, dass meine Mama eine Wesensveränderung durch den Hirnschlag gehabt hätte.

Aber nein, erst jetzt verstehe ich: dieser Schock, fast gestorben zu sein, hat meine Mama dermaßen verändert, dass für sie die augenscheinlich furchtbarste und unvorstellbare Situation ganz plötzlich gut war.

Beispiel ich

Eine ähnliche Veränderung sehe ich an mir:

Früher war ich der absolute Sicherheitsfanatiker, wollte am liebsten nur in meiner Küche sein und nicht unter Menschen. Urlaub machten wir auf meinen Wunsch hin immer nur am selben Ort und die Vorstellung, alleine ins Kino oder Restaurant zu gehen, war für mich absolut absurd.

Und jetzt?

Müsste ich jetzt meinen Urlaub planen, dürfte kein Ort doppelt vorkommen und ich würde nur an Orte reisen, wo ich noch nie war und das Ganze am liebsten alleine.

Ich plane kaum noch etwas, ich kann nicht mehr planen. Früher habe ich mein ganzes Leben durchgeplant. Jetzt reagiere ich nur noch.

Ein Job mit ständig wechselnden Menschen wären toll – das komplette Gegenprogramm zu vorher – und ja da gibt es sogar etwas, was ich ins Auge gefasst habe, irgendwann später dazu mehr.

Ich finde es mittlerweile so großartig, alleine essen zu gehen. Die Kellner (achte darauf, dass sie männlich sind – klingt billig, aber ist so) bemühen sich unglaublich. Kino ist auch toll, man kann den Film in Ruhe genießen.

Fazit:

Niemand kommt so aus einem Sturm heraus, wie er hineingegangen ist.

Nur die Angst macht die Dinge groß und schrecklich, aber ich kann euch von der anderen Seite des Flusses aus zurufen: keine Sorge, es wird ok, vielleicht nicht so gut wie gedacht, aber anders gut.

Aber man schafft es. Dein Körper und deine Psyche sind deine Freunde.

Veränderung ist allgegenwärtig
Frühling in München