Vollmond

Der Vollmond ist unsere gemeinsame Verbindung. Ich sage immer, Steffen ist der Vollmond. Nicht nur ein Stern, nein, der Vollmond.

Warum ist mir der Vollmond so wichtig?

In der Nacht, in der ich Steffen das letzte Mal ins Krankenhaus gefahren habe, war Vollmond.

Am Tag von Steffens Kremation war Vollmond.

Am 27. Juli 2018, dem Tag, an dem Steffen das ganze Ausmaß des Krebses mitgeteilt bekam, war der Blutmond.

Und am letzten Tag unseres traumhaften Indienurlaubes war Vollmond.

Der Vollmond ist also unser Tag.

Seitdem Steffen gestorben ist, feiere ich so jeden Monat einmal seine Rückkehr. Ich habe mir einen Ritus angewöhnt:

Mein Vollmond-Ritual

Jeden Vollmond feiere ich nun mit unseren gemeinsamen Freunden.

April-Vollmond

Den ersten Vollmond im April war ich mit den beiden Wienern in Kroatien. Wir hatten uns eine Ferienwohnung gemietet und uns mit einer Flasche Rotwein an die Küste gesetzt, ein Räucherstäbchen angezündet und Steffen gefeiert, dabei haben wir über Steffen geredet, an Steffen gedacht und jeder Schluck Rotwein war für Steffen auf der anderen Seite. Als wir wieder zurück in unserer Unterkunft waren, ging hinter den Bergen riesig der Mond auf.

Frau V. hatte noch von Silvester Wunderkerzen aufgespart und so entstand dieses wunderbare Bild:

Lichtspiele mit Wunderkerzen
Aprillvollmond

Mai-Vollmond

Beim Mai-Vollmond traf ich mich mit drei anderen Freunden in ihrem Häuschen in Falkensee. Wir sind mit ihnen schon seit 2004 befreundet, also sind dies ein paar unserer ältesten Freunde. Wir haben gegrillt und später hat T. eine Feuerschale angemacht.

Lagerfeuer
Die Feuerschale bei Freunden

Ich brachte all meine Räucherware mit und als das die Funken hoch in den Himmel stiebten, warf ich Weihrauchharz auf die Glut. Der Mond ging auf. Frau K. und ich haben auf der Wiese zur Musik aus dem Krachwürfel getanzt. Es war schon fast wie ein kleiner Hexenclub.

Juni-Vollmond

Heute ist es wieder so weit.

Ich bin extra für diesen Vollmond zu unseren Bremer Freunden gefahren. Ja genau zu denen, die wir das letzte Wochenende bevor Steffens Tod noch besucht haben. Als wir noch gar nichts ahnten.

Es war ungewohnt, alleine mit dem Flixbus nach Bremen zu fahren. Ohne dass ich mich die ganze Zeit um Steffen kümmern muss, mir Sorgen machen muss, ob er Schmerzen hat. Reflexmäßig drehte ich mich auf dem Weg zum Bus immer mal um, ob Steffen noch hinter mir läuft. Aber hinter mir läuft kein Steffen mehr.

Diesmal musste ich allein mit dem Bus fahren.

Aber es gibt noch viele Sachen, die ich jetzt lernen muss, alleine zu machen.

Und es fühlt sich gar nicht so schlimm an, wie es jetzt vielleicht klingen mag. Auf eine bizarre Art gewöhne ich mich langsam daran. Ich habe einfach ein paar Podcasts gehört und mir ein paar Folgen von Netflix auf den Laptop geladen und schnell war die Fahrzeit um.

Aber zurück zum Mond:

Heute Abend mache ich für die beiden wieder die geliebten chinesischen Teigtaschen. Die haben wir bei jedem Bremen-Besuch zusammen mit Steffen für die beiden gemacht.

Gyoza
Jiaozi – chinesische Teigtaschen

Danach werden wir uns an die Feuerschale setzen, ein paar Biere trinken, Weihrauch auf die Glut werfen und über Steffen reden. Und dem Mond dabei zusehen, wie er ganz leise und groß aufgeht.

So groß und leise, wie Steffen.